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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band - Kapitel 42
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Vierzigstes Kapitel. Harte Wirkung.

Beim Ausgang der Kirche am Sonntagmorgen war lärmendes Durcheinander, wie es vor wenigen Jahren, als man den Einfall der Franzosen fürchtete, nicht stärker gewesen war.

»Hast gesehen? Wie der Baumwirt das Aufgebot gehört hat, ist er davon gerannt, wie wenn ihn die Sohlen brennten.«

»Er wird Einspruch erheben.«

»Er kann nichts machen.«

»Der Herr Reinhard sieht totenbleich aus.«

»Ja, wie der geköpfte heilige Johannes auf der Schüssel.«

»Das gibt bald wieder eine vornehme Witwe.«

»Und eine reiche.«

»Die Rothaarige ist gescheit und der Wendelin –«

»Still! Sie kommen!«

So hieß es in der Männergruppe hin und her, jetzt ging sie auseinander, Reinhard und Malva kamen Hand in Hand.

»Glück und Segen!« wurde von seiten der Männer den Vorübergehenden zugerufen; in den Frauengruppen ging es siebenstimmig durcheinander.

»Ach, das gute Lorle weint jetzt im Himmel,« rief eine kleine Frau und half der himmlischen weinen.

»Ich mein', das Grab da drüben muß sich aufthun.«

»Die Rothaarige hat's fein gemacht, daß er sie heiraten muß.«

»Keiner ist leichter zu verführen als ein Witwer in Trauer,« sagte eine uralte Frau und wackelte mit dem greisen Kopfe.

Es entstand großes Gelächter, sie aber fuhr fort:

»Die Witmänner heiraten bald wieder oder gar nicht mehr, bei den Witweibern ist's anders.«

Das Tänzerle aber sagte und seine Eidechsenäuglein flimmerten:

»Recht hat der Herr Reinhard, man muß lustig leben, solang man lebt.«

Eine große, kropfige Frau prophezeite mit starker Stimme, das gäbe ein Unglück, das könne nicht gut ausgehen, das sei ja himmelschreiend. Diese Prophezeiung bewirkte einen Umschlag der Stimmung.

Malva hatte doch wieder so viele gute Freunde im Dorf, daß die Prophetin weidlich ausgeschimpft wurde. Schimpfen und Losziehen wollte man – das ist in der Ordnung und dazu hat man ein Recht – aber Unglück prophezeihen, das gilt nicht.

Die Männer waren sehr eilig beim Mittagstisch, sie wollten allesamt bald hinaus zum Baumwirt, um ihn schimpfen zu hören und sich an seinem Ingrimm zu ergötzen, denn er hatte eigentlich keinen guten Freund im Dorf und man gönnte ihm den Schabernack.

Sie täuschten sich aber alle. Der Baumwirt war nicht zu Hause. Er hatte kaum einen Bissen gegessen, um so mehr aber mit seiner Frau gescholten, die es auch nicht recht fand, daß Reinhard ihnen nichts gesagt; sie machte ihm aber wegen der Heirat keinen Vorwurf und lobte sogar Malva. Mit raschem Entschluß eilte Stephan zu seinem Schwiegervater nach der Hohlenmühle.

Unterwegs begegnete er dem Waldhüter.

»Du bist grad der Rechte, den ich treffen will.«

»Ich?«

»Ja du. Warst du in der Kirche? Ja? Und du gehst in den Wald? Deine Flinte solltest du anders wohin richten. Pfui. Eure Lieder vom mutigen Jägerburschen sind alle lauter Lug und Trug. Ja, singen könnt ihr von dem Jägerburschen, der das ungetreue Mädchen mit samt seinem Verführer erschossen hat. Aber ausführen? Krach! Da liegt ihr? Pfui, schäm dich.«

»Herr Wirt! Was saget Ihr da? Wenn ich das melde?«

»Melde dich beim Teufel und seiner Großmutter,« schloß Stephan. Schweißtriefend und zornglühend eilte er weiter. Der einfältige Waldhüter wird doch nicht wirklich Anzeige machen? Pah! Mit einer Leberwurst stopft man dem das Maul und mit einem Schoppen macht man ihn reden, was man will.

Er rannte weiter und kam in atemloser Hast bei seinem Schwiegervater an.

»Was ist?« fragte der Alte. »Du siehst drein, wie wenn jemand gestorben wär'?«

»Aerger als gestorben. Der Reinhard . . .«

»Was ist mit dem Reinhard?«

»Schwäher! Ihr seid der einzige, der's ihm wehren kann. Auf Euch allein hört er. Lasset ihn kommen. Er darf das nicht thun. Er darf uns die Schand nicht anthun und uns um alles bringen. Die Tote im Himmel hat Euch gern gehabt, wie einen Vater. Ihr seid der Vater, Ihr müßt Einspruch thun.«

»Ja was ist denn? Ich verstehe dich kein Wort.«

»Ja so. Ich komm' aus der Kirch, der Reinhard hat sich aufbieten lassen mit des Wendelins Malva, einmal für allemal, und nächster Tage soll die Hochzeit sein.«

»Hast du einen Rausch? Ein Trinker bist auch? Am hellen Sonntagsmorgen?«

»Schwäher, ich hab' nicht getrunken.«

»Ja, wie kann denn der Reinhard heiraten wollen und hat doch eine Frau? Da muß das Lorle drein reden.«

»Jetzt kann man's Euch nicht mehr verhehlen. Ihr allein könnt da helfen. Das Lorle ist schon lang tot und begraben. Man hat's Euch nur verhehlt, aber jetzt geht's nicht mehr.«

»Was? Das Lorle tot? Und du und die Vroni und alle und er selber da, ihr habt mir immer Grüße von ihr ausgerichtet und mir mein Herz ausgestohlen. So . . . so betrügt man einen alten Mann, weil er nicht mehr vom Fleck kann?« Er weinte bitterlich und sich gewaltsam aufrichtend rief er: »Verfluchter Lugenbeutel. Herr! O Herr! Lorle! Kinder!«

Er sank auf den Boden. Der Wirt schrie, alles kam herbei. Es war zu spät. Der Hohlmüller war tot . . .

In den Wirtsgarten kam ein Bote, Vroni solle schnell zu ihrem Vater kommen, er läge im Sterben. Vroni eilte davon. Der Bote sagte aber den Gästen, daß der Hohlmüller bereits tot sei. Sie tranken rasch aus, auf der Kegelhahn wurden die Einsätze geteilt. Leer und still war's.

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