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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band. - Kapitel 21
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Neunzehntes Kapitel. Eine Stimme um Mitternacht.

Die Glocken klangen in die Nacht hinein; aus der offenen Kirchthür drang ein breiter Lichtstrahl hinaus auf die Gräber, die von Schnee zugedeckt waren. In der Kirche war die ganze Gemeinde versammelt, jeder hatte ein Licht vor sich; die Orgel tönte, die Gemeinde erhob den vollen Gesang.

Die Orgel verklang, die Stimmen verstummten, und auf der Kanzel stand der Pfarrer und begann: »Was ihr der Geringsten einem thut, das thut ihr unserm Vater im Himmel! Das ist ein Wort, ausgegangen aus fremdem, fernem Lande, es bewährt sich heut hier in unsern Wäldern, hier, wo damals kaum ein Menschentritt der Fährte des wilden Tieres folgte, hier und überall.« Er schilderte hierauf, daß der Mensch sich selber nichts Besseres thun kann, als was er einem andern thue; »und nie,« rief er, »nie ist ein Menschenantlitz schöner, als in der Minute, da du eine gute That vollbracht: eine Glorie breitet sich über dich und erlöst dich von der Schwere des Daseins.« Dann begann er wieder zu schildern, was es um den Gottesdienst um Mitternacht ist: »Freiwillig seid ihr hier versammelt und habt den Schlaf gebrochen, brechet auch den Schlaf der Seele, da euer Auge wacht. Wie oft weckte dich in der Nacht die Sorge, die Not, und du zucktest zusammen, du kannst den Schlaf nicht mehr finden, und wohl dir, wenn es nur eine Sorge ist, die da im Finstern schleicht und sich nicht fangen läßt. Weh dir, wenn es der Gedanke einer bösen That ist, die dich weckte. Dort weckt ein Kind die Mutter, der Vater ist weit fort, und am Krankenbette stehst du und hoffst den Tag heran und fragst: Ist noch nicht Tag . . .«

Als der Pfarrer diese Worte sprach, hielt sich Martina an Adam fest, der neben ihr in der vordersten Reihe saß: »Das ist der Ruf unsres Kindes aus der vergangenen Nacht.«

Und der Pfarrer fuhr fort: »O, stöhnest du, wenn es nur Tag wäre, nur das Licht der Sonne am Himmel, und alles wird sich leichter ertragen. Aber es leuchtete auch ein heller Stern in der Nacht.« Der Pfarrer führte aus, wie wohlgethan es sei, einmal aus freien Stücken den Schlaf zu verscheuchen und ins Auge zu fassen das Sternenlicht in der Nacht; er kehrte wieder zurück zu den Textesworten und segnete alle, die heute eine gute That zur Vorhalle gemacht, durch die sie in die Kirche kamen.

Kein Atemzug, kein Räuspern, kein Husten – was sonst bei dem nächtlichen Gottesdienste wie Klage der gestörten Lebensordnung die kirchliche Feier unterbricht – war heute vernehmbar; jeder hatte den Atem angehalten, und die Mauern erdröhnten, als der Gesang jetzt wieder einfiel.

In kurzen und einfachen Worten vollzog nun der Pfarrer die Trauung von Adam und Martina, und still, unter dem abermaligen Geläute der Glocken, zerstreute sich die Gemeinde. Einige Burschen hatten Flinten bereit gehalten, um nach der Trauung zu schießen, aber sie wurden von den aus der Kirche Kommenden zurückgehalten. Es war einem jeden so feierlich zu Mute, jetzt durfte kein Lärm sein, die stille Andacht, die der Pfarrer erweckt hatte, durfte durch keinerlei Lärm gestört werden. Und als nach ein Uhr der Mond aufging und das Schneegestöber verscheuchte, da leuchtete er auf ein ruhig schlafendes Dorf hernieder, und die schlummernden Herzen waren gesättigt und fühlten sich beseligt.

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