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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band. - Kapitel 15
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Dreizehntes Kapitel. Das Muotisheer.

»Laß mich die Kleider tragen; gib mir seine Kleider,« sagte Adam im Weitergehen.

»Nein, ich geb' sie nicht her. Es ist ja das einzige, was ich noch von ihm habe, und da hab' ich die neuen Stiefel, die er noch nicht angezogen hat, und in der Verwirrung hab' ich auch noch sein kleines hölzernes Pferd mitgenommen.«

»So? Hat er die Pferde gern? Dann wird er seinen Vater, den Gaul, auch gern haben.«

»Mach jetzt so keine Späß', denke, du redest von einem Toten.«

»Verirrt ist noch nicht tot; und wer weiß, ob er nicht noch in einem Hause untergekommen ist, oder ihn nicht doch jemand heimgenommen hat.«

Als Zeichen des Dankes für den Trost, den Adam ihr gab, legte ihm Martina die Kleider auf den Arm: »Da, trag du sie nur.« Als sie an der Trauerweide am Wege vorüberkamen, die jetzt schneebehangen im Fackellicht gar fremdartig erschien, fuhr Martina fort: »Da ist der Baum! Wie unser Joseph noch nicht drei Jahre alt gewesen ist, gehe ich mit ihm da vorbei, und weil da die Blätter so herunterhängen, sagt er: Mutter, der Baum regnet Blätter! Er hat Reden an sich gehabt, man hat gar nicht mehr gewußt, wo man ist, ob auf der Erde oder im Himmel; man hat sich erst wieder besinnen müssen, daß man da ist, und was man thun will und was man zu thun hat. Und dabei ist er so stark gewesen, mächtig stark; ich hab' alle Kraft anwenden müssen, wenn ich ihn habe bändigen wollen. Und jetzt so sterben! Das ist doch schrecklich. Joseph! Joseph! mein guter Joseph! Komm doch, wo hist du denn? Ich bin da, deine Mutter ist da, und dein Vater auch! Komm doch, Joseph! Joseph! Ruf doch auch, Adam. Kannst du denn nicht auch schreien?«

»Joseph! Joseph!« schrie Adam mit machtvoller Stimme. »Mein Kind! Komm zu mir! Joseph! Joseph!« Er, der den Namen nur im geheimen auszusprechen zitterte, rief ihn jetzt laut durch den Wald. Bald aber ließ er ab und sagte: »Das nützt nichts, Martina; beruhige dich, sonst wirst du auch noch krank.«

»Wenn mein Joseph tot ist, will ich auch nicht mehr leben; ich hab' nichts mehr auf der Welt.«

»So? Das habe ich nicht gewußt. Ich habe gemeint, ich ginge dich auch noch was an.«

»Ach Gott, was streitest du jetzt mit mir!« klagte Martina.

Die beiden redeten lange kein Wort. Häspele war ein guter Vermittler. er kam auf Martina zu und bat sie, doch einen Schluck von dem Kirschengeist zu trinken, den er vorsorglich für Joseph mitgenommen hatte.

»Nein, nein, ich brauche nichts, und ich trinke meinem Joseph nichts weg.«

»Trinke nur einen Schluck,« bat Adam so zart, als es seine Stimme hergab, »denke, unser Joseph darf ja nicht alles trinken, wenn wir ihn finden.«

»Wenn wir ihn finden? Was hast du da schon wieder? Du weißt etwas und willst mir's nicht sagen, du weißt gewiß, daß er tot ist.«

»Ich weiß nichts; ich weiß so wenig als du. Ich bitte dich, trink jetzt einen Schluck.«

»O, wenn mein Joseph den hätte, der könnte ihn jetzt zum Leben bringen; ich brauche nichts, laßt mich in Ruhe.« Aber Adam ließ nicht ab, bis Martina trank, und das war eine gute Gelegenheit, daß Adam wieder ihre Hand faßte und dann Hand in Hand mit ihr weiter ging.

Sie sprach nun ganz leise und erzählte, wie auch Joseph so eine heimliche Natur habe; er habe ihr oft Dinge ins Ohr gesagt, die er vor aller Welt laut hätte sagen können; aber das sei seine besondere Art, am liebsten etwas heimlich zu sagen, und gewiß habe er auch dem Vater etwas heimlich sagen wollen, dann hätte er auch spüren können, wie es einen durchrieselt, wenn Joseph mit seinem warmen Atem etwas ins Ohr sagte. »Sein warmer Hauch ist jetzt hin,« schloß sie und rang die Hände.

Plötzlich faßte sie den Arm Adams wieder heftig und sagte: »O Gott, da ist der Felsen, wo ich damals habe sterben wollen mit ihm, bis mich die Leegart gefunden hat. Wären wir damals miteinander gestorben, bevor du auf die Welt gekommen bist, es wäre besser. Wo bist du jetzt? Vielleicht liegt er da zwei Schritte von uns, und wir sehen ihn nicht, und er hört uns nicht. Ich springe von Berg zu Berg, auf alle Felsenspitzen, in alle Thäler. O, warum kann ich nicht da sein und dir rufen: Joseph! Joseph! Joseph! Ich meine, ich sehe ihn da drüben auf dem Felsen; jetzt steht er noch auf dem Vorsprung, jetzt ist er noch ganz heil. Wie gut und lieb sieht er aus, wie er lacht, das Springen gefällt ihm; aber er stürzt, ich sehe ihn nicht mehr, o wie schnell! Und drunten liegt mein Kind, zerschmettert, tot. Kann's denn sein! Was hast du, armes Kind, denn gethan? Du bist ja unschuldig!«

»Laß das Ausdenken, das hilft zu nichts,« beschwichtigte Adam, aber Martina knirschte vor sich hin: »Ihr seid die Schlimmen! Ein Vater kann sein Kind verleugnen, kann an ihm vorübergehen, wie wenn's nicht auf der Welt wäre, aber eine Mutter nicht. Du bist der Schlimme, du!«

»Was wirfst du mir das jetzt vor?«

»Ich werfe dir nichts vor; warum zankst du mich denn?«

»Ich streite nicht mit dir, ich zanke nicht mit dir; sei nur ein bißchen ruhig, es soll von heute an auch alles Schlimme vorbei sein.«

»Was kannst du von Schlimmem reden?«

»Ich will gar nichts mehr reden, sei jetzt nur ein bißchen still. Halt dich an mich an, so, so.«

»Nein, nein, ich kann nicht,« schrie Martina plötzlich auf, nachdem sie sich eine Weile an Adam gehalten, »ich kann nicht. O, lieber Herr Gott! Thu alles mit mir, nur laß es mein Kind nicht entgelten, meinen Joseph; er ist unschuldig, ich allein bin schuldig, ich und der da.« –

Sie ging zwei Schritte von Adam, wie wenn sie seine Nähe nicht ertragen könnte; sie weinte nicht mehr, sie schluchzte nur noch trockenen Auges und es stieß ihr fast das Herz ab.

Es war wie das wilde Heer, was jetzt durch den Wald zog: die Männer mit den Fackeln, mit den Laternen, mit dem wilden Geschrei, Rufen, Peitschenknallen, Rollengeklingel; und die Hunde, denen man Laternen angehängt hatte, die bellend die Schluchten hinab, bellend die Berge hinauf drangen und wieder angerufen wurden. Es war gut, daß feste Ordnung gehalten wurde. Keiner kannte den andern mehr, jeder war nur eine wandelnde Schneemasse, und im Fackelscheine sahen die Berge, die Felsen wie verwundert auf die Menschen, die daherkamen und riefen und schrieen nach einem Menschenkinde.

»Da sieh, wie lieb ihn das ganze Dorf hat,« sagte Martina zu Adam und erzählte ihm, wie in der vergangenen Nacht Joseph sie dreimal geweckt und wie er schon am frühen Morgen gefragt habe, welchen Weg der Vater käme, und sie mache sich schwere Vorwürfe, daß sie der Leegart nachgegeben und ihn allein aus dem Haus geschickt, sie hätte es ja wissen müssen, daß heute etwas Entsetzliches geschehe. Adam war ganz ratlos und wußte nichts zu sagen, und doppelt entsetzlich ward's ihm, wenn er an die Heidenmühle dachte, wie sie dort beisammen sitzen und auf ihn warten, und zu welchem Frevel er sich hatte verleiten lassen. –

Plötzlich ertönte ein Jubelgeschrei. Was ist? Was ist? Gottlob! sie haben ihn gefunden? Wo? Wo? Atemlos kam der Schmied zu Adam und Martina: »Da ist seine Mütze, jetzt finden wir ihn gewiß.«

Martina faßte die triefendnasse Mütze und weinte heiße Thränen darauf: »O Gott! Jetzt ist er ohne Mütze, und der Schnee liegt auf seinem Kopfe, wenn er noch am Leben ist.«

Martina fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und starrte den Schmied an, der ungeheuerlich ausschaute. Er hatte sich nicht Zeit genommen, das rußige Gesicht zu waschen, und nun hatte der Schnee wunderliche Figuren in sein Gesicht gezeichnet, und sein roter Bart war voll Schnee.

»Bleibt ihr auf dem geraden Weg, daß wir euch gleich finden,« sagte der Schmied, und indem er sich zum Gehen wendete, rief er noch: »Heut nacht verdienen wir bei euch, daß wir an eurer Hochzeit vollauf zu trinken kriegen.«

Es war wie das wilde Heer, das durch den Wald wütete, und ein Mann war im Walde, der sah das wilde Heer leibhaftig. Der Speidel-Röttmann, der seinem Sohne gefolgt war, hatte einen Fehltritt gethan und war in die Schlucht hinuntergerollt. Unten wurde er plötzlich nüchtern. Er hatte sich keinen Schaden gethan. Er ging eine große Strecke auf dem zugefrorenen Bach, und wie entsetzliche Ungeheuer schauten die Felsen und Bäume auf ihn nieder. Immer mehr Schnee schüttelte es auf ihn herab, und er wußte nicht, ging er stromauf- oder stromabwärts. Er versuchte mit einem Stein das Eis einzubrechen, um gewiß zu werden, wohin der Bach fließe und wohin er des Weges gehen müsse, aber er konnte keinen Stein lösen. Die ganze Welt ist gebunden und gibt ihm keine Hilfe. Da, hier ist eine Lichtung, hier ist ein Bergweg. – Er steigt aufwärts, oft ausgleitend, vom Schnee fast ganz zugedeckt; aber er läßt nicht ab; der Speidel-Röttmann ist nicht umsonst einer der Stärksten. Er erklimmt die Anhöhe. Richtig! Hier ist ein Weg. Mit dem letzten Griff auf den Boden faßt er etwas: es ist eine Pfeife. Das ist Adams Pfeife, da muß er gegangen sein; jetzt holst du ihn noch ein, aber wohin ist er gegangen? Rechts oder links? Die Fußstapfen sind vom fallenden Schnee schon wieder zugeweht. Der Speidel-Röttmann geht den Weg rechts, da fällt ihm wieder ein: Nein, links ist gewiß der rechte Weg; er kehrt wieder um und so immer hin und her, als ob ihn ein Geist in der Irre führe. Horch, Waldhörnerschall, Peitschengeknall, Hundegebell! Was ist das? Herr Gott! das ist die wilde Jagd. Es ist der Schimmelreiter mit dem wilden Gejaid, das knallt und bellt und bläst, und mitten drunter schreit's wie tausend und aber tausend kleine Kinder, und wer aufschaut, dem nimmt es den Kopf weg, wie man den Deckel von einem Topf thut. Alle Schrecken der Hölle kamen über den Speidel-Röttmann. Er hat zwar oft geprahlt, daß all das Gerede von Hexen, Gespenstern und Zauberei eitel Lug und Trug sei, aber jetzt richtet sich jedes Haar auf seinem Kopf auf und gibt Zeugnis, daß die vergangenen Zeiten so gescheit waren wie unsre, und sie haben alles geglaubt. Da ist's jetzt. Verzeih mir, daß ich nicht daran geglaubt habe. Ich will's . . . Der Speidel-Röttmann springt ab des Weges in den Wald hinein, wirft sich dort mit dem Angesicht auf den Boden, daß das wilde Heer über ihn wegziehe und ihn nicht erwürge. So liegt er, und so hört er's an sich vorübersausen. Er grub die Hand in das schneeige Moos, und das Moos hielt fest. Es ist doch noch gut, daß etwas auf der Welt fest ist. – – Halt fest! halt fest! Jetzt wirst du in die Luft gehoben, auf einem Baum, wer weiß wo, wirst du abgesetzt, und du hast das Gesicht nach hinten gedreht und mußt dein Lebtag so herumlaufen. Und es ist, wie wenn ihn jemand höhnte: nicht wahr, das ist dein eigener Wald? Aber du mitsamt deinen Waldhütern und mitsamt deinen Holzwächtern, ihr könnt alle nicht verbieten, daß das wilde Heer durchzieht; und hörst du eine Kinderstimme? Kennst du sie? . . .

Der Speidel-Röttmann weiß nicht, was er soll und was er will. Von seinem Hauch schmilzt der Schnee, in den er das Gesicht gedrückt hat, aber auch in seinem verhärteten Herzen will etwas schmelzen, und im Angesicht des Todes ruft er in das schneeige Moos hinein: »Joseph!« wie wenn ihn das Wort erlösen könnte. »Ich schwör's!« ruft er noch einmal. Es ist ihm doch durch den Sinn gefahren, daß ein Kind auf Erden lebt, dem er großes Unrecht thun will und das um ihn klagt und weint hoch in den Lüften. Er will seinen Sohn zu sich zurückrufen, und der Sohn will seinen Sohn rufen. Das ist ja auf einmal wie eine Kette, die sich aneinander hängt, und immer weiter und . . . »Ich geb' nach, laßt mich los, behalte du dein Kind!« Mit diesen Worten wagte er's endlich, sich ein wenig aufzurichten. Das Lärmen, Schreien und Rufen tönt weiter aus der Ferne: »Wer bist du? Wer bist du?? ruft plötzlich eine Gestalt und faßt ihn an, nicht wie ein Mensch, nein, wie ein Geist; wie ein wildes Tier mit Krallen.

»Ich bin ein schwerer Sünder – ich bin der Röttmann, laß mich los, sei barmherzig.«

»So? hab' ich dich?« rief die Gestalt und kniete auf ihn nieder, »du mußt sterben, du hast mein Enkelkind getötet, verstoßen, ins Elend gestürzt.«

»Wie? Was? Du bist?«

»Ja, du sollst wissen, wer dir mit der Axt das Hirn einschlägt. Ich bin's, der Schilder-David. Ja, du verdammter Goliath, ich habe dich am Boden, und sterben mußt du.«

Die Kraft kehrte in dem Speidel-Röttmann zurück. Es war nur ein kurzes Besinnen: »Oho! Oho! da ist nichts zu fürchten!« und seine Hand ging schnell seinen Gedanken nach. Er ließ mit der Hand von dem, der auf ihm kniete, und zückte das aufrechtstehende Messer, das er bei sich trug, und jetzt rief er: »Laß los, David, laß los! oder ich stech' dich nieder!«

»Deine Gewalttaten haben ein Ende!« schrie David und riß ihm mit aller Macht das Messer aus der Hand. Aber währenddessen hatte sich der Röttmann rasch aufgerichtet, und nun lag David unter ihm am Boden.

»Siehst du!« rief er triumphierend, »jetzt kann ich dir den Garaus machen.«

»Thu's, rotte die ganze Familie aus, meinen Joseph hast du getötet; erstich mich auch.«

»Steh auf, ich will dir nichts thun,« entgegnete der Speidel-Röttmann, »ich weiß nicht, bin ich verrückt, bist du verrückt, oder ist die ganze Welt verrückt. Wie kommst denn du daher? Was ist denn da im Wald?«

David erzählte mit raschem Atem, was vorgefallen war, aber mitten drin sagte er: »Es ist nicht recht, daß ich so mit dir rede; du und dein Sohn, ihr verdient beide den Tod. Ich will nicht gut mit dir reden, einer von uns muß auf dem Platz bleiben; stich mich nieder, ich will auch hinaus aus dieser schlechten Welt, ich habe nichts mehr drin zu suchen.«

Mit diesen Worten warf sich der Schilder-David auf den Speidel-Röttmann, aber dieser hielt ihn bei den Armen fest, und die Arme standen so fest, als wären sie in einen Schraubstock gesetzt.

»Du dauerst mich,« sagte der Röttmann.

»Ich will dein Bedauern nicht, du bist nicht wert, daß dich ein redlicher Mensch mit einem Wort anredet. Du dreimal genähter Schuft, trag du nur den Kopf hoch, das Höllenthor ist weit genug, daß du dich nicht zu bücken brauchst.«

»Schimpf, was du willst, ich bin stärker als du. Hör aber zu, was ich dir sage. Du siehst, zwingen kann mich niemand, kein Mensch auf der Welt kann mich zwingen, aber ich will dir was sagen: ich brauchte es nicht zu halten, es hat's kein Mensch gehört, und mit dem Teufel und mit dem wilden Heere, das sieht man ja, es ist alles nur Aberglaube, und wenn ich nicht will, kann mir niemand nichts thun. Aber paß auf, was ich dir sage. Es geht niemand was an, und du brauchst nicht zu wissen, warum und was und wo und wem ich's versprochen habe. Das ist mein Wald, und da bin ich Herr, und wenn ich dich in der Nacht hier finde und du hast die Axt bei dir, kann ich dich binden und niederschießen, wenn du davonläufst – wie ich will. Aber das habe ich alles nicht sagen wollen; ja doch, ich will dir nur sagen, es kann mich niemand zwingen, aber ich will, und darum ist's jetzt so, und da hast du meine Hand: wenn das Kind noch lebt, wenn wir's finden, und meinetwegen lebendig oder tot, da hast du meine Hand, ich hab' nichts dagegen.«

»Was?!«

»Meine Einwilligung hat er. Wenn ich's recht überlege, ich bin eigentlich nie so dagegen gewesen. Ich habe nur meiner Frau folgen müssen. Ich laufe hier im Wald, ich weiß nicht wie lang, und da drunten, wie ich gemeint habe, die Schneefelsen fallen auf mich nieder, da ist mir's gewesen, wie wenn ich eine Kinderstimme rufen hörte: Vater! Vater! Jetzt weiß ich, was es gewesen ist, und ich kann dir nicht sagen, wie mir die Stimme ins Herz gegangen ist, und ich hab' mir gesagt, wenn's noch zu machen ist, meinetwegen; mag mein Adam seine Martina heiraten, ich geb' mein Wort dazu.«

»Wenn die Kuh draußen ist, macht man den Stall zu, es ist zu spät. Es gibt jetzt kein Glück und keinen Segen mehr auf der Welt. Wenn du das Kind gekannt hättest! Das war ein Engel vom Himmel. Aber, lieber Gott! jetzt ist's tot, und wer weiß, wo es ist. Es ist eine Zeit gewesen, wo ich geglaubt habe, ich könne keinem Menschen unter die Augen gehen, und jetzt möchte ich aus der Welt gehen, weil das Kind nicht mehr drin ist. Bin ich's nicht wert gewesen, solch ein Enkelchen zu haben, so bist du's noch weniger. Und ich will keinen Frieden, du oder ich, einer muß sterben. Stich mich nieder, es ist mir recht, dann komm' ich mit meinem Joseph aus der Welt.«

In Not und Weinen stürzte David nochmals auf den Röttmann los, aber dieser hielt ihm wieder beide Arme steif, daß er sich nicht rühren konnte. Und ja, es mußte ein Wunder im Speidel-Röttmann vorgegangen sein, denn er wußte dem David so einzureden, daß er mit ihm ging und sie gemeinschaftlich den Joseph suchten.

»Joseph! dein Großvater ruft!« so schrie David; »Joseph! dein Großvater ruft!« so schrie der Speidel-Röttmann. David schaute sich mehrmals um, ob's denn auch wirklich wahr ist, daß der Speidel-Röttmann so ruft. David war der einzige, der, der Anordnung zuwider, allein gegangen war; jetzt hat er einen Kameraden gefunden, und was für einen! –

Das Waldhorn klang vom Berge, die Fackeln und die Laternen gingen hin und her, die Hunde bellten und rannten auf und nieder, die Rollen klingelten, und die beiden Großväter gingen miteinander dahin, wie wenn sie von alten Zeiten her gleichen Schritt gehalten. Endlich sahen sie Licht in der Ferne blinken, das Licht stand fest, das war in einem Hause; sie wanderten dem Lichte zu.

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