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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band. - Kapitel 27
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Viertes Kapitel.

Es gibt ein Bekenntnis der Armut, das sich unter allen am schwersten bekennen läßt: es ist die Armut an Freundschaft. Nur ein in ungemessener Selbstherrlichkeit sich erhebendes Wesen vermag dieses Geständnis mit einem gewissen heiteren Gleichmut zu thun, weil sich darin wiederum die große Thatsache offenbart, daß niemand ihm gleichkomme, sei es an wirklichem Gehalt oder auch nur an Verständnis seiner unerfaßlichen Bedeutsamkeit. Untergeordnete, in sich oder von der Welt sich abhängig fühlende Naturen dagegen erkennen in ihrem Mangel an Freundschaft nicht nur eine Härte und schiefe Stellung des Geschickes, die oft dabei mitwirkt, sondern auch in der Aufrichtigkeit vor sich selber einen Fehler in der eigenen Natur, die es nicht vermag, Liebe zu gewinnen und festzuhalten.

Mit demutsvoll niedergeschlagenen Augen und zitternder Stimme sagte eines Tages Moni zu ihrem Bräutigam:

»Horch, Brosi, ich muß dir etwas sagen. Dann bin ich aber auch ganz fertig und kannst mich aufschneiden und findest keinen verborgenen Gedanken mehr in mir.«

»Was hast? Sag's nur frei heraus.«

»Guck, mein' Mutter ist gewiß viel daran schuld, du weißt ja selbst am besten, wie sie ist; aber ich bin auch schuld, gewiß, ich auch.«

»Was hast denn? 'raus mit.«

»Guck, ich hab' auf der ganzen weiten Welt keinen Menschen, den ich zur Hochzeit laden kann, und ich hab' keine Gespiele, die an unserem Ehrentag mit mir in die Kirche geht. Die Näherlise, die in Endringen mit mir getanzt hat, wär' die einzige, aber die kann ja jetzt nicht. Ich hab' niemand auf der Welt, ich bin wie aus dem Stein gesprungen; wenn ich mein' linke Hand in die rechte nehm', hab' ich all' meine gute Freund' bei einander. Gelt, ich seh' dir's an, das thut dir auch weh, aber red' jetzt und sag', wie wir's machen.«

Moni hatte recht gesehen. Ein gewisses bräutliches Bangen, das halb verschleierte Bewußtsein, nun mit dem ganzen Leben abgeschlossen zu haben, hatte schon manchmal bei aller Zuversicht das Herz Brosis erzittern gemacht; jetzt bei dieser Kundgebung kam es wieder. Er wollte schon losbrechen in der Darlegung seiner Bekümmernis, als er noch zeitig genug an sich hielt, denn jetzt zum erstenmal kam ihm der Gedanke, daß zwei Menschen, die sich zu einem vollen Gemeinleben verbinden, wohl in Ehrlichkeit und Offenheit zusammenstehen müssen, daß es aber die Pflicht des einen sei, dem andern, das in Leid oder Leidenschaft versunken ist, nicht durch eigene Zuthat solches noch zu vermehren, sondern ihm herauszuhelfen.

Ueber das Antlitz Brosis zog eine eigentümliche sonnige Klärung, er faßte die Hand Monis und sagte:

»Red' nicht so. Freilich ist's hart. Sag' aber nicht, wenn deine rechte deine linke Hand faßt, habest du alle deine gute Freund'. Da hast meine zwei Händ', und ich hab' viele Freunde, und die sind alle dein, und ich hab' niemand auf der Welt, der was gegen mich hat, auch der Furchenbauer nicht. Ich schaff' dir Gespielen, so viel du magst und die fürnehmsten aus der ganzen Gegend. Wenn nur wir zwei mit Gottes Hilfe gut Freund sind, dann wird's die ganze Welt auch sein.«

Moni beugte ihr Haupt nieder und legte ihre brennende Wange auf die Hand Brosis, dann richtete sie sich auf, schüttelte seine beiden Hände mit mächtiger Kraft und sagte:

»Brosi, das vergess' ich dir nie, nie, wie du jetzt gegen mich gewesen bist. Du wirst sehen, was du an mir hast.«

Die Verlobten hielten ihre beiden Hände fest und sahen einander tief in die Augen, und dieser Blick sprach mehr, als alle Worte auszudrücken vermögen. Ohne Kirche, ohne Priester und Zeugen kam die Segnung der ewigen Weihe über die beiden Verbundenen.

Moni war so aufgelöst und hingegeben, daß sie schon heute ihrem Verlobten das Rätsel jener Traumnacht lösen wollte, aber Brosi wollte nichts davon hören.

»Du mußt mich dazu anhalten, daß ich bei meinem Wort bleib', und ich will's auch so halten,« erklärte er, worauf Moni diese feste Männlichkeit hochpries. Brosi schmunzelte, dann aber sagte er mit der Zunge schnalzend:

»Jetzt ist's genug, sonst kommen wir ja in ein Geflenn, wie die Katzen auf dem Dach. Lustig, und wenn der Sack sieben Löcher hat.«

Zum erstenmal mußte Moni mit ihm in den Auerhahn zum Weine gehen, sie sträubte sich lange dagegen und wollte es auf Sonntag verschieben; aber Brosi behauptete, heut sei Sonntag, und gab seiner Braut als Probe auf, das augenblicklich zu glauben. Lachend sagte Moni:

»Hast recht, heut ist Sonntag, aber ich will deswegen auch schnell meine Sonntagskleider anziehen. Ich bin gleich wieder da.«

Sie erfüllte dieses Versprechen mit überraschender Schnelligkeit, und noch nie schmeckte Brosi ein Schoppen so gut, als den er mit seiner Moni austrank. Durch die Nacht heimwärts gehend, sangen sie in beweglicher Weisung:

Es gibt kein' größre Freud
Auf dieser Erden,
Als wenn zwei junge, junge Leut'
Zwei Eheleut' werden.

Da gibt es keine Not,
Kein Kreuz und kein Leiden,
Nichts als der bittre Tod,
Der kann sie scheiden.

Noch nie ging Brosi so wonneselig von seiner Braut, als an diesem Abend. Als er ihr am andern Morgen begegnete, sagte sie:

»Du hast mich ganz narret gemacht, es will mir gar nicht aus dem Sinn, daß gestern Sonntag gewesen ist und die Leut' sagen, heut sei Freitag.«

»Diese Woch' hat halt zwei Sonntag',« entgegnete Brosi lachend, und ein jedes ging an seine Arbeit. –

Am nächsten wirklichen Sonntag machte sich der Brosi mit seinen beiden Hochzeitlädern auf, um in seiner Heimat die üblichen Einladungen zu machen; er trug einen Rosmarinstrauß mit roten und blauen Bändern auf dem Hut und im Knopfloch, und ebenso die beiden Gesellen, die noch dazu Säbel an der Seite trugen. Moni schaute ihnen noch lange nach von dem wiederaufgerichteten Bachstege, und von fernher ertönten ihr noch die hellen Juchhe, die die Berge widerhallten.

Es war für Brosi eine eigentümliche Buße, daß das erste Haus, in das er mit seinen Gesellen eintreten mußte, der Hof zur langen Furche war. Hier kam er gerade in große Festlichkeiten hinein, denn die Schwester des Furchenbauern verlobte sich mit dem Gipsmüller vom unteren Thale; da standen Fuhrwerke von ob und nid der Steige wie eine Wagenburg vor dem Hause, und drinnen in der Stube war alles gesteckt voll von dicken Verwandten beider Seiten. Brosi überkam ein Bangen und ein seltsamer Schreck, als er in die übervolle Stube trat. Wie viele Menschen hatten sich hier zusammengefunden, um den Handschlag mitzufeiern, wie wirkte das Ereignis hinaus über Berg und Thal, und eine ganze Reihe von gewichtigen Menschen trat einander nahe; wie armselig dagegen war seine Verlobung gewesen, und Moni hatte recht, da sie sagte: »Ich bin wie aus dem Stein gesprungen.« Der Furchenbauer, der es wohl bemerkte, wie Brosi so verloren um sich schaute, hielt das für eine Verlegenheit von jenem trotzigen Aufbrausen an seinem Hochzeitabende her; er trat daher auf Brosi zu, versicherte ihn herablassend seiner Gunst, und nun sprachen die beiden Gesellen den üblichen Einladungsspruch. Die neue Braut reichte dann nach gewohnter Sitte den Brotlaib, um eine Schnitte abzuschneiden, brachte aber gleich darauf auch ein groß Stück Kuchen zum Gruß an Moni, äußerte die Freude, daß an ihrem Brautmorgen ein so fröhliches Ereignis bei ihr einkehre, und versprach, sicher zur Hochzeit zu kommen. Brosi brachte seinen Wunsch vor, daß sie die Brautjungfer sein möge, und nachdem sie ihren Bräutigam geholt und diesem das Verlangen vorgetragen hatte, willigte sie gern ein. Trotz dieser Zusage verließ Brosi mit gestörtem Gemüt das Haus; die Verlockungen des Reichtums und das Verlangen, einer großen hochgeltenden Familie anzugehören, waren in seine Seele gedrungen. Er hatte nie danach getrachtet, solch ein Mädchen zu gewinnen, das war ja unmöglich, denn die Standesunterschiede bei den Bauern stehen fast unerschütterlich fest; jetzt aber fühlte er doch etwas wie Neid und Lust nach geborgenem Vermögensstande. Er dachte auf einmal, wie viel Hammerschläge er thun müsse, bis er sich nur ein Geringes erobert haben werde; und nachmals hat er noch oft und oft davon erzählt, daß er damals auf der Schwelle des Furchenbauern erfahren, »wie der Teufel in jedem Menschen wohne und Meister werde, wenn man ihn nicht gleich beim Grips fasse und erwürge«. Jetzt hatte Brosi nichts in der Hand als das große Stück Kuchen; das gab er seinen Gesellen und brachte keinen Bissen davon über die Lippen, für sich zum Zeichen, daß er von den bösen Gewalten nichts annehme.

Brosi hatte am vergangenen Donnerstag die volle Wahrheit gesprochen: überall, wohin er kam, hatte er nichts als gute Freunde und niemand, der ihm gram war. Ja, die Freundlichkeit ging sogar so weit, daß man da und dort über seine Schwiegermutter spöttelte und ihn um diese Zuwage bedauerte, andere machten ihm dabei noch freundliche Vorwürfe, daß er so früh heirate und sich einen so harten Anfang aufbürde; alle aber versprachen, sicher zu kommen, zumal da man ja auch zugleich die Einweihung der Kirche mitmache. Es wurde ihm als ein kluger Streich ausgelegt, daß er seine Hochzeit auf diesen Tag festgesetzt, da es ihm so an Zuspruch und reichlichen Hochzeitgeschenken nicht fehlen könne. Von Moni sprach fast niemand, es kannten sie auch nur wenige; desto mehr aber sprach Brosi in sich: »Und ihr wisset alle nicht, daß es mein klügster Streich ist, just die Moni zu heiraten.«

Als er am Abend auf dem Heimweg wieder an des Furchenbauern Haus vorüberkam und die Stelle sah, wo so böse Gedanken ihm in der Seele gewaltet hatten, eilte er seinen Gesellen voraus und wollte schnell heim zu Moni; nur auf das Zureden der Gesellen, wie es sich nicht schicke, daß er allein heimkehre, hielt er gleichen Schritt mit ihnen.

Moni war hocherfreut, als sie vernahm, welch eine fürnehme Brautjungfer sie haben werde; als aber Brosi in seiner Offenherzigkeit auch erzählte, welche böse Gedanken ihm in der Seele aufgesproßt seien, wie er sie aber mit Stumpf und Stiel ausgerottet habe, da weinte Moni bitterlich und wollte sich nicht beruhigen lassen, so sehr auch Brosi versicherte, daß alles wurzweg in ihm ausgejätet sei. Erst nach und nach gelang es ihm, sie zu beruhigen, aber so heiter wie die vergangenen Tage war sie doch nicht.

Auf dem Heimwege nach seiner Schlafstelle fand Brosi mitten in der Nacht eine sehr dienliche Weisheit. »Man muß den Weibern nicht alles berichten,« sagte er sich, »absonderlich aber nicht von Dingen, die aus und vorbei sind; sie glauben das doch nicht und meinen, es sei immer was übrig. Kannst dich darauf verlassen, Moni, du kriegst nichts mehr von dem, was ich einmal 'nunter gedruckt hab'.«

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