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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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I. Des Lorles Reinhard.

Erstes Kapitel. Da bist du wieder.

»Einsteigen! Der Zug geht gleich weiter!« rief der Schaffner laut; zu einem Manne von hoher Gestalt gewendet, setzte er hinzu: »Steigen Sie gefälligst ein, Haltepunkt Weißenbach ist erst beim nächsten Dorf.«

»Ich will von hier an zu Fuß wandern. Geben Sie diese drei Stück Handgepäck dort ab.«

»Können sich drauf verlassen. Danke vielmal,« sagte der Schaffner, die Hand schließend und an die Mütze greifend. »Wissen Sie den Weg? Er führt durch den Wald da drüben.«

»Ich weiß.«

Der Zug brauste davon und der Mann ging über die Schienen hinweg nach dem Bergwald. In den Wiesen zirpten die Grillen, die Heuschrecken hüpften klappernd hin und her, im wogenden Weizenfelde schlug die Wachtel und hoch in den Lüften sang die Lerche.

Erst am Waldesrande, im Schatten einer Weißtanne, hielt der Wanderer an, brach einen Zweig mit dem frischen Jahresschosse ab, that den spitzen, breitkrempigen und schleierumwundenen Hut vom Kopfe, steckte aber den Zweig nicht auf den Hut, den er weiterschreitend nur in der Hand hielt.

Wer je diesen charaktervollen Kopf gesehen, vergißt ihn nicht wieder.

Es sind dreißig Jahre, seitdem der Maler Reinhard mit seinem Freunde, dem Kollaborator Reihenmeyer, hier durch diesen Wald gewandelt ist; das Haupthaar ist noch so voll wie damals, nur grau geworden, und an der Stirn aufrecht stehend in dichten Locken gibt es dem Antlitze ein majestätisches Ansehen, wie die ganze Erscheinung etwas Gebietendes hat. Damals schien die Stirn noch nicht so gewölbt: und stark ausgearbeitet, und gewiß fehlte damals die tiefe Falte zwischen den Augen, die von schweren Erlebnissen, vielleicht auch von Leidenschaften zeugen mag; aber der Glanz der blauen Augen ist noch so leuchtend wie damals und die Bewegungen des Körpers haben nichts von ihrer Behendigkeit und Biegsamkeit eingebüßt.

Reinhard schaute manchmal zur Seite, als wäre er noch im Geleite des Genossen, sonst aber schritt er rüstig vorwärts und hielt erst an, als er auf der Anhöhe aus dem Walde trat und das Dorf drunten vor ihm lag.

Da stehen die Häuser am Ufer des blinkenden Baches, dort oben die alte Kirche und dort inmitten des Dorfes die neue.

Nahe der Kirche steht ein altersgebräuntes Haus mit geschlossenen grünen Fensterläden und daneben eine alte Linde mit breitem Geäst. Jetzt läutet es vom Kirchturm zu Mittag; Reinhard, der den Atem angehalten, seufzte tief auf und fast laut sagte er: »Das ist der Glockenton, der zu meiner Trauung, der zu ihrem Tode erklang. Wieviel tausendmal hat er dir, du arme Seele, deine Lebensstunden gekündet, und ich, ich war . . .«

Wie abwehrend schüttelte er den Kopf, da sah er eine Bank am Waldesrand unter einer Buche; er setzte sich und mit dem Wanderstabe schrieb er in den Sand den Namen Lorle. Das sprach all sein Denken und Sinnen aus; er verwischte den Namen wieder, aber sein Denken und Sinnen konnte er nicht so verwischen.

Der Pfiff der Lokomotive weckte ihn; durch das Thal bewegte sich ein Bahnzug wie eine schuppige Schlange und der Dampf flatterte darüber hin. Jetzt hielt der Bahnzug wie verschnaufend am Dorfe, dann ging es weiter, pfiff mächtig vor einer schwarzen Tunnelöffnung, und verschwunden war alles; man hörte nichts mehr als das Zirpen der Grillen im Grase und drüber hin den schrillen Schrei eines Habichts, der über dem Thale im Kreise sich wiegte.

Reinhard erhob sich und setzte sich schnell wieder, er war schwer müde. Da kam der Waldhüter des Weges und sagte soldatisch grüßend: »Grüß Gott. Nicht wahr, da ruht sich's gut?«

Reinhard nickte still und der Waldhüter fuhr fort:

»Ihr wollet gewiß auch nach Weißenbach. Da ist gute Herberg im Gasthof zum grünen Baum, dort nahe beim Bahnhof.«

»So? Gibt es sonst kein Wirtshaus?«

»Nein. Früher war eins neben der Kirche. Der Sohn vom alten Lindenwirt hat das neue gebaut, es ist ein braves Haus, ein Ehrenhaus, aber eben anders wie vorzeiten, wo der Lindenwirt – man hat ihn auch den Wadeleswirt geheißen – drin im Dorf gewirtet hat. Das war ein fester Mann, der hätte hundert Jahr alt werden können, aber er hat eben auch Kummer gehabt, besonders von einem Kind. Ist's erlaubt, daß ich mich zu Euch setze?«

»Setzt Euch nur.« Reinhard bot dem Manne eine Cigarre dar und steckte sich selber eine frische an. Der Waldhüter fuhr fort: »Ihr seid gewiß fremd in der Gegend, sonst wüßtet Ihr, was da geschehen ist.«

»Wollt Ihr's nicht erzählen?«

»Gern. Ich bin freilich nicht aus dem Dorf gebürtig, bin aber seit sieben Jahren hier stationiert und weiß alles. Ich bin gut bekannt mit einem Mädchen, das die verlassene Frau auferzogen hat.«

»Nun?«

»Ja, die Geschichte ist so. Der Wadeleswirt – man hat ihn wegen seiner dicken Waden so geheißen – war im Wohlstand und hatte nur zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter; ja die Tochter. Der Farbenschmierer hat selber einmal gesagt, sie wär' unter den Bauernmädle was ein Kanarienvogel unter den Spatzen. Freilich, lustig ist der nichtsnutzige Kerl gewesen und hat alles untereinander bringen können; er hat's austrommeln lassen, wenn er ins Dorf kommen ist; das war lang vor der Eisenbahn, ich hab' ihn auch einmal gesehen, bei der Einweihung der Kirche, ich war damals noch ein kleiner Bub'. Eure Cigarre ist Euch ausgegangen, wollt Ihr anzünden?«

»Nein, erzählt nur weiter.«

»Es war ein schöner, großer Mann, um einen halben Kopf größer als Ihr und breiter in der Brust, und singen hat er können oben 'raus und mit jedermann ist er freundlich und vertraulich gewesen; man hätt's nie geglaubt, daß er so falsch und nichtsnutzig und hoffärtig sein kann.«

»Was hat er denn gethan?«

»Man soll einem Toten nichts Böses nachsagen, aber was wahr ist, ist wahr. Er hat das Lorle abgemalt als heilige Mutter; das Bild hat in der neuen Kirche gehangen, viele Menschen sind kommen, um es zu sehen und die einen sagen, das Lorle hab's veranstaltet, die andern sagen, der Pfarrer, und wieder andere sagen, der König sei von selber drauf kommen; kurzum, der König hat das Bild in sein Schloß genommen und ein anderes dafür gestiftet, es ist größer, aber sie sagen, es sei nicht so schön, so kunstmäßig wie das vom Reinhard.«

»Was hat er denn so Böses gethan?«

»Er ist tot, aber wahr bleibt's. Er hat das Lorle geheiratet, und wie er sie gehabt hat, hat er sich ihrer geschämt, weil sie ein Bauernmädle gewesen ist, und daneben hat er noch eine andere gern gehabt, eine Gräfin, und er hat das Lorle arg mißhandelt. Er soll sonst ein gescheiter Mensch gewesen sein, aber darin war er kreuzdumm, daß er die brave Frau nicht zu nehmen gewußt hat; heißt das, ich mein', genommen hat er sie, aber eben nicht gehalten; und da ist er einmal heimkommen selbander, die einen sagen, mit einem Rausch, die andern sagen, mit der Gräfin, und wieder andere sagen, mit beiden miteinander. Das weiß man nicht genau. Und da ist eben das Lorle still wieder heim ins Dorf und er ist nach Italien und ist dort gestorben, und vergangenes Frühjahr ist das Lorle auch gestorben. Jetzt sind sie beide in der andern Welt, aber er in einer andern als sie. Die gute Seele hat treu an ihm gehangen, die Bank, worauf Ihr sitzet, hat sie gestiftet, und des Wendelins Malva hat erzählt, die Frau Professorin habe gesagt, von dem Platz da sei der Reinhard damals ins Dorf kommen und habe geschossen, und sie hat dran festgehalten, daß sie noch einmal mit ihm da sitzen werde. Sie hat oft allein da gesessen. Was ist? Nicht wahr, ich schwätz' zu viel? Was sehet Ihr mich so an?«

Reinhard antwortete nicht. Nach einer Weile fragte er:

»Seit wann weiß man denn, daß der Reinhard gestorben ist?«

»Es hat einmal in der Zeitung gestanden. Bei Lebzeiten Lorles wäre ihm nichts geschehen, aber wenn er jetzt wiederkäme, das ganze Dorf thät' ihn mit Steinen totwerfen.«

Reinhard stand auf und ging thalab. Der Waldhüter schaute ihm nach und sagte vor sich hin:

»Wenn der Reinhard nicht tot wäre, könnte das der Reinhard sein.« Er sah eine wilde Taube und schoß sie herab, der Wanderer drunten erschrak ins Herz hinein.

Und wie hatte er seine eigene Lebensgeschichte sagenhaft verunstaltet nun gehört aus dem Munde des Volkes! Die Welt kennt nur die augenfälligen Thatsachen und verändert sie noch im Lause der Ueberlieferung.

Reinhard hielt still. Wie lange ist es her, daß er in Rom die Landschaft, die Menschen hier wie eine Traumerinnerung auftauchen sah? Kaum wenige Monate.

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