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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band - Kapitel 55
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Zehntes Kapitel.

Die Alte nahm seine Hand zwischen ihre beiden dürren Hände und flüsterte:

»Sie ist sonst nicht so wie heut, sie ist ein aufgewecktes Mädle und ich zeig' ihr gern den Meister, und sie darf keine Widerrede machen. Das gibt nachher die besten Frauen.«

Die Alte schien zu merken, daß sie zu vorschnell und zu weit gegangen war, denn sie setzte hinzu: »Es ist nicht mehr so wie vor Zeiten, daß alles auf und davon nach dem Amerika fliegen möcht'. Ich bin so allein. Aus dem Ort lasse ich kein Kind mehr. Ja, was hab' ich doch sagen wollen? Hast du mich nicht was gefragt gehabt?«

»Ob ich das Bild gleich mitnehmen kann.«

»Von mir aus gern. Aber laß dir was sagen. Allem Anschein nach bist du ganz wie dein Vater und weißt auch nicht, wie schlecht die Menschen sind und wie sie einem alles verdrehen. Das Bild ist dein. In einer Ehrenfamilie wie die unsere ist ein Wort ein Eid. Bei minderen Leuten mag das anders sein, aber ich stamme auch von den Schorers ab. Wie ich höre, bist du gut gegen alle Menschen, aber laß dich in keine geringe Familie hineinziehen. Vergiß nicht, daß du ein Schorer bist. Deines Vaters Großvater und meiner Mutter Großvater sind Brüder gewesen –«

Die Alte war so ins Reden gekommen, daß sie nicht merkte, wie Aloys über die ewigen Vetterschaften lächelte, dann sie fuhr fort:

»Die Schorer, das ist von uralten Zeiten her ein Bauernadel. Dein Vater hat dir gewiß davon erzählt.«

»Nein. Auf solche Sache halten wir in Amerika nichts. Mich hat's gefreut, wie ich die armseligen Häuser von meinen Großeltern beider Seiten gesehen hab'. Bei uns in Amerika ist das der Stolz, von geringen Leuten abzustammen und selber aus sich was gemacht zu haben.«

Die Alte schaute verwundert um; auf ihre besten Trümpfe gewann sie keinen Stich. Sie gab aber das Spiel noch nicht auf und begann aufs neue.

»Nicht wahr, ich schwätz' viel? Ja, ich hab' eben zu viel mit mir allein geredet; die Tage und Nächte auf dem Krankenlager, da denkt man sich durch die ganze Welt durch. Also nicht wahr? Von dem Bild haben wir geredet? Folg mir und laß es da hängen, bis zu deiner Abreise. Die Leute könnten drüber spötteln, und du hast das linde Herz von deinem Vater, dir thut so was weh. Sag. Kenn' ich dich und verstehe ich dich?«

»Zum Teil. Ich frage nicht viel nach dem Gerede. Aber Ihr habt recht.«

»So hat's dein Vater auch in der Red' gehabt; er hat auch gern gesagt: du hast recht. Komm nur zu mir, so oft du willst. Laß dich dünken, ich wär' die Schwester von deinem Vater. Ach lieber Gott! Wenn ich nur sein' Schwester wär'!«

Sie weinte bitterlich und sagte dann: »Nicht wahr, das Bild. wie er jetzt aussieht, das darf ich behalten?«

»Von Herzen gern. Er hat mir noch ausdrücklich gesagt, Euch soll ich eins geben, wenn Ihr noch gut an ihn denkt.«

»Und die anderen?«

»Die soll ich eben denen geben, die auch noch gut an ihn denken.«

»O, du guter Aloys in der weiten Welt draußen! Bist von Kindsbeinen auf gutherzig gewesen und bleibst gut. Hast aber recht, man wird dick und fett dabei, wenn man nicht weiß, wie schlecht die Menschen sind. Marannele! Sag mir nichts. Ich seh' dir's an, du willst mir drein reden. Ich weiß, was ich sag', und ich sag's zu unserm nächsten –«

»Mutter! Ich hab' ja gar nichts –«

»Ist gut. Bleib dabei. Jetzt Aloys, glaub mir! Das ganze Dorf ist nichts als eine Räuberbande und Bettelpack, und die Reichen sind die Nichtsnutzigsten. Schau, wenn dein Vater morgen hierher käm' und wenn er noch einmal so brav wär' wie ein frisch vom Himmel hergezogener Engel und er hätt' kein Geld, kein Mensch wendete ein Auge nach ihm. Auch wieder hier? thät's heißen. Hü Bläß! Hot Stromel! Und sie gingen mit ihren Kühen und Ochsen davon und ließen ihn stehen.«

Von diesen Allgemeinheiten ging Marannele zu ganz genauen Persönlichkeiten über, sie ließ das ganze Dorf vom ersten bis zum letzten Haus vor ihrem Bette vorbeimarschieren und jeder bekam seinen Treff; besonders geschickt derjenige, der eine schöne Tochter hatte. Ueber die Mädchen selber sagte sie nichts Deutliches, sie winkte gegen Marannele hin, andeutend, daß sie vor ihrem Kinde nicht sagen dürfe, was da alles vorgehe. Sie schloß:

»Dir darf ich alles sagen und dir muß ich alles sagen. Ich weiß nicht, wie mir ist, ich bin wieder ganz jung. O was ist der Mensch für ein wunderliches Ding, das da drin, das wird nie alt –« sie deutete auf die Stelle, wo das Herz sein soll, und sich wendend rief sie: »Jetzt hab' ich aber genug geschwatzt. Jetzt erzähl du: wie lebet ihr denn so in dem wilden Wald? Wie viel Geschwister seid ihr? Wie viel Häuser sind um euch herum und was für Leut'? Sind auch Arme da?«

»Ich erzähl' nicht gern von Amerika. Die Leute hier halten leicht alles für Prahlerei.«

»Hast sie also schon so grundmäßig kennen gelernt? Ja, dir sieht man den hellen Verstand an. So jung und schon so . . . Aber mir, lieber Aloys, mir kannst du berichten, bei mir ist's –« Sie konnte vor inniger Beteuerung kein Wort finden und Aloys erwiderte:

»Ja, also auf Eure letzte Frage will ich zuerst sagen: Arme gibt's eigentlich bei uns nicht, das heißt, es gibt Arme, aber das sind eben die Liederlichen. Wer schaffen will, braucht nicht zu hungern. Wir haben ein großes Bauerngeschäft. Wir ernten aber nicht wie hier mit Sichel und Sense, wir arbeiten mit der Mähmaschine, die arbeitet in einer Stunde, wozu zehn Mäher einen ganzen Tag brauchen.«

»Und dein Vater kann noch immer gut schaffen?«

»Er thut nicht mehr viel als gärteln. Er hat mehr als zweitausend Pfirsichbäume gepflanzt.«

»Zweitausend? So viel hat ja vielleicht das ganze Württemberger Ländle nicht.«

»Wir verschicken viel Pfirsiche und lösen daraus ein schön Geld.«

»Erzähl mir von deinen Geschwistern.«

»Zwischen dem Basche und mir ist ein Geschwister gestorben. Jetzt sind wir noch fünf. Meine älteste Schwester, sie heißt auch Mechthilde, ist eine Lady, eine vornehme Frau, von den vornehmsten eine in der Stadt, ihr Mann hat eine Metzgerei und schlachtet alle Tage seine fünfzig bis sechzig Ochsen und gegen zweihundert Hammel.«

»O lieber Gott! Da geht's nicht hungrig her,« unterbrach Marannele. »Aber erzähl weiter. Von deinem Vater.«

»Ja, der geht nicht mehr weit weg vom Haus. Wie der Krieg ausgebrochen ist mit den Südländern, da hätten ihn keine zehn Ross' daheim gehalten, und die Mutter – besser versteht keine Frau ihren Mann – bevor er noch einen Laut gegeben hat, hat sie ihm gesagt: Geh du nur mit. Und er ist mitgangen und in großen Ehren heimkommen, leider mit einem Schuß im linken Bein schon im ersten Vierteljahr. Er hat im Regiment von Ludwig Waldfried gestanden, der jetzt da drüben bei der Freudenstadt wohnt. Das ist ein Mann! Er hat uns besucht. Ich habe dem Vater versprochen, daß ich seinen Oberst aufsuche. Der Vater ist sein Adjutant gewesen –«

»Warum hat sich dein Vater nicht in seiner Uniform abbilden lassen?«

»Die Uniform gilt bei uns nichts. Es ist nicht so wie hier zu Land, wo die Beamten und die Offiziere, soviel ich sehe, sich für was Besonderes halten. Bei uns ist alles gleich. Wir sind freie Bürger.«

»Ist auch besser. Jetzt sag: Hat's auch Wilde in eurer Gegend?«

»So nah grad nicht, aber wir sind auch schon mit ihnen zusammenkommen, ganz in Frieden, es sind Ehrenleute und stolz, und uns viel lieber als die Irländer. Das ist ein Lumpenpack oben heraus. Bis zu dem Krieg haben sie noch dazu immer gethan, als wenn sie was Besseres wären als wir Deutsche, und die Franzosen in der Stadt, die haben gelacht, daß man nur dran denken kann, die Deutschen werden nicht zu Wurst zusammengehackt. Ja, ihr daheim, ihr habt gewiß viel Angst ausgestanden, aber gewiß nicht mehr wie der Vater. Der hat jeden Morgen gesagt: Jetzt kommen vielleicht die Franzosen mit ihren Turkos die Horber Steige herauf und von Isenburg her und brennen und sengen und es kann niemand mit ihnen reden als der Franzosensimpel, wenn er noch lebt, und da hat der Vater auch von Euch geredet –«

Aloys hielt plötzlich inne, und die Alte fragte:

»Sag's nur, was hat er von mir gesagt? Ich nehm' nichts übel.«

»Es ist just nichts Böses; er hat eben gesagt, das Marannele hat eine scharfe Zung', vor dem laufen die Franzosen davon.«

Sie lachte gezwungen und Jung Aloys lächelte schelmisch, die Alte weiß nun doch auch, wie der Vater von ihr denkt; aus Gutmütigkeit fügte er indes hinzu, daß der Vater oft gewünscht habe, wenn er nur ganz Nordstetten bei sich aufnehmen könnte. Dann fuhr er fort:

»Jeden Abend hat eines von uns auf die Post reiten müssen und die Zeitung holen. Wir halten den ›Schwäbischen Merkur‹ und wissen alles. Der Vater hat's voraus gesagt: Jetzt kommen die Deutschen zu Ehren, daheim und hier. Er hat nur gemeint, in der ersten Schlacht siegen die Franzosen, nachher aber sicher die Deutschen.«

»In solchen Sachen ist dein Vater so gescheit?« suchte Marannele die Rede des Aloys in Bewegung zu erhalten, denn er stockte, da er inne ward, wie unnötig es sei, das der alten Frau da zu sagen. Jetzt fuhr er fort:

»Ja, hier reden sie noch vom Tolpatsch; schön ist's nicht, aber was liegt dran? Der Vater ist ein Mann, so grundgut und so grundgescheit und so fest, einen besseren gibt's nicht in der Alten Welt und nicht in der Neuen.«

Es kratzte etwas an der Thüre. Jung Marannele stand auf und verließ die Stube, es war ihr offenbar peinlich, wie die Mutter so viel in den guten Menschen hineinredete. Nach einer Weile kam sie wieder und Jung Aloys sagte: »Du hättest den Hund wohl hereinlassen dürfen. Ich habe die Hunde gern und die Hunde haben mich auch gern.«

Das Mädchen schwieg, aber die Mutter rief:

»Wenn ich die Augen zumache, meine ich, dein Vater wär' da. Aber erzähl weiter. Sag, gibt's bei euch auch Schnee und ist es wirklich wahr, daß ihr keine Nußbäum' und keine Lerchenvögel habt, und daß dir das so viel Freude macht bei uns?«

Jung Aloys erzählte alles genau; er sprach eine Zeitlang dreinstarrend, wie wenn ein anderes die Worte für ihn hergebe, denn er dachte anderes, als er berichtete.

Mutter Marannele konnte gut fragen, sie hatte den Hauptschlüssel zu allen Verschlüssen in der Seele. Aloys fühlte sich so angeheimelt, daß er bekannte, es sei ihm, wie wenn er von Kindheit an bei der Base und ihrer Tochter gelebt hätte, und als er bei diesen Worten in das Antlitz der Tochter schaute, zuckte es ihm im Herzen, als wäre ein Blitz hineingefahren, und Jung Marannele fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, als spüre sie leibhaftig den warmstrahlenden Blick von Jung Aloys.

Die Mutter richtete sich auf und jetzt war ein Augenblick, wo sie in der That wieder schön war, ihr Gesicht war wie durchleuchtet und in ihrer Stimme war ein Herzton, da sie sagte:

»Aloys, wenn du zu deinem Vater kommst, sag ihm, er soll mir auch verzeihen. Ich kann in der nächsten Stunde sterben, und es nimmt mir einen Stein vom Herzen, daß ich seinem Sohn das sagen kann ins lebendige Auge hinein. Sag ihm, er soll gut an mich denken in Zeit und Ewigkeit.«

Sie hatte das mit großer Lebhaftigkeit gesprochen und ihre Wangen hatten sich gerötet.

Es herrschte geraume Zeit Stille, nur die Turteltauben gurrten.

»Jetzt, lieber Aloys,« sagte die Alte, »du nimmst mir's ja recht nicht übel, wenn ich dir sag: geh jetzt. Es hat mich so arg angegriffen. Marannele, gib dem Herrn Vetter das Geleit, und laß mich jetzt ein bißle schlafen. Ich spür's, lieber Aloys, dein Ehrenbesuch und alles Gute, was ich von dir gehört hab', macht mich gesund. Das ist besser als alle Doktor und Apotheker. Ich mein', ich könnt' jetzt aufstehen, aber ich will warten. Jetzt gehet miteinander und behüt' euch Gott.«

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