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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band - Kapitel 53
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Achtes Kapitel.

»Er läßt mich warten. Ja, wer denkt an eine dürre alte Frau. Von seinem Sohn hätt' ich das doch nicht geglaubt. Aber der Rufina soll die Zung' verbrennen, die ist an allem schuld. Ich glaub' an keinen Menschen mehr. Ich bin eine vergessene verlassene Witib.«

So jammerte und fluchte Marannele auf ihrem Lager, und es nützte nichts, daß die Tochter sie zu trösten versuchte, Aloys arbeite als Zimmergesell; die Mutter hatte doch erfahren, daß er am Abend bei diesem und jenem im Dorfe Besuch gemacht habe, er scheine unter Anleitung der Muhme zu leben, denn er sei am längsten immer dort geblieben, wo heiratbare Töchter im Hause seien.

»Sieht er lustig aus?« fragte die Mutter.

»Es kommt mir nicht so vor.«

»Kennt er dich? Hat er dich begrüßt?«

»Nein. Er sieht kaum auf.«

In der That war Aloys nicht gut gelaunt, denn er mußte zum Ueberdruß hören, wem er eigentlich gleiche; die einen behaupteten, er gleiche mehr seinem Vater, die anderen seiner Mutter, die meisten aber sagten jetzt, er ähnele vorzugsweise dem Großvater, dem Mathes vom Berg. Daneben waren die Menschen so ungeschickt, ihn geradewegs zu fragen, ob er sich bald entscheide, eine Frau mitzunehmen; denn die Muhme hatte den jungen Krappenzacher ins Vertrauen gezogen, ihrem Neffen die Fürnehmste zu verschaffen. Jung Aloys sagte der Adlerwirtin, daß er entschlossen sei, in nächster Woche zu ihrem Vater – Ivo – zu reisen, und vielleicht käme er von da gar nicht mehr hierher zurück. Der Adlerwirt schrieb einen Brief an seinen Schwäher, worin er den Ankömmling meldete. Er fand es besser, das geradewegs Aloys zu sagen, das war nicht nur ehrlich und gab Zutrauen, es band auch Aloys, sich in nichts anderes einzulassen.

Aloys hatte wohl in Erinnerung, daß ihn Marannele am ersten Abend hatte begrüßen lassen, aber daß sie eine Tochter hatte, war ihm zuwider; der Vater hat also nicht umsonst gewarnt und am besten ist, sie gar nicht kennen zu lernen. Die Alte wird freilich gekränkt sein, daß er sie nicht besucht, aber man kann nicht allen Menschen helfen, und zudem ist es eine widerwärtige Sache, die Frau zu sehen, die die Geliebte des Vaters war, ihn verschmähte und einen anderen vorzog. Dennoch regte sich etwas in ihm – das hat er doch vom Vater – das ihn wie eine Sünde plagte, eine alte kranke Frau durch Vernachlässigung zu kränken.

Er kannte das Haus recht wohl, er war schon mehrmals dran vorbeigegangen und als er nun mit dem jüdischen Schullehrer, der sich ihm angeschlossen hatte, wieder vorüberging, hörte er einen Jodelgesang mit mächtiger Stimme.

»Wer ist das?«

»Des Jörglis Maranneles Tochter.«

»Wie heißt sie?«

»Auch Marannele. Sie haben sie den ersten Abend gesprochen, sie hat Ihnen einen Gruß von ihrer Mutter ausgerichtet. Das Jodeln hat sie von ihrem Vater. So lustig jodelt keiner mehr im Ort. Er war auch ein freisinniger Mann, wie wenige mehr hier; er ist aus dem Gemeinderat zu mir gekommen und hat mir gratuliert, als ich Gemeindelehrer geworden bin, wie meine christlichen Kollegen auch.«

Der Lehrer trug Aloys auf, seinem Vater zu erzählen, welchen Fortschritt man in der Heimat gemacht habe; denn es sei ja bekannt, wie gut sich sein Vater gegen des langen Herzles Kobbel benommen habe; drüben in Amerika begrüßen sich die Menschen nicht mehr als Religionsgenossen, sondern als Heimatsgenossen, und das Gleiche mache sich nun endlich auch im Vaterlande geltend. Jung Aloys war kein aufmerksamer Zuhörer, er schaute hin und her und wieder auf den Weg wie einer, der an sich hinreden lassen muß, was ihn eigentlich gar nichts angeht, gewiß aber nicht im gegenwärtigen Augenblick. Er verstand es indes nicht, in schicklicher Weise die Begleitung abzulehnen, zumal er glaubte, das sei wohl so im bevölkerten Dorfe, denn draußen auf seiner Farm kam ihm niemand in die Quere.

Endlich riß er sich doch los und ging nach dem Hause.

Der Gesang war verstummt, ein Mädchen saß auf der Hausbank, es hatte einen hellroten Rock an, der Oberkörper war nur mit dem straff anliegenden Hemde bekleidet, neben ihm lag eine Jacke, die bloßen Arme waren voll trotzender Kraft, und die sonngebräunten Backen so rund und frisch. Das Mädchen nickte einem großen Leonberger Hund zu, der seinen Kopf an ihre Kniee drückte; jetzt brummte der Hund, sie schlug verwundert die großen blauen Augen auf, rief dem Hunde zu: »Ruhig! Kusch!«

Der Hund folgte. War das nicht derselbe Hund, den Jung Aloys beim ersten Angang gesehen, und war das nicht dieselbe Stimme, die damals die gleichen Befehlsworte gerufen hatte?

»Ei, Ihr seid's? Grüß Gott,« rief das Mädchen. »Wollet Ihr zu uns?«

»Ja freilich.«

»Das wird die Mutter freuen. Das ist schön, daß Ihr kommet. Die Mutter hat Tag für Tag, jede Stunde auf Euch gewartet.« Während sie sprach, zog sie abgewendet die neben ihr liegende Jacke an. Jetzt wendete sie sich flammenden Antlitzes um, er reichte ihr die Hand.

»Ein schöner Hund,« war das erste, was er jetzt sagte, und der Hund schien die Worte zu verstehen, er drückte sich an das Mädchen und schaute ruhig auf den Mann.

»Und getreu ist er auch und gescheit. Ihr könnt ihn haben, wenn Ihr wollt. Wir haben ihn noch vom Vater her, wir wollen ihn aber nur einem guten Herrn geben, der ihn nicht an die Kette legt. Aber wartet jetzt eine Minute, ich will's der Mutter sagen, daß Ihr da seid, es könnte sie doch erschrecken. Ihr müßt ein wenig laut reden, sie darf's aber nicht merken; sie nimmt's übel, wenn man sie es merken läßt, daß sie fast taub ist. Du . . . bleib da! Bleib bei dem Herrn und sei brav, dann nimmt er dich mit,« schloß sie lachend zu dem Hund und verschwand im Hause.

Der Hund blieb ruhig bei Aloys und blinzelte ihm zu. Aloys streichelte den Kopf des guten Tieres und dachte vor sich hin: wie fein und gut hat das Mädchen gesprochen und wie klingt ihre Stimme so gut.

Halt Aloys! Vergiß nicht, was dein Vater gesagt. Das war' schön, wenn du just da . . .

»Du einfältiges Ding, was läßt ihn vor dem Haus warten?« rief eine gellende Stimme oben.

Das Mädchen kam wieder und winkte Aloys mit den Augen, die größer geworden schienen, sie sagte leise: »Lasset Euch nicht anfechten, daß sie geschrieen hat.«

Aloys trat in die Stube. Aus der Kammer rief es:

»Kommet doch! Was machet Ihr so lang? Kommet herein miteinander.«

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