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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band. - Kapitel 20
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Achtzehntes Kapitel. Um des Kindes willen.

Die Nacht ward zum Tage, der Tag zur Nacht verwandelt, so gestern wie heute. Es bedurfte der ganzen stillen Gelassenheit des Pfarrers, daß er nicht in fiebrische Hast und Unruhe versetzt wurde. Aber so wenig er es duldete, daß man ohne die äußerste Not mit der Kirchenglocke Sturm läutete, ebenso wußte er sein Inneres vor Sturm zu bewahren. Er schaute lange zum Fenster hinaus, jetzt in der Nacht hörte man den Pendelschlag der Turmuhr, und gleichmäßig wie der Pendelschlag der Turmuhr ging der Herzschlag des Pfarrers. Er hatte die schwere Kunst gelernt, mitten in aller Unruhe und allem Herzeleid, das er in voller Seele mitempfand, die Gelassenheit festzuhalten und jegliche Leidenschaft, auch die edelste der Mitempfindung, niederzuhalten.

Während alles, was bei dem Auszuge im Dorfe verblieben war, sich zu einer Arbeit zwang, Unterhaltung und Ansprache suchte, um die Angst zu überwinden, um sich wach zu halten, saß der Pfarrer sinnend und allein in seiner Stube und schaute vor sich hin ohne Regung, ohne irgend etwas vorzunehmen, und doch war's dabei lebendig und bewegt in seiner Seele. Die Dorfbewohner, die von dieser Gewohnheit wußten, behaupteten, der Pfarrer predige im stillen vor sich selber, die Pfarrerin aber hatte ihrem Vater vertraut und sonst noch niemand aus der Welt: der Pfarrer setze in solchen Stunden wundersame Gedichte, so fein, so zart, daß die feste Sprache für sie zu rauh sei, und es genüge ihm, die Worte und Gedanken vor sich zu gewinnen, und er habe weder Lust noch Bedürfnis, sie in geschriebenen Zeichen festzuhalten. So habe er damals, als man im Nachbardorfe Wengern das Kind erfroren gefunden, die Worte, die jetzt auf dem Grabe stehen, wie träumend vor sich hingesprochen, und sie habe viele Mühe gehabt, bis er ihr erlaubte, sie aufzuschreiben und dem Amtsbruder in Wengern zu übergeben. Manchmal aber war es auch ein Gedicht, ein tiefer Gedanke aus fremder Seele oder eine Melodie seines Lieblingsmeisters, die der Pfarrer in solchen stillen Stunden sich selber wiederholte, weiter führte und neu bildete, und wenn er so still mit sich verkehrt hatte – die Pfarrerin nannte es sein überirdisches und er nannte es sein unterirdisches Dasein –, da trat er in die Welt hinaus zu den Menschen mit dem lauten Wort, mit einer Weihe und Verklärung, mit einer gesättigten Kraft, die jeder empfand. So saß er an diesem Abend still, in sich lebend. Langsam tönten die Glockenschläge vom Turm, die Stunde auf Stunde verkündigen; sie tönen gleich, ob es Tag, ob es Nacht, ob sie in Freud oder Leid hineinklingen; sie tönen und sprechen: wieder ein Zeitraum dahin, der zur Ewigkeit geworden.

»Wir haben ihn gefunden!« rief es plötzlich auf der Straße, und Waldhornklang schallte drein. Der Pfarrer trat ans Fenster und hieß seinen Schwager willkommen.

In der Stube erzählte Eduard mit hastigen Worten, daß Joseph in der Heidenmühle bei der vormaligen Braut Adams gefunden worden sei. Er hielt sich nicht lange dabei auf, das krallige Wesen der wilden Röttmännin zu schildern; er sagte mit Begeisterung, wie rechtschaffen heute sich das Herz des ganzen Dorfes bewährt: »Diese Männer haben nichts als ihr Leben, ihre gesunden Glieder, mit denen sie sich durchschlagen müssen, und mit einer Zuversicht und Bestimmtheit, als müßte das so sein, setzte jeder sein Alles ein, um ein verlorenes Kind zu retten. Da hat sich's gezeigt, daß Ihr Herz, lieber Schwager, in allen diesen Menschen lebt; Sie waren daheim und doch waren Sie bei uns. Ich kann mir's nun denken, daß es Ihnen schwer, fast unmöglich sein muß, diese Menschen zu verlassen.«

Der Pfarrer erwiderte nichts darauf, kein Wort der Zustimmung oder des Widerspruchs, und die Pfarrerin fragte: »Und des Heidenmüllers Toni hat den Adam aufgegeben? Gottlob! Sie hat ein feines und reines Herz, der wird es noch gut gehen in der Welt. Warum habt ihr sie aber nicht mitgenommen ins Dorf? Hättest du sie mir nur ins Haus gebracht, Eduard. Sie bedarf jetzt des Schutzes vor ihrem Vater, vor ihrer Stiefmutter und der wilden Röttmännin.«

Eduard antwortete nicht, aber er atmete schwer; der Pfarrer setzte indes hinzu: »Sei ruhig wegen der Toni, sie ist stark genug, sie ist von hartem Kernholz, und man kann niemand den Folgen seiner Thaten entziehen, im Guten wie im Bösen. Wer zur That die Kraft hat, hat auch die Kraft, die Folgen zu tragen, und muß sie haben.«

Eduard schaute beruhigter auf, aber seine Wangen glühten, und als die Schwester die Hand an die Wange des Bruders legte, sagte sie: »Du bist im Fieber, geh nur schnell zu Bett, geh, ich bring' dir guten Thee ans Bett.«

Eduard war nicht willens, dem zu folgen, und doch fühlte er, daß es ihm vor den Augen wirbelte; er hatte noch mehr erlebt, als er jetzt sagen konnte. Da klopfte es an. »Nur herein!« rief die Pfarrerin, aber es zögerte vor der Thür; sie öffnete dieselbe, und herein traten: Speidel-Röttmann, der Schilder-David und seine Frau, und hinter ihnen Adam und Martina.

»Herr Pfarrer,« nahm der Schilder-David das Wort, »Gott hat uns wunderbar geholfen, jetzt helfen Sie weiter, und rasch, daß alles in Ordnung kommt.«

»Was soll ich?«

»Red' du,« zog sich David zurück und deutete dabei auf den Speidel-Röttmann.

»Ich habe gemeint,« begann dieser und strich sich mit der flachen Hand nochmals über den glattgeschorenen Kopf, als wollte er nochmals eine Ehrenbezeigung machen und einen unsichtbaren Hut abziehen, »ich hab' nichts dagegen, der Herr Pfarrer soll meinen Adam und die Martina noch heute zusammengeben.«

»O, das ist ja prächtig!« rief die Pfarrerin, und Adam trat vor mit Martina an der Hand und sagte: »Ja, Herr Pfarrer, wir bitten darum.«

»Wir bitten!« wiederholte leise Martina.

»Ruhig, nur ruhig,« befahl der Pfarrer. »Ihr beiden jungen Leute kommt mit mir in mein Zimmer.« Er ging voran, und die beiden folgten ihm.

»Setzt euch,« sagte der Pfarrer drin in der Stube; die beiden setzten sich, und er fuhr fort: »Adam, du glaubst, weil du der Reichste in der Gegend bist, weil du an den Geldsack schlagen und ausrufen kannst: was kostet's? da ist's – nun muß dir auch alles zu Gefallen sein; weil du hoffärtig auf deine Kraft bist, weil du ein Pferd umreißen, einen Wolf totschlagen kannst, glaubst du, daß es auch kein Gesetz gebe; keine ewigen Satzungen, die man nicht zwingen kann . . .« Der Pfarrer hielt inne, und Adam begann: »Herr Pfarrer! Es kennt mich kein Mensch auf der Welt, mein Vater nicht, meine Mutter nicht, nur meine Martina kennt mich, und Sie, Herr Pfarrer, kennen mich wohl auch, aber doch wieder nicht recht. Es ist wahr, wie Sie mir das gesagt haben, da eben ist ein wilder Kerl in mir gewesen, der hätte gern dreingeschlagen, alles kurz und klein geschlagen. Es ist wahr, ich habe ihn noch nicht untergekriegt, den wilden Kerl; aber, Herr Pfarrer, von jetzt an ist er drunten, und Ihr und meine Martina . . . Leget mir eine Buße auf, ich will sie still tragen, ich hab's verdient. Lasset mir den Finger abhacken, daß ich so schwach werde wie ein kleines Kind, ich will nicht zucken . . .«

Vor Bewegung konnte Adam nicht weiter reden, und der Pfarrer nahm auf: »Es ist Gesetz, daß man drei Sonntage nacheinander aufgeboten wird.«

»Ist es denn noch nicht genug, daß mir um mein Kind das Mark im Leib gezittert hat? Sagt mir, was ich thun soll, Herr Pfarrer, ich will's thun.«

»O, Herr Pfarrer,« bat Martina, »sind wir denn nicht schon genug gestraft? Haben wir denn nicht lang genug gebüßt?«

»Nein. Du hast dich brav benommen in dieser schweren Zeit, aber deine Sünde ist auch schwer. Es soll nicht sein, daß diejenigen, die sich vom Gesetz entbunden haben, nun auch alle Gesetze aufheben dürfen.«

»Wenn's nicht anders ist, in Gottes Namen,« sagte Adam. Martina aber konnte vor Weinen nicht reden. Der Pfarrer ließ sie geraume Zeit stillsitzen, dann sagte er: »Kommt mit in die Stube.«

»Ist's fertig?« fragte die Pfarrerin.

Adam und Martina schüttelten mit dem Kopf; da trat der Speidel-Röttmann vor und sagte: »Herr Pfarrer, ist es wegen dem Aufgebot?«

»Ja, ja,« entgegnete Adam.

»Wenn's weiter nichts ist,« sagte der Speidel-Röttmann und stellte sich breit hin, »Herr Pfarrer, ich bezahle die Strafe, die es kostet.«

»Jawohl, wenn die reichen Bauern mit Geld dreinfahren können, dann glauben sie, wäre alles zu schlichten; aber Meister Röttmann, es gibt etwas, was Eure zehn Pferde nicht vom Fleck bringen. Noch eins: hat Eure Frau ihr Jawort gegeben?«

»Der Häspele behauptet es,« fiel Eduard ein, »er soll kommen.«

Adam eilte schnell und holte den Häspele herbei; dieser kam zitternd, und als der Pfarrer ihn auf sein Gewissen fragte, ob die Röttmännin ihr Jawort gegeben, sagte er, nachdem er sich die Lippen wund gebissen: »Nein, das hat sie nicht.«

»Gut denn,« sagte der Pfarrer, »ich will es auf mein Gewissen nehmen, ohne das Jawort der Röttmännin euch zu trauen. Aber nun will ich euch was sagen: nicht deine Kraft, Adam, und auch nicht deine Demut – ich glaube daran, und ich hoffe, sie wird bleiben –, auch nicht Eure Prahlerei mit Strafe bezahlen, Meister Röttmann, sondern . . .«

»Wegen des kleinen Joseph,« konnte sich die Pfarrerin nicht enthalten, einzufallen. »Wegen des kleinen Joseph gibst du nach. Er ist ein kluges Kind. Was soll daraus werden, wenn er hört, seine Eltern seien jetzt erst aufgeboten? Wie wird er sich wehren müssen gegen seine Kameraden; wer weiß, was für ein böser Tropfen da in seine Seele fällt, und was in späteren Jahren daraus entquillt.«

»So ist's,« bestätigte der Pfarrer, »jetzt schläft das Kind und weiß nichts von all den Wirrnissen und Irrwegen der Welt; er ist in den Tod und aus dem Tod gegangen, um seinen Vater zu suchen, der ein Schwächling war, trotz seiner Kraft, und seinen Großvater, der bisher nur glaubte, alles ließe sich mit Geld loskaufen. Um des kleinen Joseph willen traue ich euch noch heute nacht.«

Martina stürzte vor dem Pfarrer nieder und küßte ihm die Hände; Adam hätte das auch offenbar gern gethan, aber zum Knieen, so weit hatte er es doch noch nicht gebracht, er legte nur die Hand auf das Haupt der Martina, wie wenn sie auch an seiner Statt da hinkniete.

Alles war still in der Stube, und der Pfarrer schloß: »In der Kirche sehen wir uns wieder,« und ging in das Nebenzimmer. Im Pfarrhause war es bald wieder still, aber noch bevor die Hochzeitsleute das Haus verließen, hieß es im ganzen Dorf von Haus zu Haus: »Adam und Martina werden noch heute nacht getraut. Die Leegart hat's gesagt.«

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