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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band. - Kapitel 26
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Drittes Kapitel.

Der Speicher war von innen nicht verschließbar, nur von außen befand sich ein Holzriegel an der Treppenthür. Was war aber zu gefährden in solch einem Hause? Brosi legte sich behaglich in das Heu. Kaum aber lag er eine Weile, als er sich wieder aufrichtete; die Treppenstufen knarrten, es schlich etwas herauf wie eine Katze so leise, aber nur von einer Menschenlast konnten die Treppen so knarren, es mußte jemand sein, der barfuß heraufkam.

»Wer ist da?« rief Brosi halb in Furcht, halb in Zorn.

Niemand antwortete, das Heraufkommende stand offenbar still auf seinem Platz, eine Weile horchte Brosi hinaus, man hörte nichts als das Rauschen des Forlenbachs und das Zirpen der Grillen in der warmen, wieder regenlosen Sommernacht. Schon glaubte Brosi, daß er sich getäuscht habe, und wollte sich ruhig wieder ausstrecken, da hörte er es mit den Händen tastend noch einige Treppenstufen heraufkommen, und laut wurde der Holzriegel an der Treppenthür in den Kloben gestoßen.

Jetzt war keine Täuschung mehr möglich, und »Ins Teufels Namen, was ist das?« rief Brosi auffahrend.

»St! Stille. Ich will dir was sagen,« erwiderte eine leise Stimme.

»Wer ist denn da?«

»Ich bin's, die Monika. Komm da her an die Thür, aber thu leise, ich will dir was sagen.«

»Mach die Thür auf, dann kannst besser reden, und ich kann sehen, wer es ist. Mach die Thür auf, oder ich stampf' sie ein.«

»Ich bitt' dich, thu leise,« bat die Stimme draußen wieder, »ich mach' nicht auf. So kann ich besser mit dir reden, und wenn dir dein Leben lieb ist, hör mir ruhig zu und polter nicht und pockel nicht und sei ganz still.«

»Was willst denn, wenn du die Monika bist? Wenn du 'rein willst, mach auf. Was willst denn vorher ausmachen?«

»Red nicht so schlecht. Eben deswegen komm' ich ja. Was mein' Mutter vorhat, ich weiß nicht und will's nicht wissen. Es ist mein' Mutter, ich darf nicht schlecht von ihr denken und thu du's auch nicht. Guck, ich lieg' da vor der Thür auf den Knieen und heb' meine Hände zu dir auf und bet', wie man zu Gott betet. Brosi, du bist ein braver Mensch gewesen und ich auch . . . und wenn dir deine eigene Ehre lieb ist und die von einem armen Mädchen auch – Brosi, thu mir den einzigen Gefallen und bleib nicht mehr im Haus, kein' Minut, kein' Stund mehr. Ich bitt' dich, nimm deine Stiefel in die Hand und geh leise herunter, die Hausthür kannst von innen aufmachen. Brosi, sei barmherzig und geh.«

»Wo soll ich denn hin jetzt in so später Nacht und aus dem ersten Schlaf heraus? Ich bin ohnedem krank.«

»Geh noch nach Endringen, oder wenn du nicht willst, drüben beim Jörgtoni schlafen noch drei fremde Maurer, da kannst du auch sein.«

»Morgen will ich's thun. Heute geh' ich nimmer fort.«

»Wenn du nicht heut gehst, bist du verloren auf ewig und ich auch. Brosi, sei barmherzig. Du wirst es sonst in deiner Todesstunde bereuen, der Angstschweiß auf der Stirne wird dich gemahnen, wie du ein armes Mädchen –«

»Hoho! Thu nicht so arg. Ich geh' ja, aber mach nur auf und komm ein bißle 'rein.«

»Bist du schlecht, Brosi? Willst du schlecht sein?«

»Nein, ich hab' ja schlafen wollen. Ich will ja nichts. Morgen will ich gehen, oder meinetwegen heut, du Heilige. Mach nur auf und gib mir die Hand.«

»Schwörst du, gleich zu gehen?«

»Ja, ich schwöre. Mach nur auf und gib mir die Hand.«

»Schwörst du, ohne Bedingung zu gehen?«

»Ja, so wahr mir Gott helfe zu einem rechtschaffenen Leben und zu einem leichten Tod.« –

Brosi drückte an die Thür, sie war offen, er hatte sie nicht entriegeln gehört, er vernahm keinen Tritt die Treppe hinab, kein Oeffnen und Schließen der Stubenthüre. Alles war wie in die Luft verschwunden, keine Menschengestalt, keine Stimme, nur der Forlenbach rauschte, die Heimchen zirpten noch, und die einzige Kuh im Stall brummte wie verschlafen.

Brosi nahm die Stiefel in die Hand, und von Angst gejagt, als fliehe er aus einem brennenden Hause, stieg er die Treppe herab, öffnete das Haus und stand frei atmend draußen in der stillen Nacht. Er zog seine Stiefel an und eilte nach Endringen.

Den ganzen andern Morgen war Brosi bei der Arbeit immer selbstvergessen und träumend, er hielt oft den Hammer unbewegt in der Hand und vergaß, den Stein vor sich zu meißeln, und als er ihn einfugte und mit Mörtel befestigte, schöpfte er mehrmals aus dem leeren Kübel, ohne es zu merken. Der Bauführer, der das lässige Wesen Brosis sah, ließ ihn hart darob an, und Brosi hörte ihn mit offenem Munde an, als gelte das gar nicht ihm. Am Mittag, als Brosi wieder auf dem Boden stand, war es ihm, als ginge die ganze Welt mit ihm im Kreise herum. Er aß ohne Hunger, und als er sich eine Weile niederlegen wollte, konnte er keine Ruhe finden, denn er lag wie in schaukelnder Wiege. Er stand auf und ging zuerst nach dem Hause des Jörgtoni und bestellte sich eine Schlafstelle, und wie unwillkürlich ging er dann nach dem Hause des Apothekerrösle.

Mutter und Tochter thaten gleich verwundert über sein nächtliches Entweichen; nur als Brosi bemerkte, daß er sich beim Jägertoni eingemietet habe, glaubte er ein kaum merkliches Nicken der Monika zu beobachten.

Da sich Brosi heute nicht arbeitsfähig fühlte, schenkte er sich den noch halben Arbeitstag, holte sein Bett in Endringen und war nun erst ganz in Haldenbrunn daheim.

Das Apothekerrösle hatte seinen Namen nicht umsonst, Brosi fühlte sich bald wieder hergestellt von den Folgen jener tollen Tanznacht.

Brosi kam oft in das Haus des Apothekerrösle, Monika mußte es merken, daß er etwas auf der Zunge hatte, was er ihr mitteilen wollte, aber Mädchen in Wiflingröcken wie in langen Kleidern verstehen es, einen unkecken Burschen nicht zu Wort kommen zu lassen. Kam Brosi in die Stube, verließ Monika dieselbe mit freundlichem Gruß; vertrat er ihr den Weg im Freien, wußte sie immer jemand anzurufen, der sich zu ihnen gesellte, und dann hatte sie immer so eilige Besorgungen, daß sie sich keine Minute aufhalten konnte. Wenn Brosi meinte, jetzt halte er sie fest, war sie ihm immer unversehens entschlüpft, und so ging er in seltsamen Selbstgesprächen lange einher.

Die wilden Wasser im Bache hatten sich rasch wieder verlaufen, und nun zeigten sich die traurigen Folgen der Ueberschwemmung; ganze Wiesen waren zerrissen und mit Sand bedeckt, und nicht nur der Ertrag des gegenwärtigen Jahres war verloren, auch für lange Zeit hinaus war kein Ersatz zu hoffen; das war doppelt betrübend in der Gegend, die keinen andern Feldbau kennt als die Wiesennutzung. Im Hause des Apothekerrösle war auch Wehklagens genug, die wilden Wasser hatten zwar den hochgelegenen Grasgarten nicht zu überschwemmen vermocht, sie hatten aber ein gut Stück davon mit fortgerissen und eine tiefe Höhlung gemacht, daß noch mehr nachstürzen mußte und der Bach immer eigensinniger sich nach dem linken Ufer drängte, um den Garten der Witwe zu verschlingen. Ohne ein Wort von seinem Vorhaben zu sagen, begann Brosi in den abendlichen Feierstunden Steine aus dem Bett des Baches zu wälzen und zu meißeln, und bald zeigte sich, was werden sollte: eine durch vorgeschobene Reisigbündel gesicherte und ins Halbrund gesetzte Schutzmauer zog sich längs des Gartens hin, und ein sogenannter Sporn, ein nur dem Kennerauge sichtbarer Erdaufwurf im Bette des Baches, drängte den Strom nach dem jenseitigen Ufer hin. Brosi ärgerte sich oft, daß ihm Monika noch immer kein besonderes freundliches Wort gab; er wußte ja nicht, daß sie fest darauf hielt, man dürfe einen Menschen, der ein gutes Werk thue, nicht dabei berufen. Einmal jedoch konnte sie sich nicht enthalten, bei ihm stehen zu bleiben, und schnell rief Brosi, sie festhaltend:

»Jetzt sag, jetzt sag einmal, hab' ich's nicht brav gemacht?«

»Ja, die Mauer ist brav.«

»Du weißt wohl, daß ich das nicht mein'. Verdien' ich gar keinen Dank, daß ich so schön gefolgt hab' und bin aus eurem Nonnenklösterle fort, wie du mich geheißen hast?«

»Ich weiß nicht, was du meinst, ich versteh' kein Wort,« entgegnete Monika mit so treuherzig unwissender Miene, daß Brosi sie anstarrte, und sie setzte hinzu: »Red deutsch, daß man dich auch verstehen kann. In welchem Kloster bist denn gewesen?«

»O ihr Weibsleut!« rief Brosi, »ich hab' mein Lebtag gehört, ihr könnt euch verstellen ärger als der best' Fastnachtshansel, aber so arg hätt' ich's doch nicht glaubt. Weißt denn nichts mehr vom Riegelzu, und ich lieg' auf den Knieen und bet' zu dir wie zu unserm Herrgott? Hab' ich darum den Rechtschaffenen an dir gemacht und allen Respekt vor dir gehabt, daß du jetzt thust wie der Ichbinnichtdabeigewesen?«

»Ich versteh' von all deinen Reden vom Simri kein Mäßle,« beharrte Monika, und hohnlachend entgegnete Brosi:

»Gut, so will ich der Narr sein und will dir alles nochmals erzählen,« und er berichtete genau von jenem Abend und allen Worten, die er gehört und gesprochen.

Monika hatte die Hände in die zusammengerollte Schürze versteckt und schaute den Sprechenden mit großen Augen au, endlich sagte sie:

»Ich glaub' dir, aufs Wort hin glaub' ich dir alles, es ist gewiß so. Aber, Brosi, glaub mir auch, du hast alles nur geträumt, und es ist einer von den rechten, von den braven Träumen gewesen. Guck, jeder Mensch hat seinen guten Engel, der ihm alles thut; da ist mein guter Engel zu dir kommen und hat dir alles berichtet, wie ich dir's selber gesagt hätt'; aber ich, glaub mir, ich bin nicht aus der Stub' kommen. Wo hätt' ich auch so schnell hin verschwinden sollen? Da hast das Wahrzeichen, daß ich's nicht gewesen bin und nur meine Schutzheilige, zu der ich dafür beten und der ich danken will. Und mit dem Riegel? Kannst 'nausgehen und kannst selber sehen, an der Thür ist so, wie man's angreift, bald ist sie zu, bald auf, es ist nur ein Vorteil dabei. Ich lass' es aber gelten, wie wenn ich's selber gewesen wär', und rechne dir's grad so an; aber geträumt hast, das ist einmal ausgemacht.«

Brosi stand eine Weile wie versteinert, dann faßte er sich schnell und machte allerlei Versuche, Monika zum Lachen zu bringen und ihr das Geständnis abzuzwingen, daß sie ihn nur necke; aber keine Miene in ihrem Gesichte zuckte, sie schaute ernsthaft drein und verließ ihn, indem sie ihm noch mehr solche gute Träume wünschte.

Brosi schaute mit verdächtigem Blick auf das Haus des Apothekerrösle, das ganze Haus schien ihm nicht geheuer, da man darin so lebhafte und wunderliche Träume haben könne; und doch wollte er wieder nicht daran glauben, daß all das Erlebte nur ein Traum gewesen, und wiederum dünkte ihn das doch besser; denn wenn Monika jetzt ein falsches Spiel mit ihm triebe, war sie ja falsch wie Galgenholz; drum muß es doch ein Traum gewesen sein.

Am andern Tage machte Brosi einen Versuch an der Treppenthür und fand die Aussage der Monika richtig, es bedurfte nur eines geschickten Griffs an die Thüre, um den Riegel auf oder zu zu machen. Bei dieser Gelegenheit entdeckte aber auch Brosi den baufälligen Zustand des Hauses; und als die Gartenmauer vollendet war, machte er sich an Instandsetzung des Innern. Wo er anklopfte, stäubte es ihm entgegen. Die Umfassungsmauern bestanden aus aufgeschichteten Querbalken, die noch ziemlich standhielten, aber die Riegelmauern zerbröckelten fast bei starker Berührung, und besonders die Feuerwand, die nach der Küche ging und so oft von den drei Schlägen erdröhnte, hatte einen wundersamen Bestand, die drei Schläge mußten mit besonderer Kunst geführt werden, da die Wand nicht einstürzte.

Das Apothekerrösle wußte es Brosi wenig Dank, daß er mit Aufopferung all seiner freien Zeit und, da diese nur kurz gemessen war, sehr langsam das Häuschen so herstellte, daß es »behäb war wie ein Büchschen«. Das Apothekerrösle hatte nur immer zu klagen, daß es diesen Staub und dieses Gehämmer noch erleben müsse. Desto dankbarer aber war Monika, und als sie ihm einst sagte:

»Brosi, du baust zwei Kirchen, dort die große und hier eine kleine, die dir Gott lohnen wird,« da warf Brosi Hammer und Kelle weg, und die lange verhaltene Liebe brach in die Worte aus:

»Und ich will dich von Gott zum Lohn und weiter nichts.«

»Ich hab' auch sonst nichts, denn das Häusle ist verschuldet, und unsere Kuh haben wir nur im Bestand.«

Der Bund war geschlossen, und das Apothekerrösle sagte, es freue sich nur, daß es doch recht behalte; es thue kein Mensch etwas aus Gutheit, der Brosi habe Haus und Garten nur hergerichtet, um alles zu haben. Mit Nachdruck setzte es dann hinzu, wie gerichtlich festgestellt werden müsse, daß die beiden älteren Töchter, die in der Schweiz dienten, ein Heimatsrecht im Hause hätten, das ihnen niemand verkümmern dürfe. Ueberhaupt hob das Apothekerrösle mit schmatzendem Munde alle die Mißlichkeiten hervor, die dem neuen Hausstande drohten, so daß Brosi oft zaghaft werden mußte, wenn er nicht bedacht hätte, daß seine Schwiegermutter ingrimmig sei, weil sie einen Tochtermann bekam, den sie nicht eingestellt und in der Hand hatte. Moni lobte ihn über diese Auslegung als tiefen Menschenkenner und bestärkte ihn mit heiterem Sinn in froher Zuversicht.

Als erstes Geschenk des nun geschlossenen Bundes wollte Brosi von seiner Moni wissen, ob er an jenem Abend wirklich geträumt habe; aber Moni wich ihm aus, und als er immer dringlicher ward, sagte sie ihm, am Hochzeitstage werde jemand kommen, der ihm alles erkläre, er dürfe aber nie mehr vorher danach fragen.

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