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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band - Kapitel 71
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Als die anderen endlich fortgegangen waren, sagte Ignazia zu Aloys:

»So, jetzt sind wir wieder allein. Ich will nur noch einiges draußen anordnen, dann setzen Sie sich zu mir, ich habe an der Nähmaschine zu arbeiten.«

Sie ging hinaus, Aloys pochte das Herz, jetzt kommt die Entscheidung. Wird sie dir das Jawort gehen? Darf dein Mund, der noch den Kuß von Maranneles Lippen fühlt, sie küssen?

Ignazia kam wieder, sie rückte einen Stuhl in ihre Nähe und begann an einem feinen weißen Linnen zu arbeiten.

Lange wurde kein Wort gesprochen. Endlich fragte Aloys, das Ende des Linnens fassend: »Ist das für Ihre Aussteuer?«

Ignazia hielt inne, ihre großen Augen ruhten auf ihm: »Gut, besser heut' als morgen und am besten jetzt gleich . . . Jeder von den dreien, die da waren, begehrt mich zur Frau . . .«

Sie hielt abermals inne und Aloys sagte: »Da hab' ich also doch recht gesehen.«

»Ja,« fuhr sie fort, »und Ihnen darf ich sagen, was ich denen da nicht sage . . .« Sie stockte wieder, aber jetzt half ihr Aloys nicht weiter, er hätte auch kein Wort hervorbringen können und sie nahm neu auf.

»Sie sind ein erfreulicher Mensch . . . In früheren Jahren . . . Ich glaub', . . . ich bin zu eigenwillig . . . zu, zu . . . Nicht wahr, Sie nehmen mir das gut auf, daß ich das sage und wir bleiben gut Freund? . . .«

Wie in eine andere Welt versetzt, schaute Aloys drein und es war eine andere Welt. Der Himmel hatte sich plötzlich aufgehellt und durch das Fenster, vor dem Ignazia saß, sah man die Alpenkette in einen Regenbogen eingerahmt. Eine atemlose Pause entstand: »Sie starren so drein. Was wollen Sie sagen?«

»Ich danke Ihnen aus Herzensgrund, daß Sie so zu mir reden, und ich muß auch sagen, es wär' nicht recht von mir gewesen, denn ich . . . ich hab schon eine andere gern . . . Aber mein Vater meint, das darf nicht sein, und ich hab' gemeint . . .«

»Ist es nicht des Jörglis Marannele?«

Aloys nickte stumm, aber sein ganzes Gesicht erglühte.

»Und warum soll's nicht sein?« fragte Ignazia und begann wieder zu arbeiten und drückte ihr Gesicht tief nieder auf ihre Arbeit.

Aloys erzählte, sich oft unterbrechend, wie wunderlich es ihm vorkomme, daß er just Ignazia das erzähle. Er berichtete genau, nur das von dem Hunde verschwieg er.

»Wie wär's,« sagte Ignazia wieder aufschauend, »wie wär's, wenn mein Vater statt Ihrer in dieser Sache an Ihren Vater schriebe?«

»Das wär' schon gut. Aber ich mein', da muß ich allein für mich einstehen. Wir Amerikaner sagen: › Help yourself‹.«

Als Ivo wieder zurückkehrte, sah er betroffen auf Ignazia und Aloys, da dieser sagte, er werde am Nachmittag abreisen.

»Ich hab' gemeint, du bleibst länger bei uns.«

»Nein, ich will jetzt auf den Feldberg und von da zum Herrn Oberst Waldfried.«

Er hatte bis zu diesem Augenblick nur gewußt, daß er fort wollte. Jetzt wußte er, wohin er wollte.

Ivo wollte den Gastfreund in seiner Halbkutsche ein Stück Weges fahren lassen, die Pferde ständen bei dem Regen ja ohnedies müßig im Stall, aber Aloys sagte, es thue ihm besser, zu Fuß zu gehen.

Ivo ließ noch Wein auftragen zum Johannistrank. Ignazia stieß mit Aloys an und sagte leise: »Glück und Segen!« Aloys trank das Glas aus bis auf den Grund und in lustigem Tone sagte er: »Vielleicht begegnet mir der Dengligeist, wenn er sich nicht vor einem Amerikaner fürchtet. Ich bitte nur noch, grüßen Sie den Herrn Bezirksförster herzlich von mir.«

Die Gastfreunde begleiteten ihn vor das Haus und als Aloys die dort stehende Mähmaschine sah, war's ihm, als streckte sie die Arme zum Himmel empor. Geschah das in Leid über die Ablehnung, oder in Freuden, weil ein Sohn Amerikas der Liebe allein folgen wollte?

Aloys nahm von Ivo und Ignazia herzlichen Abschied, er hatte edle Freunde gewonnen.

»Also wieder einer!« sagte Ivo, hinter dem Weggehenden drein . . . »Es scheint, du willst dein lebenlang bei mir bleiben.«

»Ja Vater, ich kann mir's nicht denken, daß ich noch auf der Welt wäre, wenn ich keine Deutsche mehr wäre. Und daran seid Ihr schuld.«

»Ich?«

»Ja. Seit ich denken kann, höre ich Euch danach verlangen, daß einmal ein Deutschland wird. Jetzt ist es da, und da soll ich fort? Und es ist ja alles in Ordnung. Der Aloys hat des Jörglis Marannele gern und er ist ein Mensch, den gewiß das Mädchen, das er liebt, auch wieder liebt.«

Als Ivo mit seiner Tochter ins Haus zurückgekehrt war, sagte er: »Ist dir's nicht aufgefallen, daß der Bezirksförster Stahl kein Wort des Bedauerns ausgesprochen hat, daß wir von hier wegziehen?«

»Nein.«

»Aber es hat seinen Grund.«

Ivo hielt inne, er erwartete wohl, daß die Tochter frage, aber sie sah ihn nur mit großen Augen an, und er fuhr fort: »Er hat mir das Dekret gezeigt, er ist Forstrat geworden in der Residenz. Er hat es vor den anderen nicht sagen wollen. Du mußt ihm aber Glück wünschen, wenn er heut abend wiederkommt.«

Ignazia nickte und sah nicht auf, sie verließ die Stube.

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