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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band - Kapitel 67
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Zweiundzwanzigstes Kapitel.

            Wo der Dengligeist in mitternächtiger Stunde
Uffeme silberne Gschirr si goldene Sägese denglet
(Todtnau's Chnabe wüsse's wohl) am waldige Feldberg . . .
Schwebt mi muntere Blick und schwebe mine Gedanke.
Feldbergs lieblige Tochter . . . bis mer Gott wilche.

Ja, mitten im Rauschen des Regens ist ein Klingen in der Luft, wie vom Dengeln einer goldenen Sense, und wenn der Dengligeist heute nacht vom Feldberg herabgekommen wäre zu dem stattlichen Hause, das breit an der Straße steht, hätte er drei Menschen belauschen können und ihren innersten Gedanken.

Aloys hörte das Rauschen des Regens draußen und neben ihm tickte seine große Taschenuhr so laut, und jetzt verwandelte sich das Ticken der Uhr in den Taktschlag der Lokomotive und setzte bald das Wort Ignazia und bald das Wort Marannele.

Eine Regennacht ist so gut zum Schlafen, das rieselt und klingt draußen so leise und macht das Ruhelager doppelt behaglich. Dennoch war Aloys voll Unruhe.

Auch Ignazia ging in ihrer Kammer streng mit sich zu Rate. Gesteh dir's nur, du bist zu alt, als daß es dich überkäme: der und kein anderer. Er ist ein rechtschaffener gesunder Mensch und hat auch gute Gedanken und ein lindes Herz. Aber könntest du fort in eine fremde Welt und aufhören, eine Deutsche zu sein? Und warum diesen und nicht? . . Nein, vom Papierer kann keine Rede sein; vom Arzte noch eher, aber er ist zu fahrig. Warum aber nicht der Bezirksförster? Er ist so gediegen, so mannhaft; er wäre auch dem Vater der liebste . . . ist es Schüchternheit oder ist es Stolz, daß er jedes Liebeswort vermeidet? . . . Wenn Aloys hierbleiben und das Gut übernehmen könnte, wie dann?

Sie fand lange keine Ruhe.

Die Jugend hat's aber doch gut, der Schlaf ist stärker als alles Sinnen und Grübeln, er senkt sich auf die junge Seele und hüllt sie in Vergessenheit.

Ivo war doch auch müde von der Reise, von der Arbeit im Felde, wo er tapfer zugegriffen hatte, aber es schien, daß aus dem Heimwesen, das er zu verlassen beschlossen hatte, die alte Ruhe schon davon gezogen sei. Du gehörst fortan nicht mehr dir selber, du bist in Pflichten für die Jünglinge und Männer, die du zu dir rufst. Freue dich deines großen Wirkungskreises. Ja, und Ignazia? Wie wird sie sich entschließen? Es ist ein schwerer Schritt, auch für dich. Ach, das Bangen und Sorgen hört nicht auf. Glaubt man mit dem eigenen Leben fertig zu sein, so kommt die Lebensentscheidung der Kinder. Und Ignazia wird sie so schwer. Nimm dich in acht, du hast sie über die Bewerber zu früh zu dir reden lassen. Diesmal soll sie ohne ein Wort zu dir sich entscheiden. O, wenn die Mutter noch lebte, da wär' alles anders.

Dieser letzte Gedanke war nicht dazu geeignet, ihm den ersehnten Schlaf zu bringen. Und während Ivo um Mitternacht noch keinen Schlaf gefunden hatte, erwachte droben in der Giebelstube Aloys, wie wenn jemand seinen Namen gerufen hätte.

Ein mächtiger Regen rauschte nieder. Es ist doch gut, daß die Garben eingebracht sind, was noch auf dem Halme steht, dem schadet der Regen nicht.

Ob es wohl da drüben in Nordstetten auch regnet? Ob Marannele in dieser Stunde schläft oder dein gedenkt in bitterm Harme? Vielleicht hat sie gar eben jetzt deinen Namen gerufen.

Er hatte das Richtige geahnt.

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