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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band - Kapitel 59
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Vierzehntes Kapitel.

»Ist das nicht der Acker, der meinem Vater gehört hat?«

»Freilich, aber die Mutter hat mir gesagt, dazumal hat man hier noch keinen Hopfen gebaut. Er steht heuer gut, er hat viel Anflug.«

»Dein Brot ist schmackhaft. Hast du das gebacken?«

»Wer denn sonst? Ich kann auch gut Kuchen backen. Wenn du bis zur Kirchweih da bleibst, mach' ich dir.«

»Ich bin die längste Zeit hier gewesen.«

Es trat eine Pause ein, bis Aloys wieder begann:

»Wie manche haben schon, wie wir zwei hier, beisammen gesessen.«

»Kann wohl sein,« lautete die Antwort des Mädchens; er nannte seinen Vater nicht und sie nicht ihre Mutter und doch gedachten sie ihrer.

Zwei Raben flogen über sie weg, waldwärts, das Weibchen flog still voraus, das Männchen schreiend ihm nach.

Drüben über den Vogesen begann die Sonne zu sinken, am mählich sich rötenden Himmel stand kein Wölkchen.

»Es gibt morgen wieder einen schönen Tag,« sagte Marannele.

»Und den heutigen,« fiel Aloys rasch ein, »vergesse ich nie und du gewiß auch nicht.«

»Nein, nie.«

»Es ist das erste Mal in meinem Leben . . .« – er stockte.

»Du hast was sagen wollen.«

»Ja, ich bin dein Vetter und da darf ich schon so bei dir sitzen.«

Bist du nur mein Vetter? fuhr es ihr schnell durch den Sinn und sie schärfte mit ihren kleinen weißen Zähnen die roten Lippen.

»Natürlich, Aloys!«

»Sag noch einmal Aloys! Ich bitt'!«

»Aloys! Aloys! Was ist denn dabei?«

»Ich hab' gar nicht gewußt, daß mein Name so schön ist; so hat er noch nie geklungen. Ich möcht' immerfort hören, wie du Aloys sagst.«

Ein närrischer Kerl, aber herzensgut. So muß sein Vater gewesen sein, dachte sie, fand aber nicht nötig, es zu sagen.

»Arbeitest du gern so allein?« fragte er.

»Ja, am liebsten allein. Ich mach' mir nichts aus dem Schwätzen beim Schaffen; am Feierabend, da gehe ich gern zu des Hirtzen Madlene.«

»Kannst du dir denken, wie es bei uns ist, wo man oft tagelang keinen Menschen sieht und kein Wort über die Lippen kommt?«

»Freilich. Aber was hat man am Ende von den vielen Menschen im Dorf? Ich hab' viel Schweres für mich allein getragen und hab's niemand merken lassen, und es hat's auch niemand wissen wollen. Schau, in den Hauptsachen muß doch jedes mit sich allein fertig werden. Aber es ist mir lieb, daß du mich da dran erinnerst. Es gibt doch Menschen, die so wie am Ertrinken sind, und andere müssen ihnen heraushelfen. Und ja, da könntest du ein gutes Werk thun!«

»Ich? Was denn?«

»Ich hab' den Ohlreit gesehen, wie er den Wald hinunter getorkelt ist; ein Kind und ein Betrunkener thun sich nicht leicht einen Schaden im Fallen, aber man muß ihnen doch aufhelfen. Willst noch Brot? Da ist noch.«

»Nein, sag weiter, was meinst.«

»Von was hab' ich denn geredt?«

»Vom Ohlreit.«

»Ja. Also ich möcht' dir sagen: Nimm den Ohlreit von hier mit fort, er richtet sich zu Grunde und es ist doch schad um ihn. Ich glaub', er möcht' gern aus der Verwahrlosung und dem Trunk heraus und schaffen, aber er kriegt hier zu Land den Hobel nicht mehr recht in die Hand und ist unwert vor den Menschen und unwert vor sich selber. Er ist stolz und es wird ihn vielleicht anfangs beleidigen, aber nachher wird er dir folgen. Jetzt, was meinst?«

»Ja wegen Ohlreit,« entgegnete Aloys sich sammelnd, er hatte wieder anderes gedacht. »Ja, schau, ich kann mir keinen fremden Menschen aufladen. Wir Amerikaner haben das Sprichwort: Die Nächstenliebe fängt bei mir selber an, und unser Hauptspruch heißt noch dazu: Hilf dir selber.«

Marannele hielt sich die Hand fest auf die Lippen, die Worte sollten nicht heraus, daß das ein stolzer, aber auch ein liebloser Spruch sei. Sie mußte an ihre beiden Brüder in Amerika denken, die wohl auch so für sich selber leben und nichts davon wissen wollen, daß daheim Mutter und Schwester zu kämpfen und zu ringen haben.

Aloys mochte fühlen, was sie denkt, denn er sagte:

»Ich sehe dir an deinen Lippen an, daß du mir etwas dagegen sagen willst. Sag's frei.«

»Das kann ich. Ich hab' an meine Brüder gedacht und hab' sagen wollen, dich hätte ich gar nicht für hartherzig gehalten.«

»Hartherzig? Das bin ich nicht.« Er sah ihr lächelnd ins Gesicht, sie aber blieb ruhig und er fuhr fort: »Schau, bei uns in Amerika legt man niemand was in den Weg, man bahnt aber auch niemand einen; jeder mag seinen eigenen freien Weg gehen und sehen, wohin er ihn führt. Verstehst du das?«

»Ja wohl, du sprichst ja deutsch. Ich lege mir's so aus: Da, wo man nicht Guten Tag sagt, kriegt man auch keinen Dank zur Antwort. Hab' ich dich verstanden?«

»Ja, auf deine Art.«

»Und auf meine Art hab' ich gemeint, du solltest dir an dem Ohlreit einen guten Dank verdienen.«

Aloys gab sich Mühe, den tiefen Abscheu eines Amerikaners vor dem Trunkenbold zu erklären, jedes andere scheint ihm verzeihlicher als dieses Laster. Er kam nicht zu Ende, denn Marannele half ihm:

»Ich merk' schon. Weil jeder sich selber helfen soll, so meinet ihr, das Aergste ist, daß einer sich selber zu Grunde richtet. Ihr hättet vielleicht weniger Abscheu, wenn er das einem andern anthut!«

»So arg ist's gerad nicht, aber in etwas hast du's getroffen. Schau, wir haben jetzt auch böse Zeiten. Früher ist's anders gewesen, da sind die Menschen nach Amerika gekommen und haben gesagt: Hopsa, da bin ich, jetzt Glück komm und mach mich reich. Es ist auch zu vielen gekommen und mein Vater hat vielen von hier geholfen. Aber jetzt –«

»Ja, jetzt hilf du dem einen, dem Ohlreit.«

»Schau, ich thät's gern, aber schau, bis jetzt habe ich den Menschen so viel als möglich vermieden, und wenn ich mich mit ihm einlasse, so thut er vor der Welt und glaubt auch selber, daß er ein Recht auf mich habe, und wenn ihm, wie ich fürchte, nicht mehr zu helfen ist, dann –«

»Du bist bedachtsam, du denkst weiter hinaus. Jetzt bitt' ich dich, laß es.«

»Nein, ich will's. Ich will sehen, ob ich dem Ohlreit helfen kann, dir zulieb. Ich sag' dir jetzt schon Dank, daß du mich so ermahnst. Ich laß mich gern ermahnen.«

Geraume Zeit saßen die beiden wieder still und doch sagte eines dem anderen gar viel.

Endlich fragte Aloys:

»Also du bist am liebsten allein?«

»Ja. Ich hab' aber doch immer einen Kameraden.«

»Deinen Hund?«

Das Auge Maranneles leuchtete in schelmischer Fröhlichkeit, indem sie sagte:

»Nein, einen ganz anderen. O, das ist ein Wesen von lauter Herz und Seele und so getreu und kennt meine innersten Herzgedanken, und sagt mir sie vor und ich sag's ihm nach, und es ist bei mir im Feld und in der Stub' und im Stall und wenn ich mich niederleg' und wenn ich aufsteh'.«

Sie hielt schalkhaft inne und er sagte:

»Du meinst unsern Herrgott?«

»Unser Herrgott soll mir's verzeihen, ich mein' ihn nicht. Ich mein' etwas, du hast's grad so gern wie ich und ist das Billigste auf der Welt, man braucht nichts dazu als Lust. Weißt noch immer nicht, was ich mein'? So will ich dir's sagen: den Gesang mein' ich.«

»O du!« rief Aloys glühenden Antlitzes. »Weißt du, was ich mir jetzt wünsch'?«

»Nein. Ich hab' dich auch nicht lang raten lassen; laß du mich auch nicht. Sag, was?«

»Meine Mutter wünsch' ich mir her, die hätte sollen deine Worte hören, die sollte dich jetzt sehen, dein Gesicht im Abendrot . . .«

Aloys hatte eine Mutter angerufen, es kam eine andere, frisch und rüstig drein schreitend, es war Alt Marannele, sie rief schon von ferne:

»Glück und Segen miteinander! Bleibet nur dort! Ich komm'.«

Gellend klang die Stimme.

I wie ist's – pfiff nur noch der Vogel im Baumwipfel und sich unterbrechend flog er davon.

Der Hund sprang laut bellend zwischen den beiden oben und der Alten unten hin und her. Eben sank die Sonne hinab, ein Schauerfrost ging über die Erde und Aloys fror es plötzlich bis ins Mark. Er ging der Alten rasch entgegen und sagte: »Verzeihet! Ich muß schnell ins Dorf, es wartet im Adler ein Brief auf mich.«

Die Alte blieb wie versteinert stehen, Jung Aloys jagte davon, als ob das wilde Heer hinter ihm drein wäre. Erst beim Hause seiner Großmutter hielt er an und verschnaufte. Er ging an das Haus, er faßte den Pfosten der Hausthüre und starrte lange auf die Schwelle. Es wurde Nacht und der junge Mann, der so frohgemut und zuversichtlich in die Alte Welt gekommen war, stand hier wie verloren und verwirrt. Endlich raffte er sich zusammen und ging hinein ins Dorf.

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