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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band - Kapitel 60
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Fünfzehntes Kapitel.

Da und dort saßen Männer und Frauen in der Abendkühle auf der Hausbank und plauderten und scherzten mit den Kindern. Aloys grüßte zuvorkommend. Aber was ist denn das? Hinter sich drein hört er immer Tolpatsch sagen und besonders die Kinder pfeifen und locken und rufen: Tolpatsch! komm her!

Schuster Hirtz saß noch vor seinem Hause mit Frau und Töchtern, auch die Muhme Rufina saß bei ihnen. Aloys mußte sich aufhalten und er wurde gefragt, warum man ihn den ganzen Tag nicht gesehen, wo er denn gewesen sei.

Aloys sagte, er sei im Egelsthal gewesen und habe die Papiermühle beschaut.

Plötzlich rief die Muhme: »Tolpatsch! Was thust du da? Fort! Marsch!«

Aloys schaute verwundert und fragte: was denn das für Redensarten seien.

»Ja, wie kommt denn der Hund zu dir?« hieß es. »Das ist ja des Jörglis Hund. Weißt denn nicht, wie er gerufen wird?«

»Nein.«

»Tolpatsch wird er gerufen.«

Aloys erzitterte, und sein Schreck wurde nicht gemindert, da der Hund ihm just die Hände leckte.

»Es ist ein übermütiger Possen vom Jörgli gewesen, just nicht so bös gemeint,« beschwichtigte der Schuster Hirtz, die Muhme aber behauptete, die falsche Schlange, das Marannele, habe dem Hund den Namen gegeben.

Aloys redete kein Wort drein und sagte nur schnell, es warte im Adler ein Brief auf ihn und ging davon.

»Komm heut zu mir und bericht mir, und ich muß dir auch noch was sagen,« rief ihm die Muhme nach. Er erwiderte nichts und eilte davon.

Also in lauter Liebe schickt mich der Vater hierher, wo sie einem Hund seinen Unnamen gegeben haben. Wartet nur! Und wie schön hat sie Aloys gesagt, aber seit Jahren hat sie auch den Hund Tolpatsch gerufen . . .

Er schaute nicht um, ob der Hund ihm folge. Als er aber beim Adler um die Ecke bog, sah er das Tier und sagte: »Bleib du nur bei mir. Ich brauch' dich.«

Die Adlerwirtin begrüßte Aloys herzlich und sagte, indem sie ihm einen Brief einhändigte, sie habe auch einen Brief aus Amerika bekommen von der Schwester ihres Vaters, die an den Bruder vom Vater Aloys verheiratet war. Der Brief an Jung Aloys war eben von diesem Ohm. Er drückte zunächst die Freude aus, daß die junge Adlerwirtin seine Nichte und dann die Mahnung, Aloys solle sich nicht lange in Nordstetten aufhalten, sondern alsbald zu Ivo reisen und sehen, ob er dessen ältere Tochter Ignazia zur Frau bekommen könne.

»Willst du nicht was essen? Es ist noch für dich da,« sagte die Adlerwirtin. Aloys ließ sich auftischen und trank rasch einen Schoppen Unterländer dazu. Er gab dem Hunde zu essen.

»Hast du den Hund gekauft?« fragte die Adlerwirtin.

»Nein, er ist mir nachgelaufen.«

»So? Der da lauft dir nach?« rief der Adlerwirt lachend, er pisperte seiner Frau etwas zu; sie wehrte ab. Aloys ging mit raschen Schritten die Stube auf und ab. Bei einer Wendung sagte er:

»Adlerwirtin, gib mir noch eine Wurst.«

»So? Bist noch nicht satt?«

»Nicht für mich, für den Hund.«

»Für den da?«

»Ja. Er soll nicht drunter büßen, und vielleicht hab' ich Gutes durch ihn.«

Und während er dem Hunde den Leckerbissen schnitzelweise gab, fragte er den Adlerwirt, ob er ihn in den nächsten Tagen, vielleicht schon morgen zu seinem Schwäher Ivo begleiten wolle. Der Adlerwirt gab triftige Gründe an, die ihn nicht von Haus wegließen.

Es war schon spät, als Aloys nochmals den Adler verließ und mit dem Hunde hinaus ins Feld wanderte. Es war wieder so still wie am ersten Abend, aber in Aloys war ein gewaltiger Lärm und vielerlei Stimmen riefen durcheinander, daß er das und das thun solle. Unversehens stand er vor dem Hause Maranneles, es war kein Licht mehr oben, aber ein Fenster war offen und man hörte Stimmen. Aloys hielt die Hand auf den Kopf des Hundes, der zu verstehen schien, daß er schweigen solle.

»Sei nur ruhig! Er kommt wieder!« sagte die Alte oben. »Wenn auch sonst nichts wär', wir haben da das Bild seines Vaters. Und weißt was? Morgen machst einen Kranz drum herum. Das wird ihn freuen, er hat das weiche Gemüt von seinem Vater.«

»Mutter! Das thu' ich nicht. Ich thue keinen Kranz herum. Das kommt nicht aus mir und ich thue nichts, was nicht aus mir kommt. Mutter! Ich hab' eine Bitt'!«

»Sag's!«

»Mutter! Habt Ihr den Vater von ihm wirklich gern gehabt?«

»Ehrlich gestanden, nein. Er ist ein guter Pudel gewesen, dem gibt man die besten Worte; aber weiter ist da nichts dabei.«

»Mutter! Hat er Euch einmal geküßt?«

»Ja, ein einzigmal, wie er zur Soldatenlotterie gegangen ist. Aber was ist das für eine Welt, wo ein Kind so etwas die Mutter fragt? Ich hätt' meine Mutter nie so was fragen dürfen. Aber jetzt hör, Kind. Paß auf, was ich dir sag'. Dein Vater, ich ruf' ihn vom Himmel herab zum Zeugen, dein Vater ist der erste und einzige Mensch auf der Welt gewesen, den ich in den Arm genommen und ans Herz gedrückt hab', daß ich gemeint hab', es muß mir springen, und wenn er gewollt hätt', daß ich mir alle Adern für ihn schlagen lasse und für ihn ins Feuer springe, ich hätt's gethan.«

»O Mutter, so ist's! just so –«

Der Hund unten spürte ein Zittern der Hand auf seinem Kopfe, aber Aloys faßte ihn wieder stärker und horchte, wie oben die Alte fortfuhr:

»Dein Vater ist Knecht gewesen, für mich aber ist er der König über alle Menschen gewesen. Er hat einem nicht viel gute Worte gegeben, aber so herzig, so lieb und so lustig und so getreu wie er gibt's keinen mehr auf der Welt. Und wenn ich noch einmal all das Schwere auf mich zu nehmen hätt', ich thät's wieder. Schau, der Aloys ist ein guter Mensch gewesen, ein herzguter, aber wie ein Kalb, wie ein junger Hund, der über seine eigenen Füße stolpert. Verzeih' mir's Gott, daß ich so was sag'. Er ist um meinetwillen Soldat geworden und um meinetwillen in die weite Welt gegangen; ich hab' nichts dagegen machen können. Man kann einem, weil er brav ist, alles Gute erweisen und wünschen, aber heiraten kann man ihn deswegen doch nicht, und erst recht nicht, wenn man einen anderen im Herzen hat. Aber Kind! Jetzt ist genug, mach mich nicht so viel reden. Geh schlafen und laß mich auch schlafen.«

»Mutter! Noch eins! Warum habt Ihr's erlaubt, daß der Vater den Hund Tolpatsch geheißen?«

Der Hund unten bellte bei Nennung seines Namens laut auf. Jung Marannele sah zum Fenster heraus und Jung Aloys rief:

»Mach die Thür auf und laß deinen Hund hinein, der Tolpatsch . . .!«

Er rannte davon.

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