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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band. - Kapitel 35
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Zwölftes Kapitel.

Napoleons Kontinentalsperre gegen England brachte dem Brosi reichlichen Verdienst, nicht als Fabrikant oder Schmuggler, sondern einfach als Maurer bei den vielen Fabrikgebäuden, die besonders im Elsaß errichtet wurden. Wir dürfen aber auch nicht vergessen, daß Brosi durch ein Weltereignis sehr viel Kummer hatte, denn Brosi wurde plötzlich ein Ausländer. Bei der Teilung Vorderösterreichs durch den Reichsdeputationshauptschluß wurde Endringen badisch und Haldenbrunn württembergisch. Dieser Schnitt ging Brosi ins Herz; er wußte nichts von deutscher Einheit, er war trotz seiner Verehrung für Napoleon doch gut kaiserlich und merkte nichts von diesem Widerspruche; das aber fühlte er doch, was es ist, Länder zu zerschneiden, und jedesmal, wenn er an dem Grenzpfahl im Walde vorüberkam, machte er ihm ein grimmiges Gesicht. Besonders mit seinem Gevatter, dem Gipsmüller, der nun auch ein Badischer geworden war, sprach er viel über die verkehrte Welt, und als es im Laufe der Jahre hart gegen Napoleon herging, war seine erste Hoffnung, daß Endringen und Haldenbrunn wieder zu einem Lande gehören würden.

Es ist aber wunderbar, wie bald die aufgepfropften Begriffe selbständig ausschlagen. Es vergingen kaum einige Jahre, als die Endringer und Haldenbrunner als Badische und Württembergische einander vielfach neckten.

In dieser Zeit hatte aber Brosi von der Welt doch alljährlich eine besondere Freude. Obgleich der »Rheinländische Hausfreund« ein badischer Kalender war, brachte ihn doch Brosi jeden Herbst mit nach Hause; aber er las keine Silbe darin, bis das Neujahr wirklich da war, und auf manchem Gang in der Nacht schmunzelte er vor sich hin, wenn er an die lustigen Geschichten dachte, die er gelesen hatte. Von der ganzen Sammlung seiner Kalender waren diese die erlesensten und in keinem ist mehr eingetragen. Es geschahen aber auch zu ihrer Zeit die wichtigsten Ereignisse.

Der Kilian hatte noch einen Bruder Namens Franz und außer seiner Schwester Rösle noch eine Namens Mariann erhalten, ein zweites Brüderchen lag neben dem Apothekerrösle auf dem Gottesacker. Es gab keine zweite Mutter in Haldenbrunn, die ihre Kinder mehr in Zucht und zur Schule anhielt, als Moni; ja, sie ging selber noch in die Schule und zwar bei ihrem Kilian, denn sie lernte bei diesem Geschriebenes lesen und selbst die Feder führen. Spielend und ohne daß die Kinder die Unwissenheit der Mutter merkten, lernte sie die Schreibkunst; sie hatte erfahren, wie nachteilig ihr deren Mangel gegenüber den Kindern war, und freute sich auch kindisch darauf, an Brosi selber einen Brief schreiben zu können. Es war ein seltsamer Anblick, wenn die Mutter mit den Kindern um den Tisch saß und wettete, wer zuerst mit seiner »Gschrift« fertig werde. Jener erste Brief Brosis aus ihren ersten Ehejahren diente Moni als Vorschrift; sie hat dabei freilich nicht orthographisch schreiben gelernt, aber besser als Brosi brauchte sie es auch nicht zu verstehen, und ihre Fehler waren gerade die, die Brosi auch machte. Dieser war ganz glückselig, als ihm seine Moni so unverhofft einen eigenhändigen Brief in die Fremde schrieb. Die Kinder durften auch oft Briefe an den Vater schreiben, von denen aber natürlich höchstens einer abgeschickt wurde. Der wissenschaftliche Betrieb im Hause war aber doch weit geringer als der praktische in Wald und Feld. Kilian mußte die Kühe in den Wald zur Weide führen, denn die Grasnutzung im Walde war damals noch allgemein, die andern mußten Streu einthun, Erdbeeren, Himbeeren, Heidelbeeren und Wacholder sammeln und teils selbst nach der Stadt zum Verkauf bringen, teils übernahm dies die Mutter. Ein besonderes Handelsgebiet war den Kindern aber auch darin eröffnet, daß sie im Herbste Lichtspäne – lange zugespitzte dünne Scheiben aus dem Kernholz von Kiefern, die man zur Beleuchtung in der Küche benützt – stundenweit in kleinen Körben auf dem Kopf nach dem Getreidelande tragen mußten, um dafür Mehl, Kleie, Schmalz oder auch Aepfel einzutauschen, und manchmal gab es sogar bares Geld, das die Kinder getreulich ablieferten. So kam es, daß Moni mit einem Häuflein Kinder nicht mehr brauchte, als da sie noch allein war, und die Kinder wurden gewitzigt und selbständig und früh auf ein sparliches Umtreiben hingewiesen.

Wenn Brosi im Frühling auf die Wanderschaft zog, begleitete ihn die Mutter mit den Kindern, die beiden Eheleute sangen nicht mehr, aber Brosi rief noch laut in der Ferne die Namen seiner Kinder nacheinander, und das war doch noch herzerfrischender als aller Gesang.

Jedesmal, wenn Brosi von der Wanderschaft nach Hause kam, kaufte er in der Stadt ein Weißbrot, und je mehr Kinder im Hause waren, je mehr Teile wurden daraus gemacht.

Das Heimweh Brosis wurde oft wieder stärker, in den letzten Herbstwochen war er immer ein verdrossener Arbeiter, ohne rechte Eßlust und ohne rechten Schlaf. Um sich zu zwingen, setzte er sich daher jedesmal noch eine Woche weiter zum Aufenthalt in der Fremde fest, aber jedesmal, wenn diese Woche kam, schenkte er sich dieselbe und eilte heim zu seiner Moni und zu seinen Kindern.

Brosi hatte noch eine zweite Wiese von anderthalb Morgen, die sogenannte Bömleswiese gekauft, es war dies der Boden eines abgetriebenen Waldes im untern Forlenthale, da wo der Bach eine so starke Biegung macht, daß er die Wiese mehr als im Halbkreise umzieht. Moni hatte auch eine erkleckliche Beisteuer dazu gegeben, denn, trotzdem sie vier Kinder hatte, gewann sie immer noch so viel Zeit zum Spinnen, daß sie neben dem Hausbedarf an Leinen fünfzig Ellen jährlich verkaufen konnte; daneben legte sie noch manches zurück zur künftigen Aussteuer für ihre Töchter, und dazu hatte noch jedes Kind einen baren Fünffrankenthaler, denn Brosi hatte jedem das Gleiche geschenkt wie seinem Erstgeborenen, und ganz allein von ihrer Ersparnis hatte Moni nicht nur eine vermehrte Kopfzahl für die im Kriege verlorenen angestammten Hühner erobert, sie vermehrte auch noch ihre Hausmacht durch fünf stattliche Gänse.

So schmerzvoll und niederdrückend es ist, wenn ein Familienvater sich trotz aller Mühen von Jahr zu Jahr verarmen und verkommen sieht und das noch ein glückliches Jahr nennen muß, in dem er sich so durchschlug, daß er nichts einbüßte, ebenso erquickend ist das Gefühl, sich wachsen zu sehen.

Es kommt so selten vor, daß jemand von Grund des Herzens und jahrelang sagt: ich bin ein glücklicher Mensch. Brosi sagte dies und er war es auch; dabei pflegte er hinzuzusetzen: »Ich hab', gottlob! in siebzehn Jahren dem Apotheker nicht mehr bezahlt als einen Batzen, und den für– Rattenpulver.«

Das innere Wohlgefühl Brosis wurde aber auch zum Wohlwollen für andre Menschen; nie hörte man ihn ein böses Wort über jemand reden, und wenn man im Auerhahn oder sonst wo über einen loszog, duldete er das nicht und nahm sich des Beschimpften in jeglicher Weise an. Es konnte nicht fehlen, daß Brosi bei seiner immerwährenden Heiterkeit für einen halben Narren galt; aber die Rechtschaffenheit und Gutmütigkeit hat doch so viel Bewältigendes, daß er in Ehre und Ansehen stand, und besonders das, daß er niemand Böses nachredete, machte ihn in vielen Dingen zum Ratgeber und Schiedsrichter, und Brosi konnte bei mancher glücklichen Auskunft hinzusetzen: »Ja der Brosi. Mein Mann ischt koanr.«

Die Kinder Brosis wurden mit diesem Eitelkeitsspruche ihres Vaters frühzeitig geneckt, und wo sie hinkamen, hieß es oft: »Wie sagt der Brosi? Mein Mann ischt koanr.« Sie klagten das oft der Mutter, aber diese wagte es nicht, gegen eine Grundeigenschaft ihres Mannes und deren Ausdruck anzukämpfen; sie hatte es einmal versucht, und jene Trutzwoche hätte sich fast wiederholt, sie beschwichtigte nun die Kinder, so gut sie konnte, und besonders damit, daß man jedem was nachspotten müsse, und ihr Vater dürfe das schon noch sagen, es gäbe auch keinen solchen Mann mehr auf der Welt, wie er sei. Das merkte sich der kleine Kilian, und als er wieder damit geneckt wurde, sagte er stolz: »Und es ist erst noch wahr, so wie mein Vater gibt's keinen mehr.«

Als man Brosi diese Rede seines Erstgeborenen erzählte, hatte er diesen, der ohnedies sein Liebling war, noch einmal so gern; er nahm ihn oft des Sonntags mit in den Auerhahn und am Werktag in die Gipsmühle. Der Kilian war überhaupt ein gescheiter Bub, er hatte einst das einzige Leidwesen Brosis in der Frage ausgedrückt: »Vater, bist du nur im Winter unser Vater?« Brosi versprach, ihn bei der Entlassung aus der Schule mitzunehmen, dann habe er auch einen Sommervater.

An der Kirchweih tanzte Brosi allezeit regelmäßig mit seiner Moni, und die Kinder, die auf dem Hausflur waren, tanzten dort ebenfalls. Mit des Kappelbauern Lisle (die Witwe hatte schon lange wieder geheiratet) tanzte der Kilian den Hoppetvogel und den Siebensprung gerade wie der Vater mit der Mutter.

In dem Jahre, als die Verbündeten in Paris einzogen, hatte auch Brosi einen Verbündeten. Er nahm seinen Kilian mit auf die Wanderschaft und sagte zu seiner Moni: »Weißt noch, wie ich mir die Zeit herbeigewünscht hab'? Und jetzt ist sie da. Es kommt alles. Drum lustig, solang es tagt.«

In dem Jahr, als Württemberg einen neuen König erhielt, wurde Brosi noch ein Sohn geboren. Der Revierförster, der jetzige Auerhahnwirt, der zu Gevatter stand, gab ihm den Namen Wilhelm; Brosi aber rief ihn bei seinem zweiten Taufnamen Severin. Er hatte seine besondere Freude an dem kleinen Severin und sagte oft:

»Ich freu' mich nur, daß wir auch wieder ein klein Kind haben, wenn sie nur auch länger so klein und lieb bleiben thäten; wenn sie einmal größer sind, sind's keine Kinder mehr und machen einem nur noch die halbe Freude.«

Das erste Lebensjahr Severins war das schwerste für die ganze Familie, es war das Hungerjahr siebzehn. Brosi war vor allem darauf bedacht, daß die Mutter und das Kind die rechte Nahrung hätten; aber der Unsegen, der damals auf allem ruhte, daß man ganze Schüsseln aufessen und doch nicht satt sein konnte, schien sich auch auf die Muttermilch zu erstrecken: der kleine Severin schrie immer, mehr als je ein andres Kind.

Brosi wäre in seinem ganzen Hausstande zurückgekommen, wenn sich nicht jetzt der Gevatter Gipsmüller bewährt hätte; er verkaufte kein Korn an Brosi; er lieh es ihm nur unter der Bedingung, daß er ihm solches im andern Jahre wieder als Korn zurückerstatten müsse.

Wenn Brosi später den Jahrgang siebzehn seiner Kalender in die Hand nahm, sagte er: »Da steht gar nichts darin, ich vergeß das Jahr aber doch nie.«

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