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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band - Kapitel 51
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Sechstes Kapitel.

In einem Lehnstuhl saß der Buchmaier, die langen Haupthaare und der Bart waren schneeweiß, er saß in sich versunken, aber die markige Gestalt war noch wohl erkennbar.

»Vater. Der Aloys aus Amerika ist da,« sagte der junge Bauer mit bebender Stimme. Erst nach einer Weile sagte der Kranke:

»Wo ist der Aloys? Wo? Komm her! Ich seh' nicht mehr gut.«

Jung Aloys näherte sich ihm und der Alte tastete ihm mit zitternden Händen über das Gesicht. Jung Aloys erzählte, daß sein Vater und alle in Neu-Nordstetten des Buchmaiers gedenken, wie er damals mit der Axt in die eigenmächtige Verordnung des Oberamtmanns hineingehauen habe. »Der Vater sagt oft und oft,« berichtete Jung-Aloys, »damals wie er Euren Axthieb gesehen und Eure Worte gehört habe, sei ihm aufgegangen, was Freiheit ist.«

Ueber das Antlitz des Alten ging ein Freudenstrahl.

»Mathes!« rief er.

»Vater! Was wollet Ihr?«

»Leg mir die Axt auf den Sarg und gib sie mir mit ins Grab. Es ist die kleine breite mit dem Ahornstiel.«

»Ich weiß, Vater,« erwiderte der Sohn und biß die Lippen, während große Thränen ihm über die Wangen rollten.

Die ältere Tochter des Buchmaiers kam herein mit ihrem Mann und ihren Kindern, die jüngst verheiratete Tochter kam mit ihrem Mann und ihren Schwiegereltern, Männer vom Gemeinderat stellten sich ein; die Stube schien die Menschen alle kaum fassen zu können. Der alte Buchmaier saß in sich versunken, plötzlich erhob er sich und rief: »Sie kommen! Sie kommen!« Er breitete die Arme aus, als müßte er Entgegenkommende ans Herz nehmen. Aloys eilte auf ihn zu und hielt ihn aufrecht. Der Alte wendete den Kopf hin und her und schien verwundert auf den Fremden zu schauen, dann erhob er das Haupt hoch, ein Leuchten zog über sein Antlitz, mit weit aufgerissenen Augen starrte er drein und mächtig erscholl seine Stimme: »Alle kommen sie wieder! Machet das Thor weit auf, alle sind sie wieder da. Lebwohl, Amerika! Guten Morgen, Deutschland. Hellauf! Grüß dich Gott, Lucian! Grüß dich Gott, Mathes vom Berg! So? bist auch wieder da, du guter Tolpatsch? Laß sie nur alle herein. Alle. Wieder daheim. Hellauf!« Er wankte, er sank zurück und hauchte seinen letzten Atem aus.

Auch alle Anwesenden hielten den Atem an, bis endlich der Gemeindeschreiber sagte: »Solch ein ehrenfester Mann wie der Buchmaier lebt nicht so bald wieder auf . . .«

Als Aloys das Haus verließ, gab ihm der junge Bauer das Geleite und sagte auf der Schwelle:

»Du bist ein guter Bote gewesen, du hast meinem Vater einen leichten lustigen Tod gebracht.«

In der Wiese draußen vor dem Hofe wieherte das Füllen in den hellen Tag hinein, die Vögel sangen in der Luft und von den Bäumen; dennoch war Aloys schwer bedrückt.

Als tags darauf der Buchmaier begraben wurde, stand Aloys wie ein nächster Verwandter an der Seite des jungen Bauers, der ihm die Axt übergab, um sie in das Grab des Vaters zu versenken.

Aloys schrieb alle diese Vorgänge au seinen Vater, aber er schickte den Brief nicht ab; es könnte daheim den Kränkelnden doch zu sehr angreifen.

Er fuhr mit der Muhme Rufina nach Rottenburg und suchte vor allem die Erbschaftssache zu ordnen.

»Das ist ein scharfer Mensch, man sollt' nicht meinen, daß das der Sohn vom Tolpatsch sei,« lautete das Urteil der Verwandten von Seebronn.

Er wurde indes doch dringend gebeten, über den Sonntag bei ihnen in Seebronn zu bleiben, sie waren eifersüchtig auf Nordstetten und fanden es unrecht, daß er dort blieb. Sie sagten ihm wiederholt, die Nordstetter seien Spöttler, und wenn er entgegnete, er habe noch nichts davon gemerkt, da hieß es: »Gib acht, wirst's schon noch erfahren.« Aloys aber fühlte sich in Nordstetten mehr daheim als in Seebronn, wo er allerdings weit mehr Verwandte hatte, er wußte aber wenig von ihnen, denn man kam selten mit der hier ansässigen Schwester des Großvaters zusammen. Der Vater hatte richtig gesagt: In Amerika gelten sieben Stunden Wegs gar nichts, aber daheim ist man von denen überm Neckar drüben getrennt, als läge ein Meer dazwischen.

Es gab auch schöne Mädchen in Seebronn und alle waren verwandt, aber Aloys war seltsam stockig. Er reiste nach der Hauptstadt zu seinem Konsul, und auch, um einen Verwandten zu besuchen, der als Soldat diente. Er sah das Gebäude, in dem sein Vater Soldat gewesen; es diente jetzt gewerblichen Zwecken, aber wahrhaft erschrocken war er, als er zum erstenmale eine Kaserne sah, in der hundert und hundert junge Männer in ihren besten Jahren leben müssen.

»Gottlob! das haben wir in Amerika nicht,« dachte er auf dem Heimweg. Als er wieder gen Nordstetten kam, war's ihm, als wäre er hier von je daheim, und er fand etwas, das daheim macht wie nicht anderes.

Wie damals der Vater Ivos, der Zimmermann Valentin, so arbeitete heute auf der Hochbur ein Mann mit der Breitaxt, um Balken zuzuhauen. Aloys stellte sich zu dem Manne und fragte, warum man nicht die Stämme in der Sägmühle zurichten lasse; der Mann erwiderte, daß es mehr Mühe und Kosten mache, die Stämme den Berg hinab und die zugerichteten Balken wieder herauf zu bringen.

»Nehmt Ihr keinen Gesellen an?« fragte Aloys.

»Ich möcht' schon, aber es ist mit den Gesellen ja nicht mehr auszukommen.«

»Vielleicht doch,« entgegnete Aloys und zog seinen Rock aus, faßte eine Breitaxt und arbeitete mit Ruhe und Sicherheit, daß der Meister ihm zunickte.

Die vom Felde Heimkehrenden staunten, und sie mußten von der Seltsamkeit drin im Dorfe erzählt haben, denn Männer und Frauen und Kinder kamen und schauten auf Aloys, dieser aber arbeitete ohne umzuschauen weiter. Auch der Ohlreit ging vorüber und lachte so unbändig als gezwungen, dann aber saß er lange auf einem Steinhaufen und starrte hinüber zu Aloys, der bei seiner Arbeit blieb, bis Feierabend gemacht wurde.

Und so arbeitete Aloys eine ganze Woche. Jetzt aber mußte er rasten, denn die Grundmauern zu dem neuen Hause waren noch nicht weit genug, um das Gebälke aufzusetzen.

Er ist ein gelernter Zimmermann, hieß es im Adler, er hat das goldene Handwerkszeug an der Uhr hängen. Die Adlerwirtin aber vertraute ihrem Manne, sie wisse das von ihrem Vater her, Aloys sei ein Bruder Freimaurer.

»Da paßt er ja doppelt in deine Familie,« entgegnete der Adlerwirt, »aber sag's nicht weiter. Die Leute hier sind noch so altväterisch und denken sich Teufelszeug drunter.« –

Dreschen ist kein Geheimnis, sagt man, und auf der Hochbur Bauholz zimmern, auch nicht.

Als Aloys am ersten Tage da draußen arbeitete, galt das für einen Spaß, für eine Wunderlichkeit des Amerikaners; als er aber Tag für Tag das Geschäft fortsetzte, mußten die Leute doch sich anders besinnen und im Adler wurde darüber hin und her geredet und der Schluß war: »Es ist weiter nichts als Prahlerei, er will zeigen, wie er schaffen kann. Prahlhanserei ist's.«

Die kluge Tochter Ivos und der Emmerenz mischte sich sonst nicht gern in das Gespräch der Männer, zumal wenn wie jetzt der Schultheiß das große Wort führte; sie war auch noch zu neu im Dorfe, um ihre Meinung geltend zu machen. Jetzt aber hielt sie sich nicht mehr und mit zornbebender Lippe rief sie:

»Ei ei! Was muß man da nicht alles hören.«

»Still! Die jung Adlerwirtin hat was,« rief der Ratsschreiber. »Laß hören. Gib her. Glaubst du, daß der jung Tolpatsch was anderes dabei im Sinne hat?«

»Ich mein', das mit dem Tolpatsch könnt' man jetzt einmal lassen. Ja, ich mein' grad das Gegenteil von Euch. Wenn's auch wär', wenn er auch zeigen will, was er ist und kann; ist denn das was Schlechtes, wenn einer für das gelten will, was er wert ist? Die Leute, die so bescheiden thun, daß man sie um Gottes willen nicht lobe, das sind nicht immer die ehrlichen und die guten. Ich muß grad heraus sagen: Ich höre da allfort Spott und Schimpf und im besten Fall Bedauern über den Ohlreit, und jetzt kommt einmal einer und will nicht müßig warten und in den Wirtshäusern herumliegen, bis er wieder fortgeht. Ist das nicht ehrenhaft? Ich mein' einmal so.«

»Du kannst ja predigen wie dein Vater.«

»Und recht hat sie.«

»Und wahr ist's.«

»Die jung Adlerwirtin muß Gemeinderat werden.«

»Die ist wie die verstorbene Schultheißin, die hat man die Stellfalle geheißen. Sie kann lange schweigen, wenn sie aber einmal anfangt, lauft's auch über die Wiesen.«

So schlug die Meinung um, und die junge Adlerwirtin verbat sich nur jeden Unnamen.

Als Aloys nun in die Stube trat, rückte jeder beiseite und jeder rief: »Setz dich zu mir! zu mir.«

Man neckte ihn, er verstand indes nicht, was das heißen solle, daß die junge Adlerwirtin sein Advokat sei. Als aber die Gäste fortgegangen waren, setzte sich die Adlerwirtin zu ihm und sagte:

»Du hast mir bisher gefallen, so deine ganze Art, und jetzt gefallst mir noch viel mehr. Wenn mein Vater da wär', er thät dir die Hand geben und sagen: Brav so! Du bist aus dem Rechten. Nicht müßig gehen, bis die Schreiber bei Amt fertig sind, das ist das Rechte.«

»Du hättest mir nichts sagen können, was mich glücklicher macht als das, daß dein Vater mir die Hand gäbe. Wenn mein Vater den Namen Ivo sagt, da ist lauter Glückseligkeit in seinem Gesicht. Hab' ich dir schon gesagt daß ich zu deinem Vater reise?«

»Jawohl.«

»Und . . .«

»Was und? sprich nur frei.«

»Also ich gefall' dir?«

»Das ist kein Spaß für dich und auch nicht für mich.«

»Und ich muß es doch noch einmal sagen. Also ich gefall' dir? Und glaubst du, daß ich deiner Schwester auch gefallen könnt'?«

»Du bist nicht versteckt.«

»Nein. Meinem Vater wär's das Liebste und seit ich dich kenn', mir auch, wenn ich deine Schwester kriegen könnt'. Sieht sie dir gleich?«

»Sie ist größer und breiter und anderthalb Jahr älter als ich.«

»Das ist alles kein Schaden. Könntest du es nicht machen, daß sie hierher käme?«

»Nein. Sie geht nicht von daheim fort.«

»Wie meinst das? Auch nicht, wenn sie heiratet?«

»Wenn sie heiratet? Ja, wenn. Sie ist verliebt.«

»So? darf man wissen in wen?«

»Ja freilich. In den Vater ist sie verliebt.«

»Das ist kein Fehler. Darin nehm' ich's mit ihr auf.«

»Du wärst mir ein lieber Schwager. Aber daß meine Schwester nach Amerika geht, das wird schwer halten. Ich mein', du solltest dir hier eine Frau suchen, es hat schöne und brave Mädle hier genug.«

Die junge Adlerwirtin erzählte von ihrer Schwester Ignazia, die selber darauf gedrungen habe, daß die jüngere Schwester heirate, denn sie wolle den Vater nicht verlassen, sie verstehe die Landwirtschaft so gut wie ein Hohenheimer Professor; daneben lese sie auch mit dem Vater die Zeitungen und Bücher, und sie habe als Krankenpflegerin im letzten Krieg das Ehrenzeichen bekommen. Die Verwundeten willigten in die Operation nur ein unter der Bedingung, daß ihnen Ignazia die Hand hielt. Uebrigens, schloß sie, könne man nie wissen, wie ein Mädchen gewonnen werden könne; Aloys solle sein Glück versuchen, denn glücklich werde der, der Ignazia heimführe.

»Ignazia! Ein seltsamer Name,« sagte Aloys.

»Dein Vater hat dir gewiß vom Nazi, der ein treuer Knecht bei meinen Großeltern war und nachher als Bauer meinem Vater viel aufgeholfen hat, erzählt; der hat bei meiner ältesten Schwester Gevatter gestanden und davon hat sie den Namen Ignazia bekommen. Es gehört ihr auch ein besonderer Name; denn so wie sie gibt's keine zweite mehr. Sie ist für sich gar nicht stolz, aber wenn sie heiratet, muß es ein Mann sein, auf den sie stolz sein kann.«

Jung Aloys sah betroffen auf. Er war in die alte Heimat des Vaters gekommen mit dem sichern Gefühl, daß er nicht nur die Ehre seiner Familie, sondern auch die Ehre von ganz Amerika mit sich bringe. Selbstverständlich würde jedes frohlocken, dem er sich zuneigt, und nun sah er sich gedemütigt; Zaghaftigkeit und Bangen überkamen ihn. Dennoch sprach er voll Mut, wie wenn noch ein anderer Mensch aus ihm rede. Er bat die Adlerwirtin, an ihre Schwester zu schreiben, daß er komme und warum er komme; er wolle keinen Vorteil vor ihr voraus haben.

»Ich verstehe nicht, wie du das meinst?« entgegnete die Adlerwirtin.

»Ich hab's so gemeint: Ich komme als Freier ins Haus und deine Schwester soll das so gut wissen, wie ich, und sich danach verhalten. Ich hab' keine Zeit zum langen Ausproben. Sie weiß, von welchen Leuten ich bin, und ich weiß, von welchen Leuten sie ist, und mit gutem Willen und wenn sie just nichts gegen mich hat, können wir gut miteinander leben.«

Die Adlerwirtin wußte nicht recht, was sie hierauf sagen sollte; es ist doch ein seltsames Gemisch von Gutherzigkeit und Hochmut in dem Amerikaner.

»Bis wann willst du reisen?« fragte sie.

»Ich möchte gern das Haus richten helfen. Ich lasse nicht gern halbe Arbeit, und mein Vater hat mir erzählt, wie schön das Maiensetzen hier ist. Ich muß warten, bis die Grundmauern soweit heraus sind. Ich sage nicht gern etwas gegen die Leut hier zu Lande, aber grausam langsam sind sie. Morgen ist auch ein Tag, heißt's immer.«

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