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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Vierter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Vierter Band. - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Vierter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Zwölftes Kapitel.

Auch im Schicksal der Menschen gibt es veränderliches Aprilwetter, wenn neue Keime aufgehen. Ein Brief des von Reppenberger bestellten Käufers meldete einen Verschub seiner Ankunft auf mehrere Wochen und ersuchte Diethelm, wenn er früher verkaufen wolle, mit Proben nach der Hauptstadt zu kommen. Diethelm ließ sich aber dadurch nicht abhalten, im Waldhorn prahlerisch seine günstigen Aussichten zu verkünden. Er lief dann hin und her und hatte für alles die genaueste Fürsorge, und doch war ihm jedes Thun nur wie ein Nebengeschäft, wie ein gewaltsamer Zeitvertreib, bis es an die einzige wirkliche That ging. Als ihn der Waldhornwirt aufforderte, mit auf die Jagd zu gehen, schlug er es ab, und doch war sein Antlitz froh gespannt, denn er erinnerte sich des bedeutenden Pulvervorrates, den er im Hause hatte und der sich nun auch zu schicklicher Verwendung eignete. Als Diethelm beim Nachhausegehen in der Nacht an der Kirche vorüberkam, erschrak er plötzlich, da er hellen Schein durch die hohen Kirchenfenster blinken sah. Hat das eine Vorbedeutung, daß die Kirche brennt? Schon wollte Diethelm laut rufen, als es ihm einfiel, daß das ja die Weihkerze war, die er selbst aus der Stadt mitgebracht; auf die Minute hin ist berechnet, wie lang dieses Licht brennt, und ist es nieder und findet keine Nahrung seiner Flamme mehr, dann erlischt es, findet es aber neue weithinziehende, dann . . . Als Diethelm sich endlich von den Knieen aufrichtete, sah er wie verwirrt an sich herab, er konnte sich nicht erinnern, wie er niedergekniet war, es mußte das gegen seinen Willen geschehen sein. Hastig verscharrte er die Spuren seiner Kniee im Schnee, und wie er weiter schritt, verscharrte er jede Fußstapfe zur Unkenntlichkeit, und doch wagte er es nicht, geradeswegs heimzugehen; bald ängstigte ihn der Gedanke, daß er entdeckt und verraten sei, bald hatte er eine Angst vor seinem eigenen Hause, als ob die toten Wände wüßten, daß er sie in Asche verwandeln wolle, und vorzeitig zusammenstürzen und ihn unter ihrem Schutte begraben. Eine ruhelose Gewalt trieb Diethelm immer weiter, als müßte er entfliehen und hinter sich lassen alles, was ihn kennt und nennt; die Verwandten werden sich schon der Martha und der Fränz annehmen, wenn nur er nicht mehr da war, nur wehe that es ihm, daß er ihnen nicht Lebewohl gesagt, und Thränen traten ihm in die Augen über seinen eigenen so jähen Tod, den er doch suchen mußte.

In dieser Nacht kämpfte zum letztenmal der gute Geist Diethelms mit seinen schlimmen Vorsätzen in gewaltigem Ringen, und eine überraschende Wendung seines Denkens löste auf einmal allen Hader; dir bleibt nichts, als dich selbst umbringen, das ist eine schwere Sünde – oder Brandstiften, das ist auch ein Verbrechen, aber minder, und du hast schon genug gelitten für das, was du thun wolltest, du hast deine Strafe vorweg empfangen, jetzt mußt du's auch thun, und du rettest dich und all die Deinen.

An der Gemarkung von Unterthailfingen kehrte Diethelm um und kam, man kann fast sagen, als hartgefrorener Missethäter heim.

Drei Tage ging Diethelm einsam und in sich gekehrt umher; er verstopfte jede Luke und jeden Spalt auf dem Speicher und sagte sich innerlich Wort für Wort alles vor, was er zur gefahrlosen Vollbringung zu thun habe; denn er gewahrte, wie sein Atem schneller ging bei dem Gedanken an die endliche Ausführung, er wollte sich vor sich selbst sicherstellen, um mit Umsicht und ohne Leidenschaft und Hast, die leicht das Wichtigste übersieht, zu Werke zu gehen.

Am dritten Abend kam ein Bote vom Kohlenhof mit der Nachricht, daß die Kohlenhofbäuerin, die Tochter Marthas erster Ehe, krank sei und nach der Mutter verlange. Diethelm erfaßte dies schnell als eine erwünschte Wendung und drang in seine Frau, daß sie sogleich abreise; er wußte aber allerlei Ausreden, daß er sie nicht selbst führte, er wollte dem Medard den Schlitten mit den beiden Wappen übergeben, aber dieser klagte über Schmerzen in seinem gebrochenen Bein. und der Waldhornwirt war gern bereit, die Base zu führen. Diethelm empfahl ihm, bald zurückzukehren, da er morgen auch verreisen müsse.

Als das Fuhrwerk mit Schellengeklingel davonrollte, hob Diethelm die Arme hoch empor und reckte sich wie zum Ausholen für eine schwere Arbeit.

Spät in der Nacht, als alles schlief, ging Diethelm ohne Licht hinab in die Scheune, öffnete den Kutschensitz, nahm die Kerzen sorgfältig heraus, that das Kienholz in einen Sack, den er sich über den Rücken band, und stieg auf der Scheunenleiter hinauf nach dem Speicher. In der Mitte der gradaufstehenden Leiter, die er doch tausendmal auf und ab gestiegen war, überkam ihn plötzlich ein Schwindel, daß er nicht vor und nicht rückwärts konnte; er hing wieder wie über einem Abgrund zwischen Leben und Tod, und fast schrie er laut auf nach Hilfe, aber noch hatte er Besinnung genug, zu überlegen, daß er sich damit ins Elend stürze, und mit letzter Kraft in sich hineinfluchend, stemmte er sich an und kletterte behend von Sprosse zu Sprosse und stand endlich keuchend auf dem oberen Boden. Er legte jetzt alles nieder, wo er stand, ja, selbst die Pulversäckchen that er aus der Tasche. Er öffnete einen Laden, um das Mondlicht hereindringen zu lassen, und saß lange ausruhend auf einem Wollballen. Endlich verteilte er das Kienholz in einzelne Schichten, die er zwischen die Ballen legte, dabei sprach er fast laut vor sich hin: »Dorthin die eine, dort die andre Kerze und die dritte zwischen die aufgehobenen Bretter, daß kein Licht nach außen scheint. Ich muß sie kürzen, sie dürfen nur zwölf Stunden brennen.« – Jetzt hatte er Kienholz zwischen zwei Ballen geworfen, aber es fiel so dumpf, er griff hinab, und ein Schrei des Entsetzens ertönte, Diethelm hatte einen haarigen Kopf erfaßt; er zitterte, daß die Bretter unter ihm dröhnten, eine krallige Hand faßte nach seinem Munde; »Der Teufel, der Teufel!« schrie Diethelm und sank lautlos zu Boden.

»Meister, Meister, ich bin's,« rief jetzt eine Stimme, und Diethelm setzte sich auf. War das nicht die Stimme des Schäfers Medard? Wunderbar schnell war Diethelm gefaßt.

»Was thust du da? du hast stehlen wollen, du Zuchthäusler?« rief Diethelm.

»Und wenn auch, was danach?« erwiderte Medard spöttisch, »die Brandkasse bezahlt's doch.«

Rasch schnellte Diethelm empor, und mit den Worten: »Ich erwürge dich, du krummer Halunk,« warf er sich auf Medard, schleuderte ihn nieder und kniete ihm auf die Brust.

»Ich will ja nichts sagen, lasset nur los,« rief Medard mit halberstickter Stimme, und Diethelm gewahrte plötzlich, daß er zum Mörder hatte werden wollen, und ließ ab. Wie anders war plötzlich alles geworden, er hatte einen Mitwisser seiner That und war allezeit in der Hand eines Fremden.

»Guck,« sagte er, und ihn selber schauderte vor dem, was er sagte, »ich bin einmal so weit, zurück kann ich nicht mehr, aber ich kann weiter gehen, ich muß es, wenn du mir nicht eine Sicherheit gibst, daß du nie – nie was redest.«

»Es gibt nur eine Sicherheit, nur eine einzige,« erwiderte Medard, »und die ist fester als tausend Eide.«

»Heraus, Heraus! Was ist's?« sagte Diethelm, die Hände des am Boden Liegenden festhaltend, und dieser erwiderte:

»Der Munde heiratet Eure Fränz, und wenn mein Bruder all' das Sach kriegt, da ist die beste Sicherheit, daß ich nie was red'.«

Diethelm preßte vor Zorn die Hände des Medard zusammen, daß dieser laut aufschrie, aber allmählich ließ er doch lockerer und sagte endlich:

»Meinetwegen, ja, ja, es soll so sein; aber du mußt mitthun und du mußt anzünden, wenn ich nicht da bin.«

»Das nicht,« erwiderte Medard, »aber mit thu' ich, und wir schaffen noch ein gut Teil fort, eh' es losgeht.«

»Hast denn gestohlen?«

»Was fragt Ihr jetzt danach? das ist jetzt alles lauter Schwefelhölzle, und ich weiß noch was, was Ihr vergessen habt; ich komm' morgen ins Spritzenhäusle, ich will helfen die Spritze vom Rädergestell auf den Schlitten bringen, und da will ich nur zwei Schrauben an der Spritze losmachen, dann mag man löschen.«

»Du bist nicht dumm, du bist gescheit,« sagte Diethelm, und mit diesen Worten war der Friede zwischen den beiden geschlossen. Diethelm führte den Knecht, den in der That sein kranker Fuß von dem Falle sehr schmerzte, sorglich die Treppe hinab und gab ihm Branntwein zum Einreiben.

Medard sprach viel davon, wie albern es wäre, wenn man nicht noch soviel als möglich beiseite schaffe, aber Diethelm wehrte streng ab, er hatte das Wort auf der Zunge, aber er schämte sich, es zu bekennen, daß er nicht auch noch zum gemeinen Dieb werden wolle; er fühlte voraus den höhnischen Spott seines Genossen und wies nur auf die Gefahr hin, die solches Beiseiteschleppen, ohne daß man's ahne, mit sich führt. Medard hatte wohl zu verteidigende Einwände und Diethelm fühlte sich geneigt, streng zu befehlen, daß alles nach seiner wohlbedachten Anordnung ausgeführt werde; aber indem er den Befehl aussprach, verwandelte er ihn in eine Bitte, und es klang fast wehmütig, wie er den Medard bat, um seiner Beruhigung willen nichts hinterrücks zu thun und alle sein Anordnungen auszuführen.

Medard hatte sich währenddessen gemächlich Knie und Wade eingerieben, und als jetzt Diethelm schloß:

»Wir sind doch eigentlich ganz gleich, ich thu' alles wegen meinen Verwandten, und du thust alles wegen deinem Bruder,« da schaute Medard grinsend auf und sagte:

»Aber mein Bruder ist jetzt Euer einziger und nächster Verwandter; Eure Letzweiler Krattenmacher haben schon genug gekriegt, und für den Munde thun wir alles, und ihm muß alles bleiben.«

Diethelm biß sich die Lippe blutig über diese freche Rede, die ihm ins innerste Herz griff, aber er schwieg; er sah, wie der kecke Bursche ihn jetzt schon zu meistern begann, und schaute mit Grauen in die Zukunft. Er faßte einen tödlichen Haß gegen den Gesellen und stampfte auf den Boden vor Zorn und Reue, daß er ihn nicht erdrosselt hatte. Jetzt war das nicht mehr möglich, von der Stube aus hätten die Dienstleute im Nebenbau den Hilferuf gehört. Welch ein ausgespitzter Bösewicht war es, an den er zeitlebens gefesselt war, auch nicht einen Augenblick hatte der sich besonnen, die That zu vollführen, während er selbst doch so gräßlich mit sich gerungen hatte. Diethelm knirschte in sich hinein, da er die Untertänigkeit gewahr wurde, in die sein immer noch weichmütiges Naturell gegenüber diesem versteiften, hartgesottenen Bösewicht geriet; äußerlich aber war er freundlich und zuthulich und nickte zu dem Vorschlage Medards, man müsse vom obern und zweiten Boden Bretter ausheben, daß die Flamme rasch einen Durchzug fände, bevor sie hinausschlage.

Schwer ist oft die Verzweiflung, die einen Menschen heimsucht, der einsam den Weg des Verbrechens wandelt; aber einen Genossen haben ist höhere Pein; man kann den eignen Mund hüten, daß er nicht rede, die eignen Mienen, daß sie nicht zucken, und es kann Tage geben, wo man alles vergißt und sich ausredet, was geschehen ist; in einem Genossen aber spricht bei jeder Begegnung die That sich aus, ohne Wort, ohne Wink; und weilt er fern, wer behütet den Mund, wer wahrt die Mienen, daß sie nicht den Ahnungslosen ins Verderben reißen?

Das erkannte Diethelm, da er wieder allein war und es ihm vorkam, als knistere es schon in den Wänden. Als der Hahn krähte, erwachte Diethelm und ballte die Fäuste; der Gedanke schnellte ihn empor, daß nichts übrig bleibe, als den verräterischen Genossen aus dem Wege zu schaffen, der ihn gewiß schon seit Jahren betrogen und mit zu seinem Elend verholfen, aber er bezwang sich und – so seltsam geartet ist das Menschenherz – daß Diethelm aus dieser Selbstbeherrschung einen friedlichen Trost schöpfte: die That, die er begehen wollte, erschien unschuldvoll, fast ein Kinderspiel, da er das schwere Verbrechen, den Mord, von sich wies.

Mit ruhigem Gewissen schlief Diethelm abermals ein.

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