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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band. - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Siebenter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Achtes Kapitel. Warm und wohl im Pfarrhause.

Kann es für solch eine Frau, wie die Röttmännin, auch ein heiliges Fest geben? Kann es eine Menschenseele geben, und sie muß aus der Welt gehen und hat nie jenen Wonneschauer empfunden, der das eigene Leben und das Leben der Menschheit zur Glückseligkeit macht? Daß es solche Menschen gibt, das wirft einen Schatten auf die Welt und läßt niemand vollkommen froh werden.

So überlegte die Pfarrerin hin und her, als sie am Fenster saß. Sie verscheuchte aber bald alle Schatten, und in ihrer Seele war's wie der helle Morgen eines unendlichen Festtages, der ein Strahl aus der Ewigkeit ist. Sie stand auf und ging wie ein glückseliger stiller Geist im Hause umher. Die kommenden Festtage, und dazu der Gedanke, daß sie auch ihren Bruder bei sich habe, warfen einen Glanz und eine Freudigkeit auf ihr ganzes Wesen, daß sie alles anlächelte, und während sie dem Bruder, der hungrig von der Jagd kommen werde, ein gutes Frühstück bereit stellte, lächelte sie dem Schinken, der Butter und den Eiern zu, als müßte sie ihnen danken, daß sie die brave Eigenschaft haben, die Menschen zu nähren und zu kräftigen. Die Speisen können nicht Rede und Antwort geben, aber die Magd spürt es, daß die Pfarrerin gern vom Bruder hört, und sie sagt:

»Der Herr Bruder ist ein schöner, feiner Herr. Wie er gestern abend gekommen ist, hab' ich gemeint, es wär' der Prinz, der vorigen Winter hier durch auf die Jagd gefahren ist.« Die Magd wischte sich dabei das Gesicht mit der Schürze ab. um sich auch schön zu machen. »Ich bin nur froh, daß wir die Gans geschlachtet haben,« setzte sie hinzu und liebäugelte mit der vor dem Küchenfenster Hängenden.

Bruder Eduard kam schon gegen zehn Uhr wieder heim. Die Pfarrerin bedeutete ihm, daß der Pfarrer schliefe, und er stellte sein Jagdgewehr so leise in die Ecke, als wäre es von Baumwolle. Die Pfarrerin freute sich des Jägerappetits, setzte sich mit ihrer Stickerei zum Bruder und erzählte ihm von den Begebnissen des Pfarrers. Der Bruder dagegen berichtete, daß er nichts geschossen, denn er sei, wie er fest glaube, dem Wolf aus der Fährte gewesen; bei einer Schlucht habe er sie indes verloren, da er es nicht wagen konnte, allein da hinabzusteigen. Er war bis zur Heidenmühle gekommen, und er schilderte mit wahrem Entzücken die großartige und schauerliche Landschaft, wie da die Wasserstürze gefroren seien und ganze Felsen wie feingeschliffene Spiegel glitzerten. Je schauerlicher der Bruder die Landschaft schilderte, um so behaglicher war's jetzt in der Stube, und so still und wohlig, wie sich die Wärme in der Stube ausbreitete, sprachen Bruder und Schwester miteinander; der Pendelschlag der Uhr und das Knistern des Holzes im Ofen war lauter als ihre Rede. Draußen fielen einige Schneeflocken langsam und gemächlich herab, wie erst zum Spiel sich behaglich wiegend, und in der Stube war's zwiefach heimelig.

»Ich muß dir doch auch noch ein Abenteuer berichten,« nahm Eduard wieder auf.

»Willst du nicht warten, bis mein Mann aufwacht, damit du nicht zweimal erzählen mußt?«

»Nein, ich erzähl's nur dir, und du mußt mir Verschwiegenheit geloben. – Ich stehe nicht weit von der Heidenmühle hinter einem Busch auf Anstand, ich denke, der Wolf kommt doch noch wieder; da sehe ich zwei Mädchen des Weges daherkommen, sie bleiben nicht weit von meinem Verstecke stehen, und das eine Mädchen sagt: So will ich dir hier Ade sagen, ich danke dir für deine Gutheit, meine Mutter im Himmel wird dir's vergelten, aber es ist vorbei, ich muß. O lieber Gott, warum ist's denn nicht mehr wahr, daß man von einem bösen Weib in einen Raben verzaubert werden kann? Ich wollt', ich wäre der Rabe, der da fliegt, dann könnte ich fortfliegen und brauchte nicht da hinauf in die rote Hölle. Schau, der Schnee schmilzt von meinen Thränen, die darauf fallen, aber das böse Herz schmilzt nicht, und mein Vater ist ganz verwandelt. – Sie konnte vor Weinen nicht weiter reden, und die andre ging von dannen. Die Weinende kehrte nach der Mühle zurück; ich hielt mich nicht, ich trat ihr in den Weg, ich bereute es fast, es lag ein großer Schmerz auf dem jugendlich schönen, frischen Antlitze, ich hätte ihr gern einen Trost gesagt, aber ich wußte nicht, was ich vorbringen sollte, ich sagte ihr nur einfach guten Tag; sie sah mich groß an, stand einen Augenblick still verwundert, dann ging sie ihres Weges.«

»Das ist des Heidenmüllers Toni,« ergänzte die Pfarrerin, »ein herzig gutes Mädchen, sie soll Braut werden mit Adam Röttmann.«

»Entsetzlich!« schaltete der junge Landwirt ein.

»Jawohl, entsetzlich. Die Toni ist das einzige Kind des Heidenmüllers. Sie hatte eine brave Mutter; solang die lebte, war die Heidenmühle das erste Ehrenhaus unsrer Gemeinde und Schutz und Zuflucht aller Armen. Die kleine Toni ging bis vor vier Jahren täglich den gut anderthalb Stunden weiten Weg in die Schule, und im Winter kam sie auf einem Esel dahergeritten. Solch ein Kind, das jahrelang täglich allein den weiten Weg durch das Felsenthal und den Wald macht, muß sinnig und reich an Beobachtungen werden; natürlich nur, wenn es geweckten Geistes ist, denn es gehen auch viele dumpf dahin und wissen nichts von sich und nichts von der Welt. Die kleine Toni aber war ein aufgewecktes Kind, und man hörte sie oft im Walde ihre Sprüche laut hersagen und ihre Lieder singen. Sie hat eine wunderbar schöne Stimme. Nun starb vor zwei Jahren ihre Mutter, und der Vormund, der für das Kind dem Vater beigegeben wird, ist der Rößleswirt von Wengern, und bald darauf heiratet dessen Schwester den Heidenmüller; bei der hat nun das arme Kind keine gute Stunde mehr, und der Vormund ist der Bruder der Stiefmutter, und so wird es kommen, daß die Toni den Adam Röttmann heiratet.«

Plötzlich fuhr die Pfarrerin auf, sich unterbrechend: »Ei, ei! Da muß die Hausthür offen geblieben sein, ich höre jemand die Treppe heraufkommen.«

»St! Still! Ruhe!« beschwichtigte sie und öffnete die Thür. »Ei, du bist's, Martina? Komm herein, aber ruhig, der Herr Pfarrer schläft. Was bringst du denn?«

»Einen schönen Gruß von der Leegart, und hier schickt sie die Hauben.«

»Warum kommt sie nicht selbst?«

»Sie ist bei uns und macht meinem Joseph heut eine neue Jacke.«

»Du putzest den Joseph zu sehr aus, du verdirbst ihn,« sagte die Pfarrerin.

»Die Leegart nimmt keinen Lohn von mir,« sagte Martina, scheu sich wendend, und in diesem Augenblick fiel ihr das rote Tuch, mit dem sie den Kopf verhüllt hatte, in den Nacken. Der junge Mann betrachtete forschenden Blickes das schöne länglich-volle Antlitz mit den großen dunkelbraunen Augen. Martina spürte den Blick und schlug die Augen nieder, wie gebannt. Sie tastete an der Thür hin und her nach der Klinke, als wäre sie im Finstern. Die Pfarrerin folgte ihr indes aus der Stube und sagte:

»Du möchtest wohl wissen, wie es der Röttmännin geht? Es geht ihr so, wie sie ist, bös. Sie hat heut in der Nacht den Herrn rufen lassen, sie ist aber gar nicht schwer krank, im Gegenteil.«

»Gott ist mein Zeuge, ich wünsche nicht ihren Tod,« beteuerte Martina und legte beide Hände auf die Brust.

»Ich glaub' dir's. Der Herr hat auch einen schweren Streit mit ihr gehabt, er bleibt aber dabei, er traut den Adam mit niemand anders, als mit dir. Ich will dir alles ein andermal erzählen,« schloß die Pfarrerin und wollte nach der Stube. Martina aber sagte weinend:

»O liebe Frau Pfarrerin, mein Joseph, ich weiß gar nicht, was mit dem Buben seit ein paar Tagen ist; er redet und denkt gar nichts andres, als vom Vater. Ich muß ihm davon erzählen, bis er einschläft, und morgens ist wieder sein erstes Wort der Vater. In die Schule, das hat er geschworen, geht er nicht mehr; sie schimpfen ihn dort das Füllen, weil man seinen Vater den Gaul heißt,« fügte Martina unter Weinen lachend hinzu, und selbst die Pfarrerin konnte nicht anders als lachen; sie schloß aber schnell:

»Ich kann mich jetzt nicht bei dir aufhalten, das ist mein jüngster Bruder, der zu Besuch gekommen ist. Sei recht stark gegen deinen Joseph, das ganze Dorf hat das Kind verwöhnt. Komm in den Feiertagen einmal herüber. Mach die Hausthür leise zu.«

Martina ging schweren Schrittes heimwärts, und in ihr sang es wieder:

»Komm' ich morgens auf die Gassen,
Sehn mir's alle Leute an,
Meine Augen stehn voll Wasser,
Weil ich dich nicht lassen kann.«

Die Pfarrerin war indes wieder in die Stube zurückgekehrt, und Bruder Eduard bekundete, daß er nicht nur für Landschaftsbilder, sondern auch für menschliche Wohlgestalt ein scharfes Auge habe. Er sprach sein herzliches Bedauern aus, daß eine solche Erscheinung in Not und Elend verkümmern müsse.

»Ja,« setzte die Pfarrerin hinzu, »wie du das Mädchen jetzt siehst, hättest du sie ein Jahr nach ihrem Fall kaum mehr gekannt, sie sah zum Sterben hinfällig aus. Man erzählt, ein Wort der Leegart habe sie aufgerichtet, denn diese sagte: ›Gräm dich nicht so ab, sonst sagen die Leute, er hat recht, daß er so eine Verbuttete sitzen läßt.‹ Und diese Zurede und das Gedeihen des Joseph gaben Martina wieder neues Leben.«

Während die Pfarrerin mit dem Bruder sprach und ihm eifrig zuhörte, horchte sie dabei doch immer nach der Kammer. Jetzt vernahm sie, daß der Pfarrer aufgestanden war, er summte die Weise, die sie gestern abend mit Eduard gesungen, und schnell setzte sie sich an das Klavier und sang mit dem Bruder abermals:

»Laß Glück, laß Schmerz uns teilen.«

Der Pfarrer kam freudig lächelnd in die Stube.

Der Pfarrer mußte indes in seinen Schlaf hinein doch manches gehört haben, denn er sagte nach einer Weile:

»Lina, die Martina ist vorhin dagewesen. Ich muß bitten, daß es bei meiner Anordnung bleibe, daß sie nicht in unserm Haus aus und ein geht.«

»Sie sind doch sonst so mild,« wagte Eduard einzuwerfen.

»Mag sein, aber das schließt die Strenge nicht aus, wo sie notwendig ist. Wer sich verfehlt hat, mag sich still bessern, aber die Bevorzugung, im Pfarrhause heimisch zu sein, gehört ihm nicht mehr. Es ist der Verderb aller Humanität, wenn man sie zur weichlichen Straflosigkeit werden läßt.«

Die sonst so sanften Mienen des Pfarrers waren bei diesen Worten streng und scharf. Bald setzte er indes hinzu:

»Eduard, gib mir noch eine von deinen Cigarren.«

Die drei saßen wieder behaglich beisammen.

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