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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band. - Kapitel 17
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Fünfzehntes Kapitel. Ein Kind, das seinen Vater sucht.

Die Leegart beherrschte das Haus des Schilder-David vom Morgen bis in die Nacht, und so war's natürlich, daß sie auch am Mittag den kleinen Joseph verbannt hatte; man konnte ja in seinem Beisein nicht von dem sprechen, was doch notwendig besprochen werden mußte.

Die Nachricht, daß der Pfarrer das Dorf verlassen wolle, kam zuerst zur Leegart. Und jetzt zeigte sich's, daß sie nicht umsonst der geheime Gemeinderat genannt wurde. Sie ließ sofort zwei Gemeinderäte holen und schickte sie zum Schilder-David, damit sie den Pfarrer gemeinsam von seinem Vorsatze abbringen.

Ein Knecht aus der Heidenmühle hatte Wein beim Rößleswirt und Zucker und allerlei Gewürz beim Krämer geholt; das blieb natürlich ebenfalls nicht verborgen im Dorfe, und die Nachricht fand den schnellsten Weg zum Hause des Schilder-David, das ging's ja am nächsten an und war ja auch dort die Leegart, die immer die frischesten Nachrichten haben mußte. Jedes suchte einen Stolz darin, ihr was Neues mitzuteilen, und es ist nicht mehr als einfache Schuldigkeit, ihr Bericht zu geben; man hat das schon im voraus bezahlt. Nun gab's eine wahre Lust, den Würzwein zu brauen, der zur Verlobung von Adam und des Heidenmüllers Toni bereitet wurde; Leegart that auch Gewürze dran, aber ganz andre, als man beim Kaufmann ausgewogen bekommt. Sie wünschte stets, wenn sie nur Gift hineinsprechen könnte, daß alle, die davon trinken, sterben müßten; besonders aber schwankte sie, wem sie am liebsten den Tod wünschte, der Röttmännin oder dem verdammten Heidenmüller, der sein einziges Kind zu so einem Frevel verkauft, weil er das Heiratsgut spart.

Martina hatte es doch leid gethan, daß der Joseph heute so aus dem Hause verbannt war. Er sollte aber das, was hier gesprochen wurde, doch nicht hören, und wenn sie auch nicht in die Verwünschungen der Leegart einstimmte, sie konnte doch klagen und weinen. Sie hatte Joseph wieder zu Häspele geschickt, aber Joseph hatte genug von dem Hunde geredet, den er nicht bekommen sollte; er ging durchs Dorf, und bald sagte ihm eine Frau, die ihm begegnete, mitleidig: O du armes Kind! Heut ist ein böser Tag für dich. – Joseph fand das auch, er war ja aus dem Hause verstoßen. – Bald sagte ein andres, die böse Kunde klug bemäntelnd: Joseph! was macht dein Vater? hast ihn lange nicht gesehen? Der Knabe merkte, daß etwas im Dorfe vorgeht und alles auf ihn gerichtet ist; er hielt aber sein Wort gegen die Mutter und sagte niemand, daß der Vater heute komme.

Es schneite unaufhörlich, und Joseph war ganz allein auf dem Eis am Weiher, er schlitterte auf und ab und schaute immer nach dem Wege, wo der Vater herkommen sollte. Es war ihm aber doch zu einsam, er ging zum Großvater. Vor der Thür der Werkstatt blieb er stehen, denn er hörte drin zwei Männer reden; er kannte ihre Stimmen, es waren die Gemeindeältesten, der Wagner und der Harzbauer; sie sprachen davon, daß die Pfarrköchin verraten habe, der Pfarrer wolle aus dem Dorfe, und sie glaube, daß besonders der Röttmann und der Heidenmüller mit daran schuld seien, und dazwischen wurde auf Adam geschimpft, er heiße nicht umsonst der Gaul, er lasse sich aufzäumen und mit sich kutschieren, wohin man wolle. Jetzt kamen die Männer heraus mit dem Großvater, und dieser sagte: »So, du bist da, Joseph? Geh heim, ich komm' auch bald.« Der Großvater nahm ihn nicht an der Hand, wie sonst, sondern ging mit den Männern nach dem Pfarrhause. Joseph stand still, und plötzlich, als ob ihm jemand gepfiffen hätte, wendete er sich und rannte das Dorf hinaus, ins Feld, dem Vater entgegen. »Der wird sich freuen! Und er setzt mich zu sich aufs Pferd.« Fort rannte der Knabe durchs Feld und hinab in den Wald mit fröhlichen Sprüngen. Er strich sich nur bisweilen mit der Hand den Schnee vom Gesicht und von der Brust, machte kleine Schneeballen daraus, warf sie an die Bäume, die er sich auswählte, und traf immer gut. Im Walde ging er aber langsamer und schaute sich oft um. Auf einem Ebereschenbaum am Wege saßen ein paar Gimpel und zwitscherten nur manchmal wie verschlafen und pickten dazwischen die roten Beeren ab, aber noch mehr, als sie aufpickten, fielen auf den Boden in den Schnee. »Ihr seid ja wahre Gimpel, ihr verderbt mehr Futter, als ihr fresset,« sagte Joseph und ging, die einfältigen Tiere verachtend, weiter. Drunten im Thal den Bach entlang sang ein Vogel so wundersam, so innig in sich hinein, fast wie eine Drossel. Wer ist das? Und der Vogel singt und fliegt immer weit voraus, je weiter man geht, immer voraus den Bach entlang, er lockt, wie wenn er sagen wollte: komm nach! komm nach, komm daher, da bin ich, da ist's prächtig, gar prächtig! Und kommt man ihm nach, ist er immer schon voraus, weiter und weiter. Da wo der Weg eine scharfe Biegung macht, lag tiefer Schnee; bis an die Knie sank Joseph ein beim ersten Schritt, er war aber klug, kletterte einen steilen Berghang hinauf und jenseits der Schneewehe wieder hinab auf den Weg. Es ist gut, daß hier am Hang, wo es scharf hinabgeht, Ebereschen angepflanzt sind, da weiß man den Weg. Gehören die Ebereschen auch meinem Vater? fragte Joseph fast laut. Die Bäume wußten nicht zu antworten, und es war kein Mensch da, der Bescheid geben konnte. Ein Fuchs stand nicht weit vom Wege im Dickicht und blinzelte nach dem Knaben; er mochte auch verwundert sein, was das für eine seltsame Erscheinung sei; er blieb lange stehen unverrückt und schaute nach dem Knaben, bis dieser rief: »Gehst fort!« Und fort trollte sich der Fuchs, aber gar nicht eilig, und der kleine Joseph sagte fast laut vor sich hin: »Ja, Großvater, so ist's, wie du gesagt, jetzt hab' ich's auch gesehen: der Fuchs schleift seinen Schwanz auf dem Boden nach und verwischt seine Fußstapfen, daß man nicht sehen kann, wo er gegangen ist, das ist gescheit.« Elstern schnatterten auf den Baumgipfeln, und ein Kreuzschnabel stand unten im Thal am Felsenvorsprung, und der Knabe nickte ihm mehrmals zu, und der Vogel nickte auch, er sprach kein lautes Wort, er that nur seinen Schnabel auf und zu, wie wenn er sagen wollte: ich hab' Hunger. »Da hast,« rief der kleine Joseph und warf das einzige Stückchen Brot, das er noch bei sich hatte, hinab in die Schlucht; der Vogel mochte es für einen Steinwurf halten, denn er flog scheu auf, und das Stückchen Brot war im Schnee vergraben, und niemand hatte etwas davon.

Ruhig ging Joseph weiter, wartete bald unter einem Baum, bald unter einem vorspringenden Felsen und sah mit Behagen zu, wie der Schnee in eiligem Gewimmel und doch so still herunterfiel und immer mehr alles zudeckte. »Morgen muß mich mein Vater Schlitten fahren,« sagte er einmal vor sich hin, und in Gedanken an den Vater ging er wieder weiter und immer weiter. Es dämmerte, es begann dem Knaben doch schon etwas bange zu werden, aber er ging doch immer fort, und gut war's, daß ihn der Schilder-David vor allem hierländischen Aberglauben bewahrt hatte, aber der Häspele hat doch gesagt, daß die Seelen der Verstorbenen wie Lichter in der Nacht auf den Kirchhöfen tanzen, und auch manchmal im Wald, und der Schimmelreiter, der durch die Luft reitet, der kann knallen, der hat eine Tanne, so hoch wie der Kirchturm, als Geißelstecken. Das ist das steinerne Kreuz am Wege, wo einstmals ein Knecht mit Roß und Wagen den Berg hinuntergefallen ist, dort sitzt ein Rabe auf dem Kreuz. »Du bist doch nichts als ein Rabe,« sagte der Joseph und wirft einen Schneeballen nach dem Vogel, der davonfliegt.

Weiter ging Joseph, da stand ein Bildstock, halbverschneite Menschengesichter, sommerlich gekleidet, sahen aus der Vertiefung heraus, in der das Bild angebracht war. Joseph brach einen Tannenzweig und wischte damit allen Schnee von dem Bilde ab. Die Figuren sahen ihn seltsam starr an. Da stehen fünf Männer in der Tiefe unter grünen Bäumen, sie tragen weiße Hemden, grüne Hosenträger und kurze gelbe Lederhosen. Sie stehen in einer Reihe, und jeder hat eine Axt in der Hand, vorn aber steht einer mit der Art allein, und neben ihm liegt ein Mensch am Boden, wie eine Schnur verdreht und blutend, er liegt neben einem gefällten Baume.

Joseph las die Aufschrift. Da steht's: Vincenz Röttmann ist den 17. August unter einen Baum gekommen, hat große Schmerzen ausgestanden, den 23. August gestorben. Gott gebe ihm die ewige Ruhe und treffe alle Schuldigen.

Joseph schauderte; die Figuren sehen ihn so an, wie wenn er auch schuldig wäre. Und was ist das für ein Röttmann?

Zum Zeichen, daß er unschuldig wäre, legte Joseph den grünen Zweig auf den Bildstock und ging weiter, nicht ohne Furcht, weil ihm die Männer dort auf dem Bildstock so nachschauen.

Was kommt denn dort des Weges? Ist's ein Mensch? Er hat hundert Höcker, das ist ein Geist. Er kommt näher, immer näher. Joseph geht herzhaft auf ihn zu und sagt: »Guten Abend!« Der Mann mit den hundert Höckern – es war der Hutmacher mit den vielen dreieckigen Hüten, die er an sich herumhängen hatte – will mit gutem Zureden und mit Gewalt den Joseph zurückführen, aber er entwischt ihm, und im Weitergehen schreit er laut in den Wald hinein: »Vater! Vater!« Und immer weiter ging's: »Er wird bald kommen, er hört dich.« Es wird immer dunklere Nacht, Joseph geht unaufhaltsam seinen Weg, und: »Vater! Vater!« ruft er, und seine Wangen glühen, daß der Schnee, der darauf fällt, alsbald schmilzt.

Er sagt sein Nachtgebet wohl dreißigmal vor sich hin und: »Lieber Gott, laß meinen Vater gesund!« Das sagt er immer mit besonderer Andacht, und wieder macht er sich auf, er hört unten in der Thalschlucht etwas knattern und ächzen, nein, es ist wieder still. Aber, wo ist jetzt der Weg? – Da ist ja kein Weg mehr. – Weinend rennt der Knabe fort und stellt sich bald an diesen, bald an jenen Baum. »Vater! Mutter! Vater! Lieber Gott, hilf mir!« So ruft er, und Gott hat ihn gehört. Es kommen drei Engel mit Lichtern daher, sie haben weiße Kleider an und güldene Kronen auf dem Kopfe und singen so wundersam:

Wachet auf, wachet auf,
Kommet alle zu mir!
Die Zeit und die Stunde
Ist kommen allhier.

Sie kommen immer näher und näher und jetzt sind sie da, und Joseph geht mutig auf sie zu und sagt: »Liebe Engel, nehmt mich mit und bringt mich zu meinem Vater und meiner Mutter.«

»Herr Gott, ein Geist! Herr Gott, das Christkindle!« rufen die drei Engel und rennen mit ihren Fackeln davon, und so schnell, ja sie haben Flügel, die können gehen und fliegen, wie sie wollen.

Joseph kommt ihnen nicht nach, er stürzt, richtet sich wieder auf. Alles ist verschwunden, er steht wieder verlassen. Aber dort flimmert wieder eine Fackel auf. Nur nach. Joseph hat seine Mütze verloren, aber er merkt es nicht, rennt aus voller Macht und schreit: »Wartet! Wartet! Ich bin ja der Joseph.« Aber die Engel warten nicht und sind nicht mehr zu sehen. Die Fußstapfen sind aber zu sehen auf dem Wege, und Joseph geht ihnen nach, immer nach, weiter und weiter, und endlich auf der Anhöhe – – gottlob! da blinkt ein Licht, viele Lichter, da ist ja alles so hell. Das ganze Wohlgefühl, daß dort Menschen geschützt unter Dach sind, kam über das verirrte Kind, und mit neuer Kraft rennt es nach dem Lichte hin und kommt richtig hinab zur Heidenmühle. Eben gingen die drei Engel die Freitreppe hinauf. Sie sangen:

Es singen drei Könige diesen Gesang,
Sie singen wohl oben mit himmlischem Klang:
              Wachet auf, wachet auf,
              Kommet alle zu mir!
              Die Zeit und die Stunde
              Ist kommen allhier.

Joseph ging hinter den Singenden drein und wagte kaum zu atmen, geschweige zu rufen. Nur nicht rufen, sonst fliegen die Engel wieder davon. Er ging mit ihnen in die Stube, und die drei Engel sangen das Lied von den heiligen drei Königen zu Ende. Man hörte ihnen ruhig zu, gab ihnen zu essen und zu trinken und noch Geschenke obendrein, und die Engel aßen und tranken und bedankten sich gar schön. Joseph wurde es nun auch klar, daß das nicht Engel, sondern verkleidete Knaben waren, die die heiligen drei Könige spielten, sie gingen fort, und Joseph blieb allein. Jetzt erst wurde er von den Anwesenden im Hause bemerkt.

»Wer bist du? Woher kommst du? Was thust du da?« So wurde er jetzt von der Röttmännin und der Heidenmüllerin und deren Tochter bedrängt.

»Iß zuerst was und wärme dich dabei, du bist ja ganz naß und ohne Mütze,« sagte die Braut, »da iß und trink, hernach wollen wir schon weiter reden. Komm, ich zieh' dir deine Jacke aus und will sie an den Ofen hängen, setz dich nicht gleich da an den Ofen, das ist nicht gut.«

»Ein schöner Bub',« sagte die Heidenmüllerin, während Joseph einige Schluck Glühwein trank.

»Die Engel haben mich doch gut geführt, solche Getränke bekommt man im Himmel,« sagte Joseph.

In den Augen der Röttmännin blitzte es gar seltsam, da sie diese Worte und diese Stimme hörte; sie rückte die Flasche weg, die vor ihr stand, und schaute auf den Knaben fast wie der Fuchs dort im Wald.

»Woher bist du?« fragte die Braut.

»Von Waldhausen.«

»Und wer ist dein Vater?«

»Er ist nicht da.«

»Und wie heißt deine Mutter?«

»Martina, und mein Großvater ist der Schilder-David.«

»So hab' ich dich!« schrie die wilde Röttmännin, »Herrgott, das ist meines Adams Sohn.« Sie sprang behend auf und faßte den Knaben wie mit Geierkrallen.

»Ja, Adam heißt mein Vater. Kennt Ihr ihn?«

»Komm, ich bringe dich in die Kammer, ich thue dich ins Bett,« rief die Röttmännin.

»Ich geh' aber nicht mit dir,« sagte Joseph; »du willst mich kochen wie die Hexe. Laß los oder ich beiß'.«

»Ich will dich beißen, ich will dich kochen,« schrie die Röttmännin lachend. »O, das ist ein Glück vom Himmel, daß uns das Kind in die Hand gelaufen ist. Wir halten's verborgen und geben's nicht her. Jetzt können wir den Adam und alle zwingen, daß er nach unsrer Pfeife tanzen muß.«

»Ich geb' Euch aber das Kind nicht,« trat die Braut vor; »fürchte dich nicht, fürchte dich gar nicht, komm, setze dich auf meinen Schoß, so. Wart' ich zieh' dir deine Schuhe aus und zieh' dir meine an. So, jetzt wird's dir warm werden. Jetzt sag': weiß denn deine Mutter, daß du von daheim fort bist? Und warum bist du fort? So allein in der bösen Nacht?«

»Ich bin meinem Vater entgegen, und sie schimpfen im ganzen Dorf auf meinen Vater, weil er so stark ist wie ein Gaul, und meine Großmutter, die soll der helle Teufel sein, und ich hab's ihnen allen sagen wollen.«

»Wart, ich will dir heller Teufel!« so schrie die wilde Röttmännin und rang mit der Braut um das Kind; diese wehrte sich aber mit aller Macht, und eben als die beiden Frauen noch miteinander rangen, traten die beiden Großväter ein.

»Da ist mein Großvater!« jauchzte der kleine Joseph und rannte auf den Schilder-David zu.

»Ist das das verlorene Enkelchen?« fragte der Speidel-Röttmann; »komm her, Bursch; da hast du noch einen Großvater. Das ist ja ein prächtiger Bursch. Wär' schade gewesen!«

»Und ich sage nein und dreimal nein und siebenmal nein, und eher lasse ich mir die Zunge ausreißen und dem Hund vorwerfen, ehe ich ja sage!« raste die Röttmännin.

»Hast recht, sag nein! Aber es gilt nichts mehr. Ist das nicht ein Wunder vom Himmel, daß ein Kind so verloren und wiedergefunden ist? Draußen im Walde rennt das ganze Dorf hin und her, und sie suchen das Kind; das ist ja ein Kind, auf das dürfen wir stolz sein, und das ist ja eine Ehre und ein Ansehen, daß einem so ein Kind gegeben ist, das alle Menschen so lieb haben und ihr Leben dafür einsetzen. Unser Herrgott hat ein Wunder gethan, jetzt soll er auch an dir ein Wunder thun, Frau. Sei gut, gib nach. Nachgeben ist keine Sünde. Bist du's zufrieden, Toni?«

»Wenn's weiter nichts ist, mit meinem Willen werde ich diesem Kind seinen Vater nicht nehmen.«

»Und ich sage nein und nein, und mit meinem letzten Atem sage ich nein, und ich will sehen, ob man über mein Nein hinüberschreiten kann.«

Der Schilder-David hatte während dieser ganzen Hin- und Widerrede geschwiegen, er hielt den Joseph hoch in den Armen, fuhr ihm immer mit der Hand übers Gesicht und über den ganzen Körper herunter, ob's denn auch wahr ist, daß er ihn wieder habe; und jetzt schlich er mit Joseph auf dem Arm zur Thür hinaus. Er wußte nicht, was er wollte; er wollte mit dem Kinde allein wieder heim, aber erst vor dem Hause merkte er, daß ihm die Kniee wie gebrochen waren; er mußte sich dort auf die Treppenstufen setzen, und drinnen im Hause hörte er lärmen, und ein Fenster wurde geöffnet. und ein scharfer Rauch kam heraus, denn man hatte die Lichter am Weihnachtsbaum ausgeblasen.

So saß der Schilder-David. Wer kommt da, wer ist das? Es ist Häspele. Er jauchzte hoch auf, als er den Joseph sah, der aber schnatterte, daß auch der Schilder-David nur mit Mühe sich hielt.

»Geh schnell zurück in den Wald und sage, daß er da ist; sie sollen nicht mehr umsonst herumlaufen!« rief David zähneklappernd.

Häspele eilte mit lautem Gejauchze zurück. »Er ist gefunden! Er ist gefunden!« schrie er den Berg hinauf, bis er nicht mehr schreien konnte.

Zum Schilder-David aber kam jetzt eine Frauengestalt und sagte: »Gebt das Kind mir.«

»Nein, ich geb's nicht her. Was willst du?«

»Ich will es hinauftragen in meine Kammer und in mein Bett legen. Kommt mit.«

»Ei, du bist ja die Toni? Deine Mutter war eine brave Frau.«

»Und ich möcht' es auch sein. Kommt, schnell, hurtig!«

»Ich kann keine Treppe mehr steigen; ich spür's jetzt, was ich durchgemacht habe.«

»So kommt in den Stall, da ist's auch warm.« Toni führte den Schilder-David in den Stall, machte auf trockenem Heu ein gutes Lager zurecht, legte das Kind hinein und deckte es zu.

Der Schilder-David hielt dem Kinde die Hand auf die Stirn, das Kind schlief, und der Großvater blieb bei ihm sitzen und wagte kaum zu atmen. Erst als sie beide ganz ruhig waren, ging des Heidenmüllers Toni leise aus dem Stall.

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