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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band - Kapitel 35
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Dreiunddreißigstes Kapitel. Zweierlei Botschaften.

Ist es Folge des Alters oder der heftigen Gemütsbewegung und innerer Seelenkämpfe? Es wirkten wohl beide Ursachen zusammen, daß Reinhard mehrere Tage gar kein andres Verlangen hatte als nach Ruhe. Er war doch nicht so kräftig, als es den Anschein hatte, und er schlief jetzt stundenlang am Tage und von Sonnenuntergang bis zum Aufgang. Die Ermattung dauerte an, man wollte einen Arzt zu Rate ziehen, Reinhard wehrte ab, er fühle keinerlei Schmerz und Beunruhigung, nur eine Müdigkeit, die fast angenehm sei, wie ein Ausruhen nach langer Bergwanderung.

Der Sänger bewährte eine wohlthuende Sorgsamkeit. Reinhard dankte ihm nochmals für das Ständchen und die Worte des Liedes.

»Die sind nicht von mir,« entgegnete der Sänger, »die hat meine Frau gesetzt. O, sie könnte noch in andrer Weise berühmt sein. Sie haben ihr einmal das Wort des Hohlmüllers erzählt, man muß da alt sein, wo man jung war, und darauf hat sie die Verse gesetzt.«

Malva umkreiste das Haus von allen Seiten. Warum durfte sie Reinhard nicht pflegen?

Sie schickte endlich ihren Vater zu ihm, der gerade in der Minute kam, als Reinhard nach ihm verlangte.

Reinhard bat den Sänger, ihn mit dem Manne allein zu lassen.

»Sie hat mir einen Brief mitgegeben,« sagte Wendelin, nach der sich schließenden Thüre umschauend, »sie hat gemeint, ich könnt's nicht recht ausrichten.«

»Gebt her.«

Reinhard las: »Kein andrer Mensch auf der Welt hat das Recht, meinen Herrn Reinhard zu pflegen und zu warten als ich, und kein andrer Mensch auf der Welt kann es so wie ich. Und da laufe ich wie aus der Welt ausgesperrt herum. Ich mache mir nichts draus, was die Leute sagen könnten; ich bitte mit aufgehobenen Händen, daß der Herr Reinhard mich zu sich kommen läßt. Will er's vor der Welt sagen, wie's mit uns ist, um so besser. Ich bitte, ich bitte nur um ein einzig Wort, ich vergehe vor Jammer. Verzeih, daß ich so bin, aber ich wär's nicht wert, wenn ich nicht so wär', und ich bin bis in den Tod dein und ewig dein.«

Da Reinhard, nachdem er gelesen, den Brief still betrachtete, sagte Wendelin:

»Nicht wahr, sie schreibt gut? Sie kann schreiben wie ein Advokat. Sie ist die Erste in der Schule gewesen.«

»So sag ihr viel Tausend herzliche Grüße und ich sei nicht krank und werde morgen ausgehen; sie solle Geduld haben. Ich komme bald.«

In der Thüre wendete sich Wendelin nochmals und sagte: »Ja, daß ich's nicht vergess'. Das mit der Trommel ist nur Spaß gewesen. Ich stehe, gottlob! so, daß ich mir selber eine Trommel kaufen könnt' und ich nehme von niemand was geschenkt.«

Reinhard wußte, woher diese ungewöhnlich lange und zusammenhängende Rede des Wendelin stammte.

Wendelin bat noch, daß sein zweiter Sohn, der Stiefbruder Malvas, fortan im Hause Reinhards schlafen dürfe. Reinhard willigte ein und sagte, er solle später das Reitpferd besorgen, das er sich anschaffen wolle, und jetzt solle Wendelin den Hund herbringen lassen, den er dem Waldhüter hatte abkaufen wollen.

Wendelin ging lächelnd davon.

Reinhard las den Brief wiederholt, dann holte er eine alte Brieftasche und nahm ein vergilbtes Blatt heraus, es war der letzte Brief, den Lorle damals hinterlassen hatte, als sie ihn heimlich verließ. Der Gedanke wollte sich in ihm regen, daß Malva ihn nicht so verlassen, sondern seine Umkehr und Heilung abgewartet hätte. Wie um diesen Vorwurf zu verscheuchen, las er den Brief der Verstorbenen laut, die Spuren der Thränen, die aus dem Auge der Verstorbenen auf das Papier geflossen, waren noch sichtbar, und was noch von Widerstreit in Reinhards Seele war, löste sich in Thränen auf.

Während Wendelin bei Reinhard gewesen war, saß die Frau des Sängers mit Vroni in der großen Wirtsstube, deren Fenster nach der Straße zu gingen. Vroni sprach die Vermutung aus, Reinhard werde auch nur zeitweilig hier bleiben und wahrscheinlich nach der Residenz ziehen; die Frau des Sängers wollte das nicht glauben.

»Wunderlich!« sagte Vroni, »was nur die Malva hat. Sie geht jetzt seit einer Viertelstunde schon zum drittenmal am Haus vorbei. Sehen Sie? Jetzt geht sie ihrem Vater entgegen. Er sagt ihr etwas, und sie faltet die Hände, und jetzt fährt sie nach den Augen. Ich glaub' gar, sie weint.«

Vroni öffnete das Fenster und rief: »Malva, komm herauf!«

»Ich danke. Ich kann jetzt nicht,« erwiderte Malva mit thränenvoller Stimme und ging mit ihrem Vater heimwärts.

Als Reinhard wieder zum erstenmal durch die Dorfstraße ging, hörte er hinter sich sagen: Des Lorles Reinhard. Er schaute nicht um. Darf er noch so heißen?

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