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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band - Kapitel 44
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Zweiundvierzigstes Kapitel. Ich danke dir, Lorle.

Alle Dorfbewohner sammelten sich vor dem Hause. Ein großer Kreis umstand den Nachbar Schmied, der den Sturz mit angesehen hatte. Man betrachtete die Stelle, wo Reinhard gestürzt war, wo das Bild gelegen hatte; man stritt darüber, ob er auf den Kopf oder auf den Rücken gefallen sei. Die Männer lärmten, die Frauen klagten. Der Ohm Bahnwärter kam herab und sagte, Reinhard lebe noch, er habe die Augen aufgeschlagen, aber die Sprache versage ihm noch. Er ging rasch davon, um nach dem Geheiße Malvas ein Telegramm an den Kollaborator aufzugeben, damit er sofort komme. Jeder erbot sich zu helfen, und nach verschiedenen Seiten wanderten Eilboten, um einen Arzt herbeizurufen. Bärbel-Martin, der Dorfschütz, wendete seine ganze Amtsgewalt auf, um die Leute zum Auseinandergehen zu bewegen, denn der Kranke müsse Ruhe haben. Auf den Baumwirt schimpfend und den Fabian verwünschend, gingen sie endlich davon.

Beim Spritzenhaus sammelte man sich wieder und dort hieß es, daß Stephan vor das Schwurgericht müsse, aber er werde alles auf den Trottl schieben. Während man noch darüber sprach, ob Malva etwas erben werde, kam ein Knecht aus der Hohlmühle herzu und berichtete, daß Stephan durch seine Mitteilung seinem Schwäher einen Schlaganfall zugezogen habe. Nun brannte das Feuer wieder neu. Die einen sagten, man dürfe Stephan nicht mehr ins Haus lassen, andre dagegen wollten gerade heute ihn aufsuchen, um zu sehen, wie er sich verhalte.

Während man noch sprach, hörte man Musik, die aus der Eisenbahn thalauf kam. Alles eilte nach dem Bahnhof, heute war Gauversammlung der Feuerwehren in der Kreisstadt. Der Zug hielt an, die Musik spielte weiter, aber Martin ging an den Wagen auf und ab und schrie mit mächtiger Stimme: »Wenn ein Doktor auf dem Zug ist, soll er aussteigen. Ein Mann ist in Todesgefahr. Und es wird gut bezahl,« setzte er auf Geheiß des Stationsmeisters hinzu.

Die fremden Reisenden starrten den Rufer an und die Feuerwehrleute fragten teilnehmend nach dem Vorfall, aber es war kein Arzt da. Dagegen stieg Ulrich, der Sänger, aus, er konnte kaum zu Wort kommen, denn der Jagdhund, den er beim Vater gelassen, sprang an ihm empor. Als der Sänger gehört hatte, was geschehen war, legte er Jagdtasche und Flinte ab und eilte ins Dorf.

Der Zug rollte davon und lustige Musik erscholl wiederum.

Der Sänger bewährte seine Kriegserfahrungen; er schnitt Reinhard sofort die Haare ab, legte ihm kaltes Wasser auf den Kopf und schickte nach der Kreisstadt, Eis zu holen.

»Sei ruhig, Malva,« tröstete er, »noch kann alles gut werden, die Pulslosigkeit hat aufgehört, der Puls geht wieder, freilich schwach. Aber nur kein Weibergeschrei! Nimm dich zusammen.«

»Kannst dich drauf verlassen. Ich danke dir,« entgegnete Malva. »Kann ich denn gar nichts thun?«

»Nein. Nur Ruhe halten. Das Wasser ist nicht kalt genug. Hol von dem aus dem Garten.«

Malva ging, holte Wasser aus dem Brunnen, den Lorle hatte graben lassen.

Als sie wiederkam, war der Arzt aus der Kreisstadt da. Er gab ausweichenden Bescheid.

Wendelin fragte, ob man nicht dem Kranken zur Ader lassen solle, aber der Arzt erklärte, daß man dies frühestens den andern Tag thun dürfe.

Stunden gingen vorüber, der Kranke erwachte, verfiel aber bald wieder in Ohnmacht.

Heute zum erstenmal hielt der Eilzug am Dorfe. Der Kollaborator kam und mit ihm der Arzt, der zur Gesellschaft der Erforschungsreise gehörte; sie brachten Eis mit und als man es auflegte, schien der Kranke beruhigter, er öffnete die Augen und nickte, er schien den Freund und Malva zu erkennen.

Malva saß am Bette Reinhards, sie weinte nicht, aber ihr Antlitz war totenbleich, sie hielt die Hand Reinhards und unter dem hellen Verlobungsring klopften Pulse, als hämmerten sie gegen den Ring.

»Also ihr seid verlobt?« fragte der Kollaborator leise.

Malva nickte und nach einer Weile sagte sie: »Da, just auf dieser Stelle habe ich die Selige gepflegt. Herr Reihenmeyer,« fuhr sie stockend fort, »ich hab' eine Bitte.« Sie wartete, daß er frage, welche Bitte sie habe; als er aber stumm und regungslos blieb, fuhr sie fort: »Wir zwei sind die einzigen Menschen, die er auf der Welt hat. Herr Reihenmeyer, wenn ich Euch was Leids angethan hab', oder wenn Ihr sonst was gegen mich gehabt, ich bitte mit aufgehobenen Händen, laßt es aus und vorbei sein. Seine zwei einzigen Menschen sollen nicht da in Unfriede an seinem Krankenbett, vielleicht Totenbett, sein. Ich bitt', und ich glaub' er wird eher gesund, wenn wir gut sind.«

Mit wechselndem Ausdruck in den Mienen betrachtete der Kollaborator die so leise und sanft Redende.

»Ich habe dir nichts zu verzeihen,« sagte er endlich, »oder wir haben alle einander zu verzeihen.«

»Seht, wie er im Schlaf lacht,« hauchte Malva leise, »ich glaub', er spürt die Worte aus Eurem guten Herzen. Und wenn er wieder gesund wird, da sollet Ihr sehen, was ich –«

»Jetzt genug, still!«

Reinhard murmelte zuerst Unverständliches, dann sprach er italienisch, kurze Worte »Bacchantin und Holbein« verstand man ganz deutlich. »Adalbert! Das Meer! Der Wellentod!« rief er, bäumte sich empor und sank wieder zurück und schlief, bis der Tag erwachte.

Da hörte man Sensendengeln in der Nähe. Hellauf lachend rief Reinhard: »Der Tod dengelt die Sense. Hast recht, Bruder.«

Reihenmeyer schickte den Ohm Bahnwärter zu dem Nachbar mit der Bitte, daß das Sensendengeln eingestellt würde. Bald war alles still rings umher.

Die Sonne stieg höher, Reinhard erwachte zum Bewußtsein und fragte: »Wo bin ich?« Er war glücklich, Reihenmeyer zu sehen, aber er streckte nicht ihm, sondern Malva die Hand entgegen, dann erst erzählte er dem Freunde, wie es ihm geworden, da er das Bild wiedersah, er schien zu glauben, daß er davon in Ohnmacht gesunken sei. Erst allmählich besann er sich auf die Rauferei mit dem Schwager. »Damals,« sagte er, »als ich zum erstenmal an seinem Tisch saß und hörte, wie er die Knochen des Brathuhns zermalmte und wie er sprach, damals fühlte ich's, es ist nicht gut, mit diesem Menschen Feind sein.«

Er fragte, wo das Bild sei und ob es unverletzt. Auf die beruhigende Antwort bat er, daß man ihm das Bild vor das Bett stelle. Der Arzt gestattete es. Reinhard starrte lange auf das Bild, ein wehmütiges Lächeln zog über sein Antlitz.

»Wer kommt? Wer ist da?« rief er wie erwachend, da Schritte vernommen wurden. Man sagte ihm, daß der Amtsrichter da sei, um den Thatbestand festzustellen. Reinhard hieß ihn eintreten und erzählte, daß nicht der Schwager, sondern der unzurechnungsfähige Fabian und das morsche Geländer an seinem Sturze schuld seien.

Der Freund und die Braut waren wieder getrosten Mutes, der Arzt aber blieb noch bedenklich; er wollte in dem vollen Puls, in der Röte des Gesichts keine Hoffnung erkennen. Am Morgen wagte der Arzt einen Aderlaß und Reinhard verfiel in ruhigen Schlaf. Da ertönten alle Glocken. Der Hohlmüller wurde begraben. Reinhard richtete sich krampfhaft empor und starrte auf das Bild. Malva eilte herzu, faßte ihn in die Kissen und reichte ihm eine Kühlung. »Ich danke dir, Lorle,« rief er zu dem Bilde, und mit einem tiefen Seufzer, der aber nicht schmerzlich klang, sondern wie im Ausruhen nach langer Ermüdung, streckte er sich und hauchte seinen letzten Atem aus.

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