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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band - Kapitel 47
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Zweites Kapitel.

»Es kommt ein Amerikaner! Es kommt ein Amerikaner!« riefen durch die Dorfgassen die Knaben, die aus der Realschule des Städtchens heimkehrten.

Ein Amerikaner war just nichts Neues mehr, aber jedes fragte doch, wer es sei; denn es ist kaum jemand im Dorfe, der nicht Verwandte in der Neuen Welt hat. Die Knaben wußten indes nicht weiter Auskunft zu geben, nicht einmal, ob der Fremde ein Christ oder ein Jude sei. Und der Fremde kam lange nicht ins innere Dorf, denn er hielt schon am dritten Hause an, dort bei der unteren Stube neben des Maurers Mendles Haus. Er klopfte, niemand antwortete. Aus des Landolins Haus gegenüber steckte ein Alter seinen schneeweißen Kopf heraus und rief:

»Zu wem wollt Ihr?«

»Ich hab' nur fragen wollen, wer da wohnt. Ich will zu niemand.«

»Der wohnt just da! Da wohnt der Niemand,« rief der Alte und lachte so übermäßig, daß ihm fast der Mund offen blieb.

»Hat da nicht des Bartels Basches Witfrau, die Mutter von Aloys Schorer, gewohnt?«

»Freilich! Aber das ist schon lang her. Aber wartet! Ich komm' hinab.«

Der Alte kam auf die Straße und fragte:

»Woher seid Ihr?«

»Von Nordstetten, aber nicht von hier.«

»Wenn Ihr einen zum Narren haben wollet, so schaffet Euch einen Euresgleichen an – ich mein' so jung.«

»Ich will Euch nicht zum Narren haben. Ich bin aus Nordstetten in Amerika und bin der Sohn von des Bartels Basches Aloys.«

»Was? Der Sohn vom Tolpatsch? Potzheideblitz! Was man nicht alles erlebt? Ist der Vater auch mit?«

»Nein, er ist daheim geblieben.«

»So sag' ich grüß Gott. Ja, ja, das Amerika kommt zu uns. Früher hat man gemeint, es geht nur ein Weg von hier nach Amerika, jetzt geht aber auch einer von Amerika hierher. Ihr seid wohl wegen der Erbschaft von Eures Großvaters Schwester in Seebronn gekommen?«

»Ihr saget's.«

»Wer hätt' das geglaubt, daß da einmal was zu erben wär'! Im dritten Geschlecht bin ich auch verwandt mit Eurer Mutter, oder auch im vierten, nämlich –« Und nun wurde ein Stammbaum aufgestellt, dem in seinen Verzweigungen schwer nachzuklettern war. Der Alte vermochte das selber nicht und schloß: »Wir sind halt verwandt. Kannst's glauben. Ich brauch' aber, gottlob! nichts davon.«

Jung Aloys ging fürbaß; aber Umstehende mußten schon verkündet haben, wer er sei, denn aus den Häusern grüßte man, und hinter sich drein hörte er sagen:

»Das ist der Sohn des Tolpatsch.«

An des Zundelmanns Haus kam ihm eine alte Frau entgegen und rief schon von ferne laut weinend:

»O meiner Mechthild ihr Sohn!«

Als sie vor ihm stand, konnte sie vor Weinen und Schluchzen nicht reden. Der Ankömmling reichte die Hand und sprach beruhigende gute Worte.

»Ich meine, ich höre deinen Vater,« rief die Muhme, »just so herzgetreu hat er auch gesprochen. Nimm mir's nicht übel, wie ich ausseh'; hätt' ich's gewußt, daß du kommst, ich hätt' mich gesonntagt und wär' dir entgegen gegangen. Gott sei tausendmal gedankt und gelobt, daß ich noch ein Lebendiges von meines Bruder Geschlecht sehe! – Nicht wahr, ich darf du zu dir sagen?«

»Natürlich.«

»Du bist der jüngste?«

»Ja.«

»Und noch ledig?«

Jung Aloys konnte nicht darauf antworten, denn an des Schloßbauern Haus kam ein hagerer Mann, der eine Brille trug, in aufgestreiften Hemdärmeln und großer Schürze mit Brustlatz auf ihn zu und sagte:

»Bin ein alter Kamerad vom Vater, bin mit ihm Soldat gewesen.«

»Ihr seid der Schuhmacher Hirtz?«

»Ja.«

»An Euch hat mir der Vater besondere Grüße gegeben und hat mir gesagt, ich soll mir bei Euch in allen Dingen guten Rat holen.«

»Ja, Schusterdraht und guten Rat kann man bei mir haben. Jetzt, da wohn' ich und bin immer daheim.«

»Ich komme bald zu Euch.«

»Ist recht,« sagte der Mann und ging eilig wieder in sein Haus zurück an seine Arbeit.

»Das ist das Schloß,« sagte Jung Aloys, auf das Gebäude deutend; er wurde belehrt, daß die Gemeinde das Schloß angekauft und Rathaus und Schule daraus gemacht.

Der Schultheiß schaute zum Fenster heraus und nickte. Jung Aloys ging sofort hinauf und legte seine Legitimation und Vollmacht vor. Er erhielt den Bescheid, daß es dessen kaum bedurft hätte, denn man glaube sich um dreißig Jahre zurückversetzt, so ähnlich sehe er seinem Vater, nur habe er den höheren Wuchs des Geschlechts derer vom Mathes vom Berg.

»Du wärst ganz dein Vater,« sagte der Schultheiß, Jung Aloys am Kinn fassend, »wenn du nicht den Bocksbart da hättest.«

»Und du bist ganz gut rasiert,« entgegnete Jung Aloys, dem Schultheiß sein glattes Kinn streichelnd.

Der Schultheiß fuhr zurück. Das ist keck, daß der junge Mensch so schnell gefaßt ihm tatsächlich entgegnet; aber es ließ sich nichts dawider sagen und thun.

Vor sich hinlächelnd ging Jung Aloys die Treppe herab. Wie wird der Vater sich freuen, wenn er ihm erzählt, daß er die hochmütige Zutraulichkeit gleich bar heimbezahlt hat. Sie mögen alle Tolpatsch sagen, sie sollen's merken, daß ein Amerikaner sich von niemand oben herab behandeln läßt.

Auf der Straße wartete die Muhme, und viele hatten sich zu ihr gesellt. Einer der Schulknaben, denen er auf der Steige begegnet war, hatte einen Verwandten von des langen Herzles Kobbel gebracht. Jung Aloys konnte berichten, daß derselbe im Wohlstand sei und auch im neuen Nordstetten in Amerika wohne; er hatte ihm sogar Geld für arme Verwandte mitgegeben. Noch viele andere kamen und fragten nach ihren Angehörigen, die in ganz anderen Staaten wohnten. Jung Aloys wußte nicht Bescheid zu geben, aber alle geleiteten ihn weiter das Dorf hinein.

»Wir haben ihn! Wir haben ihn!« wurde an das Schmidjörglis Haus gerufen.

Aloys fragte, was das sei, und hörte, daß man einen zugeflogenen Bienenschwarm eingefangen habe.

»Das ist ein gutes Zeichen,« bedeutete die Muhme, »o, das beste. Denk' nur, ein Bienenschwarm bei deinem Angang eingefangen. Gott Lob und Dank, Besseres hätt' man sich nicht wünschen können.«

Aloys ließ sich diese Rede still gefallen. In der Alten Welt ist eben noch viel Aberglauben.

»Wo willst du denn absteigen?« fragte die Muhme.

»Bei dir.«

»Ja, bei mir ist's armselig. So ein Herr, wie du, muß in der tapezierten Stube im Adler wohnen.«

Die Muhme hatte vielleicht erwartet, daß Jung Aloys Einsprache thue, aber er sagte ganz einfach: »Ist recht.«

Die Muhme fügte hinzu:

»Und die junge Adlerwirtin ist auch von deines Vaters Seite verwandt mit dir, sie ist die Bruderstochter von deines Ohms Frau. Verstehst du?«

»Nein.« Alles lachte.

Erst mit Hilfe anderer wurde Aloys endlich klar, daß die Adlerwirtin die Tochter Ivos sei, und seines Vaters Bruder hatte ja eine Schwester Ivos zur Frau.

Ja, das ist einmal so, wer sich nicht im Vetterles- und Bäsleswald zurechtfinden kann, der taugt nicht in unsere oberdeutsche Heimat.

Ein junger Mann in verwahrloster Kleidung, den etwas zerdrückten Cylinderhut schief auf dem Kopfe, kam unsicheren Schrittet vom oberen Dorfe herab.

»Da kommt der Ohlreit!« hieß es, und durcheinander wurde gerufen: »Ohlreit, jetzt kannst englisch schwätzen! Ohlreit, sprich englisch, da ist auch ein Amerikaner!«

Der junge Mann kam auf Aloys zu und redete ihn mit heiserer Stimme in der That englisch an, Aloys erwiderte ablehnend in derselben Sprache und ging weiter. Der Angetrunkene schaute ihm, gläsernen Blickes vor sich hin murmelnd, nach.

Jung Aloys wurde berichtet, daß dies des Schreiner Philipps Trudpert sei, der vor bald einem Jahre mit viel Geld heimgekommen war, aber nichts zu thun wisse, als zu prozessieren und sich täglich zu betrinken und ständig auf alle Welt zu schimpfen.

Der Landbriefbote stellte sich Jung Aloys als Sohn des Soges vor und erhielt den Gepäckschein, um den Koffer von der Bahn hierher zu bringen.

Beim Adler staunte alles, da Jung Aloys fragte, wo denn die Linde sei, bei der vor Zeiten immer große Holzbeugen aufgeschichtet waren. Nur ältere Leute wußten sich dessen noch zu erinnern. Der alte Tolpatsch hatte seinen Sohn offenbar gut unterrichtet.

Vor allem aber hatte er ihm gesagt: Die Erbschaftsgeschichte ist ein guter Vorwand. Hol dir eine Frau aus unserer Heimat. Am liebsten wär's uns, du brächtest eine Tochter vom Ivo und der Emmerenz.

Die Adlerwirtin war eine anmutende Erscheinung und Aloys hätte gern gefragt: Hast du noch eine ledige Schwester, die dir gleicht?

Aber Jung Aloys war bedachtsam genug, nicht sofort seine Absichten kundzugeben.

»Wo ist der Adlerwirt?« fragte er.

»Er muß bald heimkommen, er ist auf dem Sulzer Markt. Wir brauchen eine frischmelkige Kuh.«

In guter Manier, zu der die Adlerwirtin beifällig nickte, bat Jung Aloys die Muhme, ihn jetzt eine Weile allein zu lassen. Die Muhme sah verwundert drein, daß sie so ohne weiteres heimgeschickt wird, sie blieb indes dabei, sie wolle in der Wirtsstube warten, bis Aloys wieder herunter käme; aber sie mußte doch heimgehen, bevor er wiederkam, denn bei aller Herzlichkeit für das ganze Dorf und vorab für die Muhme, wollte er seine Ruhe und stilles Besinnen nicht dran geben.

Wie wunderlich ist es doch in der Welt, so in ein Dorf zu kommen, wo in jedem vom ersten bis zum letzten Haus bei Nennung deines Namens sich Erinnerungen erwecken und jedes an deinem Leben teilhat. Wie viel hat der Vater aufgegeben, sich von allem dem loszureißen und allein oder doch nur mit wenigen Altvertrauten das Leben neu anzufangen. Der Stamm muß gesund sein, der, aus der Gemeinschaft des Waldes versetzt, zu neuem Gedeihen kommt.

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