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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band - Kapitel 68
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Als Aloys am frühen Morgen die Horber Steige hinabgegangen war, konnte er in seinem Zorne nicht dran denken, wie er die vielen Menschen im Dorfe zurücklasse. Du kannst das Wissen von dir plötzlich in die Seele der Menschen einsetzen, aber nicht so plötzlich wieder herausnehmen.

Und nun gar die eine, die er umschlungen gehalten, wie lebte sie nun?

Wie waren Mutter und Tochter erschrocken, als Aloys vor dem Hause gerufen hatte: »Laß deinen Hund hinein! Den Tolpatsch!«

Jung Marannele rief zum Fenster hinaus: »Wart! ich komme.«

Aber der davon Eilende hatte es nicht gehört und er hätte auch nicht gewartet.

Jung Marannele öffnete die Hausthür, der Hund kam herein und sprang an ihr empor und drückte sich dann an sie, wie wenn er sagen wollte: ich kann nichts dafür, aber es thut mir gar leid.

»Bleib da! Hier!«sagte Marannele zu dem Hunde, er legte sich nieder. Sie ging zur Mutter und sagte: »Er ist fort.«

»Er kommt wieder,« entgegnete die Mutter.

»Glaubet Ihr das wirklich?«

»Wenn er nicht wiederkommt, ist er selber ein Tolpatsch und du kannst dann von Glück sagen, daß du so einen losgeworden, so lang es noch Zeit ist. Aber er kommt wieder. Verlaß dich drauf.«

»Ja, Mutter, es thät' mich auch kränken, wenn man meines Vaters Unnamen einem Hund gegeben hätt', und wer das gethan hat, der hat nicht recht gethan.«

»So? Du beleidigst deinen Vater unterm Boden? Wer hat je denken können, daß ein Sohn vom Tolpatsch wiederkommt? Und ein unschuldiger Spaß ist's. Das will ich ihm morgen auslegen.«

Ja, morgen! Und heute nacht verdammt er uns alle, dachte Marannele, aber sie sagte es nicht, denn sie wollte keinen Streit mit der Mutter.

»Er ist nur drei Häuser von uns,« sagte sie; sie wollte darthun, daß sich ihm so leicht Botschaft geben ließe und wie hart es sei, daß sie nicht selber zu ihm gehen dürfe, aber die Mutter erriet es und rief: »Du wärst imstande und liefest ihm nach und thätest einen Fußfall vor ihm?«

»Jawohl, das thät' ich gern und thät' es auch, wenn's nicht wegen der Leut' wär',« und schwer aufatmend setzte sie hinzu: »Er dauert mich, daß er jetzt so traurig ist.«

»Laß ihn das ja nicht merken,« mahnte die Mutter, »wenn er kommt, lach ihn aus. Das ist das beste. Zeig ihm, daß andere Menschen viel lustiger sind und nicht so weichselig, wie die vom Tolpatsch.«

Marannele ging still in ihre Kammer.

»Nur einen einzigen halben Tag haben wir uns gern gehabt, aber der löscht nimmer aus, nie. O Aloys! Du bist doch so gescheit und so gut. Wenn ich nur an dein Fenster fliegen und dir alles sagen könnt'! Was geht uns die übermütige Einfältigkeit an? Und sie war nicht so bös gemeint.«

Früh, als der Tag graute und eben der Pfiff der Lokomotive von der Hochdorfer Höhe herüber tönte, saß Marannele aufrecht im Bette, und ihr erster Gedanke war, er ist dort, wo die Lokomotive pfeift, fort, auf immer; sie war in Gedanken auf dem Schießmauernfeld und sah in den Tunnel auf dem jenseitigen Berge; dort in der schwarzen Höhle, dort ist er auf immer verschwunden.

Sie ging Wasser holen am Brunnen beim Adler, sie stellte lärmend ihren Kübel auf, sie pumpte lange und schlug mit dem Schwengel an die Teichel; die Fenster seines Zimmers gehen hier heraus, aber es zeigte sich nichts; sie trug den gefüllten Kübel auf dem Kopfe heimwärts, der Kübel mußte tropfen, denn sie fuhr sich mit der Hand oft über das Gesicht und wischte es ab.

Ließ sich denn gar keine Ausrede finden, um in den Adler zu kommen?

Aber dort kannst du ja nicht mit ihm reden. . . . Du erfährst aber doch, ob er noch hier ist. . . . Frisch entschlossen ging sie nach dem Adler und verlangte einen halben Schoppen alten Wein für die Mutter.

»Ist deine Mutter krank?« fragte die Adlerwirtin. »Man hat sie doch gestern auf der Gasse gesehen.«

»Ich will ihr eine Weinsuppe kochen.«

»Wärest du zwei Minuten früher gekommen, hättest du noch den Aloys gesehen. Er ist fort.«

Das Fläschchen entfiel Marannele.

»Was bin ich ungeschickt!« sagte sie schnell, und die gute Adlerwirtin gab ihr ein anderes Fläschchen und anderen Wein und nahm keine Bezahlung.

Marannele ging heim und dort an der Treppe, wo er sie geküßt, dort setzte sie sich nieder und weinte bitterlich. Sie hörte die Mutter oben, sie ging hinauf, brachte ihr den Wein und erzählte alles.

Die Mutter suchte ihr Kind damit zu trösten, daß sie darlegte, wie schlecht und ungetreu die Amerikaner seien; sie beteuerte, sie ginge nicht nach Amerika und wenn man ihr ein goldenes Haus baue.

Der Schwager Forstwart von Ahldorf kam und erzählte, daß der Soges gestern Aloys und Marannele beisammen habe sitzen sehen; er fragte, wann der Verspruch gehalten werde. Jung Marannele berichtete ihm mit bebender Stimme, was vorgegangen war.

Der Hund war mit in die Stube gekommen und die Mutter verlangte, daß der Schwiegersohn den Hund sofort erschieße, aber die Tochter duldete das nicht, das arme Tier habe sich ja nicht selber den Namen gegeben.

Sie ging mit dem Hunde ins Feld. Sie begegnete dem Ohlreit, der sie schon von ferne angrinste.

» Well,« rief er, »ich hab' noch mit ihm gesprochen.«

»Hat er dir was für mich aufgetragen?«

»Für dich? Nein. Er ist ein smart fellow, der verspricht nichts fest, dir nicht und mir nicht.«

»Glaub mir, er hilft dir.«

»Und das sagst du? Die Adlerwirtsmagd hat's gehört, wie er gesagt hat, es sei alles gepackt, daß man's ihm nachschicken könne, er käme nicht wieder. Ich lege aber Beschlag auf seine Sachen, er hat mir meinen Fünfläufigen abgelurt.«

Höhnisch lachend nahm Ohlreit einen Strick aus der Tasche und rief:

»Weißt, was das ist? Ein Halsband. Ich möcht' ihn dran aufhängen. Nein, besser, komm, ich hab noch Geld, geh mit mir nach Amerika.«

»Du bist verrückt oder betrunken.«

»Beides! Beides!« schrie Ohlreit, er suchte Marannele zu umfassen, sie stieß ihn von sich und rannte querfeldein, er sah ihr schimpfend nach und ging waldeinwärts.

Am Abend erfuhr Marannele von des Hirtzen Madlene, daß Aloys zum Vater und zur Schwester der Adlerwirtin gereist sei, offenbar werde Aloys die älteste Tochter Ivos heiraten; er habe indes auch dem Ohlreit versprochen, daß er ihn versorge, wenn er auch nicht mehr hierher komme.

Der Schuster Hirtz, der sonst so ruhig war, sprach sehr ingrimmig von Aloys. Das sei keine Art, so davonzulaufen, es sei eben auf die Amerikaner kein Verlaß; wo sie keinen Nutzen mehr sehen, laufen sie davon.

Der gute Hirtz meinte, daß Marannele damit getröstet würde, wenn Aloys nur eben schlecht sei wie andere auch; aber Marannele fand darin keinen Trost, sie ging durch die Dorfstraßen, sie arbeitete im Feld und am Herd, und ihr war, als ob sie das alles nicht selber thäte, sondern ein ganz anderes; ihre Seele war ihr entrissen, sie selber nur ein Schatten, der Schatten des Marannele von ehedem. Und in der Nacht, da es so mächtig regnete, erwachte sie mit dem Rufe: Aloys!

Wer weiß, welche Mächte solch einen Liebesruf hintragen über Berg und Thal. –

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