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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Fünftes Kapitel. Beim Schwager.

»Du mußt einen Wolfshunger haben. Man sieht dir's an. Ich hab' mit dem Essen auf dich gewartet, damit du nicht so allein bist. Soll ich Champagner aufsetzen lassen? Ich hab' echten im Keller. Ich bin im Krieg mit meinem Fuhrwerk auch drei Wochen in der Champagne gewesen.«

So wurde Reinhard vom Schwager begrüßt, als er wieder in das Wirtshaus kam. Reinhard setzte sich und der Schwager, der ihm ansah, daß er etwas fragen wollte, fiel ein:

»Red' jetzt gar nichts und laß dir's schmecken. Weißt, wie mein Vater immer gesagt hat? Mit Essen und Trinken im Magen hat man eine andere Seel! Nach dem Essen kannst du fragen, was du willst.«

Sie aßen still und Reinhard fragte endlich: »Warum bist du nicht im alten Haus verblieben?«

»Ja schau, es ist eben eine neue Welt. Sobald es gewiß gewesen ist, daß wir die Eisenbahn bekommen und den Bahnhof daher, hab' ich zu meinem Acker noch den Baumgarten vom Wendelin gekauft, ich hab' ihn gut bezahlt, aber der Rothaarige schimpft – die Menschen schimpfen eben auf jeden, der sein Sach versteht, es wird bei euch im Malergeschäft auch so sein – und da hab' ich hergebaut und die Ingenieure haben bei mir gewohnt und zweimal auch der Minister.«

»Und das alte Haus, in dem wir so vieles erlebt haben, ist dir gar nichts mehr wert?«

»O, wert schon,« erwiderte der Schwager, es blitzte schelmisch in seinem Gesichte, »die Maler malen's alle ab und photographiert ist's auch, und das Lorle ist darin verblieben, sie ist nicht mit herausgezogen. Schau, du siehst wieder gleich so aus, ich kann nicht sagen wie. Es geht doch nicht anders, ich muß doch von ihr reden, es ist mein einzig Geschwister auf der Welt gewesen.« Er machte ein Gesicht, wie ein Fuchs machen müßte, wenn er weinen wollte, und dabei zerknackte er mit seinen scharfen Zähnen einen Knochen vom Hahnenbraten und schlürfte das Mark mit Behagen aus. Reinhard sagte:

»Ich bitte im Gegenteil, erzähl' mir nur recht viel von ihr. Des Wendelins Tochter hat mir auch schon von ihr erzählt.«

»So? hat der Rotkopf dir schon den Weg verlegt? Ja, die Malva hat's dem Lorle angethan, hat sich viel von ihr schenken lassen, wer weiß, was sie hat. Sie ist ein lustig Ding, und das hat das Lorle gern gehabt.«

»So? Sie hat gern heitere Menschen um sich gehabt?«

»Ja freilich, sie ist gern heiter gewesen, darüber brauchst dir keine Vorwürfe zu machen. Ich mach' dir auch keine und ich wäre doch der einzige, der das dürfte. Die gute Seele hat aber auch unser blödsinniges Kind zu sich genommen gehabt. Sei nur ruhig. Ich hab' schon gemerkt, daß du so was nicht um dich sehen kannst, der Fabian kommt nicht mehr in die Stube.«

»Kann ich nicht im alten Haus wohnen?«

»Freilich, kannst's ganz haben. Weißt was? Kauf mir's ab. Ich geb' dir's, was es unter Brüdern wert ist; für zweihundert von deinen Pfund sollst's haben mitsamt dem Garten. Sag' aber niemand, daß ich dir's so billig angeboten habe.«

»Was soll ich allein in einem so großen Haus?«

»Wenn dir's allein zu einsam ist, so geb' ich dir ein Kind, unsere zweite Tochter, die Ida, ist gut geschult und unterhaltsam; sie ist jetzt im Lothringischen und lernt dort Lebensart und Französisch und dafür hab' ich die Tochter von dort und die lernt bei uns kochen und Deutsch. Hätt' mein Vater das Lorle noch vorher wohin geschickt, wer weiß, wie es jetzt wär'. Weißt noch? Er hat gewollt, du sollst sie noch ein Jahr zu den englischen Fräulein thun lassen. Aber reden wir nicht von Vergangenem. Wenn du die Ida an Kindesstatt annehmen willst, dir geben wir sie, oder auch unser Enkelchen, ein Prachtbub, er heißt wie du, und du bist sein Großonkel. Das Lorle hat immer auch ein Kind annehmen wollen, aber es hat sich nicht machen lassen, kannst dir denken warum, und sie hat ihr Erbgut auch aufgezehrt. Also du kaufst die alte Linde?«

»Ich will mich noch besinnen.«

»Das gefällt mir von dir, daß du so besonnen bist und nicht gleich einschlägst. Da sieht man den erfahrenen, bedachtsamen Mann. So ist's recht. Du kannst das Haus von einem Baumeister untersuchen und schätzen lassen.«

Vroni kam herein, sie war nun sorgfältiger gekleidet, man sah aber nichts mehr von der alten Bauerntracht. Vroni war eine stattliche behäbige Frau geworden, aus ihrem runden, breiten Gesichte leuchtete es wie wahrhaftes Wohlwollen. Sie setzte sich nun mit zum Nachtisch, aber ihr Mann ließ sie lange nicht zu Worte kommen, denn er sagte: »So ist's recht. Wir lassen dich nicht mehr fort. Du mußt bei uns bleiben. Du kannst hier leben wie in der Stadt. Wir haben alle Tage frisch Fleisch und zum nächsten Winter lege ich einen Eiskeller an, und was man sonst will, bringen die Schaffner von der Eisenbahn in einigen Stunden, und unsere älteste Tochter hat die Bahnhof-Restauration in der Hauptstadt und alles bei der Hand. Du bist uns eine Ehre und ein Stolz. Nicht wahr, Vroni?«

»Gewiß, gewiß,« konnte Vroni endlich einfügen und sie sagte: »Der Herr Schwager sollt' auch meinen Vater besuchen.«

»So? Lebt dein Vater noch?«

»Ja, er ist hoch in den achtzig, aber noch ganz bei Weg und unser Enkelchen ist bei ihm. Er ist viel beim Lorle gewesen und sie bei ihm, ihr letzter Ausgang war zu ihm; er weiß noch nicht, daß sie gestorben ist. Und er hat nie zugegeben, daß eines ein böses Wort über den Herr Reinhard sagt.«

Der Wirt sah seine Frau grimmig an, das letzte war nicht nötig. Um es zu verwischen, berichtete er Reinhard von seiner Familie.

Der älteste Sohn, der mit im Feldzuge gegen Frankreich gewesen war, ist Oberkellner in Baden, die älteste Tochter ist Wirtin auf dem Bahnhofe der Residenz und die zweite, die jetzt in Lothringen ist, ist soviel als verlobt mit einem Ingenieur, der hier gewohnt hat und nun am Gotthard-Tunnel baut. »Er kann auch malen,« schloß Stephan, »und er ist stolz darauf, daß der berühmte Maler Reinhard der Onkel seiner Braut ist.«

Der Dorfschütz trat ein in seinem Sonntagsstaat mit frischlackiertem Bandelier; Reinhard erkannte ihn nicht und er mußte sich selber zu erkennen geben als der lange Martin, der Sohn der Bärbel, die Lorle in die Hauptstadt gefolgt und dort gestorben war. Martin ließ sich den dargereichten Trunk wohl munden, aber trotz Zuredens setzte er sich nicht mit an den Tisch, sondern an einen entfernten.

Von Martin und dem Schwager geleitet, ging Reinhard ins Dorf nach der alten Linde. Das Haus wurde aufgeschlossen, ein kalter Luftstrom drang daraus hervor.

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