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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band - Kapitel 46
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Nach dreißig Jahren.

II. Der Tolpatsch aus Amerika.

Erstes Kapitel.

Station Horb! rief der Schaffner.

Ein schwarzgekleideter junger Mann von derber, stämmiger Gestalt stieg aus, er stieß den breiten Hut zurück, so daß er ihm im Nacken saß; das trotzig dreinschauende Gesicht mit der mächtigen Stirn und den starken Backenknochen war frisch rasiert und hatte nur einen herzförmigen, kurz gehaltenen Kinnbart. Um den Hals, der kräftig und sonnverbrannt war, hatte er mit einem Knoten, darauf ein Diamant glitzerte, ein ziegelrotes Halstuch geschlungen. Jetzt that er den Hut ab, der fast so breit war, wie ein mäßiges Wagenrad, und wie er den Kopf zurückwarf und sich mit gespreizten Beinen hinstellte, schien es, als früge er in die Welt hinein, ob jemand mit ihm anbinden wolle. Seine derbe Hand, an der er einen großen Ring trug, spielte mit dem Behäng einer schweren goldenen Uhrkette, das aus Winkelmaß, Hammer und Kelle von Gold bestand. Die blauen Augen, deren gutmütiger Ausdruck mit der rauflustigen Erscheinung im Widerspruch war, wendete er hin und her.

Ein wohlverschnürter Koffer wurde ausgeladen, der Schaffner fragte:

»Gehört das Ihnen?«

» Well!« antwortete der Fremde; »werde ihn holen lassen.«

Ohne ein weiteres Wort wendete er sich und ging nach der Stadt zu.

Auf der Neckarbrücke hielt er an, schaute hinab in den Strom, darin just weiße Enten schwammen, und ein seltsames Lächeln ging über sein breites Gesicht, da er vor sich hin sagte: »Vater! hab' mir's größer gedacht. Da drunten also liegt dein Glückskreuzer. Man könnt' ihn sehen, wenn er noch da wäre. Ich meine, die Wasser seien hier viel klarer als bei uns.«

Nun wissen wir's also, es ist der Sohn des Aloys, genannt Tolpatsch. Der Vater war damals, von seinem Soldatendienste befreit, wegen seiner Liebe zu dem falschen Marannele, das den Jörgli geheiratet hatte, nach Amerika ausgewandert.

Die Singweise des Liedes vom »schwarzbraunen Mädichen« vor sich hinpfeifend, kehrte der junge Mann um, überschritt die Schienen der Eisenbahn und ging den Berg hinan.

»Grüß Gott! Wollet Ihr nicht einkehren?« rief die Wirtin, die auf der Vortreppe der Bahnhofrestauration stand. Der junge Mann wehrte stumm mit der Hand winkend ab und schritt weiter.

»Das also ist die Ziegelhütte und das die Schlucht, wo damals die argen Raufhändel waren,« dachte er vor sich hin im Weiterschreiten, und als er die vielen in die Berghalde eingegrabenen Bierkeller sah, sagte er mit dem schweren Kopf nickend: »Für den Durst ist hier jedenfalls wohl vorgesorgt.«

Der Tag war heiß, am Walde hielt der Wanderer an und schaute auf die Stadt, die so wunderlich am Berg hinangebaut ist, er schaute aber auch auf einen Rasenhügel am Wegrain.

»Da also hat das Marannele damals gesessen, als der Vater von der Soldatenlotterie heimgekommen ist.«

Knaben mit Schulränzchen kamen den Berg herauf, sie stutzten und ein kecker, sommersprossiger Bursch sagte, die Mütze abziehend:

»Guten Tag, Herr Amerikaner.«

»Woran erkennst du mich?«

»Am Radhut.«

»Wie heißest du?«

»Julius.«

»Wer ist dein Vater?«

»Er ist gestorben.«

»Wie hat er geheißen?«

»Des Kobbels Frum« (Abraham).

»Verwandt mit des langen Herzles Kobbel?«

»Von dem weiß ich nichts.«

Die Knaben gingen eine Strecke neben ihm weiter, und der Sommersprossige fragte:

»Ihr seid wohl Zimmermann oder Maurer?«

»Warum?«

»Weil Ihr das Handwerkszeug von Gold an Eurer Uhrkette habt.«

Jung Aloys gab weiter keine Antwort.

Am Gemarkungspfahl, wo angeschrieben ist: Dorf Nordstetten – blieb er stehen und ließ die Knaben voraus ziehen.

Ja! Da ist auch eine Station.

Wie traurig ist der Vater damals gewesen, als er diesen Grenzpfahl zum letztenmal sah! Dafür hat er aber auch in Amerika ein Dorf gleichen Namens gegründet

Von der Tanne, die unweit des Gemarkungspfahles steht, brach der Ankömmling einen Zweig mit frischem Jahresschosse ab.

Horch! Welch ein Singen in der Luft! Nicht aus Baum, nicht aus Hecke, frei vom Himmel herab klingt es, und sieh, dort schwingt es sich, ein kleiner zitternder Punkt.

Das ist die Lerche!

Jung Aloys hörte zum erstenmal im Leben die Lerche.

Er stand lange still, bis er weiterschritt.

Auf der Hochebene hielt er an, und wie damals sein Vater von der Bildechinger Höhe aus das Dorf militärisch begrüßt hatte, so stand der Sohn nun still und betrachtete sich das Dorf, dessen Häuser so hell und freundlich aus den Baumgärten schimmerten.

Im Acker am Wege sang eine Frauenstimme nur leise. Wie wär's, wenn ich auf das erste Mädchen zuträte und ihm sagte: »Willst du mich heiraten? Ich bin gesund und kann eine Frau ernähren.«

Er setzte den Fuß über den Weggraben und wollte nach dem erhöhten Felde gehen, aber er zog den Fuß wieder zurück, nicht aus Furcht vor dem großen Hunde, der am Rande des hohen Feldrains erschien und bellte, sondern er wartete auf die Erscheinung der Frau, die laut rief: »Ruhig, kusch! hier her, Tolpatsch!«

Hat er wirklich den Ruf Tolpatsch gehört, oder liegt ihm das nur im Sinn?

Denn vor der Abreise hat ihm der Großvater, Mathes vom Berg, heimlich vertraut, Vater Aloys habe im Dorf den Unnamen Tolpatsch gehabt; er sei freilich nicht schön, aber auch nicht so schlimm gemeint.

Es kam niemand, und Jung Aloys ging weiter. Da drüben ist das Schießmauernfeld, wo der Vater einen Acker gehabt hat und da auf der Hochbux liegen Bauhölzer, wie zu Vaters Zeiten. Damals arbeitete der Vater Ivos hier.

Verwundert las Jung Aloys am Eingang des Dorfes auf dem Pfahle den Namen, die Amtsstadt, den Kreis und den Landwehrbezirk. Dies ganze Deutschland ist doch in den Soldatendienst gestellt.

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