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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band - Kapitel 61
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Sechzehntes Kapitel.

Früh am Morgen, als es kaum tagte, saß Jung Aloys bei der Adlerwirtin und sie schenkte ihm Kaffee ein.

»Ich fürcht', du triffst den Vater nicht daheim, er ist Abgeordneter und hat sonst viel Ehrenämter.«

»Aber deine Schwester ist doch daheim?«

»Gewiß! Außer in der Kriegszeit, wo sie im Lazarett gewesen, ist sie nie acht Tage von Haus weg gewesen. Vergiß nicht, daß ich dir gesagt hab', sie ist nicht so wie ich, sie ist viel vornehmer; es ist ihr keine Arbeit zu grob, aber sie ist eben doch vornehm, und der Vater, du weißt ja, ist ein Studierter, aber mit ihr kann er alles ausreden.«

»Du machst mir bang.«

»Brauchst kein Bang zu haben. Und wer weiß. Jedenfalls ist's der Mühe wert, daß du dein Glück versuchst. Es wird dir bei uns gefallen. Es ist aber ganz anders wie hier. Mein Vater ist doch von hier gebürtig, aber er sagt immer, drüben im Badischen seien die Menschen viel aufgeweckter, um fünfzig Jahr weiter. Und du mußt auch vorher etwas an dir anders machen.«

»Was?«

»Wie du gleich feuerrot wirst? Es ist nichts Besonderes. Der Vater hat's nur nicht gern, wenn die Amerikaner überall damit groß thun, daß sie Amerikaner sind. Du bist kein Prahler. Im Gegenteil. Aber thu den breiten Hut weg. Laß die Krempe abschneiden, oder kauf dir einen, wie hier zu Lande der Brauch. Auch das rote Halstuch mit der Brillantnadel, das du für Alletag hast, thu ab. Nicht wahr, du nimmst mir's nicht übel? Thu das meinem Vater zulieb.«

»Das kann ich schon. Wenn ich nicht mehr hierher kommen sollte – es kann ja sein – so ist alles oben in der Stub' gut gepackt zum Schicken.«

»Du kommst schon wieder, aber warum eilst du so? Es geht erst in zwei Stunden ein Zug für dich.«

»Ich will in Horb warten.«

Aloys ging durch das Dorf, wo da und dort in den Häusern ein Stall geöffnet und ein Fensterladen aufgemacht wurde.

»Wohin schon so früh?« wurde er da und dort gefragt. Er gab ausweichende Antwort.

Ja, im Dorf kann man nicht so für sich allein leben. Man muß von Gehen und Kommen Bescheid geben.

Beim Schuster Hirtz hörte Aloys bereits Leder klopfen. Arbeitet der Mann vielleicht jetzt an den Schuhen für Ignazia? Jung Aloys ging nicht hinauf, lebewohl zu sagen.

Dort, wo er bei der Ankunft Marannele hatte singen hören und wo der Hund zuerst geknurrt hatte, dort blieb er einen Augenblick stehen und schaute auch hinüber nach dem Hopfenacker im Schießmauernfeld, wo er gestern bei Sonnenuntergang mit Marannele gesessen.

Lerchen tänzelten vor ihm auf der Straße, flogen dann auf und jubelten hoch in den Lüften.

Solch ein frischer Morgen läßt keinen Trübsinn haften und Aloys ging mit sicherem Mute den neuen Ereignissen entgegen.

» All right! Komm herein!« wurde er beim Bahnwirt angerufen; es war die Stimme des Verwahrlosten. Hat ihn nicht gestern Marannele ermahnt, dem zu helfen? Es gibt eigene Bedrängnisse, in denen man gerade besonders geneigt ist, anderen beizustehen.

Aloys trat ein; in der Stube waren die Stühle mit in die Höhe gerichteten Füßen auf die Tische gestellt, der Boden war naß, aber Ohlreit hatte bereits eine halb geleerte Flasche Wein vor sich stehen. Er schob die Flasche weg und sagte:

»Du mußt mir's jetzt abnehmen. Willst du mich geduldig anhören?«

»Ja. Aber nicht hier. Komm mit in den Garten.«

» Well.«

Die beiden saßen im Garten, und Ohlreit begann:

»Hast du nicht eine gute Cigarre bei dir? Sie haben hier nichts Gescheites. Ja so, ich vergess' schon wieder, du rauchst ja nicht.«

»Ja, ich wollte dich bitten, daß du nicht rauchst, während du erzählst; du sprichst dann deutlicher.«

Ohlreit sah den Aloys groß an und indem er eine Cigarre in der Mitte zerbrach und die Stücke ins Gras warf, rief er: »Auch den Cigarren hier geht die Luft aus! Aber hör mich an, ich will ruhig sein.«

Aloys nickte.

»Ich bin,« begann Ohlreit nach einer Weile, in der er sich mit beiden Händen das Gesicht gewischt hatte, »ich bin, wie du weißt, des Schreiner Philipps Sohn, bin auch Schreiner. Dein Vater war gut bekannt mit meinem Vater, der mich als Lehrling nicht gut behandelt hat; sie mögen sagen, was sie wollen, es ist doch so, und ich hab's ihm vergolten. Meine Mutter ist eine Sklavin gewesen, aber sie hat nicht gemurrt, sie hat nicht verdient, daß es ihr so gegangen ist, auch an mir nicht. Wie ich zum Gesellen gesprochen worden, bin ich fort nach Amerika. Was ich da erlebt hab', ist jetzt einerlei. Mich geht die Welt nichts an und ich die Welt auch nicht. Ist mir auch gegangen wie allen, bin erst zu was kommen, wie der letzte europäische Heller weg war. In der ersten Zeit bin ich bös auf die daheim gewesen, sie hätten mich nicht sollen fortgehen lassen, und anfangs aus Aerger und nachher aus Haß und weil ich von niemand mehr was wissen will, hab' ich kein Wort heim geschrieben. Ich bin viel herum gekommen und zuletzt zu den Temperenzlern. Da bin ich wieder ein Mensch geworden. Ja, anfangs hat mir's ganz gut gethan, keinen Tropfen geistiger Getränke zu mir zu nehmen, ich bin gesund geworden und stark, sieh mich an, nicht wahr, das ist alles von Eisen?«

Er streckte den Arm hin, dann fuhr er fort: »Ich hätt' gut heiraten können, aber es hat mir doch nicht gefallen; außer Kirchenliedern gibt's gar keinen Gesang, und einmal in der Nacht hör' ich meine Mutter singen, lustige Lieder, kreuzfidele. Ich hab' am Tag nicht gewußt, daß ich selber sing', aber man hat's gehört. Wenn unversehens die fünf Schüsse in meinem Revolver losgegangen wären, es hätt' nicht ärger sein können. Und ich bin mit dem Vorstand hart aneinander und auseinander gekommen und fast hätt's geknallt. Teufel auch! Halt! Ich kann nicht weiter erzählen, wenn du mich nicht rauchen lassest.«

»Gut, so rauche.« Und mit Begierde den Rauch einziehend und von sich blasend, fuhr Ohlreit fort:

»Zwei Pferde haben mich hierher gezogen.«

»Zwei Pferde?«

»Ja, gelt, das ratest du nicht? Das eine war ein Rapp und das andere ein Schimmel, und der Rapp hat Heimweh geheißen und der Schimmel Prahlhans; oder auch umgekehrt; wie du willst. Mir ist's eins. Bin also heimkommen, hab' Geld gehabt und schöne Kleider und eine Uhr mit goldener Kett', wie du. Sie haben da gemunkelt, meine Mutter habe sich hintersinnt, weil ich die langen Jahre nicht geschrieben hab'; das ist Unsinn. Ich red' nicht davon. Ich bin heimkommen und hab' auftischen lassen und da hat's geheißen: lieber Vetter hin und lieber Vetter her. All right. Ich hab' sie alle freigehalten, und ich bin ja nicht mehr dort, ich kann trinken, wann ich will und was ich will und soviel ich will. Ich hab' mir auch wieder Thee angeschafft, ich hab' ihn sonst nicht ungern getrunken, aber er schmeckt hier ganz anders; das Schwarzwälder Wasser muß nicht dazu sein. Und sag, was du willst, das mußt du doch auch sagen: Respekt vor dem Trudpert, sag meinetwegen auch Ohlreit, Respekt vor dem, er rührt keine Karte und keinen Würfel an, er spielt nicht. Ist das was? Sag, he?«

Mit der Zudringlichkeit Verkommener drängte er auf Lob und fuhr dann fort:

»Ja, guck mich nur an. Wein und Bier schmeckt mir eigentlich nicht mehr, aber der da aus dem Fegfeuer mit den kleinen Gläsern, der kriegt mich nicht. Davon kriegt man die Schlangen am Kopf, um die Füß! Ich hab's gesehen in Amerika. Sie greifen auf, greifen ab. Nein! Nein!« rief er und schlug auf den Tisch. »Und meinen Prozeß gewinnen muß ich, und wenn ich die dreitausend Dollar gewonnen hab', schmeiß' ich ihnen den Bettel vor die Thür.«

»Man hat mir gesagt, das Gesetz ist gegen dich, du kannst deinen Prozeß nicht gewinnen.«

»So?« rief Ohlreit. »Wollen doch sehen.«

Er glaubte offenbar selber nicht mehr an günstige Entscheidung, aber es ist gar bequem, als Rechtsgekränkter in den Wirtshäusern zu schimpfen, und er hatte sich die Summe bequem in dreitausend Dollar umgesetzt. Er sah wild umher und grimmig auf Aloys. Dieser suchte abzulenken und fragte:

»Wo wohnst du denn?«

»Im Elternhaus bei meiner Schwester. Wir reden aber nichts miteinander. Mein Schwager ist auch Schreiner, aber ich kann nicht bei ihm arbeiten, er versteht nichts. Bis vor wenig Wochen bin ich auch noch ein Herr gewesen, aber nur der Herr von meinem Hund. Sie haben mir ihn weggenommen, weil ich keine Steuer dafür bezahlt hab'. Hundesteuer zahlen sie hier . . .«

»Willst du mir nun sagen, was du vorhast und ob ich etwas dafür thun könnte?«

»Du? Alles. Bind mich, schleppe mich an den Haaren, aber nimm mich wieder mit. Ich komme nicht mehr aus den Sonntagskleidern heraus hier zu Land, und ich möcht' doch wieder schaffen. Schau, das ist der wahre help your self,« rief er und zog einen fünfläufigen Revolver aus der Tasche. »Aber sei ruhig, ich thu' ihnen den Gefallen hier nicht. Ich will meiner Mutter unterm Boden zulieb auch den Prozeß aus sein lassen, wenn du es sagst. Ich schenk' ihnen die dreitausend Dollar.«

Aloys versprach, für ihn bedacht zu sein und ihn mitzunehmen, wenn er bis dahin das Trinken lasse.

»Da hast du's, ich laß es,« rief Ohlreit und warf eine volle Flasche an den Baum, daß die Scherben klirrten und der Wein umherspritzte. Aloys verlangte nun noch, daß ihm Ohlreit den Revolver aushändige, man bedürfe dessen hier zu Lande nicht. Wirr und grimmig sah Ohlreit den Fordernden an, endlich sagte er:

»Gut, da nimm's. Jetzt kann mich ein Kind umwerfen.«

Aloys suchte sich loszumachen, aber Ohlreit hing sich an ihn, und als sie den Soges sahen, sagte Ohlreit schmunzelnd:

»Und das Marannele geht also mit uns?«

»Was sagst du?«

»Der Soges hat's gestern abend erzählt, daß er dich beim Marannele am Feldrain habe sitzen sehen.«

So ist es also im Dorfe allbekannt und du reisest zu einer anderen, um sie zu freien, mußte Aloys vor sich hindenken, als er endlich nach einem Gange in die Stadt zum Bahnhofe ging.

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