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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band - Kapitel 43
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Einundvierzigstes Kapitel. Ueberstürzt.

Als Reinhard mit seiner Braut und deren Vater, geleitet vom Ohm Bahnwärter und seiner Frau und vielen andern Anverwandten aus der weitverzweigten Familie in sein Haus kam, war ein Extrabote mit einer Kiste da. Der Geleitbrief trug das Siegel des Hofmarschallamtes. Reinhard las und erblaßte. Die Direktion der Galerie schickte im besonderen Auftrage des Fürsten ihm das in seine Verfügung gestellte Bild der Madonna.

Reinhard ließ das Bild in die große Stube mit dem Söller bringen und bat die Angehörigen, ihn allein zu lassen und in den andern Zimmern auf ihn zu warten.

Die Frauen, die bei Malva waren, bewunderten die schönen Kleider, die Reinhard bestellt hatte und das Tänzerle ließ nicht ab, Malva mußte ein seidenes anprobieren. Tänzerle half dabei wie eine kleine Hexe, und als Malva nun ihr Haar auflöste, daß es in reichen Strähnen herabfloß, rühmten alle: »Du siehst aus wie die Prinzessin im Märchen.«

Unterdes hatte Reinhard Stemmeisen und Hammer geholt und schlug die Kiste auf; er erbebte von den Schlägen, als öffne er einen Sarg.

Der Deckel hob sich. Da war's. Das ist das Bild Lorles als Madonna.

Er sank in die Kniee. »O Lorle!« rief er und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen, und dicke Thränen quollen zwischen den Fingern heraus. Er ermannte sich und leise vor sich hin sprach er: »Du hattest recht: So kann ich nicht mehr malen. Dies Grün so saftig, dies Rot so leuchtend und o, dieses Auge so kindlich froh und warm. Dies da ist falsch, kindisch, aber diese Innigkeit, dieser Mut. O Lorle, das konnte ich, als meine Seele noch dein, noch rein war; das konnte ich nur durch dich, das bin ich nicht mehr. O Lorle. Damals als ich dich malte, sagtest du: Ich bin gestorben gewesen und allein . . .«

Es flimmerte ihm vor den Augen, die Gestalt bekam rotleuchtende Haare, das Gesicht verwandelte sich. »Malva! Malva!« schrie er.

Malva trat ein. »Um Gottes willen, was ist? Du siehst ja aus . . . Was siehst du mich so an? Um Gottes willen, Vater, kommet!«

Reinhard erwachte aus seinem Starrblick und bat, den Vater nicht zu rufen.

»Schön! Ja, du bist schön!«

»Aber so zeig' ich mich nur dir,« entgegnete Malva.

Er sah sie abermals starr an und als sich sein Blick nach dem Bilde wendete, zuckten seine Wimpern. Aus gepreßter Brust sagte er:

»Ich danke, danke. Aber bitte, laß mich jetzt wieder allein.«

»Nein, laß mich bei dir sein,« bat Malva und legte ihre Hand auf seine Schulter. Er zuckte zusammen. »Halt dich tapfer. Du mußt dich nicht unnötig quälen.«

Sie betrachtete das Bild und fragte:

»Sag, hat die Frau je so ausgesehen?«

»Ja. Ich glaub's. Ich, ich hab' sie so gesehen. Aber bitte, laß mich jetzt noch eine Minute allein. Du nimmst's doch nicht übel?«

»Von Uebelnehmen weiß ich nichts. Ich geh' schon, ruf mich oder komm bald nach.«

Reinhard war wieder allein.

Da hörte er die Totenglocke läuten. Die große Thür nach dem Söller stand offen, und es tönte, als oh die Glocke in der Stube selber läutete.

Reinhard ging auf den Söller, er legte die Hand auf das Geländer, aber er zog sie rasch zurück, denn das morsche Gebälk schwankte; er wollte Vorübergehende fragen, wer gestorben sei, aber er kehrte schnell um und ging zu den Seinen und fragte, wer gestorben sei. »Der Hohlmüller« wurde ihm geantwortet. Wankenden Schrittes ging er wieder zu dem Bilde. Die Menschen alle, selbst Malva, erschienen ihm wie Schatten, wie Gespenster.

Was kommt polternd die Treppe herauf?

»Ich muß zu ihm,« rief Stephan, »er hat mit seiner zweiten Heirat meinen Schwiegervater getötet!«

Die Thür wurde aufgerissen und der Schwager drang ein, hinter ihm Malva und Wendelin. Stephan stand starr, den Blick auf das Bild gerichtet und rief:

»Was? Das hast du . . . Wie kannst du dein Auge auf diese da richten?«

»Du,« wendete er sich zu dem Bilde, »thu deinen Mund auf! An deinem Hochzeitstage hat er sich mit der da verlobt.«

Reinhard erbebte und Stephan fuhr fort: »Aber ich will ruhig sein. Nur stet, hat mein Vater gesagt; ich will gut mit dir reden. Zum letztenmal. Weißt du, was du thust, daß du aus unsrer Familie in so eine hinein heiraten willst? Wer das Lorle zur Frau gehabt hat, wie kann der eine solche zur Frau nehmen –«

»Ich verlange von dir nichts als Ruhe. Wendelin, ich danke, ich brauche keine Hilfe. Das ist mein Haus und ich gebrauche mein Hausrecht.«

»Was? Dein Haus? Jeder Balken, jeder Stein schreit: Hinaus mit dem meineidigen Maler und seiner rothaarigen –«

»Lorle! Lorle!« tönte es plötzlich wie aus der Unterwelt, wie von einem Ungeheuer.

Fabian war mit seinem Vater gekommen und als er das Bild sah, auf dessen Rahmen Reinhard die Hand gelegt hatte, schrie er fortwährend den Namen.

Alles wendete sich zu Fabian, den der Vater zu beruhigen suchte, dann trat Stephan nochmals schäumend vor Wut auf Reinhard zu und schrie: »Das Bild da ist nicht sein, er darf es nicht haben.«

Er legte die Hand auf das Bild.

Reinhard riß ihn davon weg, aber der Wirt faßte es wieder und rief auf den Söller eilend: »Lieber werfe ich es auf die Straße.«

Reinhard rang mit ihm, es gelang ihm, das Bild zu erfassen, aber Fabian krallte sich an Reinhard, wie eine Katze, Reinhard suchte den Blödsinnigen abzuwehren und sich umbiegend, wurde er an das Gewölbe des Söllers gedrängt, das Geländer krachte, Reinhard stürzte vom Söller auf die Straße, das Bild fiel nicht weit von ihm auf das Angesicht. Alle eilten auf die Straße. Man hob Reinhard auf, er atmete kaum; man trug ihn in das Haus.

Malva trug das Bild Lorles, der goldene Rahmen war zerschmettert. das Bild war unversehrt.

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