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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band. - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Drittes Kapitel. Von den wilden Röttmännern.

»Es gibt noch wilde Menschen, wahre Unholde hier oben. Von diesen wilden Röttmännern ließe sich viel berichten.«

»Erzähle!«

»Es sind große, ungeschlachte Menschen, und sie thun sich was darauf zu gut, daß man auf viele Geschlechter zurück Ungeheuerlichkeiten von ihnen erzählt, und da sie reich sind, können sie noch immer derlei ausführen. Der Vater des jetzigen Röttmann, der, zu dessen Frau Otto eben gerufen wurde, soll eine so mächtige Stimme gehabt haben, daß ein Landjäger, den er anschrie, rücklings auf den Boden fiel. Sein Hauptvergnügen bestand darin, in den Wirtshäusern, wo er gegessen hatte, die zinnernen Teller zu Kugeln zusammen zu rollen. Der jetzige Röttmannsbauer soll beim Tanz immer ein Dutzend der schweren eisernen Keile, mit denen man das Holz spaltet – sie nennen sie hier zu Lande Speidel – in den langen Rockschößen gehabt haben, damit ihm alles ausweichen muß und er Raum genug hat zum Tanzen. Tanzen, das war auch seine größte Lust, vierundzwanzig Stunden ohne Aufhören, das war für ihn ein leichtes Spiel, und in den Pausen wurde unaufhörlich getrunken, ein Schoppen nach dem andern. Um aber zu wissen, wie viel er getrunken und zu bezahlen habe, drehte er sich jedesmal mit großer Geschicklichkeit einen Knopf von seiner roten Weste und zuletzt von seinem Rock ab und löste sie dann am Schlusse beim Wirt wieder ein. Der Alte mit der starken Stimme verbietet ihm einmal, daß er noch am Tage bei einer Hochzeit drüben in Wengern bleibe, er solle vielmehr eine Wiese drunten im Otterswanger Thal abmähen. Strenge Zucht unter sich haben die Röttmänner immer gehalten. Der gehorsame Sohn folgt also, tanzt die ganze Nacht wie toll; am Morgen kommt der Starkstimmige auf die Wiese und hört Musik. Was ist das? Da mäht einer und sieht so seltsam aus? Der Starkstimmige kommt näher. Richtig, der Sohn mäht wie befohlen, hat aber ein Traget auf dem Rücken und in der Traget einen Geiger, der ihm beständig vorgeigen muß, und so mäht er Wiese auf und Wiese ab, bis alles danieder, und dann tanzt er mit seinem Geiger auf dem Rücken wieder hinüber bis Wengern zur Hochzeit. – Man sagt sonst im Sprichwort: Alles kann gestohlen werden, nur kein Mühlstein und kein glühend Eisen; aber der Speidel-Röttmann hat doch einmal einen Mühlstein gestohlen, wenigstens beiseite geschafft. Dem Heidenmüller zum Possen wälzt er auf einmal in einer Nacht einen Mühlstein den halben Berg hinauf. Der Speidel-Röttmann hatte zwei Söhne, Vincenz und Adam; der ältere, Vincenz, war weniger stark, aber tückisch wie ein Luchs, das hatte er von seiner Mutter, denn bösartig sind die Röttmänner nicht, nur ungebärdig wild. Vincenz soll die Holzhauer geplagt haben wie ein wahrer Sklavenhalter. Eines Tages wurde er von einem Baum erschlagen. Man sagt, und der frühere Pfarrer behauptete es fest, die Holzhauer hätten das mit Absicht gethan. Seit jener Zeit ist die Röttmännin, die ohnedies nicht sehr liebevoller Natur war, zu einem völligen Drachen geworden, der gerne die ganze Welt vergiftete. Sie ist die einzige, die meinen Mann grimmig haßt, denn sie will, daß er jeden Sterbenden, zu dem er gerufen wird, frage, ob er nichts zu beichten habe vom Tode ihres Vincenz. Der Baum, von dem Vincenz erschlagen wurde, lag lange unberührt im Walde, da befahl die Röttmännin eines Tages, daß man ihn abzweige. Sie war unversehens bei den Holzhauern, um sie zu beobachten und zu behorchen. Sie muß nichts Sicheres gefunden haben. Der Speidel-Röttmann wollte den Stamm, der einer der schönsten sogenannten Holländerbäume war, mit dem Floß rheinabwärts schicken; er sagte: Baum ist Baum, und Geld ist Geld; warum soll der Baum unnütz verderben, weil er den Vincenz erschlagen? Die Röttmännin war aber anders gesinnt. Sie ließ aus dem Reisig einen großen Hausen machen und verbrannte darin die Kleider des Erschlagenen. So müssen die in der Hölle verbrennen, die meinen Vincenz umgebracht haben, schrie sie immer dabei. Sechs Pferde und zehn Ochsen wurden angespannt, um den Stamm nach dem Hof zu führen. Es ging nur eine kurze Strecke, denn die Wege sind nicht dazu, um einen so großen Stamm bergauf zu bringen. Er wurde dreifach zersägt, und nun liegen die Klötze eben im Hof an der Thüre. Die Röttmännin sagt immer, der Baum wartet, bis man Galgen und Scheiterhaufen daraus macht, um die Mörder meines Vincenz zu hängen und zu verbrennen. Oft sitzt sie am Fenster und spricht auf die Klötze, wie wenn sie ihnen was sagen müßte, und sie lacht jedesmal glückselig, wenn ein Fremder darüber stolpert. Sie ließ auch, wie sonst nur bei den Katholischen in unsrer Nachbarschaft der Brauch ist, dem Erschlagenen einen Bildstock errichten, drunten am Fußwege, der am Abhange des Hohltobel nach der Heidenmühle führt. Dort, tiefer im Walde, ist der Vincenz erschlagen worden.

Den einzigen Sohn, der ihr geblieben ist, den Adam, behandelt die Röttmännin härter als ein Stiefkind; man sagt, sie schlage ihn noch wie einen kleinen Jungen, und er lasse sich alles gefallen, und doch hat er sich schon als echter Röttmann bewiesen und sich einen stolzen Beinamen erworben, denn er heißt in der ganzen Gegend ›der Gaul‹. Er läßt einmal eben ein Pferd beschlagen, wie der Schmied von einem Breisgauer Bauern ein Pferd eintauschen will. Das Pferd ist an einen großen zweiräderigen Karren gespannt, der mit Erbsen beladen ist. Der Breisgauer sagt, solch ein Pferd gibt's nicht mehr aus der Welt; das zieht, was drei Pferde ziehen.

Hoho! schreit der Adam Röttmann, der daneben steht, und das mit der gröbsten Stimme, daß der Breisgauer schier über den Haufen fällt und sich noch glücklich an seinem Pferde anlehnt.

Hoho! Ich wette, daß ich den Wagen mitsamt den Erbsen in drei Trageten bis zu der Krone hinuntertrage. Ist der Handel richtig, wenn ich das fertig bringe?

Es gilt, sagt der Breisgauer.

Das Pferd war abgespannt. Adam füllt die Erbsen in einen großen Bettüberzug und trägt sie richtig nach der Krone; dann nimmt er das Wagengestell und trägt es ebenso, und zuletzt nimmt er die zwei großen Räder, eines hüben und eines drüben, auf die Schulter und geht damit nach der Krone. Wer ist stärker? Dein Gaul oder ich? fragt er den Breisgauer, und davon hat er den Namen Gaul.

Die Art, wie der Speidel-Röttmann die Heldenthat seines Sohnes bekannt machte, zeigt ganz sein ruhmgieriges Wesen, denn eigentlich ist er kein böser Mann, nur ein Großthuer ersten Ranges. Am Tage nach der Gaulsthat Adams war Jahrmarkt in der Stadt, der Schmied von hier trifft den Speidel-Röttmann im Wirtshaus. und erzählt ihm, was vorgegangen. Da sagt der Speidel-Röttmann: Erzähl mir's nicht hier. Ich zahle dir eine Flasche vom Besten, wenn du da auf die Straße hinunter gehst und mir die ganze Geschichte zum Fenster heraufrufst. Und so geschah es auch. Der Speidel-Röttmann lag breit unterm Fenster, und alles hörte staunend zu, wie der Schmied die Geschichte ausrief. Der Speidel-Röttmann hat eigentlich seine besondere Freude an seinem Sohn, dem Gaul, aber er darf das vor seiner Frau nicht merken lassen, besonders seit sieben Jahren nicht.

Dort überm Bachsteg, wir sehen das Häuschen von unserm Fenster, dort wohnt ein Schilderdrechsler, der Schilder-David genannt. Er ist ein Ehrenmann, er ist einer der Aermsten im Dorfe, aber er würde eher verhungern, ehe er jemals etwas geschenkt nähme. Dabei ist er ein Schriftgrübler. Bei ihm ist am längsten Licht im Dorfe, und das will für einen armen Mann viel heißen. Er hat eine Bibel, die er schon sechzehnmal vom ersten bis zum letzten Buchstaben, altes und neues Testament, durchgelesen hat; ich habe die Bibel einmal gesehen, die Blätter sehen eigentümlich zerarbeitet aus, denn der David liest immer mit den vier Fingern. Auf dem ersten Blatt der Bibel steht immer der Tag verzeichnet, wann er sie neu begonnen und wann er sie zu Ende gelesen hat. Die längste Zeit ist etwas über zwei Jahre, dreimal hat er sie sogar in weniger als einem Jahre durchgelesen, das war als seine drei Töchter auswanderten, dann, als er eine kranke Hand hatte, daß man glaubte, er würde sie verlieren, und zuletzt das Jahr, in dem ihm sein Enkel, der kleine Joseph, geboren wurde. In seiner Jugend soll er einer der Lustigsten gewesen sein, er kennt alle Lieder und hat sich einmal ein ganzes Klafter Holz ersungen. Er kommt einmal zum Vater des Speidel-Röttmann und will Holz kaufen. Der alte Röttmann ist eben in guter Laune und sagt: David, für jedes Lied, das du mir singst, kriegst du ein Scheit Holz und ich fahre dir's vors Haus, und richtig! der David singt so viel Lieder, daß er sich ein ganzes Klafter Holz ersang. Davon heißt er auch der Klafter-David. Er hört das aber nicht mehr gern.

Die Frau des Schilder-David ist eine von jenen Naturen, die ihr Leben lang eigentlich halb schlafen, sie gehen umher, thun ihre Arbeit ordnungsmäßig, aber man hört kein übriges Wort von ihnen, nicht in Freud, nicht in Leid. Wir haben auffallend viele solcher Menschen hier. Dazu ist die Frau des Schilder-David seit einigen Jahren fast stocktaub. Sie hatten fünf Töchter, lauter große, stattliche Gestalten, und schon als sie noch klein waren, aber stramm und kräftig, sagte der Schilder-David immer: die sind für aufs Wasser, das heißt, für die Auswanderung nach Amerika; und in der That, vier von seinen Töchtern sind nach Amerika, zwei mit ihren Männern und zwei ledig, die sich jetzt auch drüben verheiratet haben; eine ist vor kurzem gestorben, aber den andern geht es gut, und doch kann der Schilder-David die Sehnsucht nach seinen Kindern nicht verwinden, und jetzt sagt er oft: das Amerika, das ist ein neuer Drache, der uns die Kinder wegnimmt. – Es wäre doch das natürlichste, daß er auch auswanderte, er hat's hier hart, aber er kann nicht fort, und jetzt will er nun gar nicht mehr.

Die jüngste Tochter des Schilder-David, Martina, war immer der besondere Stolz des Vaters, denn sie war die Erste in der Schule. Du glaubst gar nicht, was das einem Kinde aus dem Dorfe für einen Charakter gibt; namentlich ein Mädchen kriegt da einen gewissen Stolz, eine Ehrenhaltung vor sich, und alles ordnet sich unter, noch bis in die älteren Jahre hinein. Sie war ein braves, feines Kind. Wenn sie zum Konfirmandenunterricht kam, hat sie mit äußerster Sorgfalt die Schuhe am besten abgerieben und auch die andern angehalten, sich sauber zu machen, um Treppe und Zimmer rein zu lassen, und sie und ihre Gespielen haben sich's nicht nehmen lassen und haben vor der Konfirmation die ganze Kirche gescheuert. Als sie vor dem Altar stand, sie war über die Jahre entwickelt, ich habe nie was Schöneres gesehen, und eine Frömmigkeit lag wie eine Glorie auf ihrem Gesicht. Sie ist oft zu uns ins Haus gekommen. Mein Mann hatte seine besondere Freude an dem Kinde, und er erzählte mir, wie er am Tage nach der Konfirmation Martina auf dem Felde getroffen und sie sagte: es sei ihr jetzt, als wäre sie aus der Heimat fortgeschickt worden. Sie wurde auch bald fortgeschickt. Sie war sechzehn Jahre alt, als sie zu dem wilden Röttmann in Dienst trat. Der Röttmann gibt guten Lohn, und er muß, denn es hält's niemand ein Jahr lang bei seiner Frau aus. Martina war aber zwei Jahre dort.«

Plötzlich wurde die Pfarrerin in ihrer Erzählung unterbrochen, ein seltsames Rollengeklingel ging durch das Dorf.

»Was ist das?« fragte Eduard.

»Das ist der Eselstrupp aus der Heidenmühle. Der Fahrweg nach der Mühle ist sehr weit, aber die Esel tragen Korn und Mehl bergauf und bergab den schmalen Fußweg. Ich hätte gern der Toni durch den Knecht etwas sagen lassen; aber jetzt ist's zu spät.«

Erst nach wiederholter Aufforderung des Bruders fuhr die Pfarrerin in ihrer Erzählung fort:

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