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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band. - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Siebentes Kapitel. Beim Schilder-David.

»O weh! die Leegart!« hatte der kleine Joseph gerufen, und der Großvater gab ihm dafür eine tüchtige hinters Ohr. Der Knabe schrie, der Großvater zankte, und die Mutter schrie und zankte zugleich, denn der Großvater duldete es nicht, daß sie den Knaben mit einem guten Wort beschwichtigte, und die Leegart sagte mit weisem, allerdings etwas näselndem Tone: »Das ist ja schrecklich, was ich da für einen Empfang bekomme! Ich sollte nur gleich wieder umkehren: man könnte abergläubisch sein. Aber nur um Gottes willen keinen Aberglauben! Das ist das Schrecklichste auf der Welt: da plagen sich die Menschen mit Sachen herum, die gar nicht da sind, und man hat schon Plage genug mit Sachen, die wirklich da sind. Nein, ich bleib'. Guten Morgen, Joseph! sag schön guten Morgen! So, so, gib mir die Hand.«

»Der Bub' hat heute nacht nicht geschlafen und weiß nicht, was er redet,« suchte Martina zu entschuldigen.

»Braucht keine Entschuldigung, es wird weiter nichts davon geredet,« sagte Leegart und legte ihre Schere mit dem großen und dem kleinen Griff, daneben eine kleine Schere, Nadelzeug und Wachsstock, alles auf dem Paradekissen, worin ein schwerer Backstein eingehüllt war, auf den Tisch. Hiermit hatte sie Besitz ergriffen vom Hause, und sie regierte es, wie von festem Thron herab, denn sie stand den ganzen Tag nicht mehr auf. Bevor sie sich indes niederließ, ging sie in die Kammer und kam um einen Rock verschmälert wieder zurück, denn sie ließ sich nur sehr sauber gekleidet auf der Straße sehen, wollte aber ihren guten Rock nicht versitzen. Sie rückte sich beim Wiedereintritt den Tisch bequemlich zurecht, setzte sich, und Martina rückte ihr den Schemel unter die Füße, und nun gab Leegart ihre Befehle kurz und klar, und so sagte sie jetzt: »Martina, bring das Essen.«

Martina brachte den Haferbrei, stellte ihn auf den Tisch. Joseph betete vor, und aus der Auswahl seiner Gebete heute das kürzeste:

»Speis' Gott, tränk' Gott alle armen Kind,
Die auf Erden sind. Amen.«

Joseph hatte seine Thränen getrocknet, er saß zwischen Großvater und Großmutter, und nach dem Gebete war es nun still und ruhig am Tisch. Jeder schöpfte sich mit seinem Löffel aus der Pfanne, und es gab gar keine Grenzstreitigkeiten.

In der Stube war alles sauber, wenn auch ärmlich und eng. An der Ofenwand, gerade über dem großen alten Stuhl, war ein Nagel mit einem messingenen Kopf eingeschlagen, da hatte einst der Konfirmandenspruch der Martina gehangen; jetzt ist der Nagel leer, nie wird etwas daran gehängt. Martina schaute nicht gern dort hinauf, und David hatte strengen Befehl gegeben, daß man den Nagel nicht ausziehe.

Das Haupt des Hauses, der Schilder-David, ist ein Mann in vorgerückten Jahren, es läßt sich aber nicht gut erkennen, wie alt er sein mag. Er hat dichte, schneeweiße und kurzgehaltene Haare auf dem Kopfe, und von den Schläfen rings um das Gesicht läuft ein schneeweißer, etwas flockiger Bart. Das Gesicht aber hat noch etwas jugendlich Frisches, zumal die tiefblauen Augen, die mit den schwarzen Brauen fast fremd darin erscheinen.

Die Frau des Schilder-David ist ebenfalls eine große schlanke Gestalt, von ihrem Gesicht kann man aber wenig sehen. Sie hat beständig mit dicken Tüchern das ganze Gesicht verbunden, und wenn sie spricht, merkt man an ihren mühsam hervorgebrachten Lauten, daß sie sich selber nicht hört.

Die Näherin Leegart ist eine feine, blasse, fast vornehme Erscheinung, schon bei Jahren, aber man sieht ihr noch immer die Spuren ehemaliger besonderer Schönheit an; dabei trägt sie sich immer leicht und fein. Die schwarztuchene Jacke ist nur oben am Hals zugeknöpft, von da an ist sie frei und offen und zeigt einen breiten, schneeweißen Brustlatz. Wer es nicht weiß, merkt es kaum, daß sie bisweilen eine kleine Prise nimmt; man sieht ihre Dose nie, und sie nimmt die Prise so schnell und zierlich, daß sie kaum mit den Fingern die feingeschnitzelte Nase berührt.

Der kleine Joseph, man sollte es nicht glauben, daß er vor wenig Wochen erst sechs Jahre alt geworden ist; man schätzt ihn leicht drei Jahre älter. Derb und mächtig in Gliedern, was man hierzulande einen vollmastigen Jungen nennt, ein wilder blonder Krauskopf, zu dem sich aber die dunkeln Augen mit breiten Brauen – es sind die Augen der Mutter – seltsam ausnehmen. Der kleine Joseph ist der eigentliche Mittelpunkt des Hauses, und man merkt's schon daran, daß sein alberner Willkommsgruß fast alles aus der Ordnung brachte.

Man schwieg geraume Zeit bei dem Essen. Leegart berichtete indessen, daß der Pfarrer heute nacht zur Röttmännin geholt worden sei.

»Wir reden nicht von der Röttmännin,« sagte der Schilder-David und warf dabei einen bedeutsamen Blick auf die Leegart und wieder auf den Joseph.

Man stand vom Tisch auf. Joseph wurde das Maß zur Jacke genommen, dann wurden mit Kreide die Linien auf den grünen Manchester gezeichnet, und die große Schere der Leegart schnitt mit jenem eigentümlichen, auf dem Tische nachsurrenden Tone das Zeug zur Jacke zurecht.

»Bleib du heute daheim, die Mühle ist zugefroren,« sagte der Schilder-David zu Joseph und ging nach seiner Werkstätte. Diese war auf einem Speicher der untern Sägmühle in einem kleinen Verschlage. Hier stand eine Drehbank mit einem Riemen an einer Walze, die an das Triebrad in der untern Mühle befestigt war, und die Wasserkraft, die das große Werk trieb, drehte auch die Welle, an der David die Uhrenschilder verfertigte.

Der kleine Joseph stand wie verstoßen da, als der Großvater ganz gegen seine Gewohnheit so allein fortgegangen war. Sonst hatte er den Joseph immer bei sich, der ihm den Windofen mit Spänen heizte, die unfertigen Bretter zutrug und die fertigen wieder abnahm und schön ordnete. Die Mutter nahm den Knaben mit in die Küche, und hier fragte sie: »Joseph, was ist denn mit dir? Warum hast du denn so bös gerufen: O weh, die Leegart? Sie ist ja so gut, ist deine Gevatterin und macht dir eine so schöne Jacke?«

Joseph schwieg.

Ein Kind weiß kaum mehr, was es vor wenigen Minuten gethan hat, und nun gar der Fortsetzungen und Folgerungen in seinen Gedanken ist es sich nicht bewußt und kann sie darum nicht darlegen. Seine Aussprüche sind fast wie Vogelsang, ohne Rhythmus, aber doch aus einem verborgenen Leben kommend.

Nach einer Weile begann Joseph von selbst: »Mutter, kommt denn der Vater heute nicht? Du hast's ja gesagt.«

»Er kommt, er kommt gewiß,« antwortete Martina und seufzte tief. Jetzt ward es ihr erst deutlich, warum Joseph »O weh, die Leegart!« gerufen hatte. Als sie dieser die Thür weit aufgemacht, hatte Joseph gewiß geglaubt, der Vater komme, und darum hatte er den bösen Ausruf gethan, weil es eine andre Person war als der Vater. Immer weiter sprach Joseph, wie ihn der Vater aufs Pferd nehmen und wie er ihm ein eigenes Pferd schenken müsse.

Martina hätte gern das Sinnen des Kindes vom Vater abgelenkt, aber es gelang nicht. Sie hatte in ihrer Herzensbedrängnis zu oft von ihm erzählt; was sie sich selber sagen wollte, hatte sie oft an das Kind hingesprochen, und nun war das halbklare Sinnen und Denken des Kindes ganz auf den Vater gerichtet. Es hatte sich die abenteuerlichsten Vorstellungen von ihm gemacht und immer wieder gefragt, warum denn die Großeltern den Vater so plagen und ihn nicht heimkommen ließen.

»Welchen Weg kommt der Vater heute?« fragte Joseph.

»Ich weiß nicht.«

»Ja, du weißt's, sag's, du mußt's sagen,« klagte weinend der kleine Joseph. Und die Mutter erwiderte, ihn an sich ziehend: »Sei still, ganz still, daß niemand davon hört. Wenn du ganz stille bist, sag' ich dir's.«

Der Knabe schluckte die Thränen gewaltsam hinab, und die Mutter erzählte ihm nun, was für schöne Sachen er zu Weihnachten bekomme, und fragte ihn aus, was er sich noch wünsche. Der Knabe wünschte sich weiter nichts als ein Pferd. Die Leute hatten ihm gesagt, daß sein Vater vierzehn Pferde im Stalle habe, und alle Ablenkung half nichts, da war er mit seinen Gedanken wieder beim Vater und wiederholte: »Sag, welchen Weg kommt er?«

Leise erwiderte die Mutter: »Du darfst keiner Menschenseele ein Wort davon sagen, daß der Vater heut kommt. Gib mir die Hand darauf, keiner Menschenseele!« Der Knabe gab der Mutter die Hand und schaute sie mit den verweinten Augen groß an.

Martina schwieg. Sie glaubte, daß der Knabe beruhigt sei, aber dieser fragte wieder mit halsstarriger Festigkeit: »Welchen Weg kommt er denn? Sag's!«

»Es gibt verschiedene Wege, ich mein', er kommt den Hohltobel herauf. Jetzt ist's aber genug. Kein Wort mehr. Geh, hol mir Tannzapfen von der Bühne herunter.« Der Knabe ging, das Befohlene zu holen, und die Mutter dachte still lächelnd: »Das wird ein ganzer Mann, wenn der einmal was will, läßt er nicht davon ab.«

Sie ging mit dem Knaben in die Stube, aber die Leegart sagte: »Schick den Joseph fort, man kann ja gar nichts reden vor dem Kind.«

»Joseph, geh zum Häspele, sieh zu, er macht dir neue Stiefel,« sagte die Mutter. Joseph wollte nicht gehen, aber er wurde mit Gewalt zum Hause hinausgeschoben. Da stand der Knabe trotzig und sagte: »Wenn der Vater kommt, sag' ich ihm alles. Ich soll nirgends sein, nicht beim Großvater und nicht daheim.« Er ging indes doch zum Häspele und war dort munter und guter Dinge; denn der Häspele liebte den Knaben, und wenn dieser an dem Spielzeug, das er ihm gab, keine Freude mehr fand, hatte er ein ergiebiges Gespräch.

Seit bald einem Jahre versprach er dem Joseph beständig, daß er ihm einen Hund schenke, und nun war Joseph auch sehr erfinderisch, wie der Hund aussehen und was er für Kunststücke können müsse. Häspele behielt dabei den guten Vorwand, daß er lange zu suchen habe, bis er einen solchen Hund finde, der bald groß und bald klein, bald vier weiße Füße haben, bald ganz braun, bald ein Wolfshund, bald ein Spitz sein sollte.

Unterdessen beredete sich Leegart mit Martina und fand es unbegreiflich, daß Martina sich nicht erkundigte, ob ihre Todfeindin nicht endlich aus der Welt sei. Sie solle im Pfarrhaus fragen, wie's mit der Röttmännin stände.

»Du weißt ja,« sagte Martina, »daß mich der Pfarrer vordem gern im Hause gesehen hat, aber seitdem nicht mehr. Ich kann ohne Ausrede nicht hingehen, wenn er da ist.«

»Gut, so geh heim in mein Haus, auf meiner Kommode am Spiegel in der porzellanenen Suppenschüssel liegen drei Nachthauben, die gehören der Pfarrerin; bring sie ihr von mir, und da wirst du dann schon hören, wie es ist.«

Martina that, wie ihr geheißen.

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