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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band - Kapitel 30
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Achtundzwanzigstes Kapitel. Zusammenstimmen.

Wo die Ahorngruppe gestanden, dort war jetzt das Häuschen des Ohm Bahnwärters, darin Reinhard und Malva still verständigende Stunden hatten. Dort hörte er auch Malva singen, wenn sie in der Kammer den jungen Vetter in Schlaf sang, denn aufgefordert sang sie selten, aber es ist wohl anzunehmen, daß sie wußte, Reinhard lausche draußen auf der Bank im Garten, denn sie sang noch lange, wenn das Kind bereits schlief und nicht Wiegenlieder, sondern Lieder voll Liebeslust und Liebesleid.

Reinhard war ergriffen von ihrer mächtigen Stimme und ihrem tiefen Ausdrucke; er hoffte indes, sie dahin zu bringen, methodisch singen zu lernen, sprach das aber jetzt noch nicht aus.

Wenn Malva mit hochgeröteten Wangen aus der Kammer kam, reichte sie Reinhard die Hand, und einmal sagte sie: »Ich hab' auch manchmal die Frau Professorin in Schlaf gesungen wie ein kleines Kind, und da hat sie auch ganz rote Backen bekommen.«

Die ständige Erinnerung an Lorle schien Reinhard genehm, und wie Malva ständig an die Tote dachte, so hielt sie auch fest, daß Reinhard ihr deshalb um so mehr anhing, weil er mit ihr von Lorle reden konnte.

Wunderlicherweise fing er aber jetzt nicht mehr von selber davon zu reden an.

Eines Tages sagte er: »Ich habe dir's noch gar nicht ausgerichtet: der Herr Reihenmeyer läßt dir einen Gruß sagen und dich um Verzeihung bitten. wenn er dich beleidigt hat.«

»Ich brauch' keinen Gruß von ihm und er keine Verzeihung von mir, wir gehen einander nichts an.«

»Aber er ist mein Freund.«

»Da muß der Herr Reinhard wissen warum.«

»Wir haben von Kindheit an treulich miteinander gelebt und werden nie voneinander lassen.«

»Ist recht. Und wenn er zu uns kommt, soll er unser Ehrengast sein, da soll's an nichts fehlen.«

»Er kommt vorerst nicht wieder, er geht zu Schiff übers Meer.«

»Meinetwegen dahin, wo der Pfeffer wächst.«

»Dahin geht er auch,«erwiderte Reinhard lachend. »Nächsten Sonntag über fünf Wochen reist er ab, und an dem Tag ist unsre Hochzeit.«

»So? Just an dem Tag?«

»Ja,« schloß Reinhard kurz ab; er sagte nicht, daß er die neue Ehe dem Freunde verbergen wolle.

Es schmerzte Reinhard, daß Malva so starr und schroff gegen den Freund, obgleich sie es doch nur war, weil sie meinte, daß er ungetreu an Reinhard gehandelt. Er erklärte ihr, daß der Freund doch rechtschaffen sei; was er gethan habe, sei in dem guten Glauben geschehen, daß Lorle verwitwet sei.

Malva hörte ihm still zu, sagte aber nichts, und Reinhard hielt inne, Malva zu andrer Ansicht bekehren zu wollen. Er erinnerte sich, wie er ein Leben zerstört habe, da er einfaches gerades Denken hatte vervielfältigen und umbiegen wollen. Diese Erfahrung sollte nicht verloren sein. Er sagte sich, daß Malva weder methodisch singen lernen noch die Einfalt ihrer Empfindungen ablegen solle. Er wollte ihre gesunde, wenn auch schroffe Natur achten und sich ihrer erfreuen. Sie hat festen Lebensverstand und starkes Selbstvertrauen der Welt gegenüber und das ist gut.

Stumm saßen die beiden beisammen und endlich sagte Malva, von ihrer Näherei aufschauend:

»Es läutet zwölfe. Der Herr Reinhard muß jetzt zum Essen. Ich hab' kochen gelernt von der Frau Professorin, und ich weiß alle Leibspeisen vom Herr Reinhard.«

Sie stand auf und Reinhard sagte:

»Wenn du aufstehst, bist du immer überraschend groß.«

»Ja,« entgegnete sie strahlend, »es wird schön sein, wenn wir miteinander durchs Dorf gehen; ich hab' auch schon dran gedacht, wir haben grad die rechte Größe füreinander.«

»Ja, aber ich bin grau und alt.«

»O nein, der Herr Reinhard ist gar nicht alt, nur der Bart ist's, und der Herr Reinhard hat einen Gang, so fest wie ein junger Soldat in Urlaub.«

Wie ein junger Soldat in Urlaub – wiederholte Reinhard still lächelnd, er hatte schon manches freundliche Wort von schönen Lippen gehört, aber keines erfreute ihn mehr als dieses.

»Weißt du, wie alt ich bin?« fragte er.

»Ja wohl.«

»Und wenn ich bald sterbe?«

»Ein Jahr oder sieben Jahr, oder soviel es ist, glücklich gewesen mit dem Herr Reinhard, das ist mehr als siebzig Jahr mit einem andern.«

»Es ist gut, daß du nicht weißt, wie schön du bist, wenn du so was sagst, wie dein ganzes Gesicht lauter Sonne ist.«

»Ist mir recht, wenn's dem Herrn Reinhard so recht ist. Aber jetzt behüt Euch Gott und lasset's Euch gut schmecken.«

Reinhard ging in der That in strammer Haltung voll neuer Jugendkraft heimwärts. Im stillen war ihm oft die Sorge gekommen: in die Liebe und Hingebung, die der Mann grauer Haare empfängt, ist ein Tropfen Mitleid gemischt, als Geschenk und milde Gabe. War das auch bei Malva?

Jetzt war das Bangen besiegt. Er sah im Weitergehen immer nur Malva vor sich, so fein, so reizend, so urkräftig und ihre Seele so offen und selbstlos.

»Du siehst so glücklich aus,« begrüßte ihn Vroni, »wie wenn dir was Gutes angethan worden wäre, oder wie wenn du jemand was Gutes gethan hättest. Du bist in den letzten Tagen um zehn Jahre jünger geworden. Gott sei Lob und Dank, daß es dir bei deinen Verwandten so wohl ist.«

Reinhard dankte, es schmerzte ihn, daß er hier bald nicht mehr wie ehedem Verwandter sein werde.

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