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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band. - Kapitel 28
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Fünftes Kapitel.

Man redet so lang von der Kirchweih, bis sie endlich da ist, das ist eines der unbestreitbarsten Sprichwörter, und es bewährte sich auch in Haldenbrunn.

Im dichten undurchdringlichen Morgennebel, den man nach dem Ausspruche vieler fast mit Löffeln essen könnte, krachten die Böllerschüsse und ertönten zum erstenmal die Kirchenglocken von Haldenbrunn allesamt und so hell wundersam von unsichtbarer Höhe, daß alles auf die Straße rannte und eins dem andern zurief, doch auch hinzuhorchen, wie schön das klinge: solch ein Geläute habe keine Gemeinde landauf und landab; eines bestärkte das andere in der zuversichtlichen Hoffnung, daß der Nebel fallen und ein heller Tag darüber erscheinen werde.

Brosi ging beim ersten Geläute nach dem Hause seiner Monika, er hatte unwillkürlich die Hände gefaltet, und seine Lippen bewegten sich, denn er sprach vor sich:

»Guter Gott, gib, daß diese Glocken uns nur Stunden des Glücks und der Freude ankündigen.«

Als das Gesamtgeläute vorüber war, tönten noch drei einzelne Glockenschläge nach, als sprächen sie dreimal Amen.

Moni war nicht in der Stube, sie war in der Bühnenkammer, die Brosi wohnlich hergerichtet hatte; die Thüre war verschlossen, und Brosi bat nicht um Einlaß, es wäre gegen allen Brauch gewesen, dieses Gemach jetzt zu betreten.

»Hast's auch so schön läuten gehört?« fragte Brosi, und von innen antwortete es:

»O, freilich! und ich hab' gewußt, daß du kommst, und ich hab' zu Gott gebetet, er soll uns alle Stunden, die uns die Glock' angibt, in Zufriedenheit erleben lassen, und wenn es Leidmut gibt, soll er helfen, daß wir bald wieder darüber 'naus kommen.«

Das war ja ganz dasselbe, was in Brosis Herzen aufgestiegen war, nur noch bedachtsamer auf Leid und Ungemach. Moni ließ ihn nicht lange hierüber nachdenken, denn sie rief, indem sie eine Kiste zuschlug:

»Wenn sich nur das Wetter auch aufheitert. Geh 'nunter, ich komm' sogleich.«

Das Apothekerrösle war auch heute noch voll grämlichen Klagens und sagte immer, die ganze Welt sei darauf zugespitzt, um es zu ärgern: sich zum Possen müsse es den Tag noch erleben, wo alles sich draußen freut, und es müsse daheimliegen wie eine kranke Katz.

Brosi schauderte bei dieser unzerstörbaren Giftigkeit und der Erinnerung an die Katze; er bat indes die Schwiegermutter, doch wenigstens heute fröhlich zu sein, er wolle ihr Wein und Braten und Kuchen nach Haus schicken oder selbst bringen, sie solle mindestens heute freundlich zu den ankommenden Gästen sein, sie habe bösen Namen genug.

»So?« rief das Apothekerrösle mit gellender Stimme, »ich weiß wohl, die Leut' halten mich für eine Hex', aber wenn ich machen könnt', daß mich die Leute für des Teufels Großmutter hielten, ich thät's. Lieber möcht' ich von einem tollen Hund gebissen sein, als von den Menschen gern gehabt. Wenn sie so recht Furcht vor mir haben, das ist mir recht. Wenn sie nur so stark Furcht hätten, daß sie alle die Gichter kriegten, wenn ich sie anseh'!«

Moni unterbrach diese Herzensergießungen, die noch viel weiter gehen zu wollen schienen, sie brachte ihrem Bräutigam das feine flächsene Hemd, das sie selbst gesponnen, gebleicht und genäht und das er heute den ganzen Tag tragen mußte. Das Apothekerrösle wollte die Geschichte vom Rockertsweible erzählen, das ein Hemd aus Brennesseln gesponnen habe; aber Moni befahl ihr in scharfem Tone, davon still zu sein, und klagte über die Brautjungfer, die so lange auf sich warten lasse, und die Mutter äußerte schadenfroh, daß sie gewiß gar nicht kommen werde. Da ertönte das Schellengeläute eines Fuhrwerkes vor dem Hause, die Brautjungfer war angekommen, ihr vorauf lud man einen großen Sack ab, es war ein Malter Weißmehl, das als Hochzeitsgeschenk in den Hausgang gestellt wurde. Ehe die Brautjungfer in die Stube ging, ließ sie den Sack umdrehen, und da war auf demselben deutlich »Ambrosius Heller 1799« in einem Kranze zu lesen. Die Brautjungfer trug einen Rosenkranz um die Hand geschlungen, offenbar zum Schutz gegen die Hexerei des Apothekerrösle; sie schickte sogleich den Brosi fort, da es gegen alles Herkommen war, daß er sich jetzt im Hause befand.

Zum zweitenmal knallten die Böllerschüsse, die Glocken läuteten, und alles jauchzte, da die Sonne hell hervorbrach. Moni war besonders glücklich, da sie just in dem Augenblicke so hell erglänzte, als ihr die Brautjungfer die Flitterkrone, die sogenannte Schappel, aufsetzte. Die Sonne hatte aber in Haldenbrunn noch gar viel andere Herrlichkeiten zu bescheinen: vom Turme flatterten Fahnen, und an den Häusern hingen überall Kränze von grünen Tannenreisern und Stechpalmen, aus denen in Ermanglung von Blumen aufgereihte Hagebutten und Zweige von Pfaffenhütchen und Vogelbeerbüschel hervorschauten. Der Auerhahnwirt hatte von seinem Hause nach dem gegenüberstehenden Kirschenbaume am Röhrbrunnen einen mit vielen Bändern verzierten Kranz gezogen, und auf den Straßen lagen überall Tannenreiser, Ginster und sogenanntes Schafterheu; der Wald hatte seinen Gruß gesendet zum Danke dafür, daß ihn nun Glockenschall durchhallte.

Die Burschen von Endringen kamen alle insgesamt unter Pistolenknallen und mit bänderverzierten Rosmarinsträußen auf dem Hute, sie holten Brosi ab, um ihm das Geleite nach der Kirche zu geben. Als es zum drittenmal läutete, Böller und Pistolenschüsse knallten, ertönte die Musik, die beiden Hochzeitläder gingen mit gezücktem Säbel vor und hinter der Braut; zum erstenmal ertönte zum feierlichen Gottesdienste die Orgel in der Kirche, und man sah viele Leute vor Freude und Rührung weinen. Der Geistliche, ein Heimatgenosse Brosis aus Endringen gebürtig, verstand es, die rechten Worte für die Weihestimmung zu treffen, und als er die Anrede an Brosi hielt, wünschte er ihm, daß sein Glück so fest und ohne Wanken sein möge wie die Steine des Baues, die er zusammenfügen geholfen.

Beim Ausgang war ein großes Gedränge, abermaliges Läuten, Böllerkrachen und Musikschall, und jetzt, nachdem der nötige Ernst abgethan war, brach die Freude mit verdoppelter Macht hervor.

Die Brautführer geleiteten die Braut und deren Gespiele bis ins Wirtshaus, stießen dort ihre Säbel in die Stubendecke, genau da, wo Braut und Bräutigam sitzen müssen, und nun begann der Brauttanz. Es war eine Lustbarkeit, wie sie zwischen den dunklen Wäldern noch selten gefunden war, und Brosi nickte zufrieden, als ihm einer der Burschen mitten aus dem Tanze zurief: »Heut sind wir alle lauter Brosis!« Er selbst fühlte sich in seiner neuen Würde zu ernstem Maßhalten gestimmt, er hatte auch dafür zu sorgen, daß er mit jedem der Gäste ein freundliches Wort sprach und daß jeder für sein Geld gehörig bedient werde. Auch hatte Brosi Grund genug zu ernstem Nachdenken. Er hatte seiner Schwiegermutter Wein und Essen nach Haus gebracht, und sie hatte vor seinen Augen den Wein in die Stube geschüttet und dabei so höllisch gelacht, als wäre ihr Wunsch vom Morgen in Erfüllung gegangen und sie wirklich des Teufels Großmutter. Er suchte indes den Gram darüber zu verwinden, und in erster Anwendung seines vor der Hochzeit angelobten Verfahrens unterließ er es, der Moni etwas davon zu sagen. Diese strahlte in harmloser Seligkeit und brachte es eben dadurch auch zuwege, ihn zu erheitern und den Vorsatz in ihm zu befestigen, das Apothekerrösle wie einen Narren zu behandeln, mit Geduld und Gleichgültigkeit.

Als es Abend zu werden begann und manche Gäste sich zur Heimfahrt anschickten, schrie alles wie aus einem Munde:

»Bändelestanz! Brositanz!« und Brosi mußte den auf der Hochzeit des Furchenbauern erfundenen Reigen abermals ausführen. Heute aber faßte er nur seine Moni und sang dabei:

Weil Scheiden bitter ist
Und 's Lieben süß,
Jetzt leg' i mei'm rechten Schatz
D' Händ' unter d' Füß'.

Trotzdem schon viele Pferde auf der Straße angespannt waren und hell wieherten, versprachen doch viele Gäste noch zu bleiben, wenn Brosi auch noch den Hoppetvogel und den Siebensprung ausführe. Er ließ sich dazu nicht lange bitten, und man konnte nicht sagen, wer alles zierlicher und auf den Ton hin genauer ausführte, er oder Moni. Die volle Lustigkeit brach wieder in Brosi hervor, er jauchzte und sprang und sang, daß alles auf Tisch und Bänke stieg, um ihm genau zuzusehen, und als er geendet hatte, rief er: »Eingehalten! Es kommt was.« Er trat mit Moni vor die Brüstung, hinter der die Musikanten saßen und sagte: »Moni, das ist auch ein Altar, und jetzt kommt ein neues Versprechen. Ich nehm' euch alle zum Zeugen, da schwör' ich's: solang mir der oberste Musikant da zu allerhöchst oben Leben und Gesundheit schenkt, tanz' ich jede Kirchweih. Schwör' du das auch, Moni, thu's, ich bitt' dich drum.«

»Ja, ja, ich schwör's auch!« rief Moni und reichte ihm die Hand; die Musikanten wirbelten einen Tusch und hefteten gleich einen lustigen Hopser dran. Alle Gäste, denen Brosi und Moni das Geleite geben mußten, um von ihnen das übliche Geldgeschenk zu empfangen, beteuerten, noch nie eine so lustige Hochzeit mitgemacht zu haben, und der beste Beweis, daß alles glücklich und zufrieden war, lag darin, daß Moni im geheimen ihrem Mann ins Ohr sagte, sie hätten jetzt neben dem Sack Mehl und anderem schon dreißig Gulden bar über die Hochzeitskosten eingenommen.

»Hast's gezählt?« fragte Brosi.

»Ja, ich hab' alles ungesehen abgezählt, eh' ich's in Sack than hab'; da rechts hab' ich achtzehn, und da hab' ich siebenundzwanzig Gulden. Wir kaufen dem Beständer unser Kühle ab, es ist gar ein brav Kühle, das wird das Beste sein.«

»Ja, ja,« sagte Brosi und rieb sich vergnügt die Hände, er sah schon jetzt wieder deutlich, was für eine »häusliche« Frau er hatte.

Nachdem die Braut gestohlen und dann wieder ausgelöst worden war, ging die Lustbarkeit von neuem an. Brosi sprach im geheimen vom Heimgehen, aber Monika hatte noch manche Leute im Auge, die noch kein Geschenk gegeben hatten, deren Weggang mußte abgewartet werden. Endlich nickte Moni still, als ihr Brosi wieder winkte, sie schlich sich fort, und bald war Brosi bei ihr auf der Straße; aber so verborgen sie sich auch glaubten, sie waren doch entdeckt worden, und Musik und Gesang tönte ihnen von den Fenstern heraus nach.

Nicht weit von ihrem Hause sprang Moni davon, er ließ sie gewähren, denn es gilt als Zeichen, daß der die Herrschaft bekommt, der zuerst ins Haus tritt, und Brosi sah schon, daß er gut dabei stand, wenn er seine Frau walten ließ. Er sah sie in das Haus treten und die Thüre hinter sich offen lassen, aber so sehr er auch das Haus durchsuchte und sie rief, er fand sie nirgends, auch in der Bühnenkammer war sie nicht und nicht auf dem Heuboden, nicht im Stall und Keller. Endlich rief er: »Soll ich an meinem Hochzeitstag fluchen? Und das muß ich, wenn du nicht kommst.«

»Such' das Geheimnis,« rief eine Stimme wie aus der Ferne, und auf die Bitten Brosis rief es endlich deutlicher: »Da bin ich.« Unter der Treppe war ein Laden, der in die Raufe nach dem Stalle ging, und Moni erklärte, daß sie hier hin verschwunden sei in jener Nacht, als sie ihn aus dem Hause bettelte.

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