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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band. - Kapitel 12
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Zehntes Kapitel. Ein Vater, der seinen Sohn sucht.

Als Adam ins Freie kam, war es ihm plötzlich, als wache er auf: was ist geschehen? Wenn ich nicht will, ist nichts geschehen. – Es durchschauerte ihn, die Hand, die er zum Verspruch hergegeben, war plötzlich kalt, und er wärmte sie an seinem heißen Pfeifenkopfe.

Der Weg von hier nach dem Dorfe war nicht zu verfehlen, aber aufpassen muß man, denn jäh am Wege geht die Thalschlucht hinab, und in dichten Flocken fiel der Schnee, und kaum zwanzig Schritte war Adam gegangen, als er bereits aussah wie ein wandelnder Schneemann. Er mußte genau aufmerken, denn er sah keinen Weg vor sich, aber hier kannte er jeden Baum, jedes Felsstück am Weg, und er fand sich zurecht. Als er jetzt auf der kleinen Anhöhe, wo es wieder thalwärts geht, noch einmal zurückschaute und die Lichter in der Heidenmühle herüberblinken sah, zog es ihn mächtig dorthin zurück: »Es ist doch ein prächtiges Mädchen, und tausende haben schon das Gleiche gethan wie du und sind glücklich und sind fröhlich, kehr um!« . . .

Aber er schritt bei diesen Gedanken doch immer fürbaß den Weg hinab, und die Lichter aus der Heidenmühle verschwanden hinter ihm. Und jetzt wurde es ihm leichter zu Mut, und in den Schnee hinaus erhob er die Faust zum Himmel und schwur: »Ich kehre nicht mehr heim, ich will lieber ein armer Knecht sein und mein Leben lang taglöhnern, ehe ich meine Martina verlasse und mein Kind, meinen Joseph; ich habe seit zwei Jahren seine Stimme nicht gehört, er muß schon recht gewachsen sein, und Vater soll er sagen, Vater!«

Plötzlich stand Adam still: Vater! Vater! ruft eine Kindesstimme durch den Wald. Jetzt noch einmal: Vater! Ganz deutlich. – Nein, du mußt dich täuschen; wie kann das sein? Der Glühwein benebelt dich.

Adam zündete sich seine Pfeife, die ihm ausgegangen war, wieder an, und bei dem kurzen Lichtschein sah er, daß in dem Schnee bald herüber, bald hinüber am Wege Spuren von Hundstatzen liefen. Was ist das? Gewiß hat hier ein Hund seinen Herrn verloren und sucht ihn; aber ein Menschentritt ist nirgends zu sehen. Was geht's dich an? Mach, daß du fortkommst.

Still! Schon wieder! Eine Männerstimme ruft vom Berge: Adam! Adam! – Bist du wieder benebelt oder ist heute nacht die Welt verhext?

Adam faßte seinen knotigen Stock mächtig in der Hand: sie soll nur kommen, die ganze Hexenwelt, die ganze Hölle, wenn sie will, ich fürchte mich nicht. Aber so ist es ja, ich stecke in der Hölle, weil ich wie ein lahmer, läppischer Gesell die langen Jahre nachgegeben und, verzeih mir's Gott, geglaubt habe, meine Mutter könnte doch nachgeben, man könne ein Hufeisen weich kochen; und jetzt habe ich noch die Fastnachtsposse mit mir spielen lassen und bin Bräutigam geworden, aber ich thu's nicht, ich will's nicht, und wenn die ganze Welt kommt, meinen Willen muß ich haben: meine Martina und meinen Joseph. Komm nur, du verdammte, verfluchte, verhexte Welt. Was ist das? Da ist der Hund, dessen Fußstapfen du gesehen. Komm her, Hund! – – Da komm her! – Er kommt nicht . . . Herr Gott im Himmel! Das ist der Wolf, auf den wir fahnden. Er bellt heiser, er kommt näher . . . . Eine Minute stellten sich Adam die Haare zu Berge, dann aber: da hast du dein' Sach', und noch einmal, und noch einmal.

Der Wolf spürte, was für Schläge ein Mensch geben kann, der zur Brautschaft gezwungen ist, und noch dazu ein Mensch wie Adam Röttmann; der Wolf bekam die Schläge für die ganze böse Welt, auf die Adam gern losgetrommelt hätte, und als das Tier schon niedergesunken war, Adam traute ihm nicht, sie sind schlimm, die Wölfe, er schlug immer fort, unaufhörlich auf ihn los, bis er endlich mit dem Knüttel den Wolf umdrehte, daß er die Läufe gegen den Himmel kehrte. Als der Wolf jetzt noch kein Lebenszeichen von sich gab, sagte Adam mit großer Ruhe: Gut, du hast dein' Sach'! Der Schweiß rann ihm von der Stirn, seine Pfeife hatte er verloren, sie war ihm aus dem Munde gefallen, und eben das Feuer, das er dabei verschüttet, hatte den Wolf erschreckt. Adam wühlte überall herum nach seiner Pfeife, sie war nicht zu finden; endlich ließ er ab, faßte den Wolf am Genick und schleppte ihn so neben sich her den ganzen Weg. Als er endlich Lichter aus dem Dorfe blinken sah, da lachte er vor sich hin: sie werden alle staunen im Dorf, wenn ich ihnen den Wolf bringe, den ich mit dem Knüttel totgeschlagen habe. Und was wird erst mein Joseph sagen! Ja, Bürschle, hab Respekt, du hast einen starken Vater, und ich schneide dem Wolf gleich das Herz aus dem Leib, das mußt du bei dir tragen, daß du auch so stark wirst wie dein Vater, meintwegen noch stärker.

Adam hatte recht gehört, da er hinter sich drein hatte »Adam!« rufen hören; sein Vater war ihm gefolgt und hatte ihm gerufen. Wer weiß, ob er in dem blendenden Schneegestöber nicht vom Wege abgekommen! Hatte Adam auch recht gehört, da er im Walde von einer Kindesstimme hatte »Vater« rufen hören? . . .

Auf der Heidenmühle blieb es nicht lange verborgen, daß Vater und Sohn sich so rätselhaft entfernt hatten, und die Röttmännin wußte wohl, wo sie hingegangen waren. Sie schimpfte aber weit mehr auf ihren Mann, der, ohne ihr etwas zu sagen, dem einfältigen Gesellen nachgelaufen wäre; solche alberne Streiche mache er immer, wenn er sie nicht zu Rate ziehe; Adam bekam auch seine Titel, und sie waren gar nicht von brautwerberischer Natur. Die Heidenmüllerin war klug genug, hinzuzufügen, die Röttmännin wisse sehr schöne Späße zu machen, sie gäbe Mann und Sohn Schimpfnamen, weil sie wohl wisse, daß sie die besten Ehrennamen verdienten, und beide Frauen schauten groß auf, als die Braut hinzusetzte: »Von Adam habe ich nur Liebes, Gescheites und Gutes gehört, solange er draußen bei mir gesessen hat.« – Wie auf ein Kommando fingen die beiden Frauen laut zu lachen an, und die Röttmännin streichelte die Braut und sagte ihr, sie sei klug; das sei die rechte Manier, wie man die Männer unterkriege, und unterducken müßten sie alle, sie seien alle nichts nutz, und erst die Frau mache den Mann. Sie gestatte nur die einzige Ausnahme des Vetter Heidenmüller. Dieser aber merkte nichts von der Ausnahme, die man mit ihm machte. Er lallte nur zu allem, was man sagte, bis aus dem Lallen ein Husten wurde, daß man meinte, er müsse ersticken. Der Heidenmüller hatte ein schweres Wagstück ausgeführt, er hatte mit dem Speidel-Röttmann um die Wette trinken wollen, und das hat noch keiner ungestraft versucht.

Die Heidenmüllerin war sehr sorglich um ihren Mann und brachte ihn nach der Kammer, dann kam sie in die Stube zurück und sagte: »Gottlob, er schläft ruhig; der kann keinem Röttmann die Stange halten, das sollt' er wissen.«

Geschmeichelt über dieses Lob, sagte die Röttmännin: »Sorge dafür, daß er bei dem Husten bald sein Testament macht.«

»Da sagen die Leute – Gott verzeih mir's, daß ich so was nachsage, und ihr auch – da sagen die Leute,« klagte die Heidenmüllerin, »die Röttmännin sei eine böse Frau! Gibt es denn eine bessere, die sich so einer verlassenen Witfrau annimmt?«

Die Heidenmüllerin betrachtete sich jetzt schon als eine solche und schaute gar erbarmungswürdig drein und rieb sich die Augen; da dies aber nichts nützte, faltete sie die Hände und betrachtete die Röttmännin wie anbetend, indem sie fortfuhr: »Und mir will sie Gutes zuwenden und will nicht, daß ihr eigener leiblicher Sohn alles bekommt.«

Die Röttmännin dankte lächelnd; sie hatte sich nur vergessen, so war es doch nicht gemeint. Sie gönnte zwar ihrem Sohn nichts Gutes, aber so ein Narr ist sie doch nicht, daß sie einem Fremden Geld und Gut zuhegte, das in ihre Familie kommen kann.

Die Röttmännin drang nun wieder darauf, daß man ihrem Mann und ihrem Sohn Boten nachschicke. Der Oberknecht wurde herbeigerufen, der aber erklärte, er selbst gehe nicht, und er wisse, daß auch keiner der Knechte bei diesem Wetter aus dem Hause gehe, und er mute es ihnen auch nicht zu, und es sei überhaupt nicht nötig, wenn die wilden Röttmänner in den Wald hinausliefen, sie wieder einzufangen, sie müßten von selber wieder kommen. Die wilde Röttmännin wollte nun, daß man wenigstens den Schlitten herausthue und sie heimbringe; zu Haus wolle sie dann schon ihrem Mann und dem Adam den Meister zeigen. Aber es war niemand da, der sie führen wollte, und die Heidenmüllerin bat mit den süßesten Worten und die Braut in treuherziger Ehrlichkeit, daß sie doch über Nacht hier bleibe; am Tag sei die Welt wieder ganz anders, und Adam habe versprochen, bis man den Lichterbaum anzünde, wieder da zu sein. Sie setzte hinzu, daß die Kinder der Müllersknechte schon lange darauf warteten, daß man den Baum anzünde und ihnen beschere. Die Heidenmüllerin und die Röttmännin lobten diesen Vorschlag sehr. Die Röttmännin lobte die Braut noch besonders wegen ihrer Gutmütigkeit und gab zu verstehen, sie wisse wohl, die Braut habe gewiß mit Adam eine schöne Ueberraschung abgekartet. Die Rute, die auch mit an den Baum gehängt werden sollte, zog die Röttmännin immer, sie mit der rechten haltend, durch die linke Hand und fuchtelte damit durch die Luft, daß es pfiff. Diese Musik schien sie sehr zu ergötzen.

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