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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band - Kapitel 49
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Viertes Kapitel.

Von Haus zu Haus im ganzen Dorfe suchte heute jedes mit einem neuen Gedanken in der Seele den Schlaf.

Ein Sohn des Tolpatsch ist da! Wie lang hat man nicht an den gedacht, und es ist auch nicht möglich, die Gestorbenen und Ausgewanderten alle in Gedanken zu behalten; jedes hat genug mit sich selbst zu thun und mit dem, was um einen herum lebt.

»Wie sieht er denn aus?« fragte da und dort eine Frau den aus dem Wirtshaus heimgekehrten Mann.

»Ganz gut,« lautete die Antwort, »er hat eine schwere goldene Uhrkette und einen großen Ring, aber von Freihaltingen ist er nicht daheim. Jedes hat seine Zech' bezahlen müssen. Ist das schön?«

»Just nicht besonders. Aber mir ist das ein Zeichen, daß er reich ist.«

»Kann schon sein. Hände hat er, doppelt so breit wie die meinigen, und mit wem meinst, daß er am zutraulichsten gewesen ist?«

»Wie kann ich das wissen?«

»Mit dem Schuster Hirtz. Da steckt was dahinter.«

»Ist er noch ledig?«

»Kann wohl sein.«

»Gib acht, der holt sich eine Frau von hier. Gewiß des Hirtzen Madlen', ich thät's ihr gunnen, sie sieht ganz elend aus von dem Telegraphen-Klöppeln, und der Ohlreit, der kommt nie mehr auf.«

»Laß mich in Ruh, mich geht der Tolpatsch mit seiner ganzen Sippschaft von Haut und Haar gar nichts an.«

So wurde in vielen Häusern gesprochen, bevor man sich zum Schlaf wendete.

In einem Hause aber dauerte das Gespräch noch lange.

In den sogenannten Hinterhäusern, nicht weit vom neuen Kirchhof, steht ein breites Haus mit Scheune und weitläufigen Ställen; die Scheune ist nur halbvoll, die Ställe sind fast ganz leer; denn zwei Kühe und ein sechswöchiges Kalb sind in dem weiten Raume fast wie verloren. Zu Lebzeiten Jörglis war's freilich anders; da waren vier Rosse in dem einen und sechs Kühe im anderen Stall und in der Scheune, meist aber vor dem Hause, stand ein großer Stellwagen, der zwölf Sitze hatte, ungerechnet die vier Plätze auf dem Deck.

Der Ernährer, der alles dies leitete, liegt nun da drüben auf dem Kirchhof, er war bis zu seinem Tode ein lustiger Kamerad gewesen, und wie er vor Zeiten als stolzer, junger Kavallerist durch die Dorfgassen jodelte, so jodelte er noch oft vom Bock herunter, wenn er dreimal in der Woche mit seinem eigenen Stellwagen zur Hauptstadt und wieder heimfuhr, und auf dem ganzen Weg, in Städten und Dörfern, sah er lauter fröhliche Gesichter, denn alles hatte den Jörgli gern und lachte ihm zu. Ja, auch der Hund, der neben dem Wagen herlief, teilte die Beliebtheit seines Herrn; nie kam er in Raufhändel, was freilich sich auch daraus erklärt, daß es kein Hund war, sondern eine Hündin und um diese raufen sich wohl die Hunde, sie selbst aber wird nie angegriffen.

Jörgli ist, wie die Rede lautet, vor seiner Zeit gestorben, denn er hatte Backen fast so rot wie seine Scharlachweste, und wie die nahe aneinander gereihten silbernen Knöpfe drauf, so glänzten seine Zähne aus einem Munde, der für jedes am Wege eine Scherzrede hatte.

Bei seinem Tode fand sich, daß durch die Anschaffung von Pferd und Wagen das Bauerngütlein verschuldet war, aber die Witwe konnte doch noch mit ihren Kindern Nahrung auf eigenem Felde bauen, freilich nur knapp. Zwei erwachsene Söhne, statt der Mutter zu helfen, wanderten aus, ein Acker und eine Wiese mußten zu ihrer Ausstattung und Ueberfahrt verkauft werden. Der jüngste Sohn, in Gestalt und Lustigkeit ganz seinem Vater gleich, war im letzten Krieg gefallen.

In der Kammer, deren Fenster nach dem Kirchhof geht – man sieht ihn aber nicht, denn der Nußbaum am Hause und die Obstbäume im Garten verdecken den Ausblick – da leuchtete der Mond auf die Decke eines Bettes, in dem eine Frau vor sich hinmurmelte:

»Was hat man davon, daß man einmal jung und übermütig gewesen ist und jedes hat einem schön gethan? Da lieg' ich jetzt wie eine verhutzelte alte Birn' im Gras. Aber schön ist's doch gewesen, wie ich den Tolpatsch tanzen gelehrt hab'! Bist von klein auf ein guter Tralle gewesen, ein weiches Herz, hast gewiß auch meiner gedacht, hast mich gern gehabt, mehr als gut gewesen ist, hab' dir's nicht vergelten können. Was kann ich dafür? Hast uns gewiß durch deinen Sohn was sagen lassen oder auch was geschickt. Weißt denn, daß ich noch leb'? Freilich ein Leben, der Tod wär' besser. Wo nur das Marannele so lang bleibt! Es wird sich doch nicht zu ihm ins Wirtshaus setzen! Meine Kinder sind fort und meine eigenen Füße wollen nicht mehr gehen.«

So klagte die Frau in einsamer Nacht, jetzt hörte sie den krummen Klaus spielen und den Ohlreit johlen, dann war alles still.

Es schlug Viertelstunde auf Viertelstunde, und vom Thale heraus klang der Pfiff der Lokomotive.

»Es ist gleich elf Uhr. Wo nur das Kind bleiben mag. Marannele!« rief sie laut, »Marannele! Bist denn noch nicht daheim?«

»Ja freilich, schon lang,« antwortete es aus der Kammer. »Ich hab' gemeint, Ihr schlafet.«

»O nein! Komm herein und erzähl'.«

Das Mädchen kam herein und setzte sich auf das Bett der Mutter. Diese fragte:

»Hast ihn gesehen? Was hat er gesagt? Wie sieht er aus?«

»Ich hab' ihm Euern Gruß ausgerichtet, aber wie er aussieht, das weiß ich nicht; wir sind im Schatten gestanden und er hat einen Hut auf, so breit wie ein Regendach. Groß ist er und breit und hat eine Stimme wie ein Oberamtmann.«

»Was hat er zu dir gesagt?«

»Zu mir? Nichts. Ich hab' ihn aber gehört, wie er mit dem Schuhmacher Hirtz geredet hat. Wie er auf uns zukommen ist, sind meine Gespielen alle davongerannt und haben mich fast umgerissen; ich bin aber stehen blieben und hab' ihm Euren Gruß ausgerichtet.«

»Und was hat er dir drauf gesagt?«

»Nichts. Ich weiß nicht. Wie ich's heraus gehabt hab', bin ich eben auch davongerannt.«

»O du Tättele du! Aber schon gut, er hat nun doch in der ersten Nacht hier eine Gutnacht von mir, und er müßt' nicht sein Sohn sein, wenn ihm das nicht in der Seele blieb'! Freilich, die Menschen in Amerika verwachsen sich, der Ohlreit sagt, daß die Zwetschgenbäume drüben allemal zu Pflaumenbäumen werden, aber ein Tannenbaum wird doch kein Birnenbaum. Schon gut. Morgen in aller Früh machst das Haus sauber, von oben bis unten, und putzest das Bild ab, das draußen hängt, das von dem Soldat zu Fuß. Wirst sehen, er kommt gleich morgen. Und weißt was?«

»Was?«

»Morgen in aller Früh gehst in die Frühmess'. Wirst sehen, er kommt auch und da –«

»Nein, Mutter, das thu' ich nicht. Ich thät' mich vor unserm Herrgott schämen.«

»So? Da laß es bleiben.« –

Während hier von ihm gesprochen wurde, stand Jung Aloys am offenen Fenster und atmete mit bewegter Brust die Heimatsluft seines Vaters, bald trat er zurück, öffnete seinen Koffer und schrieb:

 

»Liebe Eltern. Ich will euch nur gleich sagen, daß ich gut hier angekommen bin. Ich bin in einem Zug von Hamburg hierher gereist. Mir ist gewesen, wie wenn ich in Europa keine Nacht anderswo daheim sein könnte, als eben in Nordstetten, und wie wenn hier ein Wunder auf mich wartete. Aber es ist alles wie überall.

Lieber Vater! Das muß ich Euch aber gleich sagen: Auf der Eisenhahn habe ich Menschen auf das neue Deutschland schimpfen hören. Warum, haben sie mir nicht deutlich machen können, aber es gibt eben immer und überall Menschen, die unzufrieden sind.

Der Tannenzweig, der da einliegt, ist vom Baum an der Gemarkungssäule. Ich lege auch ein Blatt bei vom Nußbaum an des Großvaters Haus. Vom Lerchensang, den ich zum erstenmal im Leben recht gehört habe, kann ich nichts schicken.

Die Muhme Rufina ist noch ganz munter, aber sie spricht so, daß ich sie nur schwer verstehe und überhaupt auch sonst. Ich werde mich schon dran gewöhnen.

Es ist doch schade, daß bei uns daheim kein Nußbaum fortkommt.

Wie oft habt Ihr mir von Eurer Heimat erzählt, aber sehen ist doch noch anders. Es macht sich gut, Ihr habt's wohl nicht gewußt, daß die junge Adlerwirtin die Tochter vom Ivo ist, sie ist erst seit Ostern verheiratet, und ihr Mann ist ein Sohn vom Konstantin. Ich bin hier in lauter Vettern und Basen eingewickelt und das Marannele ist Witwe und hat noch eine Tochter. Ich schreibe bald wieder.

Euer Aloys.

 

Nachschrift. Lieber Vater. Morgen besuche ich den Buchmaier, wie Ihr mir aufgetragen. Es soll höchste Zeit sein, denn man erwartet stündlich seinen Tod.

Großvater! Der Nachtwächter singt nicht mehr so, wie zu Euern Zeiten.«

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