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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band. - Kapitel 42
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Neunzehntes Kapitel.

Severin kam während des Sommers mehrmals, aber er hielt sich meist in Endringen auf, wo er, wie er sagte, mit dem Bürgermeister Geschäfte habe. Als Severin seinem Vater eine frohe Hoffnung mitteilte, erwiderte dieser kein Wort, er wollte lieber nichts wissen, als daß er durch eine Frage Auskunft darüber erhielt, in welcher Religion die Kinder erzogen werden.

Es verging kein Tag, an dem nicht Brosi seine »gesetzte Arbeit«, wie er sie selbst scherzweise nannte, vollführte. Moni schien sich wahrhaft zu verjüngen, seitdem ihr Severin und ihre Agy dagewesen, und sie war es auch, die zu jeder Zeit schöne Geschenke von ihrer Söhnerin, der Oberbaurätin, erhielt; besonders ein handfester Armsessel, der auf Rollen ging, machte großes Aufsehen im Ort, und schon nach zwei Monaten empfing sie einen sauberen, deutsch geschriebenen Brief von der englischen Söhnerin. Wie lohnte sich's ihr jetzt auf ihre alten Tage, daß sie selber noch so spät deutsch schreiben und lesen gelernt hatte. Die beiden alten Leute, die nie viel über Religion nachgedacht hatten, sprachen jetzt im Walde viel über die Unterschiede derselben, die Nähe des Grabes mochte einiges dazu beitragen, aber erweckt zu solchen Erörterungen wurden sie doch nur durch Agy; die Agy war so lieb und gut, die konnte doch nicht auf ewig verdammt sein. Moni hatte großes Zutrauen zu dem Geistlichen; sie wünschte, daß man sich seines Rates erhole, aber Brosi wehrte ab, indem er sagte:

»Was kann er für Auskunft geben? Er ist geistlich und darf sei' Sach' nicht verunehren. Und was könnt' am Ende dabei herauskommen? Daß wir Unfriede machen in unseres Severins guter Ehe? Nein, das will unser Herrgott nicht, und seit jenem Sonntag ist mir's so, daß kein Mensch den andern verdammen darf, wenn nur jeder aufrichtig und wahrhaftig bei dem seinigen ist. Wenn die Agy einmal 'rüber in Himmel zu uns kommt, muß sie unser Herrgott zu uns lassen, ich will's schon sagen, und unser Herrgott weiß es ja auch, daß sie nichts dafür kann; sie ist so geboren und erzogen, sie kann nichts dafür.«

»Die Vögel im Wald, da pfeift ein jedes anders, und es heißt doch, daß alle Gott lobsingen,« bestätigte Moni.

»Das ist ein gescheites Wort, so muß des Brosis Frau reden,« schloß der Eheherr. »Das hat sein Meß,« setzte er hinzu und hob die obere Querstange aus einem geschichteten Klafter. Es war unklar, ob er die letzten Worte buchstäblich auf das Holz oder bildlich auf das Religionsgespräch bezog.

Die Tage wurden bald immer kürzer, und es ist eine alte Erfahrung, daß man deren Abnehmen viel mehr merkt als das Zunehmen. Je weiter es dem Herbste zuging, je mehr empfand Moni ein eigentümliches bräutliches Bangen, während Brosi mit Jubel seiner goldenen Hochzeit entgegensah. Mehrmals äußerte Moni ihre Beklommenheit, aber ihr Bräutigam, wie sich Brosi nannte, redete ihr solche aus und suchte sie mit seiner eigenen Freudigkeit zu erfüllen; sie gab sich um Brosis willen Mühe, allem heiter entgegenzusehen, und in dieser Bemühung ward sie von selbst freudig.

Endlich waren es nur noch wenige Tage bis zur Kirchweih, da kam Severin, und diesmal ging er nicht allein nach Endringen, Vater und Mutter mußten ihn begleiten. Brosi fuhr sich mehrmals rechts und links über die Augenbrauen, als er unweit des Petersepp Haus in dem Grasgarten, dort, wo er sich's gewünscht hatte, ein Haus stehen sah, zierlicher und feiner, als er sich's je wünschen konnte, und Severin daraufdeutend sagte:

»Vater, das ist Euer. Da sollet Ihr mit der Mutter wohnen, solang Euch Gott das Leben erhält, und ich wünsch' nur, daß es recht lang sei. Das schenkt Euch mein Agy als Hochzeitsgeschenk.«

Starr mit offenem Munde betrachtete Brosi bald seinen Sohn, bald das Haus, und endlich sagte er mit unvermutetem Lachen:

»Das Haus da? Das ist mir viel zu schlecht. Nicht geschenkt nehm' ich's.«

»Ich bitt' Euch, Vater, macht keinen Spaß,« entgegnete Severin in seltsamer Gereiztheit.

»So? Meinst du, du darfst allein Spaß machen und noch dazu mit deinem Vater?«

»Ich mache nie Spaß. Ich meine es im völligen Ernst. Das Haus ist Euer. Mutter, saget Ihr, wie gefällt's Euch?«

»Wohl, ganz wohl, aber das ist nichts für uns.«

»Ich gebe Euch mein Wort. Es ist für Euch. Es ist auf Euern Namen hier beim Bürgermeisteramt eingetragen.«

»Das ist zu vornehm. Das ist für dein Weible, für die paßt's.«

»Dafür ist es allerdings auch hergerichtet. Meine Frau wünscht nichts sehnlicher, als die Sommermonate hier oben zu wohnen. Sie will bei Euch sein.«

»Wir wollen all' Woch zu ihr auf Besuch kommen, sie soll nur allein hier wohnen und, will's Gott, mit dem Kind.«

Der Bürgermeister, zu dem Severin geschickt hatte, kam aus dem Dorfe und übergab Brosi die Schlüssel und einen neuen Bürgerbrief. Brosi nahm beides unwillkürlich in die Hand, schaute nach dem Hause und schüttelte unwillkürlich mit dem Kopf.

Das Landhaus war schön, im Stil der englischen Cottages und doch in freier Umbildung nach dem landschaftlichen Charakter und Bedürfnis.

Nur mit Mühe brachten es Severin und der Bürgermeister dahin, daß die Eltern in das Haus eintraten.

Die Räume waren hell und bequem. Brosi fühlte oft an die Wände und nickte, da er sie trocken gewahrte.

»Du bist ein Hexenmeister,« sagte er zu seinem Sohne, als dieser erzählte, wie er den Bau so geheim hatte ausführen lassen, und wie ihm alle darin beigestanden, das Geheimnis zu bewahren.

»Aber für uns ist's nicht,« beharrte Brosi.

Fast zornig erklärte Severin, daß der Vater ihm seinen liebsten Lebenswunsch ausgesprochen habe, daß er als Sohn ihn nach Kräften erfüllte, daß ein Mann von Ehre nicht spiele und auch ausführe, was er sich im Wunsche vorgesetzt habe. Auch der Bürgermeister redete eifrig zu, dem Sohne seine Freude nicht zu verderben.

»Ich erkenn' die Gutheit, ich erkenn' sie rechtschaffen,« stotterte Brosi. »Was meinst, Moni? Red' auch du, dich geht's so viel an wie mich.«

»Ich hab' den Wunsch nicht gehabt.«

»So? Alles soll auf mir liegen? Und wenn ich nun sag': wir ziehen da her?«

»Dann zieh' ich mit dir, das weißt ungefragt.«

»Aber diesen Winter nicht mehr, Severin,« wendete sich Brosi an diesen, »den Winter dürfen wir noch in Haldenbrunn in unserem alten Nest bleiben?«

»Vater, ich will Euch nicht zwingen.«

»Beim Teufel! in so ein Schlößle einzuziehen, braucht man einen nicht zwingen,« polterte der Bürgermeister, »der Herr Oberbaurat haben sich's eben ausgedacht gehabt, daß ihr auf eure goldene Hochzeit einziehen solltet, und die Endringer holen euch ein, wie ein junges Paar. Das ist alles schon ausgemacht.«

»So? Nun ja, ja,« schloß Brosi und rieb sich den Mund.

Er ließ sich nicht bewegen, in Endringen einzukehren, er eilte gleich heim nach Haldenbrunn, als entfliehe er einer Gefangenschaft, und zum erstenmal in seinem Leben freute er sich, als er den württembergischen Grenzpfahl sah, und schnaufte erst jetzt aus, als er ihn im Rücken hatte.

Das Jahresfest der Kirchweih kam und mit ihm die Feier einer Doppelhochzeit, denn auch Franz sollte heute mit seiner geschickten Witwe getraut werden. Von allen Ecken und Enden kamen Gäste und Schaulustige herbei, und manche Landesangehörige ließen ihre eigene Kirchweih, die ja auch durch oberamtliche Bekanntmachung auf denselben Tag festgesetzt war, dem zuliebe im Stich.

Als es zum zweitenmal in die Kirche läutete, kam eine große Menschenmenge mit Musik herangezogen und holte das alte Brautpaar ab. Brosi trug wiederum wie vor fünfzig Jahren einen Rosmarinstrauß mit flatternden Bändern auf dem Hute und im Knopfloch und schaute frei umher, während Moni sich unter der Schappel demütig beugte. Brosi lächelte, als er sah, daß die Hochzeitlader, um das Verbot der Regierung zu umgehen, hölzerne mit Kränzen umwundene Säbel trugen. In langer Reihe gingen schön geschmückt die Kinder und Enkel des alten Paares hinterdrein. Hierauf holte man das junge Brautpaar ab, und es war eine erhebende Feier, als der Geistliche das Doppelpaar einsegnete, er konnte nichts Besseres thun, als den Neuvermählten den Segen der Eltern wünschen.

Im Auerhahn ging es heute hoch her. Brosi bedauerte nur oft, daß seine englische Söhnerin nicht da sein könne, das sei das einzige, was ihm auf der glückseligen Welt fehle, und er habe ihr versprochen, mit ihr zu tanzen, und sie sollte doch auch sehen, welch ein junger Bursch er sei, und seine Moni sei erst siebzehn Jahr alt.

Wirklich konnte man das fast glauben, wenn man nun die beiden alten Leute den Hoppetvogel, den Siebensprung und den Bändelestanz ausführen sah. Ja, Brosi tanzte noch außerdem mit seinen Töchtern und Schwiegertöchtern und zweimal mit der erwachsenen Tochter Rösles, die auch Monika hieß. Er befahl ihr, recht bald zu heiraten, damit er auch noch Urenkel erlebe, und der jüngste Sohn des Gipsmüllers schien diese Mahnung gern zu hören.

Es ging wild her auf dem Tanze, und Severin staunte, als sein Vater ihm sagte:

»Jetzt ist mir's eigentlich lieb, daß dein Weible nicht hat kommen können, so ein englisch Frauele paßt nicht in das Getrampel und in den Tubak hinein.«

Man sprach auf der Hochzeit viel davon, daß Brosi seinem Severin versprochen habe, morgenden Tages nach Endringen zu ziehen; Brosi that meist, als ob er das nicht hörte, und wenn man ihn geradezu darum befragte, sagte er: »Ja, ja,« aber das in einem Tone, der unentschieden ließ, ob er damit sagen wollte, ich denk' nicht daran, oder ob er einfach bejahte.

In einem merkte es Brosi doch, daß er seine fünfzigjährige Hochzeit feierte, er schlief mitten unter der Musik auf der Bank hinter dem Tisch ein. Er wurde geweckt, und die halbe Musik, denn viele tanzten noch währenddessen, gab ihm und Moni das Geleite bis an ihr Haus.

Brosi und Moni schliefen lange nicht, und noch im Bett sagte Brosi:

»Ich fürcht' mich so vor dem neuen Haus, ich kann's gar nicht sagen.«

»Aber wir müssen's thun, wenn nur auf eine Weile, du hast's dem Severin versprochen.«

»Ich bin ja gezwungen gewesen, mehr als gezwungen, ich hab' ihm sein' Freud' nicht verderben wollen. Und, lieber Gott, das ist ja so ein kalts Haus, das ist nichts für alte Leut'.«

»Du hast unrecht. Es ist gut warm und hat prächtige Oefen, da kann man mit einem Schwefelhölzle einheizen.«

»Ja, das kann alles sein, aber weißt, es ist mit Ziegel gedeckt, das hält gar nicht warm, so ein Strohdach ist wie ein' gute Pelzkapp, und die Stubendecken sind so hoch, und nach Endringen mag ich auch nicht mehr. Ich sterb', wenn ich da 'nein muß. Lieber Gott! Man wünscht viel, was einem nicht recht wär', wenn's nachher in Erfüllung ging'.«

»Ja, was aber machen?« erwiderte Moni dem in die Kissen hinein Schluchzenden. »Sag's ihm frei, er wird das nicht wollen, wenn dich's so hart ankommt. Du hast ihm das nie so gesagt.«

»Weil ich nicht kann; wenn er mich ansieht, bleibt mir's immer im Hals stecken. Aber halt! Juchhe! Ich hab' was.« Er sprang aus dem Bett, machte Licht und holte die Nagelschachtel mit dem Hammer vom Himmelbett.

»Was willst? Was willst machen?« fragte Moni.

»Was ich von dir gelernt hab',« sagte Brosi lachend. »Es hat einmal ein Mädle geben, das hat einem jungen Burschen einen Riegel vorgeschoben und hat ihn zum Haus 'nausgeschwätzt. Jetzt wird einem draußen ein Riegel vorgeschoben, und der darf nicht herein.«

Während vom Auerhahn die Musik herabtönte, erschollen laute Hammerschläge im Hause Brosis, denn er nagelte die Hausthüre, die Stallthüre und die Schuppenthüre zu und legte sich dann fröhlich ins Bette, im voraus lange ausmalend, was das morgen für ein Spaß sein werde.

Die Kinder und Enkel, die am Morgen nach dem Hause Brosis kamen, fanden dasselbe verschlossen, und auch auf Klopfen wurde nicht geantwortet.

Endlich kam Severin, auch er klopfte, aber niemand antwortete. Die Endringer kamen mit Schießen und Musik, um das Brautpaar zu holen. Brosi und Moni hörten, wie draußen viele Leute standen und auf allerlei rieten, und einige sagten sogar, Brosi und Moni seien gewiß an der Freude gestorben, das käme davon, wenn alte Leute solche Feste mitmachten.

Drinnen drang Moni in ihren Mann, er solle doch Antwort geben, das sei ja sündlich, die Leute so hinzuhalten; Brosi aber sagte, er möchte gern hören, was die Leute nach seinem Tode ihm nachsagten. Moni wollte auf wiederholtes Klopfen schreien, da hielt ihr Brosi den Mund zu.

Jetzt hörte man den Schlosser mit dem Dietrich an den Schlössern arbeiten, sie gingen auf und zu, aber keine Thüre öffnete sich, und Brosi lachte in sich hinein. Da rief Severin: »Wenn wir keine Antwort erhalten, schlagen wir die Thüre mit dem Beil ein. Vater, hört Ihr nicht?«

»Ja, ich höre,« antwortete Brosi, der sich an die Thüre gestellt hatte und nun erklärte, daß er nicht aufmache, wenn ihm Severin nicht sein Wort zurückgebe, und daß er in seinem alten Hause bleiben dürfe, lieber bliebe er ewig mit seiner Moni eingeschlossen.

Ein Jubel erscholl von der Straße, und Brosi öffnete endlich und reichte seinem Severin die Hand.

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