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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band. - Kapitel 43
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Zwanzigstes Kapitel.

Mancher Aberglaube ist nur eine Erfahrungswahrheit, die zu sicherer Ueberlieferung von Geschlecht zu Geschlecht in feste Form gebunden ist, und die Furcht regiert viele Gemüter leichter als die Einsicht. Man hält es für gefahrbringend vor den allezeit lauernden bösen Schicksalsmächten, solch ein Fest zu feiern, wie Brosi und Moni gethan, das den langen stillen Fortgang des Lebens in mächtigem Zusammenfassen spannt und höher hebt, und in der That erschließt sich leicht hinter solch einem Hochpunkte die Kahlheit des Alltagslebens, und der unterbrochene stille Fortgang verwandelt sich nun in Oedigkeit und Abspannung. Es ist etwas anderes, zur Zeit der anstrebenden Kraft einen Jubeltag sich zu setzen, als da, wo die Ruhe und das stille Walten allein Erquickung bietet. Wo sich Moni unter der Schappel demütig gebeugt hatte, so war sie den ganzen Tag in sich still und ruhig geblieben, Brosi aber hatte im jauchzenden Austoben sich erlustigt, und schon am andern Tage, nachdem Severin abgereist war, schlief Brosi nach dem Essen unwillkürlich auf der Bank ein.

Das Gäßchen war heute besonders widerwärtig, denn die Vorübergehenden sprachen da draußen so laut, man hörte jedes Wort, als ob sie in der Stube wären. Moni wollte hinausgehen und die Leute zur Ruhe gemahnen, aber als sie sich erhob, merkte es Brosi und erwachte, sich verwundernd, daß er am Tage schlafe; er fühlte sich neu gestärkt, da er das Versäumte von gestern nacht nachgeholt habe. Brosi war wie immerdar heiter und aufgeräumt; nur als Moni bemerkte, der Franz mit seiner Frau sei da gewesen und habe nachsehen wollen, wie es dem Vater gehe, da sagte dieser:

»Jetzt sind alle unsere Kinder fort, jetzt sind wir doch wie ein entlaubter Baum,« als aber während dieser Worte des Rösles Monika eintrat, die nun bei den Großeltern wohnen wollte, sagte er: »Richtig, da kommt ja unsere Wurzelbrut. Weißt, Alte, es gibt Bäum', die wieder an der Wurzel ausschlagen. Recht so, bleib du bei deiner Ahne und gib acht, daß du so wirst wie sie, und leid's nicht, daß sie zu viel schafft.«

Brosi hatte nun drei eigene Familien im Orte, die er besuchen konnte, und war nun auch mit dem größten Teile des Dorfes verwandt, und wenn sich hier auf dem Walde alles Vetter nennt, so hatte das bei Brosi noch eine besondere Berechtigung. Er ließ sich's aber auch nicht nehmen, noch diesen Winter regelmäßig zu dreschen, und wenn ihm auch weh dabei geschah, gestand er es weder sich noch seinen Genossen. Wenn ihm die Leute sagten, er solle sich doch zur Ruhe setzen, er sei ja vermöglich, habe seine Kinder alle versorgt, und wenn er etwas Uebriges brauche, werde sich der Oberbaurat eine Freude daraus machen, ihm solches zu geben, da sagte er:

»Mein' größte Freud' ist, daß ich's haben könnt' und nicht brauch'!«

Um Neujahr zeigte Severin die Geburt eines Töchterchens an, und der Winter ging still und heiter vorüber, nur war es eine traurige Botschaft, daß um Lichtmeß der Gipsmüller starb. Brosi ließ es sich nicht nehmen, seinem Leichenbegängnisse sich anzuschließen, aber er ging, wie er sagte, des schlüpfrigen Weges halber am Stocke über Feld und stand oft still und verschnaufte. Als er von Endringen, wo der Gipsmüller begraben wurde, zurückkam, sagte er:

»Das Sterben sollt' nicht sein, aber es ist einmal so Gottes Ordnung. Aber, Moni, unser Haus dadrüben ist doch schön, es müßt' sich doch gut drin wohnen.«

Noch oft kam Brosi auf sein Gelüste, in dem schönen Hause zu wohnen, aber es war doch nie weiter, als eine gewisse flüchtige Unbefriedigtheit des Alters, das leicht in allerlei Planen und Wünschen sich ergeht und dem schließlich doch am liebsten ist, wenn es beim Altgewohnten sein Verbleiben hat.

Im Frühling ging Brosi wieder in den Wald an seine Arbeit, des Jörgtonis Kaspar half ihm, und Brosi sah es gern, daß dieser sich in seine Stelle setzte, für den Fall, daß er sie nicht mehr versehen könne. Beim Ausgehen und bei der Heimkehr verweilte Brosi da und dort bei Altersgenossen, die in Leibgedingstuben wohnten, und ließ sich von ihnen lang und breit ihre Gebresten erzählen, er selber klagte nicht und sagte nur oft:

»Wenn ich's in meiner Jugend besser gehabt hätt' und mich nicht so hätt' schinden und plagen müssen, ich wär' hundert Jahr alt geworden.«

Auch daheim kam er oft hierauf zu reden. Das Gehen wurde ihm immer schwerer, aber solange er nur fortkriechen konnte, ging er seiner Arbeit nach, und man sah es, wie er sich gewaltsam aufrecht hielt und für jeden noch immer eine Scherzrede hatte.

Es war am Tage nach Jakobi – noch gestern war Brosi im Auerhahn gewesen und hatte viel davon gesprochen, wie leid es ihm thue, daß seine Söhnerin in ein Bad gemußt habe und nicht nach Endringen käme, er wäre ihr zuliebe doch dahin gezogen – heute konnte Brosi nicht mehr gehen, sein Kubikfuß stellte sich wieder ein, er mußte zu Bette bleiben oder in dem großen Armstuhl sitzen, den Agy geschickt hatte.

Die beiden älteren Söhne waren weit in der Fremde, aber Severin kam einmal und besuchte seinen Vater, und zum erstenmal hatten seine starren Züge etwas Lindes. Brosi behauptete, daß es gar keine Gefahr habe, und des Rösles Monika mußte ihm oft stundenlang die Geschichten aus den alten zerlesenen Kalendern vorlesen, durfte aber nicht in die Einzeichnungen von seiner Hand sehen. Die Frau saß schon jetzt im Sommer an der Kunkel und spann; Brosi that einmal die seltsame Frage:

»Was spinnst?«

»Tuch zur Aussteuer für unsere Monika.«

»So? Das ist recht,« sagte Brosi und war lange still – er mochte an sein Totenhemd gedacht haben.

Die Hühner kamen jeden Mittag vor den Stuhl Brosis, und er brockelte ihnen Brot; aber auch viele befreundete Menschen kamen, ihn aufzuheitern, dessen bedurfte es aber nicht, denn er war noch immer der Lustigste von allen.

Schon als Brosi das Bett nicht mehr verlassen konnte, war er noch immer ein säuberlicher Kranker. Der Bader mußte jeden Samstag kommen und ihm den Bart abnehmen, und war es schon an sich schwer, aus den vielen Falten des eingefallenen Gesichtes die Bartstoppeln herauszukriegen, so erschwerte es noch Brosi durch die vielen Späße, die er machte, so daß der Bader oft vor Lachen absetzen mußte.

Eines Tages sagte Brosi mitten im Gespräche zu seiner Frau:

»Ja, daß ich's nicht vergeß. Ich dank' dir tausend und tausendmal für all die Liebe und Güte, die du mir angethan, und wenn ich jetzt oft krittlich bin, denk' nur, das bin ich nicht, ich kann nicht anders. Es wird schon wieder besser, wenn ich wieder gesund bin. Und wenn ich sterb', laß mich nicht zu lang auf dich warten, aber diesmal nimmt's mich noch nicht. Wart' nur, bis es wieder Winter ist, im Winter bin ich immer besonders wohlauf.«

Moni setzte sich an die Kunkel, daß es ihr Mann nicht sehen konnte, und die Thränen fielen ihr auf die Hand, und sie benetzte den Faden damit, den sie spann. Sie sagte es nicht, aber sie bestimmte dieses Tuch zu ihrem eigenen Totengewand.

Brosi verlangte selbst nach dem Geistlichen und seiner letzten Wegzehrung; er konnte es doch nicht lassen, wegen Agys zu beichten, aber der Geistliche war mild genug, ihn zu trösten.

Auch den Gemeinderat ließ Brosi zu sich kommen und befahl, daß man bei seinem Begräbnisse lustige Tanzmusik aufspielen solle, er sei lustig in der Welt gewesen und wolle auch lustig hinaus. Man versprach nach seinem Willen zu thun.

Des Rösles Monika war eine rüstige Pflegerin, denn die Großmutter wußte sich vor Herzbrechen gar nicht zu helfen.

Es kamen Tage, in denen Brosi überaus lustig war, seine Enkelin mußte singen, und er sang mit und ermahnte auch Moni dazu.

Einmal in der Nacht, als die junge Monika bei ihm wachte, rief er mit starker Stimme:

»O lieber, guter Gott! Laß mich doch noch leben. Ich will noch alles Holz messen bis an den Rhein, ich will den Kappelberg ganz allein durch und durch graben, laß mich leben, oder wie du willst, aber nur nicht lang leiden. Mach's kurz.«

Als man in der Ferne den Nachtwächterruf hörte, summte er gegen die Wand gekehrt vor sich hin:

Alle Sternlein müssen schwinden,
Und der Tag wird sich einfinden . . .

Der jungen Monika wurde es schwer angst, aber sie wagte es nicht, nach jemand zu rufen und jetzt den Kranken zu verlassen, und einmal wendete er sich wieder um und sang mit geschlossenen Augen:

Weil Scheiden bitter ist
Und 's Lieben süß . . .

Gegen Morgen that er einen mächtigen Schrei, die Frau sank von dem Stuhl, auf dem sie eingeschlafen war, und in den Armen seiner Moni starb Brosi. –

Es war am Freitag Morgen, am Tage Himmelfahrt Mariä, als Brosi starb, und als der Uribasche – die Totenglocke – läutete, betete ein jedes still im Dorfe, jedes wußte, wer verschieden war.

Erst am Montag Morgen wurde Brosi begraben, man hatte nach den Söhnen geschrieben, und sie kamen und gingen hinter seiner Leiche. Auf dem Sarge lag Hammer und Kelle und der Maßstab, der Brosi als Stütze gedient. Die polizeiliche Ordnung duldete es nicht, daß man den Wunsch des Verstorbenen erfüllte und ihm Tanzmusik zu seinem Leichenbegängnisse aufspielte, aber weil Brosi Gemeinderat gewesen war, wurden eine Stunde lang in dreimaligen Absätzen alle Glocken geläutet. Es war ein heller Sommermorgen voll Lerchensang und Sonnenschein, und so weit man die Glocken in den Bergen vernahm, standen die Waldarbeiter still, legten die Aexte hin und beteten für den, den man begrub, ein Vaterunser; und wer mit Genossen arbeitete, sprach mit ihnen davon, wie gern ein jedes dem Brosi die letzte Ehre erwiesen hätte, daß man aber keines Taglohnes ermangeln könne.

Nur noch dreimal war Moni in der Kirche, als man ihrem Manne die Totenmessen las; sie lebte ruhig, aber fast wortlos, dazu war sie noch fast stocktaub geworden. Und als das Tuch von der Bleiche kam, das sie in diesem Sommer gesponnen, entschlummerte auch sie.

Als die erste Trauer vorüber war, lebten Brosi und Moni in der Erinnerung aller Menschen wie der Nachhall einer Tanzweise, die sich von selber fortsingt, nachdem man den Ort der Lustbarkeit weit hinter sich hat.

Das Jahr darauf heiratete der jüngste Sohn des Gipsmüllers wirklich des Rösles Monika, und als die ganze Familie im Auerhahn beisammen war und zum erstenmal wieder der Bändelestanz aufgespielt wurde, stand alles still, und eines sagte dem andern: »Ach Gott, das war sein Leibstück.« Aber des Jörgtonis Kaspar sprang mit beiden Füßen in die Mitte des Saals und rief: »Jetzt bin ich der Brosi!« und zeigte sich als dessen gelehriger Schüler. Noch lange, wenn der Hoppetvogel, der Siebensprung und der Bändelestanz ausgeführt wird, wird man den Namen Brosis nennen, und »Mein Mann ischt koanr, sagt der Brosi« ist noch immerdar Sprichwort.

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