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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band - Kapitel 73
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Achtundzwanzigstes Kapitel.

Aloys wurde von Frau und Sohn Ludwig Waldfrieds wie ein Zugehöriger bewillkommt; Ludwig Waldfried selber war nicht zu Hause, aber nach zwei Tagen kam er und war in freudiger Stimmung, denn er hatte mit einem Berufsgenossen, der ebenfalls aus Amerika zurückgekehrt war, die Wasserleitung zustande gebracht, die eine ganze wasserarme Landschaft in frisches Leben versetzte.

Nachdem er Aloys bewillkommt, erzählte er den Seinen von dem Jubel, als der erste Hydrant geöffnet wurde, und das frische Quellwasser vom Gebirge her sich ergoß; er fügte mit Stolz hinzu, daß wir in unserer Zeit mit der Leitung des Elementes, das Mensch und Tier und Pflanzen neu belebt, die alten Römer noch übertreffen.

Waldfried war glücklich, seinem Vaterlande Heilbringendes leisten zu können, und es gehört zu dem Erfreulichsten, zu einem Menschen zu kommen, der eben von einem gelungenen gemeinnützigen Werke heimkehrt.

Als Ludwig Waldfried sagte, daß der Mut zu den großen Wasserleitungen und die reichen Erfahrungen in deren Ausführung doch zu gutem Teil aus Amerika stammen, glänzte das Antlitz unseres Aloys und er nahm Veranlassung, sein Herz auszuschütten und sich über die schlimme Art zu beklagen, wie viele, und besonders auch Ivo, das amerikanische Wesen betrachteten. Und hier war er nun gerade an den rechten Mann gekommen, denn Ludwig Waldfried erklärte, daß viele Heimgekehrte, weil sie Geld und gebildete Kleider haben, sich nun für vornehm halten und mit prahlerischem Schimpfen auf alles Heimische den Widerspruch herausfordern. Uebrigens komme das Mißurteil über Amerika eben davon her, daß man vordem zu hoch davon gedacht habe. Amerika und Deutschland seien wie zwei Menschen, die viel aufeinander und treu zu einander halten, und bei den zu Tage gekommenen Verfehlungen sei man nun doppelt bös, weil der Freund sich anders zeigt, als man sicher und fest von ihm erwartet hatte. Schließlich aber sei die Krankheit in Amerika und die Mißstimmung in Deutschland eine Art von Kartoffelkrankheit. Die Kartoffel, die aus Amerika stamme, sei doch eine der besten Naturgaben und werde wieder gesund, drüben und hüben.

Aloys erklärte nun alsbald, daß er hier in der Bautischlerei arbeiten wolle, bis er Brief von daheim bekäme, vielleicht auch telegraphiere der Vater.

Still vor sich hin dachte er: ich wäre imstande und ginge gar nicht mehr heim und arbeitete hier und verdiente mir und meinem Marannele unser Brot. Dieser Gedanke war aber nur flüchtig, er lachte sich selbst darüber aus. So weit ist es noch nicht, daß man Hab und Gut dahinter läßt und nichts weiter ist wie der Ohlreit.

Ja, der Ohlreit!

In treuem Worthalten wollte er sich für den Ohlreit bemühen, es war aber auch ein kleiner Stolz dabei; er wollte ganz Nordstetten zeigen, daß, wo niemand etwas thut, er eintritt, und sie sollen sehen, was er vermag.

Aloys wollte nach Nordstetten schreiben, aber an wen? Das Natürlichste war, an Marannele zu schreiben, sie hat ja auch für den Verkommenen Fürsprache eingelegt. Aber wie ist an Marannele zu schreiben? Nein, wenn nichts draus wird, ist es besser, sie hält dich für ungetreu, als daß sie einen Haß auf den Vater wirft . . .

An Hirtz schreiben?

Du hast ihm nicht lebewohl gesagt.

An den jungen Buchmaier?

Der ist zu stolz und richtet kein Wort an Ohlreit.

Und so schrieb er an die Adlerwirtin, und erhielt nach einigen Tagen Kunde vom entsetzlichen Ende des Verwahrlosten.

Er erzählte Waldfried den Vorgang. Dieser ging mit keinem Worte auf das Schicksal Ohlreits ein, sagte aber, er habe heute Brief von Vater Aloys und der Brief läge zu Hause.

Der Weg von der Bautischlerei bis zum Hause Waldfrieds ist doch nicht weit, aber Aloys meinte, das Haus, das man stets sah, rücke immer weiter weg, und mit pochendem Herzen gestand er seine Liebe zu Marannele.

»Davon steht etwas in dem Briefe.«

»Im Brief von meinem Vater steht schon etwas davon? Wie ist denn das möglich? Was steht denn drin?«

»Sie werden ja hören.«

Man war endlich beim Hause. In der unteren Stube öffnete Waldfried den Schreibtisch und reichte Aloys den Brief dar; er las:

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