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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band - Kapitel 39
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Siebenunddreißigstes Kapitel. Verwandelte Gestalten.

Es war großes Hoffest. Reinhard hatte sich früh eingefunden; er sah die Festräume des Schlosses neu und geschmackvoll dekoriert, er ging durch die glänzend erleuchteten Säle und stand vor manchem neuen Kunstwerke still, ein Schreck überfiel ihn aber, als er sein altes Bild, »Waldeinsamkeit« genannt, wiedersah. Welch' eine kindische Auffassung und ängstliche Pinselführung.

Er konnte nicht lange einsam die Bilder betrachten, denn bald war er von einer Gruppe höherer Offiziere und in goldstrotzende Uniformen gekleideter Civilbeamten umgeben. Der Lieutenant, der ihm damals bei dem Duell wegen des Kollaborators sekundiert hatte, war jetzt General. Die Menschen waren so zuvorkommend, sich ihm neu vorzustellen, nur zwei waren so neckisch, ihn zu fragen: »Kennst du uns nicht mehr?«

Reinhard konnte sich nicht besinnen und sagte, es sei anstrengend, so in den Zügen vor sich und in der Erinnerung herum zu wühlen. Die Männer stellten sich nun als ehemalige Kneipgenossen vor, sie waren jetzt beide Minister geworden; sie erzählten von vielen Genossen jener lustigen Gesellschaft, in der der Kollaborator das große Wort führte; die einen waren da und dort in hohen Stellen, viele aber auch waren längst tot.

»Haben Sie unsern Freund, den Kollaborator, schon begrüßt?« fragte der Kultusminister, und da Reinhard bejahte, fragte er:

»Und Sie fanden ihn?«

»Ganz den alten.«

»Ja, ganz derselbe, er lernt alle paar Jahre eine neue Wissenschaft, er hält sich an der Grenze des Originals.«

Reinhard fand es angemessen, dem Minister jedes positive Urteil über den Kollaborator vorzuenthalten und die Reden beider blieben so gestellt, daß man in Lob oder Tadel übergehen konnte.

Der Minister erklärte endlich nicht ohne Befriedigung, daß er bei der Reichsbehörde die Zuziehung des Kollaborators zu der Erforschungsreise befürwortet habe, und eben, als er darlegen wollte, daß der Kollaborator wegen des Madonnenbildes in der Galerie mit ihm gesprochen, zerteilten sich die Gruppen. Der Hof erschien. Der Fürst führte seine Gemahlin und grüßte nach allen Seiten, er nickte Reinhard besonders zu. Hinter dem Fürsten kam der Erbprinz eine elastische Erscheinung, seinem Vater von damals ähnlich, aber größer; er trug das eiserne Kreuz, und ein Nachbar sagte Reinhard, daß der Prinz sich tapfer im Franzosenkriege bewiesen habe.

Mehrere Prinzessinnen folgten, und unter den Palastdamen erkannte Reinhard sofort die Gräfin Ida von Felseneck; sie war noch schön, die entblößte Büste war voll und von edler Form. Sie grüßte Reinhard, zwiefach mit dem Kopfe nickend.

»Wer ist die Dame mit der eigentümlichen Dekoration?« fragte Reinhard, er wurde berichtet:

»Das ist die Schwester der Gräfin Felseneck, sie war mit auf dem Pilgerzuge nach Rom und Jerusalem und erscheint heute zum erstenmal bei Hof mit einer Dekoration vom Papste. Warum soll man nicht aus seiner Kirchlichkeit einen Gesellschaftsschmuck machen?« setzte der Gefragte – es war der Kanzler der Universität – leise hinzu.

Im nächsten Saale wurde getanzt. Nur die Tänzer durften weiter schreiten. Im Nebensaale hielt der Hof Cercle, wohin nur die in unmittelbarer Hofstellung sich befindenden Männer folgten.

Der Nachfolger Reinhards, ein Künstler von gutem Namen, stellte sich ihm vor, erzählte von der Rührigkeit des Kunstlebens in der Hauptstadt, und fragte nach Berufsgenossen in Rom.

Reinhard konnte nicht ausführlich antworten, denn ein Kammerherr rief ihn zum Fürsten.

Der Fürst war überaus huldvoll und bat Reinhard, sich die neuen Kunsterwerbungen in der Galerie anzusehen und sein Urteil darüber abzugeben. »Oder waren Sie schon in der Galerie?«

Reinhard verneinte. Der Fürst wendete sich an den Oberhofmarschall und sagte ihm leise einige Worte. Reinhard glaubte das Wort Madonna zu hören.

Reinhard wurde der Fürstin, dem Erbprinzen und den Prinzessinnen vorgestellt, und jedes hatte ein freundliches Wort für ihn.

Die Oberhofmeisterin stellte sich ihm als das Mädchen vor, das er – er solle nicht sagen, wie lang das sei – als Braut gemalt.

Als er sich zurückzog, sah er, wie die Gräfin Belgern, vormalige Felseneck, ihm zunickte. Er eilte zu ihr, sie reichte ihm die Hand, sie drückte die seine warm, er erwiderte den Druck.

Gräfin Ida fand zuerst das Wort; ihre Stimme war tiefer geworden, aber noch immer voll Wohllaut: »Es ist eine Gnade des Geschicks, daß wir uns wiedersehen. Ich wagte es nicht mehr zu hoffen. Haben Sie auch bisweilen des unbedeutenden Mädchens gedacht, das einstmals zu dem genialen Künstler aufschaute? Damals verstand ich Sie doch noch nicht ganz.«

»O liebe Gräfin, ich selber verstand mich damals auch nicht. Sind Sie der Kunst treu geblieben?«

»Der Kunst nicht. Begeisterung für eine Sache ist noch nicht Talent dafür. Ich erkannte meine geringe Begabung, die aber vielleicht bis zu einem gewissen Grade befähigt, die Schöpfungen der hohen Meister zu verstehen.«

Reinhard erwiderte einige verbindliche Worte.

»Mir ist es wie ein Traum, daß ich Sie wiedersehe und Ihnen muß ja auch alles wie ein Traum sein,« sagte die Gräfin, und ein voller warmer Blick ruhte auf Reinhard.

»Singen Sie noch viel?« fragte er.

»Ja.« antwortete sie, rückte sich dabei das diamantenbesetzte sammetne Halsband zurecht und legte den Kopf etwas zurück mit jener vollen Anmut der Jugendtage; sie wußte noch immer gütig zu lächeln, aber mit einem begleitenden schmerzlichen Ausdruck, der zu sagen schien: ich bin alt. Nach einer kleinen Pause fuhr sie fort: »Und Sie, Herr Professor, singen Sie auch noch?«

»O nein, ich singe schon lange nicht mehr.«

Die beiden sprachen das und dachten doch andres, und sie redeten nur, um sich gegenseitig wieder genau anzusehen.

Es kamen andre herbei, und die Gräfin sagte rasch: »Also morgen um zehn Uhr erwarte ich Sie und die versprochene Skizze.«

Reinhard verließ den Saal und wieder stellten sich ihm alte Kameraden in den Weg. »Behalten wir Sie, . . . dich, nun wieder bei uns?« wurde er oft gefragt. Er erklärte, daß er im Dorfe bleibe, und man bewunderte und rühmte seine Treue für das Dorfleben.

»Ja, das ist alles wie ein Traum,« wiederholte Reinhard, als er in seine Zimmer zurückkehrte, »aber ich habe diesen Traum zum letztenmal geträumt,« setzte er hinzu, als er das Licht löschte.

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