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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band. - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Viertes Kapitel. Martinas Heimkehr.

»Am Samstag Mittag vor Johanni saß eine Frauengestalt ganz in sich zusammengekauert hinter einem Felsen, der jäh abspringt in den Bach, dort, wo die Schwellung angelegt ist. Da kommt die Näherin Leegart – so sagt man hier für Luitgart – daher, sie will sich auf dem Heimweg von der Heidenmühle den Ort ansehen, von wo sie einmal irre gegangen.

Die Näherin ist voll von Aberglauben, aber niemand spricht mehr dagegen als sie. Wie sie nun an jenem Samstag an den Felsen kommt und die Gestalt sieht, schreit sie laut auf. Da kauert etwas am hellen Tag wie ein Gespenst. Es ist Martina, sie richtet sich auf und schaut die Leegart an und klagt, sie habe sich töten wollen, sie müsse aber leben um ihres Kindes willen; wenn das auf der Welt sei, wolle sie sterben. Leegart verspricht ihr schnell, zu Gevatter zu stehen, denn sie haben hier den Glauben, daß ein Kind, dem man vor der Geburt die Gevatterschaft versprochen, glücklich zur Welt komme und, wenn es auch tot zur Welt komme, gleich selig sei. Die Leegart läßt nicht ab, sie tröstet und redet zu und bringt Martina ins Dorf.

Es war am Nachmittag; ich saß mit meinem Mann im Garten, da hören wir drüben überm Bach ein Jammergeschrei, das durch Mark und Bein schüttert, und kaum sind wir aus der Laube, da kommt die Leegart totenblaß herbeigestürzt: ›Herr Pfarrer, gehen Sie um Gottes willen schnell zum Schilder-David, der Schilder-David will die Martina umbringen.‹

Ich will mit; mein Mann heißt mich zurückbleiben; er geht schnell. Die Leegart sinkt fast um, ich kann ihr glücklicherweise noch von unserm Kaffee geben, und sie erzählt, daß die Martina zu Fall gekommen. Als der David, der eben vor seinem Hause Holz spaltete, sie sah, habe er die Axt erhoben und seiner Tochter gerade das Hirn spalten wollen. Herbeigeeilte Nachbarn entwanden ihm die Art, und jetzt stellte er sich vor die Hausthür und schwur, Martina zu erdrosseln, wenn sie über seine Schwelle käme. Martina fiel vor der Schwelle nieder.

Frauen brachten sie ins Haus, und als sie in die Stube trat und ihren Konfirmandenschein sah, der an der Wand unter Glas und Rahmen hing, da that sie einen Schrei, so laut, so durchdringend, daß wir ihn bis hier herauf hörten; sie fiel in Ohnmacht nieder. Man erweckte sie, der David aber rief immer: ›Bringt sie nicht wieder zum Leben, denn ich schaffe sie doch hinaus. Herr Gott! Herr Gott! Mach mich blind, verflucht seien meine Augen. Der Drache hat mir meine andern Kinder geraubt, und jetzt, jetzt . . .‹

Er stürzte auf Martina los. Es gelang, ihn zu bändigen, und Leegart eilte, meinen Mann zu rufen. Wir warteten lange, bis mein Mann wieder kam. Er brachte den David mit, er führte ihn am Arme, und David ging stolpernd wie ein Blinder; er hatte den Hut tief in die Stirn gedrückt und sagte immer: ›Herr Pfarrer, ja, ich bitte, sperrt mich ein, ich bin sonst meiner nicht Herr. Mein Kind, mein bestes Kind, mein einziges Kind! Sie ist meine Krone gewesen, wie Sie es ihr in den Konfirmandenspruch gesetzt haben, und so . . . Herr Gott, was willst du mit mir, daß du mich so heimsuchst? Es soll nicht sein, ich soll nicht unbeschwert dahingehen! O, Herr Pfarrer, wenn man einem Kinde zusieht essen, wie's ihm schmeckt, es schmeckt siebenmal besser, als wenn man selber ißt. O, wie lang pflegt man so ein Kind und freut sich, daß es stark wird und wächst und das und jenes sagt, was gescheit und gut ist, und freut sich, wenn es aus der Schule kommt und etwas gelernt hat, und freut sich, wenn es drischt, wenn es Holz sammelt und wenn es singt, und da kommt auf einmal ein Mensch und verwüstet das alles. Meine andern Kinder sind ausgewandert, und sie leben, und ich habe nichts davon; meine Martina ist daheim geblieben, sie lebt vor meinen Augen und ist mehr als tot. Wenn ein Kind rechtschaffen ist, ist man doppelt glückselig, aber doppelt und tausendfach unglückselig kann einen ein schlechtes Kind machen. Ich denke mir das Hirn aus – und kann's nicht finden, wo ich's verfehlt, und es muß doch sein, und mein guter Name . . .‹

Er sah mich jetzt, und laut schluchzend, fast zusammenbrechend rief er: ›Frau Pfarrerin, und Sie haben sie auch immer so lieb gehabt! Sie hat mir den Todesstoß gegeben, ich spür's.‹

Die Füße trugen ihn kaum. Wir brachten ihn in die Stube, und dort saß er gewiß eine Stunde lang wie leblos, er hielt die Hand vor das Gesicht, und die Thränen quollen zwischen den Fingern hervor.

Endlich richtete er sich auf, streckte und reckte sich und sagte: ›Gott vergelte Ihnen alles, Herr Pfarrer. Da, meine Hand; ich will kein ehrliches Grab haben, wenn ich meiner Martina – – – –‹ er wurde wieder von einem Thränenstrom unterbrochen, da er den Namen nannte –›wenn ich meiner Martina irgend ein Leid zufüge, sei es mit Wort oder That. – Gott hat mich gestraft durch sie, ich muß ein schwerer Sünder sein. Ich war zu stolz auf meine Kinder und auf sie, ja gerade besonders auf sie, und sie ist jetzt auch armselig genug. Ich will mich nicht weiter versündigen.‹

Mein Mann wollte ihn wieder heimbegleiten, er lehnte es ab.

›Ich muß lernen, mit diesem Schandfleck allein über die Straße gehen. Ich bin zu stolz gewesen. Mein Haupt ist gebeugt, bis ich in die Grube fahre. Nochmals tausend Dank. Gott vergelt's!‹

Der ehemals stolz aufrecht gehende Mann schlich jetzt wie eine Jammergestalt heimwärts. Erst jetzt konnte mir mein Mann erzählen, wie Gräßliches er erlebt.

Die Leute haben mir aber später berichtet, daß mein Mann eine Geduld und Sanftmut ohnegleichen gegen den Schilder-David übte. Denn dieser hätte gern alles zerrissen und schrie immer: ›Ich bin Hiob! Strecke deine Hand herunter, Herr Gott, und reiß mir die Zunge aus dem Rachen; ich muß fluchen, fluchen auf die ganze Welt. Es gibt keine Gerechtigkeit; keine im Himmel und keine auf Erden.‹

Es gelang meinem Mann, ihn zu beruhigen; als aber der Schilder-David fort war – so ermattet, so todmüde habe ich meinen Mann nie gesehen, wie damals.

Die Leegart hat ihr Wort gehalten und hat Gevatter gestanden bei dem kleinen Joseph, und Vater Adam kam zur Taufe ins Dorf. Er wollte, daß der Schilder-David ihn durchs Dorf begleite, damit die Welt sehe, wie er zu ihm halte. Der Schilder-David ging aber nicht mit ihm. Zu Hause soll es Adam haben schwer büßen müssen, daß er es wagte, ins Dorf zu gehen, und er wird seitdem bewacht und gefangen gehalten wie ein Verbrecher, denn die alte Röttmännin hat willfährige Spione in Lohn und Brot. Dafür ist sie nicht geizig.

Der Schilder-David war ein fleißiger Kirchgänger, aber nach der Geburt des unerwünschten Enkelchens ging er gewiß zwei Monate lang nicht in die Kirche; wenn es zur Kirche läutete, klagte er immer aufs neue, daß er vor Schimpf nicht in die Kirche gehen könne. Wenn's aber niemand sah, trug er das Enkelchen gern in der Stube herum.

Der Knabe scheint es ihm wahrhaft angethan zu haben. Er trug das Kind umher und wartete es wie eine Mutter. Stundenlang konnte man ihn am Feierabend und des Sonntags drüben am Gartenzaun stehen sehen, und Großvater und Enkel starrten in das Feld und in den Bachsturz, der hinter dem Hause herabfällt, ja der Alte gewöhnte sich dem Kinde zulieb das beständige Rauchen ab, während er sonst die Pfeife nicht aus dem Munde brachte, und als der Knabe laufen konnte, war er sein beständiger Kamerad und führte ihn an der Hand. Wenn das Kind mit andern Kindern spielt und den Großvater sieht, läuft es von allen Spielen fort und geht nicht mehr von der Seite des Großvaters. Ja, wenn ein Kind so leicht zu verderben wäre, der David hätte es mit seiner Eitelkeit verdorben, denn er lebt fast ganz von dem Rufe seines Enkelchens; tagtäglich erzählt er eine der Klugreden, die der kleine Joseph gethan, und wie gescheit er dem Knaben die Zunge lösen könne. So ehrlich der David ist, er weiß nicht mehr, daß er dem Kinde vieles andichtet, was nicht aus ihm selber kommt, und dann setzt er immer gern hinzu: ja, wenn wir nur schon zwanzig Jahre älter wären, da wird man im ganzen Land davon reden, was mein Joseph ist. – Ich habe vor kurzem etwas gehört, das von eigentümlichem Nachdenken des Knaben Zeugnis gibt. Es war am selben Tage in der Nachbarschaft ein Kind gestorben und ein Kind zur Welt gekommen, und der kleine Joseph sagte: Nicht wahr, Großvater, wenn man geboren wird, da schläft man im Himmel ein und wacht auf der Erde auf, und wenn man stirbt, da schläft man auf der Erde ein und wacht im Himmel auf?

Der kleine Joseph ist aber auch beständig dabei, wenn sich der Großvater mit seinen Nachbarn bespricht, und da hört er von allerlei Lebensverhältnissen und Zerwürfnissen und kennt die ganze geheime Geschichte des Dorfes.«

»Warum erzählst du nicht von Martina?« unterbrach hier der Zuhörer die Pfarrerin.

»Da ist nicht viel zu berichten, sie lebt still und emsig, hilfreich, wo irgend in einem Hause Not ist, spricht kein übriges Wort und ist ihrem Vater mit unbeschreiblicher Liebe unterthan, und er vergilt ihr das am besten in der Liebe, die er dem kleinen Joseph widmet.«

»Und Vater Adam, der Gaul, was thut denn der?«

»Der lebt auch still für sich, und wie gesagt, er wird von seinen Eltern auf dem Hofe fast wie ein Gefangener gehalten. Er läßt sich's gefallen, und glaubt genug gethan zu haben, daß er beständig dabei bleibt: wenn er die Martina nicht bekäme, heirate er gar nicht. Natürlich, daß die Eltern alles aufbieten, ihn von Martina frei zu machen. Es sind ihr schon glänzende Anerbietungen gestellt, sehr annehmbare Freier ins Haus geschickt worden, und der alte Röttmann will sie ausstatten; aber sie hört nicht darauf, und ihre beständige Entgegnung ist: ›Ich könnte einen andern Mann kriegen, jawohl, wenn ich wollte; aber mein Joseph könnte keinen andern Vater kriegen, wenn er auch wollte.‹

Besonders ein Vetter der Martina, ein wohlhabender Schuhmacher, der als Junggeselle lebt, scheint nicht heiraten zu wollen, bis er gewiß ist, daß die Martina ihn nicht nimmt. Man heißt ihn hier im Dorf den Häspele, und ich weiß jetzt in der That seinen wirklichen Namen nicht. An Feierabenden haspelt er den Mädchen das Garn, das sie gesponnen haben, und darum heißt er Häspele. Er ist ein gutmütiger Mensch, der jedes Jahr den Fastnachtshansel spielt, von einer Fastnacht zur andern ununterbrochen fort. Wo man ihn sieht, spielt man das ganze Jahr Fastnacht mit ihm, und er geht gleich darauf ein; seine Mienen und seine Reden haben etwas so Komisches, daß man nicht mehr weiß, macht er Spaß oder Ernst, wie er denn meist eine rote Nase hat, die für geschminkt gelten kann. Er hat die Martina von Herzen lieb, und sie ihn auch, aber eben nicht anders, als alle Mädchen im Dorfe ihn leiden mögen; zum Heiraten wird er nie kommen, es denkt niemand daran, daß man den Häspele auch heiraten könne. . . .«

»Gottlob,« unterbrach sich hier die Pfarrerin, »jetzt ist mein Mann bald unter Dach, wenn ihm, was Gott verhüte, nicht ein Unglück passiert ist. Es wäre die schönste Weihnachtsfeier, mir das liebste Geschenk, wenn er die Röttmännin noch bekehren könnte, der Speidel-Röttmann gibt dann von selbst nach. Dann bleiben wir, wenn's nicht anders ist, auch wieder gern hier. Denn die Geschichte mit Martina und Adam hat endlich den Ausschlag gegeben, daß mein Mann sich von hier weggemeldet hat. Die wilden Röttmänner lassen nicht ab, und eben morgen soll alles fertig werden, daß der Adam sich mit des Heidenmüllers Toni verlobt. Das Mädchen ist das einzige aus einer angesehenen Familie, das er kriegen kann. Sie hat eine junge Stiefmutter bekommen, und nun will sie aus dem Haus, und wenn sie in die Hölle müßte. Der Heidenmüller und der Röttmann, diese beiden Familien sind die angesehensten oder, was ebensoviel ist, die reichsten in unserer Pfarrgemeinde. Ich muß selber sagen, ich möchte das nicht mit erleben, den Adam mit des Heidenmüllers Toni zur Kirche gehen zu sehen. Es ist entsetzlich für meinen Mann, da oben stehen zu müssen und sein innerstes Herz vor den Menschen ausschütten, Heiligkeit und Güte und Treue predigen, und zu wissen, da unten sitzen Menschen und sie sitzen in den vordersten Kirchenstühlen, du kannst das Auge nicht von ihnen wenden, und ihnen ist alles, was du sagst, nichts als leere Worte.

Horch, jetzt ruft der Wächter zwölf. Jetzt ist Otto gewiß unter Dach, und ich weiß, er bewirkt Gutes. Jetzt wollen wir auch schlafen gehen.«

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