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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band - Kapitel 37
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Fünfunddreißigstes Kapitel. Zieh Handschuh an.

»Das ist herrlich, daß Sie mitreisen,« sagte der Sänger, der gekommen war, um sich bei Reinhard zu verabschieden, da die Ferien zu Ende waren und die Theatersaison begann. »Es ist mir lieb, daß ich Ihnen gleich den Tamino singen kann. Meine liebe Gisela sagt, daß mein hohes B noch viel reiner und voller geworden sei. Ich freue mich, Ihnen meine Arie in Es dur zu singen.« Diese leise vor sich hinsummend, setzte er hinzu, daß Reinhard von den Kindern nicht belästigt werden solle.

Am Morgen der Abreise stand der erste Herbstnebel im Thale, und der Sänger hielt sich ein seidenes Tuch an den Mund. Es waren beim Abschied Ulrichs weit weniger Menschen als bei der Ankunft, denn es war eben nicht Sonntag. Martin hatte sein Alltagsgewand an, die Schwester war da und mit ihr der Pate, den aber Malva auf den Armen hatte.

»Das ist schön, daß du auch da bist,« sagte der Sänger dumpf in das Tuch hinein sprechend, zu Malva; sie lächelte.

»Aber das Kind hättet ihr bei solchem Nebel zu Hause lassen können,« sagte die Frau.

»Es ist ein starkes Kind, dem schadet's nichts,« entgegnen Malva.

Die Kinder Ulrichs, die große Blumensträuße trugen, hatten die Volkstracht abgelegt und waren wieder modisch gekleidet.

Der Zug kam an, der Abschied war übereilt, der Sänger küßte seine Schwester und reichte dem Vater die Hand. Reinhard küßte das Kind auf dem Arme Malvas.

Der Zug ging ab, und da man hier durch die ganze Reihe der Wagen gehen kann, wanderte der Sänger alsbald umher, um nach Bekannten auszuschauen; er kam zurück und berichtete, daß er ein Abenteuer ersten Rangs erlebt habe; die Nonne, die Bruderstochter des Hohlmüllers, sei im Geleite einer andern Nonne mit auf dem Zuge; sie halte den Blick auf ein Brevier geheftet und bewege lautlos die Lippen, es sei ihm aber unzweifelhaft, daß sie ihn gesehen habe.

»Sieh dir sie an,« sagte er seiner Frau, »es ist eine Studie für deine Rolle als Aebtissin.«

Lächelnd erzählte die Frau, daß die Nonne eine Jugendliebe ihres Mannes sei.

»Sie ist eine Verwandte Ihrer Seligen,« setzte der Sänger halb ablehnend hinzu, »ihre Großmütter waren Schwestern und sie haben auch Aehnlichkeit.«

Die Frau winkte ihm unwillig, denn sie sah die Betroffenheit in den Zügen Reinhards, der sich schweigsam verhielt.

»Herr Professor,« wendete sich die Frau an Reinhard, »finden Sie nicht auch, daß das Wort Sommerfrische hoch bedeutsam, und es ist neu in unsrer lieben deutschen Sprache. Wissen Sie vielleicht, von wem es stammt?«

»Ich glaube von Ludwig Steub, dessen Schriften selber voll Sommerfrische sind.«

Man fuhr eine geraume Strecke am Parke eines Lustschlosses vorüber, auf welchem die Fahne flatterte.

»Die Fürstin Mutter sind noch nicht in der Residenz,« sagte der Sänger und war voll Entzücken über die schönen Anlagen, darin Springbrunnen sprangen, schöne Blumengruppen glänzten, und helle Wege sich durch die künstlerisch geordneten Wiesen und Baumgruppen schlängelten. Man sah einen leichtgebauten Pavillon, der von Schlinggewächsen bedeckt war, und Frau Berger sagte mit vollklingender Stimme: »O die farbenbunten wilden Rebenranken!« und ehe Reinhard auf ihre Frage nach den römischen Gartenanlagen antworten konnte, sagte der Sänger mit bedeutsamem Blick zu Reinhard gewendet: »Ja, die Natur ist schön, aber die Kunst auch;« er sprach das wie eine große Weisheit, wie die Entdeckung eines bisher ungelösten Rätsels, und da Reinhard schwieg, setzt er hinzu: »Sie stimmen doch mit mir ein, Herr Professor?«

»Allerdings. Vollkommen.«

Man näherte sich der Residenz. Der Sänger wurde von vielen neu Hinzukommenden begrüßt. Reinhard hörte, daß gefragt wurde, wer er sei, und auf die leise Antwort sah er die Lorgnetten auf sich gerichtet.

»Werden Sie von jemand erwartet?« fragte der Sänger.

»Ja, ich habe meinem Freunde Reihenmeyer telegraphiert.«

Man fuhr in den großen Bahnhof ein, und die Frau sagte:

»Franz, zieh Handschuh' an.« Der Sänger gehorchte und gab weiter: »Kinder, zieht Handschuhe an.«

Man stieg aus. Die Reisegefährten entfernten sich, Reihenmeyer war nicht da.

Reinhard schaute sich wie verlassen um. Die junge Nonne ging an der Seite einer alten an ihm vorüber, sie schaute flüchtig auf nach ihm und preßte die Lippen zusammen; Reinhard war erschüttert, die Nonne sah in der That Lorle sehr ähnlich. Sie stand bei der Frau des Bahnhofsrestaurateurs und sprach mit ihr. Reinhard erinnerte sich, daß dies die Tochter Stephans sei; er sah auch den Knaben, den Urenkel des Hohlmüllers, der seinen Namen trug, aber er wollte jetzt nicht weiter die Familienbeziehung beanspruchen.

Er ging in die Stadt, er glaubte diesen und jenen, der alt geworden war, zu erkennen: er sprach niemand an. Der Schloßplatz, der ehedem kahl gewesen, war mit Bäumen und Rasen besetzt und mächtige Springbrunnen rauschten. Wo ehedem ein unförmliches Stallgebäude gestanden, war jetzt ein säulengetragener Prachtbau, neue Straßen mit neuen Helden- und Siegesnamen waren angelegt. Reinhard ging wie träumend weiter. Aber da ist doch noch das Alte! Die Wachtparade zieht noch zur selben Minute mit klingendem Spiele durch die Hauptstraße, und eine große Menschenmenge folgt ihr. Die Soldaten haben aber andre Uniformen, und ihre Haltung scheint fester und stolzer.

In der Wohnung Reihenmeyers hörte Reinhard, daß dieser zur Erwerbung von Instrumenten für die Forschungsreise abwesend sei.

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