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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band. - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Zweites Kapitel. Ein Zwiegesang wird unterbrochen und wieder aufgenommen.

Um dieselbe Stunde, als das Kind in der Dachkammer erwachte und so unruhig blieb, brannten neben der Lampe noch zwei Lichter in der Wohnstube des Pfarrhauses, und drei Menschen saßen wohlgemut um den runden Tisch; es war der Pfarrer, die Pfarrerin und deren Bruder, ein junger Landwirt. Es war behaglich warm in der Stube; in den Pausen des Gesprächs hörte man bald einen Bratapfel auf dem Ofensims zischen, bald sprach der Kessel in der Ofenröhre auch ein Wort darein, als wollte er sagen, es ist noch Stoff genug da zu gutem Grog. Der Pfarrer, der sonst nicht rauchte, besaß die Geschicklichkeit, daß er, wenn ein Gast kam, auch zu rauchen verstand; dabei vergaß er aber doch seine Dose nicht, und so oft er eine Prise nahm, bot er auch dem Schwager eine an, der dann regelmäßig dankte. Der Pfarrer betrachtete mit offenbarem Wohlgefallen seinen Schwager, und die Pfarrerin sah auch bisweilen von ihrer Stickerei – es ist ein Geschenk für morgige Weihnachten – mit strahlenden Augen in das Angesicht ihres Bruders.

»Das hast du brav gemacht,« wiederholte der Pfarrer, und sein feines längliches Gesicht mit den feinen schmalen Lippen, den wasserblauen Augen und der hohen gewölbten Stirne gewann einen noch stärkeren Ausdruck innigen Wohlwollens, als sonst immer darauf ausgebreitet lag. »Das hast du brav gemacht, daß du die Feiertage für uns Urlaub genommen hast, aber,« setzte er lächelnd hinzu und schaute nach der Flinte, die in der Ecke lehnte, »dein Jagdgewehr wird dir hier nicht viel einbringen, wenn du nicht vielleicht das Glück hast, den Wolf zu treffen, der hier in der Gegend umgehen soll.«

»Ich bin nicht bloß zum Besuch und nicht bloß zur Jagd gekommen,« entgegnete der junge Landwirt mit wohltönender, tief ansprechender Stimme, »ich soll Ihnen, lieber Schwager, auch die Bitte ans Herz legen, daß Sie Ihre Bewerbung um die Stelle im Odenwald zurücknehmen und warten mögen, bis eine Stelle in der Nähe der Hauptstadt oder in der Hauptstadt selbst offen wird. Der Onkel Zettler, der jetzt Konsistorialpräsident wird, hat versprochen, Ihnen die erste offene Stelle zu geben.«

»Ist nicht möglich. Es wäre mir erwünscht, für Lina und für mich, den Eltern nahe zu sein, und ich habe auch oft einen wahren Durst nach guter Musik; aber ich tauge nicht in die neue Orthodoxie und in das Aufpassen, ob man auch streng kirchlich predige. Und da ist unter meinen Amtsbrüdern ein ewiges Gesorge für das Seelenheil der Pfarrkinder, ein gegenseitiges Rezeptegeben, das viel von Prahlerei hat. Es ist damit, wie mit der Erziehung; je weniger von Erziehung Eltern anwenden, um so mehr wissen sie sehr gescheit davon zu sprechen. Seid brav, und ihr erzieht ohne viel Kunst und ohne beständige Angst und Fürsorge eure eigenen Kinder und eure Pfarrkinder. Ich weiß, ich stehe auf dem Boden der reinen Lehre, soweit meine Kraft reicht, und überhaupt bin ich eigentlich ein Gegner aller Versetzungen. Man muß mit den Menschen alt werden, auf die man wirken soll. In einer guten Staatseinrichtung sollte man auf der Stelle bleibend in Gehaltserhöhung vorrücken. Ich habe mich um die Stelle im Odenwald nur gemeldet, weil ich fühle, daß ich für die Strapazen hier anfange alt zu werden, und auch weil ich einer Roheit nicht wehren kann, die mir das Herz empört. Doch, laß uns jetzt singen.«

Er stand auf, setzte sich an das Klavier und begann das Vorspiel seiner Lieblingsmelodie, und die Pfarrerin und der junge Landwirt sangen mit wohlgeübten Stimmen das Duett aus Titus:

»Laß Glück, laß Schmerz uns teilen.«

Es war wie ein Sich-fassen treuer Hände, ein glückseliges Umschlingen, indem die beiden Stimmen zusammentönten in der warmherzigen Melodie.

Schon während des Singens war es mehrmals, als ob man Peitschenknallen vor dem Hause hörte; man achtete nicht darauf und redete sich auch wiederum ein, daß es Täuschung sein müsse. Jetzt, da der Gesang geendet hatte, hörte man rasches und lautes Peitschenknallen; die Pfarrerin öffnete das Fenster und fragte in die Nacht hinaus: »Ist jemand da?«

»Ja freilich,« antwortete eine grobe Stimme.

Die Pfarrerin schloß schnell das Fenster, denn ein eisiger Luftstrom drang herein, und die Wangen der Sängerin glühten. Der junge Landwirt wollte nachschauen, wer es sei; aber die sorgliche Pfarrerin hielt ihn zurück, weil er auch erhitzt sei. Sie schickte die Magd hinab und beklagte unterdes, daß vielleicht ihr Mann noch heute in solcher Nacht auf den Weg müsse.

Die Magd kam bald wieder und berichtete, es sei ein Fuhrwerk da von der wilden Röttmännin, der Herr Pfarrer solle sogleich zu ihr kommen.

»Ist der Adam da oder ein Knecht?« fragte der Pfarrer,

»Ein Knecht.«

»Er soll heraufkommen und einstweilen etwas Warmes zu sich nehmen, bis ich fertig bin.«

Die Pfarrerin bat und beschwor ihren Mann, sich doch heute nicht mehr dem bösen Drachen zulieb in Lebensgefahr zu begeben, es sei ja schon bei Tag in solcher Jahreszeit lebensgefährlich, den weiten Weg nach Röttmannshof zu fahren, wie viel mehr bei Nacht.

»Muß ein Arzt zu einem Kranken und darf nicht nach Wind und Wetter fragen, wie viel mehr ich,« erwiderte der Pfarrer.

Der Knecht kam in die Stube, der Pfarrer gab ihm ein Glas Grog und fragte: »Steht's so schlimm mit der Röttmännin?«

»Ho! So schlimm just nicht. Sie kann noch weidlich schimpfen und fluchen.«

Nun beschwor die Pfarrerin ihren Mann abermals, doch zu warten, bis es Tag sei; sie wolle es vor Gott verantworten, wenn die wilde Röttmännin ohne geistlichen Beistand aus der Welt gehe. Die Pfarrerin schien aber doch schon zu wissen, daß ihre Einreden nichts helfen, denn während sie so dringend abmahnte, schüttete sie etwas Kirschengeist in ein strohumflochtenes Fläschchen, holte den großen Schafpelz herbei und steckte das Fläschchen in die Tasche.

Der junge Landwirt wollte den Schwager begleiten, aber dieser lehnte es ab: »Bleib du zu Hause und geht bald zu Bett,« sagte er unter der Thür. »Geht nicht mit, ihr werdet sonst heiser, und ihr sollt mir während der Feiertage noch viel miteinander vorsingen. Die schöne Mozartsche Melodie wird mich auf dem Weg begleiten.«

Bruder und Schwester gingen dennoch miteinander bis vor das Haus, wo der Pfarrer einstieg; die Pfarrerin wickelte ihm noch die Füße in eine große wollene Decke und sagte währenddessen zu dem Knechte: »Warum habt ihr einen Schlitten genommen und nicht einen Wagen?«

»Wir haben bei uns oben viel Schnee.«

»Ja, so seid ihr da oben: ihr denkt nie, wie es anderswo ist und ob man sich die Glieder zerbricht auf dem gefrorenen Boden. Fahr nur langsam bis ans Harzeneck. Gebt recht acht. Otto, steig auf der Otterswanger Höhe lieber aus. Nein, bleib sitzen, du erkältest dich sonst. Behüt' euch Gott!«

»Gut' Nacht!« rief noch der Pfarrer; es klang dumpf aus der Vermummung heraus; die Pferde zogen an; der Schlitten ging davon, und man hörte ihn noch weit hinaus durch das Dorf poltern und kollern. Bruder und Schwester gingen ins Haus zurück.

»Ich kann dir nicht sagen, wie wohl mir's thut, wieder deinen Mann zu sehen und zu hören,« sagte der junge Mann zur Pfarrerin in der Stube, »ich meine, je älter er wird, um so deutlicher wird seine reine schöne Natur, oder ist es nur an mir, daß ich ihn immer deutlicher sehe?«

Die Pfarrerin nickte und sagte: »Ja, du hast meinen Mann gewiß von Herzen lieb, aber du kannst dir doch nicht denken, was für eine reine Seele, was für ein heiliges Herz er ist. Mögen die Leute sagen, daß er nicht kirchlich genug; er ist selber eine Kirche. Man wird fromm durch ihn; er braucht weiter gar nichts zu thun, als da zu sein, sein gutes Wesen walten zu lassen; seine Sanftmut, seine unverwüstliche Liebe und Gerechtigkeit, das macht, daß alle Menschen, wenn sie ihn nur sehen, gut und fromm werden; und so ist's auch in seinen Predigten, da ist jedes Wort Seele, lauter Kern. Eigentlich hat er's gut, die Gemeinheit und Roheit begegnet ihm nicht. Der Maler Schwarzmann von hier, der einmal acht Tage bei uns gewesen ist und gesehen hat, wie die vierschrötigen Bauern gegen ihn sind, hat ein gutes Wort von ihm gesagt: unser Pfarrer kann jeden zwingen, daß er in seiner Gegenwart hochdeutsch denken muß. Es hat mir früher oft wehe gethan, daß ein solcher Mann auf dieser Höhe unter Bauern sein Leben verbringen soll, aber ich habe einsehen gelernt, gerade die höchste Bildung, die wieder einfach ist wie die Bibel, ist da am rechten Ort.«

Es läßt sich nicht sagen, ob das Entzücken, mit dem die Schwester sprach, oder das, mit dem der Bruder zuhörte, größer war, so wenig sich sagen läßt, ob für ein gutes Herz das Anschauen eines vollen Glückes oder der Besitz desselben größer ist. Und es gibt ja ein Glück, das niemand zu eigen gehört, sondern allen, die es zu empfinden verstehen, und das ist die Erkenntnis eines reinen Herzens und die Liebe zu ihm.

»Ich weiß jetzt, wo er ist,« fuhr die Pfarrerin fort und starrte drein, als sähe sie es vor sich; »jetzt ist er an der großen Hagebuche, und jetzt fahren sie um Harzeneck, da geht immer ein böser Wind. Wickle dich nur gut ein. Ich glaub', daß du die wilde Röttmännin noch bekehrst, ich glaub's; du kannst alles; und ich glaub', daß du noch den Adam mit der Martina traust, und dann bleiben wir doch wieder gern hier.«

Der Bruder wagte es kaum, die verzückt Dreinschauende anzureden. Endlich fragte er: »Wer ist denn die wilde Röttmännin und Adam und Martina?«

»Gut, setz dich her, ich will dir erzählen. Ich könnte ohnedies keine Ruhe finden. bis ich weiß, daß Otto unter Dach ist.«

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