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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band - Kapitel 48
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Drittes Kapitel.

Es war noch Tag, als der Adlerwirt heimkam, denn die Eisenbahn hat das Gute, daß sie das Ausbleiben abkürzt. Der Landbriefbote hatte den auffällig schönen Koffer auf das Fuhrwerk geladen, das den Adlerwirt erwartet hatte, und so wußte dieser bereits von der Ankunft des Aloys und kam zu ihm auf sein Zimmer. Auch der Adlerwirt war von bekanntem Geschlechte, er war der Sohn des sogenannten Studentle, der indes schon seit Jahren verstorben war. Aloys richtete nun den Gruß vom Vater an den Sohn aus.

»Unsere Väter sind gut Freund gewesen, wir wollen's auch sein,« sagte der Adlerwirt, und Aloys reichte zur Bestätigung nochmals die Hand, indem er sagte: »Ich trete hier nicht bloß das Erbe von der Base in Seebronn an, ich erbe lauter gute Freundschaft.«

Der ist wie sein Vater, dachte der Adlerwirt und sein lauernder Blick nahm einen wohlwollenden Ausdruck an, indem er laut sagte. »Wenn du über jemand Kundschaft haben willst, frag nur mich; du wirst gut dabei fahren. Haben wir lang die Ehre von dir?«

»Ich weiß noch nicht, wie lang ich bleibe. Mein Vater schickt mich auch zu deinem Schwiegervater, zum Ivo. Hat er noch Kinder im Haus?«

»Freilich. Noch eine Tochter und einen Sohn, der ist aber nicht daheim, er wird Tierarzt.«

Ueber das Gesicht von Jung Aloys ging etwas, dessen Sinn, wie er glaubte, niemand errate, aber der Adlerwirt erriet es doch. Denn drunten in der Stube sagte er seiner Frau:

»Behalt im Sinn, was ich dir jetzt sag'. Du gefällst dem jungen Tolpatsch.«

»Schäm' dich, was sind das für Reden!«

»O, Hoffart! Es geht ja gar nicht auf dich. Der ist da – aber behalt's bei dir und sag's niemand – aber halt! Es ist besser, ich sag' dir's gar nicht.«

»O du! Du hast getrunken und weißt nicht, was du schwatzst. Du hast gar nichts, du willst mich nur neugierig machen.«

»Gut. Also ich sag' dir, der Jung Aloys ist da, um deine Schwester Ignazia zu holen. Jetzt sei aber gescheit, sonst verdirbst du die Sach'.«

Die beiden konnten nicht weiter allein reden, denn bald war die Wirtsstube gesteckt voll; alle wollten Jung Aloys sehen, der bald frisch gekleidet eintrat. Sie staunten, wie schnell er sich zurecht fand, wer dieser und wer jener sei und von wem die jüngeren abstammten; sie lachten, da er die Unnamen kannte und klatschten in die Hände und schlugen auf den Tisch, als er sagte, man solle ihn nur den jungen Tolpatsch heißen.

»Der ist gescheit!« sagte die Adlerwirtin hinter dem Schenktisch, »weil er's ihnen erlaubt hat, wird ihn jetzt gewiß niemand so heißen.«

»Ist des Maranneles Jörgli nicht da?« fragte Jung Aloys.

»Der ist schon lang tot.«

»Wie geht's denn der Frau?«

»Halt so so. Sie ist viel bettlägerig.«

»Hat sie Kinder?«

»Ja, fünf. Ein Sohn ist ihr im Krieg umgekommen, der war der beste Trompeter, und eine Kanonenkugel hat ihm die Trompet vom Mund weg und den Kopf dazu abgeschossen. Sie hat auch zwei Söhne drüben (in Amerika), sie lassen aber nichts von sich hören und sehen. Eine Tochter von ihr ist an den Forstwart in Ahldorf verheiratet, und eine hat sie noch daheim, die sieht grad aus, wie wenn sie dem Jörgli aus dem Gesicht geschnitten wär', und sie geht auch so soldatenmäßig und ist die beste Kirchensängerin. Die wär' für übers Wasser.«

Ein jeglicher schien seinen Beitrag zur Schilderung geben zu wollen, und dabei ließen sie sich tapfer auftragen, Wein und Bier, je nach Lust.

Die Adlerwirtin stellte sich hinter den Stuhl von Jung Aloys und fragte leise:

»Soll ich alles, was da verzehrt wird, auf deine Rechnung schreiben?«

»Nein,« entgegnete Jung Aloys ebenso leise, »es zehrt jeder für sich.«

Die Adlerwirtin hatte nicht Zeit, eine Meinung über diese Bestimmung zu fassen oder gar kundzugeben, denn eben trat der Schuster Hirtz ein; Jung Aloys ging ihm entgegen, hieß ihn an seine Seite sitzen und rief der Wirtin, eine Flasche vom besten zu bringen. Hirtz aber lehnte entschieden ab, er trinke seinen Schoppen für sich und lasse sich von niemand freihalten. Die Anwesenden verzogen das Gesicht, da Aloys schnell hinzufügte: »Ist gut. Ich erlaube mir also nicht jemand freizuhalten.« Nun war's bekannt, jeder mußte seinen Abendtrunk selbst bezahlen.

Der Vater hatte Jung Aloys freilich gesagt, er möge einen Freitrunk geben und Jung Aloys war, wie wir schon noch erfahren werden, ein folgsames Kind, wie es deren in Deutschland und in Amerika wenige gibt. Dennoch wußte er, daß der Vater da nur eine Anweisung gegeben, es aber sicherlich nicht mißbillige, wenn der Sohn seinem eigenen Sinne folgte, und der stand nun darauf, die Leute sollten nicht des Trinkens wegen, sondern weil er der Sohn des Aloys war, ihm die Ehre geben, und schließlich verdroß es ihn doch, daß man es noch wagte, den Vater Tolpatsch zu nennen.

Jung Aloys war sonst nicht ruhmredig, aber als jetzt auch der Schultheiß und die drei Lehrer kamen, erzählte er, daß der Vater Friedensrichter und im Kriege zum Hauptmann erwählt worden sei; Ludwig Waldfried, der drüben im Murgthal wohnt, sei sein Oberst gewesen.

Die Stimmung schien sich daraufhin doch etwas in höhere Tonart zu finden, man hörte hin und her, wie stolz man auf den guten alten Genossen war.

»Ist er auch noch lustig?« wurde gefragt, und Jung Aloys erzählte, wie viel sie daheim singen und der Vater fast so lustig sei wie der Großvater, der Mathes vom Berg, der alle Lieder wisse.

Jung Aloys bat nun, daß man auch hier singe, aber es hieß, daß es nicht mehr der Brauch sei, wie in alten Zeiten; es sei aber jetzt ein Gesangverein da, und der Oberlehrer versprach, denselben am Sonntag für den Ehrengast zusammenzuberufen.

»Ich meine,« sagte ein junger Mann – es war der jüdische Lehrer – »ich meine, es wird im Dorfe weniger gesungen, seitdem der lahme Klaus, der Stricker, die Ziehharmonika spielt.«

Kaum hatte er das gesagt, als der Stricker Klaus auf Krücken hereinkam und mit großer Kunstfertigkeit schöne Weisen erklingen ließ. Bald indes sprach man hin und her und wie um die Musik zu übertönen, wurde das Gespräch immer lauter und lebhafter.

»Mir kommt's so vor, als ob wenig junge Bursche im Dorf seien,« sagte Jung Aloys.

»Er hat recht. Er hat's schnell heraus. Das ist vor Zeiten anders gewesen,« wurde ihm erwidert, und der Schultheiß sagte:

»Da ist der Preuß' schuld.«

»Wie so der Preuß'?«

»Es muß jetzt eben alles Soldat werden, da gibt's wenig heimgezogene junge Bursche mehr.«

Aloys fragte den Stricker Klaus, ihm heimlich Geld zusteckend, ob er die Weise vom schwarzbraunen Mädichen spielen könne. Er konnte es, und nun sang alles, und Jung Aloys am eifrigsten, er wußte sämtliche Strophen, die fast niemand mehr kannte.

»Das hab' ich noch vom Großvater, vom Mathes vom Berg gelernt,« rief er fröhlich. Der Abend schien schön und heiter zu verlaufen, da hieß es plötzlich:

»Der Ohlreit kommt.«

»Heißt der Mann denn Ohlreit?« fragte Aloys.

»Er welscht immer so,« wurde erwidert, und schon von draußen hörte man ihn rufen: All right.

Verschlafen blinzelnd kam Ohlreit an den Tisch und wollte englisch reden. Aloys antworte ihm deutsch. Indes erlustigte sich alles mit dem Verkommenen, und Aloys sah, daß die Leute mehr Freude an einem Gehänselten haben, als an einem Geachteten, und Männer, die den ganzen Abend den Mund nicht aufmachten als zum Trinken, waren jetzt plötzlich überaus redselig.

Aloys ging mit dem Schuster Hirtz, der seinen Schoppen ausgetrunken hatte und keinen Tropfen weiter genoß, auf die Straße. Da stand ein Trupp Mädchen, sie flogen auseinander bei seiner Annäherung, nur eins blieb stehen.

»So ist's recht,« sagte der Schuster, »laß du die Gänse springen.«

»Guten Abend,« sagte das Mädchen, zu Aloys gewendet, und dieser erwiderte:

»Danke. Wer bist du?«

»Des Maranneles Tochter. Die Mutter läßt grüßen und läßt sagen, Er soll doch auch zu ihr kommen; sie ist leider Gottes bettlägerig.«

Jemand in der Nähe zündete mit einem Zündhölzchen seine Pfeife an, es leuchtete kurz, und Aloys sah zwei große, helle Augen, dann war wieder alles dunkel, und »Gut Nacht,« schloß das Mädchen und huschte wie ein Wiesel davon, bevor Aloys ein Wort erwidern konnte.

Der Schuster ging mit Aloys noch nach dem Hause des Mathes vom Berg, wo die Muhme wohnte, aber hier war alles dunkel und still, die Muhme schlief bereits.

Aloys begleitete den schweigsamen Mann noch bis zu seinem Hause, er war auch schweigsam, denn es bewegte sich gar viel in seiner Seele. Der Mond schien hell, da und dort bellte ein Hund und krähte mit dünner Stimme ein junger Hahn, der sich wohl noch nicht recht in die Zeit fand. Hirtz sagte:

»Also, da bin ich daheim, und da findest du mich immer. Das Haus hat vormals dem blinden Konradle gehört, dein Vater hat dir gewiß auch von ihm erzählt, er hat dich, wie's scheint, von allem unterrichtet.«

»Ja, und mir gesagt, Ihr sollet mir in allem raten, und die Mutter hat noch gesagt, der Hirtz, der kennt die Menschen, der hat den Leisten von jedem im Dorf.«

»Ja, dein' Mutter, die ist immer ein aufgeweckt Mädle gewesen. Ich kann mich just nicht berühmen, ein großer Menschenkenner zu sein, aber so viel weiß ich: vom König bis zum Kesselflicker, in Amerika und bei uns sind alle Menschen gleich, sie stecken alle barfuß in den Strümpfen.«

Aloys lachte, dann fragte er:

»Was ist der Adlerwirt für ein Mann?«

»Er ist kein unebener Mann und der richtige Sohn des Studentle; von dem Gebot: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, hält er's besonders mit dem zweiten Teil.«

»Lebt der alte Buchmaier noch?«

»Ja, aber er ist am Auslöschen. Er ist über achtzig.«

»Mein Vater hat mir einen besonderen Gruß an den Buchmaier aufgetragen, auf diesen ist er besonders stolz.«

»Ist auch ein Ehrenmann, aber von Amerika will er nichts wissen, das ist so seine Eigenheit; von seiner Sippschaft hat niemand nach Amerika auswandern dürfen. Aber jetzt gute Nacht. Morgen ist auch noch ein Tag. Laß dir was Gutes träumen in der ersten Nacht bei uns.«

Aloys ließ sich wachend noch was träumen. Er ging durch die Hohlgasse und zwischen den Gartenhecken hinaus vor das Dorf.

Der Weizen blühte, und ein nährsamer Duft schwebte über den Feldgebreiten.

Der Nachtzug von der Eisenbahn leuchtete und dröhnte im Thal, und jetzt schwanden die Lichter und verklang das Dröhnen drüben im Hochdorfer Tunnel. Stille war's ringsum, nur von der Steingrub herüber tönte das halb verschlafene Quaken eines Frosches, aber auch die Wachtel schlug noch jetzt in der Nacht und der Wachtelkönig antwortete drauf.

Die Kette der rauhen Alb lag hell im Mondenschein und eine Burg war deutlich sichtbar.

»Das muß der Hohenzollern sein. So sieht also eine Stammburg aus,« dachte Aloys vor sich hin.

Es klingt und schwingt etwas in stiller Mondnacht über die Heimatberge, dessen sich auch der junge Amerikaner nicht erwehren konnte. Horch! Die Glocke im Dorfe schlägt an und jetzt die drüben in Ahldorf und noch eine andere, wohl von Mühlen oder Hochdorf, und jetzt deutlich von den verschiedenen Türmen in Horb. Am Tage hören die Dörfer einander nicht, aber in der Nacht sprechen sie miteinander mit eherner Stimme. Hier sind deine Vorfahren gewandert und auch deine Eltern, die jetzt drüben in weiter Ferne sind, dort ist Tag, sie sind bei der Arbeit und denken dein.

Wunderlich! Das Marannele hat also noch eine Tochter. Hat das der Vater gewußt? Gewiß! Sonst hätte er ja nicht ausdrücklich gesagt: »Schau, am besten ist's, du holst dir eine Frau von daheim und du kannst mir als Schwiegertochter heimbringen, wer dir gefällt, arm oder reich, Jud' oder Christ, wenn's nur schaffig und gesund ist, ist mir alles recht und der Mutter auch. Erkundige dich nach der Familie beim Schuster Hirtz und auch beim Ivo. Am liebsten wär' mir freilich, du bekämest eine Tochter vom Ivo und der Emmerenz, die wohnen da droben bei Freiburg und die haben gewiß gute und schöne Kinder, er ist auch ein Bruder, du weißt, was das sagen will. Wir können hier niemand brauchen, das nicht über den Katechismus hinaus denkt. Der Ivo hat sollen Geistlicher werden, und sie ist eine rechtschaffene Magd gewesen, das ist gewiß ein gutes Geschlecht und bei guten Gedanken aufgewachsen, hell im Kopf. Aber bring du, wen du magst. Nur bring mir nicht eine Tochter vom Marannele und dem Jörgli. Weiter sag' ich dir nichts, das andere kannst du dir denken.«

Ja wohl kann ich mir's denken, und es ist gut, daß ich's weiß, sagte Jung Aloys zu sich, als er endlich wieder ins Dorf zurückkehrte. Er nahm sich vor, sobald die Erbschaftssache bereinigt sei, zu Ivo zu reisen, und es macht sich ja ganz geschickt, daß er hier bei dessen Tochter wohnt, vielleicht reist die Adlerwirtin mit, oder doch ihr Mann.

Als Aloys gegen das Wirtshaus kam, sah er von ferne, wie dem Ohlreit herausgeleuchtet wurde.

»Spiel auf!« rief der Ohlreit, und der krumme Klaus ging mit der Ziehharmonika voran und spielte Yankee Doodle nach der Hintergasse zu, wo Ohlreit wohnte, aber Klaus verknüpfte schnell auch die amerikanische Melodie mit der vom schwarzbraunen Mädichen.

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