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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band - Kapitel 62
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Siebzehntes Kapitel.

»Willst schon wieder fort?«

»Doch nicht auf ganz?«

»Wohin geht's?«

»Du hast einen neuen Hut auf.«

»Er steht ihm nicht so gut wie der große.«

»Du fahrst wohl erster Klasse?«

»Bis wann kommst wieder?«

So und noch viel mehr wurde Aloys auf dem Bahnhofe von anwesenden Nordstettern angeredet. Ja, so ist's. In Amerika fragt dich kein Mensch, aber hier bist du eben in die Dorfgemeinschaft eingetreten, und jedes hat ein Recht, dein Thun und Lassen zu erfragen.

Ohlreit stand abseits, er sah seltsam verändert aus und schob seine ewig brennende Cigarre bald in den einen, bald in den anderen Mundwinkel. Er streckte Aloys die rechte Hand mit den ausgespreizten fünf Fingern entgegen. Das sollte wohl den Fünfläufigen bezeichnen. Dann machte er mit der Linken über der Handwurzel das Zeichen des Abhackens. Das sollte wohl bedeuten, daß ihm mit Wegnahme des Revolvers die Rechte abgehackt sei. Als der Zug sich in Bewegung setzte, that er die Cigarre heraus und rief in englischer Sprache: »Vergiß nicht! Ich verlasse mich auf dich.« Er blinzelte mit den Augen, die in Thränen zu stehen schienen.

Aloys war froh, als er endlich allein war. Er betrachtete bald lächelnd, bald wehmütig den schnell gekauften, schmalkrempigen und niederen kleinen Hut. Sieht der nicht aus wie der schüchtern zusammengeschrumpfte aus der Heimat? Und warum soll man dem Aberglauben – er nannte alle Vorurteile Aberglauben – warum soll man dem nachgeben, daß man nicht überall zeigt, daß man ein freier Amerikaner ist? Das ist und bleibt doch das Stolzeste auf der Welt. Er suchte sich in diesem Gedanken aufzurichten, aber es war ihm doch nicht wohl zu Mut; und wunderlich! wie die beiden Namen auf den Taktschlag der Lokomotive gingen! Bewegte sich der Zug langsam, dann hieß es: Ignazia, Ignazia; ging er schnell und das war viel öfter und länger, da hieß es: Marannele! Marannele!

Schöne Gegend! Kunstreich gebaute Bahn! nickte Aloys manchmal zum Fenster hinaussehend mit dem Gefühl, daß Gegend und Kunststraße zufrieden sein könnten, das Lob eines Amerikaners zu erhalten. Im übrigen sah er nicht schöne Wiesen, sondern nur saftiges oder mageres, saures oder süßes Gras; er sah auch nicht Wälder, sondern nur schlagbare Bäume oder junge Anpflanzungen.

Er hatte den praktischen, aber auch den scharfen Blick des Farmers, der tagüber wenig Wechsel der Gegenstände vor Augen hat, aber alles Vorkommende rasch mit seinen Besonderheiten erschaut und festhält.

Es war hoher Mittag, als er an dem freundlichen Freiburg ankam, er besah sich das Münster und konnte nicht umhin, den Deutschen das Lob zu geben, daß sie schöne Bauwerke haben.

Noch am Abend fuhr er auf der Außenseite des Stellwagens durch das Himmelreich nach dem Höllenthal. Er saß auf der Außenseite beim Postillon, der ein lustig Stücklein blies, daß es von Berg und Thal widerhallte. Aloys forderte weitere Stücklein und sein Antlitz wurde hochrot, da der Postillon die Weise des Liedes vom schwarzbraunen Mädichen blies.

Aus dem Inneren des Wagens schaute eine junge Frau mit großen Augen herauf.

Im behaglichen Sternwirtshaus wollte er übernachten, denn er wollte nicht in der Nacht, sondern am Morgen bei Ivo ankommen.

Eine schöne stattliche Frau – wohl die, die aus dem Wege herausgeschaut – stieg aus dem Wagen, legte ein Gepäck auf ein wartendes einspänniges Fuhrwerk, ging nach dem Hause und kam bald wieder, von mehreren Frauen geleitet, die ihr herzlich Lebewohl sagten, und fuhr davon.

»Wer ist das?« fragte Aloys einen Knecht.

»Die Jungfer Ignazia vom Reutenhof.«

»Wie heißt ihr Vater?«

»Ivo Bock. Der angesehenste und bravste Mann der ganzen Gegend, er ist aus dem Württembergischen, hat eigentlich sollen Geistlicher werden, ist aber aus dem Konvikt durchgegangen und ist Bauer worden. Er ist schon lang Witwer, und die Ignazia ist das einzige Kind, das er noch daheim hat.«

Aloys sprach im Gastzimmer mit keinem Menschen, und hatte eine unruhige Nacht. Früh am Morgen machte er sich auf den Weg. Als er eben das Haus verließ, hörte er rufen:

»Marannele.«

»Was gibt's?«

»Mach hurtig! Dein Bräutigam ist kommen.«

Ein hell gekleidetes Mädchen kam aus dem Haus und umhalste einen Mann, der eben vom Pferde stieg.

Es gibt eben viel Maranneles auf der Welt, dachte Aloys vor sich hin, und ich will und muß mir sie aus dem Sinn schlagen. Hätte ich nur gestern noch meinen Amerikanerhut gehabt, die drin im Wagen hätte mich erkannt. Aber vielleicht ist es besser so.

In allerlei Gedanken wanderte Aloys dahin, der Tau glitzerte auf Wald und Wiese, die Vögel sangen so fröhlich, er sah selbstvergessen zu, wie lange Baumstämme ausgeladen wurden; das ist mühsame und gefährliche Arbeit, aber es ging alles sicher und gut von statten. Er raffte sich zusammen und wanderte fürbaß durch das Thal, wo Ivo vordem eine Sägmühle gehabt, an den Löffelschmieden vorbei. Aus einem Hause am Wege kam ein nur mit dem Hemdchen bekleidetes Kind auf den Wanderer zugerannt und umfaßte seine Kniee, die Mutter eilte dem Kinde nach, nahm es schäkernd auf den Arm und sagte dem Fremden, er müsse was Gutes an sich haben, daß das Kind, das sonst so scheu war, ihm so zutraulich sei. Aloys dankte und sagte, er nehme das als gutes Zeichen.

Im Wirtshaus am Wege wartete er, gestern wollte er nicht so spät, heute wollte er nicht so früh bei Ivo ankommen.

Die Leute sahen ihm verwundert nach, da er endlich davon ging und den unberührten Wein bezahlte.

Selbstvergessen stand er an der Schmiede und sah zu, wie ein Pferd beschlagen wurde, als ob er das noch nie gesehen hätte.

Was nutzt das Zaudern? Frisch drauf los! Er hatte noch eine gute Strecke auf der Hochebene zu wandern. Trotz des heißen Sommertages war hier oben die Luft so erfrischend und so würzig, sie trug den Duft der Waldberge und Seen. Aloys ging seines Weges, ohne umzuschauen, er fand die Straßen in Deutschland sehr gut gehalten. Plötzlich flimmerte es ihm vor den Augen. Sieh da die Alpenkette weit hinaus mit den gezackten leuchtenden Gletschern und im Vordergrunde der weite Mantel der Wälder. Und das sieht sie jeden Tag! sprach es in ihm; und von da soll sie mit dir in die weite fremde Welt? Er zögerte wiederum, aber plötzlich lüpfte er den Hut und grüßte. Er hatte keine Ahnung von der Herzbewegung gehabt, die uns der Posthornklang erweckt; jetzt aber grüßte ihn etwas mit gezackten Flügeln, die auf und ab gingen und sein Angesicht wurde so heiter, als sähe er einen alten vertrauten Freund. In dem großen Feldgebreite nicht weit vom Hause Ivos sah er die Mähmaschine in Bewegung, und das war ihm wie ein Heimatsgruß. Und warum soll eine Maschine nicht auch anheimeln können so gut wie Posthornklang?

»Das habt ihr doch von uns Amerikanern,« sagte Aloys fast laut vor sich hin, und mit neuer Zuversicht, als hätte er selbst das erfunden und gebracht, schritt er auf das stattliche Haus Ivos hinzu; man hatte es ihm ja genau beschrieben. Der Rauch steigt gradauf zum blauen Himmel hinan. Ob sie wohl dort am Herde steht und ins Feuer schaut, dessen gedenkend, der jetzt kommen soll?

Es ist kein Thal so verborgen, es blüht eine Blume drin und es klingt ein Klavier.

Aloys stand am rauschenden Röhrbrunnen und horchte nach den Tönen des Klaviers.

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