Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Berthold Auerbach >

Schwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band. - Kapitel 24
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
Schließen

Navigation:

Erstes Kapitel.

Seht dort den weißen Kirchturm mit gestaffeltem Giebel: just so lang, als der im Dorfe steht, ist der Brosi auch da; sie stammen auch beide aus einem Ort, denn die großen Quader sind in Endringen ans Tageslicht gebracht und der Brosi auch; und der Brosi hat geholfen, diese Steine einfugen, und als man zum erstenmal vom Turm läutete, ging der Brosi mit seiner Moni in die Kirche und wurde als Ambrosius Heller mit Monika Kreitter feierlich getraut.

Damals war der Brosi noch ein frischer Bursch und hatte Backen fast so rot als wie die Purpurnelken in seinem Hochzeitstrauß; er that einen Schwur, solange er ein Bein heben könne, auf jeder Hochzeit und jeder Kirchweih im Dorfe zu tanzen, und er hat diesen Schwur ein gutes halbes Jahrhundert treulich gehalten.

Der Brosi erzählte immer gern, wie er zu seiner Frau gekommen, und sagte dabei immer, er habe sie sich »ermauert«.

Endringen liegt eine gute Stunde entfernt an der jenseitigen Abdachung des zweiten Vorberges. Von dorther kam der Brosi jeden Morgen, sobald der Tag graute, und wenn er über den Steg des Forlenbachs ging, der an Haldenbrunn vorbei thalwärts rollt – es ist ungewiß, ob der Bach seinen Namen von den Forellen in seinem Wasser oder von den Forlen an seinen Ufern hat –, da schaute Brosi jedesmal nach einem kleinen ärmlichen Häuschen, das dort neben einem kleinen, dicht mit Zwetschgenbäumen besetzten und mit fuchsig gewordenen Tannenzweigen umzäunten Grasgarten steht. In dem Häuschen war immer schon so früh am Tage jemand wach, die offene Stallthür zeigte, daß das erste Geschäft des Tages, das Reinigen des Stalles, vorgenommen wurde; und sei es, daß die Arbeit bereits so weit gediehen, oder daß das Auftreten des schlanken jungen Maurergesellen auf dem dröhnenden Stege dazu gemahnte: in der Regel erschien eine junge Mädchengestalt mit einem Besen unter der Thür, vom Steg aus wurde ein heller »Guten Morgen« gerufen und von der Thür aus mit einem regelmäßigen »Schön Dank« erwidert. »Auch schon fleißig?« setzte dann der Maurergeselle noch hinzu. »Ein bißle,« lautete die Antwort. Der Maurergeselle ging vorüber und schwenkte das bunte Tuch, das er in der Hand trug und in das er seinen Topf und sein Brot gewickelt hatte, noch schneller hin und her.

Noch nach Jahrzehnten konnte Brosi seine Frau damit necken, daß er eben nicht sehr zart sagte: »Ich hab' dich zuerst als Hexe mit dem Besen und auf dem Mist gefunden.«

Mit dem Morgengruß in der Seele ging Brosi an die Arbeit und war allzeit wohlgemut, obgleich er sich lange nichts dabei dachte; ja, als dies geschah, redete er sich's aus, denn er war ja ebenso lustig, wenn ihn aus dem Schiebfensterchen zuerst die alte Frau mit kahlem Scheitel begrüßte.

Endringen ist nicht so weit von Haldenbrunn entfernt, daß der Brosi nicht die Verhältnisse dieses Hauses genau kannte. Es waren gerade zwölf Jahre, Brosi war damals siebzehn Jahre alt und vom Speisbuben zum Maurer emporgestiegen, als der Maurermichele von Haldenbrunn in Nellingen vom Dach stürzte und auf dem Platze tot blieb. Die Witwe, Rosine mit ihrem Taufnamen, die ehedem in der Apotheke der drei Stunden entfernten Amtsstadt als Magd gedient hatte und darum das Apothekerrösle genannt wurde, nährte sich nun davon, daß sie im Walde und auf den Wiesen allerlei Kräuter und Wurzeln für die Apotheke sammelte. Daneben trieb sie einen Butter- und Eierhandel, und die Bauernfrauen gaben mit innerem Widerstreben, aber äußerlich freundlich, ihr die verkäuflichen Vorräte, weil sie fürchten mußten, daß das Apothekerrösle ihnen die Küh' und Hühner verhexe; die Männer dagegen, die sich auf ihre Aufklärung was zu gute thaten, behaupteten, das Apothekerrösle sei deshalb allzeit so aufgeweckt und habe noch in alten Tagen so flimmerige Augen, weil es bei seinen Stadtgängen tief ins Glas gucke. Ausgemacht war aber jedenfalls, daß das Apothekerrösle eine scharfe aufgeweckte Frau war, die auf jedes Vorkommnis eine Auskunft bereit hatte, so sicher als der Apotheker seine Mittel in Gläsern und Kolben geordnet und leicht zu finden hat. Die beiden älteren Töchter des Apothekerrösle dienten in der Schweiz, wohin schon damals des größeren Lohnes wegen der Zug der Dienstboten sich lenkte; die jüngste Tochter war daheim und konnte jetzt nicht mehr in die Fremde, da die Mutter plötzlich lahm geworden war. Die Rede ging: in Kronweiler habe ein Bauer in der Nacht einer schwarzen Katze, die im Stall einen Rappen ritt, daß er schäumte, den Fuß abgeschlagen, und das sei das Apothekersrösle gewesen. Wenn das Apothekerrösle mit ihrem von jahrelangem Korbtragen ganz kahl gewordenen Vorderkopf jemand zum Fenster heraus grüßte, dankte man schnell mit einem frommen Gruß, damit man kein Leid erfahre.

Brosi war nicht frei vom Hexenglauben, so gern er sich das auch ausredete; jetzt aber empfand er gar keinen Schreck, wenn ihn das Apothekerrösle am frühen Morgen grüßte, im Gegenteil, es mutete ihn heiter an, und er war oft versucht, das der Alten zu sagen, die gewiß um die üble Nachrede, die sie verfolgte, bekümmert war; aber es war doch besser, sich hier gar nicht einzulassen, denn Brosi fühlte, daß er nichts von der Mutter zu gefährden habe, vor der er doch noch eine Scheu hatte: die Tochter mit der hellen Stimme und dem arglosen und doch wiederum schelmischen Blicke konnte es ihm weit eher anthun. Brosi aber wollte noch höher hinaus. Zunächst war er noch jung und gedachte über die Berge zu wandern und in der Fremde sein Glück zu suchen; ließ er sich aber von einem Geschick daheimhalten, so mußte es etwas andres sein, als ein armes Mädchen mit der Dreingabe einer Hexenschwieger. Brosi war ein ehrliches Gemüt, und eben darum hatte er eine Höllenangst vor dem Verlieben; er war früh verwaist, und darum früh zum Ernst und darauf hingewiesen, für sich selbst Bedacht zu nehmen. Er lebte in Endringen bei einer Base, die, an einen Holzknecht verheiratet, mit einem Haufen Kinder in Armut lebte und noch besonders zänkisch gegen Brosi war, weil er nicht seinen sämtlichen Erwerb in ihr Hauswesen einbrockte.

Brosi war schon lange damit umgegangen, sich in der Gegend eine andre Unterkunft zu suchen, aber es wollte sich nicht schicken, und jetzt stand sein Vorhaben fest, in die weite Welt zu ziehen.

So oft er aber am Hause des Apothekerrösle vorüberging, war es ihm, als zöge ihn etwas da hinein, und er hätte gewiß an einen Zauber geglaubt, wenn er nicht gewußt hätte, daß ein andres dabei waltet.

Schon drei-, viermal hatte er eine Hinneigung zu dem allzeit rüstigen Mädchen in sich aufkommen lassen und wieder bekämpft, noch bevor er, wie man sagt, ein übriges Wort mit dem Mädchen gesprochen hatte; ja, den nötigen Morgengruß auf dem Stege sprach er oft verdrossen und fast zornig, immer aber wurde ihm mit gleicher Freundlichkeit erwidert.

Als der Bauer von der langen Furche, der nachmals ein so schweres Geschick hatte, das wir ein andermal berichten müssen, mit des Schmalzgrafen Tochter von Siebenhöfen Hochzeit hielt, und drei Tage lang das Tanzen und Prassen nicht ausging, da machte sich der Brosi auch einen arbeitsledigen Tag und war voll übermütiger Lustigkeit.

Er tanzte mit der Braut den Siebensprung und mit der ersten Brautjungfer, der Schwester des Furchenbauern, den Hoppetvogel (wobei man nach bestimmter Weisung wie ein Vogel hüpft und nach Futter scharrt) so meisterlich, daß selbst die Alten auf ihn zukamen und ihm als höchstes Lob die Versicherung gaben, daß sie zu ihrer Zeit nicht besser hätten tanzen können. Und immer lustiger ward der Brosi, und jeder Bursche, der den Musikanten ein Lied vorsang, das sie als Tanzweise spielen sollten, und der damit nicht vom Flecke kam, fand im Brosi eine allezeit bereite Hilfe; er kannte alle Lieder und alle Weisen und hatte eine helle, alle übertönende, nie heisernde Stimme. Die Monika, die Tochter des Apothekerrösle von Haldenbrunn, war auch auf dem Tanz. Sie durfte sich wohl sehen lassen, sie war nett und sauber gekleidet und trug einen Rosmarinstrauß am Busen: von Gestalt untersetzt, mit einem apfelrunden Gesicht von wenigem Ausdruck, zeigte sich doch um die festgeschlossenen feinen Lippen, zu welcher Lebendigkeit dieses Mädchen gebracht werden könnte, wenn der Rechte sich einfand. Brosi bedachte, daß die Monika gewiß nur seinetwegen gekommen sei, aber er sah sich kaum nach ihr um und hatte noch im stillen die Schadenfreude, ihr einen Plan zu Schanden zu machen; sie hatte ihn gewiß seit Monaten allmorgendlich nur so freundlich gegrüßt, um einen sicheren Tänzer für den heutigen Tag zu haben; jetzt hatte sie das Zusehen. Brosi tanzte immer nur mit den fürnehmsten Bauerntöchtern, besonders mit der Schwester des Furchenbauern, die er sich endlich just im Angesicht der Monika auf den Schoß setzte und dabei sang und trank, als ob die ganze Welt nur ihm gehörte; und im Tanzen hielt er's, als ob jeder Reigen der erste wäre, aufstampfend, singend, mit den Händen schnalzend, that er, als könne er von Müdigkeit und Sättigung der Lust gar nichts wissen.

Einmal saß er, die erste Brautjungfer auf dem Schoße, in einer Pause am Tisch, mit dem Gesicht nach dem Tanzraum gekehrt, da rief er:

»Heut tanz' ich meinen Kehraus in der hiesigen Gegend. Wenn die Schwalben davonziehen, gehe ich in die weite Welt. Wer mich haben will, muß es heut sagen und heut noch Hochzeit machen.«

Ein guter Schwarm Mädchen kam auf ihn zu und umringte ihn neckend und spottend und wiederum bittend, er möge doch ja nicht fortgehen. Als er aber immer darauf bestand, rief die Brautjungfer: »Dann binden wir dich an. Kommet nur alle.«

Im Nu hatten sich alle nach dem Beispiele der ersten Brautjungfer ihre doppelten Zöpfe mit den fliegenden langen roten Bändern auf die Brust gelegt und nestelten nun die Bänder an Brosi fest. Er ließ es geschehen, und mit einem schrillen Juchhe sprang er auf, stampfte auf den Boden und sang:

Spielleut, spielet auf und auf
Und seid nicht so verzagt,
I han no ein Vögeles-
Groschen im Sack.

Die Musikanten ließen die Weisung ertönen, und Brosi sprang an die Decke mit jauchzendem Juchhe und machte allerlei Figuren, während die Mädchen, mit den roten Zopfbändern an ihn geheftet, ihn umtanzten. Plötzlich warf er sich auf den Boden und sang:

Weil Scheiden bitter ist
Und 's Lieben süß,
Jetzt leg' i mei'm alten Schatz
D' Händ' unter d' Füß'.

Die Bänder mußten losgemacht werden, die Brautjungfer mußte sich auf seine Hände stellen, und er tanzte eine Weile so mit ihr, bis er sie in den Armen auffing und singend mit ihr den Reigen beschloß.

Von dieser Zeit her stammt der Bändelestanz; man nennt ihn auch noch den Brositanz, und niemand konnte ihn meisterlicher ausführen als der Urheber.

»Mein Mann ischt koaner!« rief der Brosi oft und oft, und von jenem Abend an hatte er diese Redensart und wendete sie bei vielen Gelegenheiten an.

Die Monika wäre, ohne einen Fuß zum Tanz gesetzt zu haben, nach Hause gegangen, wenn sich nicht die Schneiderin von Haldenbrunn über sie erbarmt und einmal mit ihr herumgetanzt hätte, wobei sie viel gestoßen und gedrückt wurde, denn die Burschen haben es darauf abgesehen, Mädchen, die allein tanzen, anzurennen. Als Monika über den Bachsteg ihrem Hause zuging, nahm sie den Rosmarinstrauß von dem Busen und warf ihn hinab in den Bach; es hatte kein Bursch danach verlangt, und der, von dem sie es gewünscht hätte, war schlecht und stolz und gab sich doch zum Hansnarren her.

Das dachte aber Brosi nicht, er hätte gern immer aufgeschrieen vor Lust, aber seine sonst unangreifbare Kehle schien nicht mehr mitthun zu wollen, so sehr er ihr auch mit kaltem und warmem Wein zusprach; er ballte jetzt oft still die Faust vor innerer Seligkeit.

Es war tief in der Nacht, da sagte Brosi, daß er am Morgen wieder an die Arbeit gehe und sich mit dem Hammer einen Hopser und mit der Kelle einen Schleifer spiele; da trat der Hochzeiter auf ihn zu und sagte:

»Was hast denn Taglohn?«

»Zehn Kreuzer,« erwiderte Brosi, denn so nieder stand zu selbigen Zeiten noch der Taglohn.

»Ich geb' dir das Doppelte.« rief der Hochzeiter, »da nimm, du mußt dableiben und die Lustbarkeit erhalten. Da nimm.«

Die Mädchen kamen wieder und bestimmten Brosi, doch einzuwilligen, da sprang er auf und rollte die Augen so wild, daß die Mädchen scheu vor ihm zurückwichen; er nahm einen sauer verdienten Kronenthaler aus dem Beutel, warf ihn den Musikanten zu und rief:

»Aufgespielt! Die Schmalzbauern meinen, sie könnten die Lustigkeit auch kaufen, sie geben einen guten Taglohn für einen Lustigmacher. Drei Dutzend Juchhe um einen Groschen!« schrie Brosi mit plötzlich wieder hell gewordener Stimme. »Aufgespielt! hellauf! Weg da, Hochzeiter, weg, oder dein' Hochzeit ist dein Tod.«

Und wieder begann er zu tanzen und zu singen und zu trinken, aber alles in Ingrimm, und um zu zeigen, daß er sich um die angethane Schmach nichts kümmere. Er zerschlug nacheinander drei Gläser, aus denen er getrunken, und als es dem Morgen immer näher kam, die Musikanten aufhören wollten und die Mädchen sich nacheinander fortschlichen, ließ sich Brosi noch allein aufspielen, und ohne sein Sonntagsgewand auszuziehen, ging er im Morgengrauen nach Haldenbrunn an die Arbeit.

 << Kapitel 23  Kapitel 25 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.