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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band. - Kapitel 31
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Achtes Kapitel.

Das war das erste Mal, daß sich ein seltsames Heimweh in Brosi festsetzte, und dies behielt er, wie wir sehen werden, sein Leben lang.

Was ist aber alle Menschengeltung und alles Sinnen und Grübeln, wenn's wieder an die Arbeit geht? Dahin wie der Schatten einer fliegenden Wolke. Das ist der Segen aller Arbeit, zumal der leiblichen Hantierung, daß sie den Menschen wieder auf sich stellt: vergessen und nicht dagewesen ist alle kleinliche Verstimmung, die in der Müßigkeit der Mensch über sich kommen läßt, oder die andere ihm einflößen.

Wenn Brosi in seine Werktagskleider schlüpfte und seinen Schlitten auf die Schultern nahm, wußte und wollte er nichts mehr davon, ob man ihn für einen närrischen Spaßmacher hielt oder nicht; er hatte eine brave Frau, verdiente sein Brot und noch eine Ersparnis dazu, und nun mögen andere auch treiben und denken, was sie wollen; er pfiff seine Ländler so lustig wie je und blieb dabei, daß er sich seinen Frohmut von niemand nehmen lasse.

Es hatte nach einem Tauwetter tüchtig gefroren, und mit den Steigeisen sich scharf einhakend, marschierte der Trupp nach der Spitze des Kappelberges. Brosi mußte wiederum zuerst auf die Bahn. Er hatte ein halb Klafter auf den Schlitten und die Sperren geladen, aber kaum ist er damit am Bergeshang, da treibt es ihn so gewaltig, daß es ihn vom Boden hebt und er zappelnd sich mit beiden Händen noch an der Gabel festhält, und durch einen glücklichen Schwung treibt er den Schlitten seitwärts und gewinnt wieder den Boden unter den Füßen, er steift sich mächtig zurück, sich fast ganz zurücklegend, und schaut hin und her, um nirgends anzurennen oder eine Stelle zu erkundigen, wo er einen Widerhalt finde, um festzustehen. Die Kameraden oben schreien und pfeifen, aber er versteht nicht, was sie schreien, und was sie mit dem Pfeifen meinen; er sucht aus dem Gurte zu schlüpfen, den er über die Brust gespannt hat, und der ihn an den Schlitten heftet, er will dann eine rasche Wendung versuchen, um sich hinter den Schlitten zu bringen und ihn allein den Berg hinabstürzen zu lassen; aber er kann hüben und drüben keine Hand loslassen; der Gurt reicht ihm vom Rücken schon bis ans Kinn, doch er kann mit dem Kopf nicht durchschlüpfen, und jetzt stößt es ihn plötzlich wieder vorwärts, als ob der ganze Berg hinter ihm dreinschiebe. Er sieht und hört nichts mehr, und fortgeschleudert und mit dem Schlitten über einen Hang hinab durch die Luft fliegend, befiehlt er Gott seine Seele; da kracht und poltert es, er liegt zur Seite geschleudert, er lebt, er hebt den Kopf empor, und dort überstürzt sich der Schlitten zwei, dreimal und liegt endlich an einen mächtigen Felsen angerannt. Brosi erhebt sich auf die Kniee, die zitternden Hände ineinander faltend, betet er ein Vaterunser, und inbrünstiger wurden diese Worte gewiß nie gesprochen, als hier in der erstarrenden Bergschlucht.

Wäre Brosi nicht auf fast wunderbare Weise aus dem Gurte geschlüpft, er läge jetzt dort am Felsen zerschmettert. Das Herz im Leibe zitterte ihm, als er jetzt aufstehend an Moni und das traurige Geschick des vor der Geburt Verwaisten gedachte; er begann nochmals ein Vaterunser, als er es jenseits des Felsens krachen und splittern hörte, und dann war alles still. Er konnte nicht weiter und setzte sich wie zerschlagen auf den umgestürzten Schlitten; da vernahm er wieder Schreien und Pfeifen, sie suchten ihn gewiß, und mit angestrengter Kraft rief er laut zwischen die beiderseits vorgehaltenen Hände: Hallo! Von allen Seiten antwortete es ihm, und der Jörgtoni, bei dem Brosi früher als Schlafgänger gewesen war, stand zuerst vor ihm.

»Hast du den Uribasche nicht gesehen? Er ist hinter dir drein,« fragte der Jörgtoni, ohne die glückliche Rettung Brosis mit einem Worte zu erwähnen.

»Ich weiß von niemand was, ich dank' Gott tausendmal, daß ich noch von mir weiß,« antwortete Brosi, und bald standen die andern mit leeren Schlitten bei ihm; des Uribasches Kalter jammerte kläglich nach seinem Vater.

Man umging den Felsen, Brosi schlich mühsam hinterdrein, und der Jörgtoni, der wieder der erste war, rief laut:

»Daß Gott erbarm, da liegt er tot!«

Alle standen festgebannt, lautlos, nur des Uribasches Kalter wimmerte und jammerte, und die Zähne klapperten ihm.

»Das ist rack aus gewesen,« sagte der Jörgtoni, der den Zerschmetterten untersuchte. Man lud ihn auf zwei zusammengebundene leere Schlitten, deckte ihm mit dem Kittel, den man ihm auszog, das Gesicht zu, drei Mann spannten sich vor, und auf mühsamen Umwegen auf dem eingefrorenen Bache führte man die Leiche nach dem Dorfe. Der Sohn des Uribasche ging hinterdrein, in der einen Hand trug er die Mütze des entseelten Vaters und wischte sich damit die Thränen ab, die alsbald gefroren, in der andern Hand trug er ein Stück Brot, das dem Vater aus der Tasche gefallen war; er sah wehmütig darauf, man wußte nicht, ob aus Kummer, oder weil er nicht wußte, ob er dreinbeißen solle.

Brosi folgte still und matt, es fror ihn mächtig, als aber die Ziehenden abwechselten, spannte er sich selbst auch vor, und die Anstrengung brachte ihn zu neuer Kraft.

Im ganzen Dorfe war Jammer und Wehklage über den so jähen Tod des Uribasche, ein jedes wollte sein bester Freund gewesen sein und hatte schöne Thaten von ihm zu erzählen, besonders die Frauen, die sich auch hier am zahlreichsten einfanden, stimmten darin überein, daß man solch einen braven Nachtwächter nie mehr bekomme. Diese hatte er immer pünktlich geweckt, wenn sie große Wäsche hatte, jener hatte er eine verlaufene Gans heimgebracht und einer andern ein vergessenes Stück Tuch von der Bleiche geholt. Auch der Kalte, der sonst meist nur Spottreden erfuhr, lernte zum erstenmal die guten Worte der Menschen kennen; er stand aber noch immer wie vergessen da, rührte nicht Hand noch Mund und hielt die Mütze in der einen und das Stück Brot in der andern Hand. Von der wunderbaren Rettung Brosis sprach niemand eine Silbe. Als er heimwärts ging und ihm Moni entgegeneilte, ihn auf offener Straße umarmte und weinend rief: »Gott Lob und Dank, daß du gesund bist!« da sagte er: »Ja, ich dank' Gott, daß ich dich hab'; ich hab' doch einen Menschen, der sich freut, daß ich noch da bin, die andern, die thun, wie wenn ich gar kein Mensch wär', weil ich von Endringen bin. Das Nest ist's aber nicht wert, daß einer von Endringen hier Burger ist.«

Moni hatte viel zu thun, ihm diesen Aerger auszureden, sie verschluckte den Kummer, daß er immer Endringen wie ein Paradies lobte und ihren Geburtsort so herabsetzte; nach echter Frauenart sagte sie:

»Dank' Gott, daß er uns nicht härter gestraft hat, weil wir in Unfriede gelebt haben; er hat uns gezeigt, was wir verdienen. Gott Lob und Dank, daß die Warnung so an uns vorbeigegangen ist!«

Dem Uribasche galt das erste Läuten der Totenglocke von Haldenbrunn, und seitdem heißt diese Glocke der Uribasche. Dieses Andenken ist länger geblieben, als das andere, das ihm errichtet ward; das hölzerne Kreuz draußen am Felsen des Kappelberges, wo er den Tod fand, ist längst versunken und verschwunden.

Am nächsten Sonntag schrieb indes Brosi in seinen Kalender: »Der Herr über Leben und Tod hat mich vor einem frühzeitigen Ende bewahrt; ihm sei allezeit Preis und Dank. Ulrich Sebastian genannt Uribasche †.«

Des Uribasches Kalter übernahm die Bedienstung seines Vaters als ein Erbamt; man überließ es ihm ohne Widerrede, solange das Mitgefühl um den Tod des Vaters noch frisch war; gegen Neujahr aber mehrten sich die Klagen, daß man dem halben Simpel die Bewachung des Dorfes überlasse, zumal in so gefahrvollen Zeiten, und der Bewerber fanden sich viele.

Brosi ging seiner Arbeit nach; aber auf allen, die sie vollzogen, lag eine Bangigkeit: der Tod des Uribasche machte sie beklommen, und vor der Abfahrt wurde jetzt oft still gebetet.

Moni erzählte ihrem Manne, daß der Kalte nicht mehr lange Nachtwächter bleibe, und Brosi sagte scherzend, das wäre ihm für den Winter ein fröhliches Amt, und er würde die Holzfuhren dann aufgeben.

Am andern Tage sah man Moni ungewöhnlich viel im Dorfe umherlaufen, sie ging bei den Großbauern umher, die im Auerhahn so freundlich mit ihr gesprochen hatten.

Als es am Neujahrstage zur Wahl kam, erhielt Brosi die gewichtigsten Stimmen; er that aber noch ein übriges, teilte das Amt mit dem Kalten, der auch in den kurzen Sommernächten den Dienst allein versehen konnte und im Winter nur die Stunden vor Mitternacht anzurufen hatte: die nach Mitternacht behielt sich Brosi.

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