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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Vierter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Vierter Band. - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Vierter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Zehntes Kapitel.

Eine feste Friedsamkeit lag in dem Wesen Diethelms, als er am andern Morgen in seinen berühmten grünen Saffianpantoffeln im sonnigen Hofraum umherspazierte. Die Nacht, vor der es ihm so seltsam bange war, ist glücklich vorüber, und so wird auch alles Sorgen und Zagen ein heiteres Ende nehmen, es gilt nur ruhig stillhalten und die günstige Gelegenheit erfassen. Ein bedeutungsvolles Anzeichen kündigte sich eben jetzt an. Der Metzger, mit dem Diethelm vorgestern nicht handelseins werden konnte, kam gerade den Hügel heran, hatte allerlei Ausreden, wie er zufällig daher komme, und begann nochmals einen geringen Kaufpreis anzubieten, aber Diethelm war klug genug, die Kauflust des Metzgers zu ersehen, und sagte stolz und fest: wenn nichts mehr geredet werde, halte er sein Wort und bleibe es bei dem auf dem Markte Besprochenen, wo nicht, wenn er nicht, bevor die Herde den Berg hinab ist, in die Hand einschlage, verlange er für jeden Hammel einen Gulden mehr. Der Metzger schlug ein, und Diethelm hatte schon am frühen Morgen dreihundert Hammel verkauft und dabei eine namhafte Summe gewonnen. Diethelm ging mit dem Metzger ins Feld und übergab ihm die gesondert gehaltene Herde, die sogleich nach der Hauptstadt getrieben wurde, und eben als er noch im Wirtshaus saß und dort die bare Bezahlung empfing, kam ein Wagen angefahren, und in die Stube trat bald darauf der Kaufmann Gäbler mit noch zwei Männern, die Diethelm als Oberfeuerschau vorgestellt wurden. Diethelm war sichtlich betroffen, aber schnell sagte er mit Entschiedenheit: daß er es mit dem Versichern nicht so ernst gemeint habe, sein Haus läge so einödig, und er könne schon selber jede Feuersgefahr abwenden und sei überhaupt entschlossen, die erworbenen Vorräte bald wieder loszuschlagen. Der Kaufmann Gäbler widersprach heftig, und die Feuerschaumänner, der Metzger und selbst der Waldhornwirt redeten Diethelm zu, er möge doch versichern, da sei man für alle Gefahren geborgen, und der Zins sei so gering. Gäbler faßte schnell den Waldhornwirt beim Wort und hatte ihn bald gewonnen. Während nun die Fahrnis im Wirtshaus aufgenommen wurde, eilte Diethelm heim, um seine Frau gütlich vorzubereiten. Er übergab ihr zuerst das eingenommene Geld für die Hammel und zeigte ihr zum erstenmal in seiner roten Schreibtafel den Einkaufpreis und ließ sie den Gewinst selber ausrechnen. Die Frau nickte zufrieden und verschloß eben das Geld in ihren Schrank, als Diethelm von der bald ankommenden Feuerschau und der Fahrnisversicherung sprach. Wie gewaltsam gepackt, kehrte sich Martha um und sah ihrem Manne, der am Fenster stand, starr ins Gesicht, dann setzte sie sich rasch auf einen Stuhl, legte die Hände gefaltet in den Schoß und jammerte vor sich nieder: »Ist's soweit?«

»Was meinst? Was hast?« fragte Diethelm.

»Mußt du anzünden?« fragte Martha, ohne aufzuschauen, und wild auffahrend erwiderte Diethelm:

»Weib, daß du mich für so schlecht hältst, hätt' ich doch nie geglaubt. Guck, aber nein, du traust mir ja nicht aufs Wort. Guck, mich soll die Sonn', wie sie jetzt am Himmel steht, nie mehr bescheinen, nie mehr warm machen, wenn ich nur einen Gedanken an so was hab'.«

Und plötzlich fühlte Diethelm, wie es ihm frostig den Rücken hinablief, als wären die Sonnenstrahlen auf einmal eiskalt, er schaute sich um und verschloß lächelnd das Fenster, das er in der Heftigkeit aufgestoßen hatte, so daß durch die offen stehende Thür ein Luftzug strömte.

»Verzeih mir, was ich gesagt hab', und glaub mir, ich hab's nie gedacht,« sagte die Frau aufstehend, »ich will nur ein bißle Ordnung machen, daß nicht alles so unters über sich aussieht, wenn die Herren kommen.«

Rasch veränderte sich der leidmütige Ausdruck ihres Gesichts, und es war leicht zu erkennen, daß sie mit Stolz daran dachte, welche Augen die fremden Herren machen würden, wenn sie über Kisten und Kasten kämen. Festen Schrittes verließ Martha die Stube.

Diethelm stand wie gebannt an das Fenstersims gelehnt, er rieb sich die plötzlich so trocken und kalt gewordenen Hände und fühlte mit Behagen, wie die Sonne ihm den Rücken durchwärmte. Durch seinen Sinn zog die gräßliche Anmutung, die ihn auf dem Marktplatze in G. zum erstenmale getroffen und niedergeworfen hatte, dann auf der kalten Herberge so verlockend und doch widerlich und jetzt daheim so vorwurfsvoll an ihn gekommen war. Wie kann nur ein Mensch daran denken und gar ihm solches zumuten? Und doch – drängt ihn nicht alles mit Gewalt dazu, und ist das nicht die letzte Rettung, wenn er sich in seinen Aussichten betrogen und die Ware ihm auf dem Halse liegen bleibt?

Diethelm war's, als ob die Mauer, daran er sich lehnte, plötzlich morsch würde und zurückwiche, und ein Schwindel erfaßte ihn wie gestern, als er oben in freier Luft zwischen Himmel und Erde schwebte. Diethelm schob die Ursache hiervon auf die brennenden Sonnenstrahlen, die, wie zu Zeugen angerufen, ihm heiß auf Haupt und Rücken brannten. Wie mit traulichem Gruß an alle seine Habe ging er durch Stube und Kammern, durch Ställe und Scheunen; er gedachte der Zeiten, wie er als armer Bursch hierher gekommen war und nichts sein genannt, als was er auf dem Leibe trug, und wie er so glücklich war, als das ganze Haus mit allem, was darin war, sein Besitztum wurde; jedes Messer, jede Sense, jedes Feldgerät bewillkommte er damals mit freudigem Blick, das war jetzt alles sein eigen. Das ist doch ein ander Leben, in der Welt zu Haus zu sein, teil zu haben an ihr. Es war ihm damals, als hätte er an dem Hause und dem, was es erfüllte, einen neuen Leib gewonnen. Wer darf daran denken, das alles in Staub zu verwandeln? Ist das nicht wie ein Selbstmord? Freilich sind das nur leblose Dinge, die man neu viel schöner und besser haben kann; aber es sind doch nicht die alten, treu gewohnten . . . Und wenn man sich nicht anders helfen kann und alles verbrennen muß, dann ist's noch Zeit genug, daran zu denken, dann drückt man die Augen zu und thut's – aber jetzt, jetzt darf man nicht daran denken . . .

So ging Diethelm in Gedanken hin und her und mußte gerufen werden, denn er hatte nichts davon gemerkt, daß die Feuerbeschau schon in der Wohnstube versammelt war. Nochmals lehnte er die Versicherung ab und sagte: auch seine Frau wünsche sie nicht; aber Martha widersprach, und nun ging's im Geleite nochmals treppauf und treppab, und alles wurde aufgezeichnet und gewertet. Diethelm that oft Einspruch, daß man ihn zu hoch einschätze, und ließ sich nur von dem Waldhornwirt beschwichtigen, der ihm die Nützlichkeit hiervon immer mehr darlegte; Diethelm sah schnell, daß die Unbefangenheit, mit der er Einsprache erhoben, ihm für jetzt und später sehr gut zu statten käme, und als es nun endlich an die Wollvorräte und die Zahl der Herde kam, gab er selbst einen hohen Wert an, der in Betracht seines früheren Widerstrebens ohne Einspruch angenommen. wurde. Die Versicherungssumme belief sich gegen zwanzigtausend Gulden, und Diethelm schmunzelte, als die Feuerbeschauer rühmend sagten: man sehe es einem bescheidenen Bauernhause gar nicht an, was darin stecke, besonders die Aussteuer der Fränz dürfe sich sehen lassen. Staunend gab man Diethelm verneinende Antwort, als er zuletzt einen großen Pack Papiere holte, mehrere davon vorzeigte und die prahlerische Frage stellte, ob man auch Staatspapiere und Unterpfandsscheine nach dem vollen Wert versichere. Für so reich hatte den Diethelm doch niemand gehalten.

Scherzhaft fragte er noch zuletzt: »Wie hoch habt ihr die Wanduhr dort angeschlagen? die kostet mich keinen Heller mehr und keinen weniger als achttausend Gulden.«

Er erzählte nun unter Lachen, wie ihn sein Schwager betrogen, und da er die Summe fast um das Dreifache zu hoch angegeben, vermied er es, dem Blicke seiner Frau zu begegnen, der, wie er zu spüren glaubte, zurechtweisend auf ihm ruhte.

Endlich wurde das Täfelchen mit den zwei roten Händen in Ermangelung eines Fensterladens auf die Hausthür genagelt. Martha saß daneben auf der steinernen Hausbank. Diethelm stand bei ihr. Als der erste Hammerschlag geführt wurde, sagte sie leise vor sich hin:

»Mir ist's, wie wenn ich den Nagel in meinen Sarg schlagen hörte.« Diethelm blickte sie nur scharf an, und ob dieser Rede erzürnt, blieb er nicht zu Hause, sondern ging mit den Männern hinab in das Waldhorn und blieb dort den ganzen Tag bis tief in die Nacht. Als die feinwolligen Schafe, die man nicht im Pferch übernachten ließ, am Abend heimkamen, schauten sie, den Blicken ihres Führers folgend, verwundert nach dem hellfarbigen Täfelchen über der Hausthür. Heute kam Diethelm nicht zur Laternenvisitation, und noch spät in der Nacht trug Medard seine geringe Habe zu seinem Vater in das Dorf und übergab ihm noch ein Päcklein Tabak und einen Teil des Trinkgeldes, das er auf dem Kirchheimer Wollmarkt erhalten hatte. Der alte Schäferle, ein schweigsames, dürres Männchen, nickte froh, er bedurfte zu seinem Lebensunterhalt fast nichts als ein paar Kreuzer zu Tabak, und ein Trinkgeld ließ er nicht gern altbacken werden. Vom Waldhorn herab tönte durch das stille Dorf Lachen und lautes Hin- und Herreden. Als der alte Schäferle in die Wirtsstube trat, wurde er mit großem Hallo empfangen, und Diethelm ließ ihm sogleich einen Schoppen einschenken, denn alles um ihn her sollte lustig sein, wie er's selber war. Er hatte heute wieder seinen Hauptspaß, er gab dem Lehrer und vielen andern schwere Rechenexempel auf, Rätselrechnungen, die niemand herausbrachte; und wenn alles ringsum ihn lobte und ihm huldigte, rühmte er den alten Kopfrechner in Letzweiler, von dem er das gelernt, und die Bewunderung und die Schmeichelreden aller gingen Diethelm mit dem Weine leicht ein. Als man spät in der Nacht, nicht eben sicher auf den Beinen, aufstand, machte ein Witzwort des alten Schäferle noch auf der Straße viel Gelächter, denn er hatte gesagt: »Diethelm, dir schadet ein Brand (Rausch) nichts, du bist ja in der Brandversicherung.«

Diethelm lachte laut und wurde auf einmal nüchtern, und auf dem ganzen Heimweg verließ ihn das Wort nicht.

Es war nun so hellgemut daheim, daß Diethelm nur mit Schmerz daran dachte, auf Geschäftsreisen in der Ferne sich tummeln zu müssen. In der Thal kamen jetzt auch, von Reppenberger und andern angewiesen, mehrere Händler, besahen die Vorräte Diethelms, konnten aber nicht handelseins mit ihm werden; und die Mahnung, wie sehr die Wolle durch langes Lagern an Aussehen und Gewicht verliere, wies Diethelm leicht von sich, es war ihm zur Gewißheit geworden, daß der gute Schick, auf den er harrte und hoffte, nicht ausbleibe; er glaubte an ihn wie an eine Verheißung und fast noch mehr als an eine solche. Es fiel ihm dabei gar nicht ein, rückwärts dem Urgrund dieser Zuversicht nachzuspüren, und mit einem allgemeinen Trost beschwichtigte er das Grübeln, wenn er sich ausdenken wollte, in welcher Weise denn sein zukünftiges Glück eintreten solle. Diethelm war jetzt auffallend weichmütig und gutherzig gegen jedermann und faßte auch immer bessere Vorsätze für kommende Tage; und solch ein Mann, sagte er sich dann oft, solch ein Mann darf nicht untergehen, wenn noch Gerechtigkeit bei Gott und im Himmel ist. Ohne es auffällig zu machen, ging Diethelm öfters in die Kirche, und im Wirtshaus zum Waldhorn unterhielt er sich viel mit dem Pfarrer, und dieser sagte oft zu den Wirtsleuten und zu andern: er habe den Diethelm gar nicht so gekannt, unter seinem starkthuerischen Gebaren ruhe ein demutsvolles und gläubiges Gemüt, und dabei sei er ein guter politischer Kopf. Diethelm war kein Liberaler, er war zu sehr monarchischer Natur und dünkte sich zu erhaben über alle unter sich, als daß er eine Gleichberechtigung anerkannt hätte; nur in Sachen der Wahlen wich er davon ab: die Ehre, von so vielen erwählt zu werden, dünkte ihn fast noch größer, als von der hohen Regierung ernannt zu werden. Manche schalten jetzt sogar auf Martha, die mit ihrem zänkischen und schwermütigen Wesen den braven Mann oft aus dem Hause treibe; es muß aber zur Ehre Diethelms gesagt werden, daß er immer entschiedene Einsprache that, wenn er Derartiges merkte. Er hielt es für eine Versündigung, durch Ungerechtigkeit gegen andre erhoben zu werden; aber so sehr war er bereits in inneren Wirrwarr geraten, daß er diese einfache Ehrlichkeit für ein besonderes Opfer hielt, wofür ihm der Gotteslohn nicht ausbleiben dürfe. Diethelm hielt sich überhaupt viel im Waldhorn auf und kartelte. Hier war gewissermaßen sein zweites Heimwesen und ein noch viel willfährigeres als das eigentliche. Diethelm hatte eine Hypothek auf dem Wirtshause, und der ohnedies geschmeidige und schmeichlerische Wirt war sein Neffe, dem er zum Ankauf dieses Hauses verholfen hatte; natürlich also, daß Diethelm hier unbedingte Botmäßigkeit fand, wie sonst nirgends; und er ließ sich diese gern gefallen. Im Waldhorn wartete er nun jedesmal den Postboten ab; die Quittung für eine drängende Schuld, die er mit der erworbenen baren Summe getilgt hatte, blieb nicht aus, aber auch andre Briefe kamen, in die er nur kurze Blicke warf und die er auf dem Heimwege in kleinen Stückchen verzettelte, welche der Herbstwind lustig davon trug. Ganz buchstäblich schlug er alle Sorgen in den Wind, und wenn die Frau, die wohl tiefer sah, mit ihm alles besprechen wollte, hatte er hunderterlei Ausreden und versicherte Martha, sie solle nur auf ihre Sache sehen, er werde die seinige schon auseinanderhaspeln. Martha war, wie alle Frauen, vornehmlich aufs Erhalten bedacht, und diese durch die kleinlichen Hantierungen des Lebens bedingte Tugend erschien Diethelm in seinen weit ausgreifenden erobernden Plänen als engherzig. Martha war schon zufrieden, daß er ihrem Drängen nachgab, sich nicht zum Abgeordneten wählen zu lassen, was er eigentlich nie recht im Sinn gehabt; nur that er jetzt, als ob er damit seinen liebsten Wunsch opfere.

Fränz bestürmte den Vater, sie, wie er versprochen, nach der Stadt zu bringen; die Mutter aber widersetzte sich unnachgiebig diesem Vorhaben. Fränz schwieg und that, als ob sie nicht mehr daran dächte; je mehr es aber Herbst wurde, im Dorf die Dreschzeit begann und die Wege so grundlos wurden, daß man oft ganze Wochen kaum ins Dorf hinabkam, um so mächtiger wurde die Sehnsucht der Fränz nach dem Stadtleben; sie war wie ein Wandervogel, der gewaltsam zurückgehalten wird vom Zuge. Trotz des Widerspruchs der Mutter wußte sie es dahin zu bringen, daß sie den Vater auf einer Fahrt nach der Amtsstadt begleiten durfte, und als Diethelm hier nicht, wie er gehofft hatte, Kauflustige für seine Vorräte fand, ward es ihr nicht schwer, ihn zu bestimmen, mit ihr nach der Hauptstadt zu fahren. Wie ein Vogel, der angstvoll von Zweig zu Zweig hüpft, bald ausschaut, bald ruft: so wanderte hier Diethelm hin und her und verstand sich endlich zu dem schweren Entschluß, selber Anerbietungen zu machen und durch Zwischenhändler verbreiten zu lassen. Der Erfolg war aber ein geringer. Diethelm brachte nichts mit nach Hause als Aussichten auf den Verkauf der Staatspapiere, die er zu einem sehr niedrigen Tagespreis abgeben sollte; Fränz aber brachte er nicht wieder, denn sie blieb im Rautenkranz, in dem Wirtshause, wo Diethelm stets seine Einkehr hatte, um hier die Koch- und größere Wirtschaftskunst zu erlernen.

In Buchenberg ging es nun gar still her, wenn nicht dann und wann Fuhren mit Heu ankamen, von dem immer neue Vorräte zur Ueberwinterung der Schafe gekauft werden mußten. Diethelm hatte eine wahre Kaufwut; wo nur irgend etwas zu haben war, eignete er sich's an, bezahlte anfangs bar, geriet aber auch nach und nach ins Borgen und behaftete sich mit einer Unzahl sogenannter kleiner Klettenschulden, so daß das einsame Haus von Drängern aller Art überlaufen wurde, die besonders die bekümmerte Frau peinigten; denn Diethelm blieb jetzt mehr als je und ganz ohne Grund tagelang aus dem Hause, nur um der Anschauung des auf ihn hereinbrechenden großen Unglücks und den kleinen Bedrängnissen zu entgehen. Er ärgerte sich jetzt über viele Menschen und sah erst jetzt, wie er es hatte geschehen lassen, daß er von jedem ausgeraubt wurde, der etwas an ihn zu fordern hatte. Menschen, die ihm sonst brav und rechtschaffen erschienen waren, erkannte er nun in ihrer offenkundigen Schlechtigkeit und hatte vielerlei Streit und Gerichtsgänge. Noch böser hatte es Martha daheim. Leute, die sie sonst nicht lang bei sich geduldet hätte, saßen jetzt oft tagelang auf der Ofenbank, denn sie ließen sich nicht damit abweisen, daß Diethelm nicht zu Hause sei; sie wollten seine Rückkunft abwarten, und Martha, die vor Zorn und Kummer fast vergehen wollte, mußte noch freundlich thun, mußte diesen Leuten zu essen und zu trinken geben und sich fast entschuldigen, wenn sie etwas für sich bereitete, denn sie sah nicht undeutlich die höhnisch-frechen Blicke, als ob sie vom Eigentum fremder Menschen lebte. Sie fürchtete sich, die Stube zu verlassen, denn sie wußte, wie hinter ihrem Rücken über den Verfall dieses Hauses gesprochen wurde und wie bald die Kunde hiervon landauf und landab sich ausbreiten würde. Oft war es Martha, als sollte sie das ganze Haus mit allem, was darin ist, verlassen und davonrennen; es war ja himmelschreiend, wie ihr einziges Kind sie so heimtückisch verlassen hatte und wie ihr Mann sie dem Elende und der Schande preisgab, während er lustig lebte. Dennoch war sie wie festgebannt an das Haus, und endlich griff sie ihren letzten Hort an: es war dies eine nicht unbeträchtliche Summe, die sie verborgen hatte und die man erst nach ihrem Tode hatte finden sollen. Mit dieser erledigte sie sich nun der Klettenschulden, und Diethelm war bei seiner Heimkehr überaus wohlgemut, als er solches vernahm. Als sie ihm den Rest übergab, sagte sie:

»Nur um Gottes willen keine Schulden. Schau, wenn so Gläubiger über einen kommen, ist's grad wie beim Dreschen. Anfangs, wenn die Dreschflegel auf die volle Spreite fallen, da geht's langsam, und man hört's nur wenig, je leerer aber das Korn wird, da geht's immer lauter und schneller. Verstehst mich?«

»Wohl, du bist gescheit. Aber hast nicht noch mehr so geheime Bündel?«

Martha verneinte, Diethelm aber glaubte es ihr nicht und war wieder voll Liebe gegen sie, wie in der ersten Zeit ihrer Ehe, so daß sie gar nicht dazu kam, gegen ihn den Gram und Zorn über seine Fahrlässigkeit auszulassen. Er vertröstete sie auf den großen Schick, der unfehlbar nächstens eintreffe, und half nun selber für die laufenden Ausgaben Leinwandballen verkaufen, von denen Martha aus Zorn gegen Fränz schon mehrere versilbert hatte.

Eines Tages kehrte Diethelm nach einer vergeblichen Umfahrt von mehreren Tagen wieder heimwärts, da sah er am Wege im Wald an einem ausgehauenen Baumstumpf eine große Schichte von Kienholz. Rasch, ohne sich klar zu machen, was er wollte, hielt er an, sprang ab, raffte einen Arm voll auf, riß den Sitz ab, öffnete das Kutschentruckle, verschloß das Kienholz in dasselbe und fuhr rasch davon; bald aber stieg er wieder ab und wusch sich die harzigen Hände im Schnee.

Seltsam! Als er heute heimkam, fragte ihn Martha:

»Hast nichts im Kutschentruckle?«

»Warum fragst?« erwiderte Diethelm erschreckt.

»Ich weiß nicht, warum, ich mein' nur so.«

»Es ist nichts darin,« schloß Diethelm fest.

Spät in der Nacht, als alles im Hause schlief, schlich Diethelm noch einmal hinab, lauschte, ob Medard in seiner Stallkammer schlief, ging dann nach der Scheune, öffnete den Kutschensitz, nahm das Kienholz heraus, trug es die Leiter hinauf nach dem Heuboden und versteckte es unter einem Dachstuhlbalken. Aber kaum war er wieder die Hälfte der Leiter herab, als ihm gerade dieses Versteck besonders gefährlich erschien; er kehrte wieder um und fand am Ende nichts Besseres, als das Kienholz wieder in den Kutschensitz zu verschließen, er faßte dabei den Vorsatz: bei der nächsten Ausfahrt dieses willfährige Brennmaterial wieder auf die Straße zu schleudern. Er schauderte vor sich selber, indem er dachte, was ihm durch den Sinn gegangen war, und die Hand auf das Kienholz legend, schwur er vor sich hin, in stiller verborgener Nacht, jede Versuchung von sich abzuthun, und wie aus einem wüsten Traume erwacht, froh, daß es nur ein Traum war, schlief er ruhig und fest.

Am andern Tag, es lag ein leichter Schnee auf dem Felde, fuhr Diethelm in Angelegenheit seines Waisenpflegeramtes wieder nach der Stadt. Er wollte unterwegs das Kienholz wieder wegwerfen, und zweimal hielt er an und öffnete den Kutschersitz, als jedesmal Leute daherkamen, so daß er in seinem seltsamen Thun gestört wurde und wieder davonfuhr. Es war ihm, als ob er auf lauter Feuer sitze, aber bald lachte er über diese alberne Furcht und wollte sich nun gerade zwingen, sie zu überwinden, und heiteren Blickes fuhr er in die Stadt ein. Am Stern wußte er nicht, sollte er besondere Achtsamkeit empfehlen, da er etwas im Kutschensitze habe; aber das konnte aufmerksam machen, er müßte Red' und Antwort darüber geben, darum war's besser, er schwieg ganz, und so blieb's dabei. Als er auf dem Waisenamte war, fühlte er mitten in den Verhandlungen plötzlich einen jähen heißen Schreck; er glaubte, er habe den Kutschensitz nicht recht verschlossen, es war ihm fast sicher, daß er offen war: wenn nun jemand darüber kam und den wunderlichen Schatz fand, was konnte das für Gerede geben, welche Ahnungen mußten in den Menschen aufsteigen. Ohne nachzusehen, unterschrieb Diethelm alles, was man ihm vorlegte, und eilte nach dem Wirtshaus; seine Vermutung hatte ihn betrogen, der Kutschensitz war wohl verschlossen, aber er wagte es nicht, ihn jetzt zu öffnen und nach dem verräterischen Inhalt zu schauen.

Als Diethelm hierauf an dem Kaufladen Gäblers vorüberkam, rief ihm dieser zu und übergab ihm mit einigen halb höflichen Worten die Rechnung für die eigenen Einkäufe und für die des Zeugwebers Kübler. Diethelm versprach, zu Neujahr zu bezahlen, und Gäbler sagte, er verlasse sich darauf. Ueberhaupt schien es Diethelm, als ob alle Menschen ein verändertes Benehmen gegen ihn hätten, selbst der Sternenwirt war wortkarg und ging seinem Geschäfte nach, während er sonst unzertrennlich bei Diethelm saß und mit ihm über allerlei aus Gegenwart und Zukunft plauderte. Was hatten denn die Menschen, daß sie auf einmal so ganz anders waren? War denn Diethelm nicht noch immer derselbe, der er von je gewesen? Damals am Markttag erglänzte ihm jedes Angesicht und streckte sich ihm jede Hand entgegen. Was ging denn jetzt vor? Der Zeugweber Kübler, der »den Herrn Vetter und Familienfürsten« aufsuchte und sich ihm zu Besorgungen erbot, konnte nicht begreifen, warum Diethelm über die ganze Welt fluchte und immer sagte, der sei ein Narr, der nur eine Stunde einem Menschen glaube. Woher es kam, das wußte Diethelm nicht, aber offenbar schien es ihm, daß man Schlimmes von ihm dachte und seine Ehre angegriffen sei, daß etwas wie eine Verschwörung aller Menschen gegen ihn in der Luft schwebe. Das von Zweifel und Bangen gepeinigte Herz verlangt besonders huldreiche Zuneigung der Welt, und gerade da bleibt sie aus, und das düster blickende Auge des Bedrängten sah Unfreundlichkeit der Menschen, wo sonst gar nichts gesehen wurde.

Diethelm beauftragte Kübler, eine geweihte Kerze, ein vierundzwanzig Stunden haltiges sogenanntes Taglicht, zu kaufen für den verstorbenen Vater des Waisenkindes, in dessen Angelegenheiten er eben in der Stadt war. Kaum war Kübler weggegangen, als ein Briefchen vom Kastenverwalter kam, der Diethelm daran erinnerte, daß er das Geld, das in sechs Wochen fällig war, bereits anderweit versagt hätte. »Der hat auch was,« knirschte Diethelm, den Brief in die Tasche steckend, und hätte er in diesem Augenblicke ein Verbrechen an der ganzen Welt begehen können – es wäre ihm eine Lust gewesen. Er hielt noch die Hand auf dem Briefe des Kastenverwalters, als Kübler kam, aber er brachte statt einer Kerze ein Gebund, das vier solcher enthielt.

»Ich hab nur eine gewollt, aber es ist so auch recht,« sagte Diethelm und hielt in zitternder Hand die Kerzen. Es war ihm, als müßte er damit sengen und brennen.

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