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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band. - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Fünftes Kapitel. Der Tag ist trüb.

Martina blieb die ganze Nacht so unruhig, als spürte sie's, daß eben jetzt ein rechtschaffenes Herz ihre ganze Lebensgeschichte auferweckt hätte. Sie war so voll Ungeduld, daß sie immer aufspringen wollte, hinaus in die Welt, um plötzlich ihr Leben zu ändern. Als läge es in ihrer Hand, das zu vollführen. Die Hähne krähten immer lauter, und da und dort hörte man auch eine Kuh schreien, einen Hund bellen. Es muß bald Tag sein.

Martina stand auf und heizte die Stube, dann zündete sie noch ein Feuer auf dem Herde an. Man muß heute die Morgensuppe besonders gut kochen, die Näherin Leegart kommt ja heute früh, der Joseph kriegt eine neue grüne Manchesterjacke. Auf dem Tisch lag noch die Schiefertafel, da hat der kleine Joseph gestern abend einen riesig großen Mann hingezeichnet, entsetzlich anzuschauen, und doch hat das Kind gesagt: »Das ist mein Vater.« Es war Martina gar seltsam, da sie jetzt die Figur auf der Tafel wegwischte. Könnte sie's nur auch wegwischen, daß sie dem Kinde vom Vater erzählt, noch gestern abend beim Einschlafen, und ihm versprochen hatte, der Vater komme heute; das ist's ja, darum hat das Kind heute nacht dreimal gerufen: »Ist noch nicht Tag?«

Martina starrte lang in das helllodernde Feuer, und ohne daß sie es wußte, sang sie:

»Treue Liebe brennt von Herzen,
Treue Liebe brennet heiß,
O wie muß das Herze lachen,
Das von keiner Untreu weiß!

Komm' ich morgens auf die Gassen,
Sehn mir's alle Leute an,
Meine Augen stehn voll Wasser,
Weil ich dich nicht lassen kann.«

Als Martina mit dem Kübel unter dem Arm die Thür öffnete, kam ihr ein heftiger, eisig kalter Windstrom entgegen, sie heftete das rote Tuch fester, mit dem sie Kopf und Hals umwickelt hatte, und ging nach dem Brunnen.

Der Tag ist kalt, die Röhrbrunnen sind zugefroren, nur der Schöpfbrunnen bei der Kirche hat noch fließendes Wasser. Eine große Schar von Mädchen und Frauen umsteht das Brunnengeländer, und wenn eines beim Uebergießen Wasser aus dem Eimer verschüttet, ist großes Geschrei, denn das Wasser gefriert alsbald, und man kann auf dem Glatteis kaum mehr stehen. Die Frühsonne blinzt einen Augenblick ins Thal, es muß ihr aber nicht gefallen, denn sie versteckt sich schnell wieder hinter den Wolken. Die Matten und Aecker stehen hellglitzernd im Morgenreif, – das ist ein trauriger Anblick, es erfriert ja alles ohne die schützende Schneedecke. Nur auf den Bergen liegen dichte Schneebreiten.

»Gottlob, werdet sehen, die Wolken bringen heute rechtschaffenen Schnee.«

»Es wäre dem Feld zu gönnen, es ist ja ein Jammer, wie alles gelb wird.«

»Wir haben Weihnachten noch immer Schnee gehabt und zu Neujahr Schlittenbahn,« so hieß es hin und her am Brunnen. Die Worte der Redenden spielten als leise Wölkchen von ihrem Munde.

»Ist's wahr,« fragte eine ältere Frau die herzutretende Martina, »ist's wahr, daß der Pfarrer heute nacht zu deiner Schwiegermutter geholt worden ist?«

»Ich glaub', dein Schwiegervater wird den Baum, der den Vincenz erschlagen, gern zu Brettern versägen und einen Sarg für seinen Hausteufel draus machen.«

»Und gut wär's, wenn sie einmal abzöge, dann kannst du deinen Gaul kriegen.«

»Und wirst zahme Röttmännin.«

»Ich ließ die Alte zu Tod beten. Der Schneider von Knuslingen weiß ein Gebet, mit dem man einen zu Tod beten kann.«

»Nein, die mußt zu Tod fluchen.«

So hieß es wieder in lebendiger Wechselrede. Martina, die den vollen Kübel auf den Kopf gehoben hatte, sagte nur: »Redet nicht so gottlos, es ist ja heut der heilig Abend.«

Sie ging langsam heimwärts, als wenn die Worte, die noch hinter ihr fielen, sie noch aufhielten, und es ward ihr heiß, da sie denken mußte, daß der kleine Joseph vielleicht geahnt hat, was in der Ferne vorgeht, und darum so unruhig war. Sie hatte Adam vorgeworfen, daß er nicht auch leide, und er machte vielleicht in derselben Stunde das schwerste Leid durch, das einem Menschenkind auferlegt sein kann: was das Liebste auf Erden sein muß, scheiden zu sehen mit quälender Bitterkeit in der Seele.

Die am Brunnen verblieben waren, hatten gar keine Eile mehr, sie standen auf ihre vollen Kübel gelehnt, ja manche mit dem Kübel auf dem Kopf und sprachen von Martina.

»Martina möchte jetzt gern ins Pfarrhaus.«

»Und sie ist nicht gescheit. Der alte Röttmann hat ihr schon zweitausend Gulden anbieten lassen, wenn sie den Vater von ihrem Kind frei gibt. Aber sie will nicht.«

»Und der alte Schilder-David will auch nicht.«

»Guten Morgen, Häspele!« hieß es plötzlich, »was machen deine Hühner? Sind sie alle wohl auf?«

»Ist es denn wahr, daß dein Hahn spanisch kräht? Verstehst du denn das?«

So wurde die einzige Männergestalt begrüßt, die mit einem Kübel zum Brunnen kam. Es war Häspele. Er trug ein weißlichgraues gestricktes Wams und hatte aus dem Kopfe eine bunte Zipfelmütze, unter der ein spaßbereites, allzeit zum Lächeln erbötiges Gesicht in die Welt hineinschaute.

»Die Martina ist eben dagewesen, sie wird gleich wieder kommen,« rief eine Frau im Abgehen.

Häspele lächelte dankend.

Häspele mußte warten, bis alle vor ihm Wasser hatten; er wartete gern und war noch so gutmütig, allen auszuhelfen. Eben als er auch für sich eingeschöpft hatte, kam auch Martina wieder, sie halfen nun einander gegenseitig auf und gingen eine gute Strecke miteinander, denn Häspele mußte vor dem Hause der Martina vorüber nach dem seinigen. Unterwegs berichtete ihm Martina, daß der Pfarrer heute nacht zur Röttmännin geholt worden und noch nicht wieder zurück sei. Sie konnte sich nicht enthalten, ihre Hoffnung auszusprechen, daß der Pfarrer vielleicht das harte Herz erweicht; aber Häspele sagte: »O glaub das nicht! Eher wird der Wolf, der jetzt hier in der Gegend umgeht, in meine Stube kommen und sich von mir anbinden lassen wie meine Geiß, ehe die Röttmännin nachgibt. Ich habe dir ja alles erzählt, wie's gewesen ist, als ich vor acht Tagen deinem Adam die neuen Stiefel gebracht habe, und ich habe dir's ja schon ausgerichtet, er kommt heute ganz gewiß. Ich glaub's aber selbst, wie die Reden gehen, daß du ihn frei gibst.«

Martina antwortete nicht, aber vor der Thür ihres Hauses blieb sie plötzlich stehen und sagte: »Schau, da kommt der Pfarrer heim.«

Drüben auf dem Fahrweg, denn das Haus der Martina lag jenseits über dem Bachstege, fuhr eben langsam ein offener Schlitten die Straße herauf. Ein Mann, tief in einen Pelzmantel gehüllt, die Pelzmütze weit übers Gesicht gezogen, saß neben dem Fuhrmann, der lustig rauchte und jetzt mit der Peitsche grüßend nach Martina herüberwinkte. Es war ein Knecht vom Röttmannshof, sie kannte ihn. Sie dankte mit der Hand und ging ins Haus, Häspele ebenfalls heimwärts.

Als Martina die Thür zumachen wollte, rief eine Frauenstimme: »Laß auf; ich will auch noch hinein.«

»Guten Morgen, Leegart! Ist recht, daß du so bald kommst,« sagte Martina, und die Näherin, die trotz des Winters in Pantoffeln mit hohen Absätzen ging, half ihr das Wasser abstellen, wofür sich Martina sehr bedankte. Das thut die Leegart nicht jedem, man darf sich etwas darauf einbilden, wenn sie einem in irgend etwas hilft, was nicht zur Näherei gehört: es ist schon Gunst genug, daß sie noch vor Weihnachten einen Tag ins Haus kommt, denn sie ist viel erwünscht von allen Frauen der ganzen Umgegend, und wo sie auf Arbeit hinkommt, ist sie eine besonders geehrte Person. Das zeigte sich jetzt auch, wie ihr Martina die Stubenthür weit öffnete und sie einließ; hier wurde ihr aber ein schlechter Willkomm, denn der kleine Joseph rief: »O weh, die Leegart!«

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