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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band - Kapitel 29
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Siebenundzwanzigstes Kapitel. Besinn' dich noch einmal.

Reinhard saß am Sonntagmorgen auf dem Langholz an der Sägmühle, dort, wo er sich in der Gewitternacht mit Malva verlobt hatte. Die Mühle stand still und ringsum war sonntägliche Ruhe. Er betrachtete sinnend ein Schwalbennest, in dem die Jungen kaum mehr vom Ausfluge zurückzuhalten waren, so daß die hin und her eilenden Eltern immer warnen und zureden und mit guten Bissen beschwichtigen mußten. Jetzt läutete es, der Taufzug kam des Weges, Reinhard ging ihm entgegen bis auf die Straße. Malva trug das Kind, sie sah ruhig und fromm aus.

»Das ist brav, daß der Herr Reinhard kommen ist,« sagte sie; in ihrem Ton und in ihren Mienen war auch keine Spur eines Vorwurfes über die Vernachlässigung Reinhards. Hat sie keinen Vorwurf in ihrer Seele oder weiß sie sich nur vor den Menschen zu beherrschen?

Malva saß nicht mit am Tisch, sie trug das Essen auf und als der Ohm das einfache Mahl gegen Reinhard entschuldigte, sagte sie:

»Der Herr Reinhard verlangt keine Umstände, er weiß, was wir geben können und wie die Menschen hier zu Lande sind.«

Beim Beginn ihrer Rede war die Falte zwischen den Augen Reinhards immer tiefer und dunkler geworden, jetzt glättete sie sich und ein strahlender Blick ruhte auf Malva, die auch ihn treuherzig ansah, aber ihre Wimpern zuckten.

»Was sehe ich?« sagte der Sänger leise zu seiner Frau, »zwischen dem Professor und Malva geht was vor.«

»Das habe ich schon beim Begegnen auf der Straße bemerkt. Es wäre schade, wenn das brave Kind ins Elend gestürzt würde,« erwiderte die Frau ebenso leise.

Der Sänger erwartete Gäste aus der Stadt, er ging mit seiner Frau bald davon. Reinhard blieb, und verstohlen sagte er zu Malva: »Ich warte im Garten auf dich.«

Sie antwortete nicht, kam aber bald.

»Hast du dir keine Gedanken gemacht, weil ich dich die ganze Woche nicht gesprochen habe?« fragte Reinhard.

»Nein, ich will dem Herr Reinhard in nichts ein Hindernis sein, da kann er ruhig sein.«

»Wie meinst du das? Ich verstehe dich nicht.«

Es zuckte im Antlitze Malvas, ihre Lippen waren energisch geschlossen, in ihren Augen war ein kalter Glanz.

»Was meinst du?« fragte er nochmals.

Sie wendete den Kopf rasch, wie wenn sie geweckt würde und erwiderte, auf die Sägmühle deutend:

»Sehen Sie, die steht still. So ist es auch mit den Menschen. Man kann nicht immer das Rad treiben.«

»Du bist gescheit.«

»Ich glaub's bald auch. Die Menschen sagen mir's alle, und jetzt auch der Herr Reinhard. Ich hab' in dieser Woche wenig geschlafen und habe mich viel besonnen. Hoffentlich hat der Herr Reinhard sich auch ordentlich besonnen.«

Jetzt waren in der That wieder die zwei Strömungen im Gemüte Reinhards. Wie? Will das Mädchen ihn befreien? Ist aber das nicht ein Verschmähen? Mit einer Schnelligkeit des Gedankens, die keine Worte zu erreichen vermögen, ging ihm durch den Sinn, daß es kein Wesen auf der Welt gäbe, das so für ihn geschaffen und so begehrenswert war, wie Malva. Und diese sollte er jetzt verlieren?

»Ich meine, ich verstehe dich,« brachte er hervor, da Malva innehielt.

»Gewiß versteht mich der Herr Reinhard und klar wie der Tag soll alles sein. Der Herr Reinhard hat sich schon einmal übereilt gehabt, es wäre schlimm, wenn's noch einmal wär'. Ich reiße mir das Herz auseinander, aber ich muß. Ich will nicht das neue Unglück vom Herr Reinhard sein, da soll Gott bewahren.«

In ihrem Gesichte lag der Ausdruck einer entschlossenen Seele und Reinhard erwiderte:

»Ich seh', wie gut du bist.«

»Nein, Herr Reinhard, ich bin nicht gut, was die Leute so heißen; ich bin nicht so sanft und nachgiebig, wie die Selige war. Ich bin nicht so reich und nicht so schön, und wieder nicht so demütig, wie sie gewesen ist. Ich kann Magd sein, ich kann dienen und mir befehlen lassen, aber wo ich Frau sein soll, muß ich das Meinige auch gelten. Soviel hab' ich wohl ausgefunden: Frau Lorle ist immer aufgescheucht und in Angst gewesen vor dem Herr Reinhard, sie könnte etwas nicht recht machen. Ich hab' gar keine Angst, gar nicht: ich thu', was recht ist und sag', wie ich's versteh, und weiter geht mich nichts an, was ein Herr Reihenmeyer und was sieben Generale und siebzehn Gräfinnen darüber denken mögen. Ich will zulernen, was sich gehört, ich bleib' aber auch, was ich bin. Ich trag' keinen Schleier und keine Handschuhe und bleib' im Dorfe und meine Gespielen behalt' ich auch und meine Verwandten und meine Annehmer.«

»Vom Wegziehen aus dem Dorf war nie die Rede.«

»Ja, ja. Aber es ist besser, wenn alles gesagt ist. Ich hätt's nie geglaubt. daß ich so mit dem Herr Reinhard reden könnte! Aber ich bin nicht umsonst bei der Frau aufgewachsen. Ich muß von der Frau reden. Nicht wahr, ich darf?«

»Gewiß, du bist mir ein Trost, bei dir habe ich meinen Schmerz um meine Schuld und meine Liebe nicht zu verbergen.«

»In der Ehe sind immer beide schuldig, vorher oder nachher, hat sie oft gesagt. Drum soll alles jetzt an Tag. Ich will mir nicht unrecht thun, ich bin nicht bös, gewiß nicht, und gegen den Herr Reinhard bös sein wäre die ärgste Sünde auf der Welt. Aber er soll wissen, daß ich eigenwillig bin. Ja, ich kenn' mich auch, ich hab' nicht so viel erfahren wie der Herr Reinhard, aber doch auch schon manches. Ich habe gemeint, ich habe den Waldhüter gern, aber es ist nicht wahr gewesen. Wenn ich's genau überleg', hab' ich nur gern zweistimmig mit ihm gesungen, er singt schön. Wie der Herr Reinhard kommen ist, habe ich's gespürt wie einen Messerschnitt. Der Herr Reinhard soll aber von dem Abend her nicht gebunden sein. Wenn er eine Minute wünscht, daß es nicht wäre, soll's nicht gewesen sein. Lieber springe ich da ins Wasser und ersäufe mich, ehe ich den Herr Reinhard übereilen und ihn noch einmal unglücklich machen will.«

»Du bist mein! tausendmal mein!« rief Reinhard und wollte Malva küssen.

Da brachte der Ohm in einer Wiege den Täufling in den Garten und sagte Malva, sie solle auf das Kind acht geben, damit die Frau schlafen könne.

Als er weggegangen war, rief Reinhard:

»Komm her! Hier lege deine Hand zu der meinen auf das Haupt des Kindes und ich schwöre dir: So wahr dieses Kind rein und unschuldig, so wahr ist mein Gelöbnis, ich will dein sein von ganzer Seele und von ganzem Herzen und nichts soll uns je trennen. Und du sagst ja.«

»Ja,« sagte Malva und warf sich an seine Brust. Die beiden hielten sich umschlungen. Ein Flug junger Schwalben flog über die beiden dahin, zwitschernd und jauchzend in der ersten Fluglust. Und während Reinhard die Geliebte umschlungen hielt, durchschauerte es ihn, er hörte die Worte, er spürte den Atem, wie Lorle damals sagte: »Nicht sterben! Jetzt erst recht leben.« Ist das jetzt? Was ist Vergangenheit? . . .

Er ließ Malva los und sie sagte:

»Hat der Herr Reinhard auch die jungen Schwalben ausfliegen gesehen?«

»Gewiß,«entgegnete Reinhard sich gewaltsam fassend. »Es war, als wir uns in den Armen hielten. Sie können's durch alle Lüfte verkünden, was sie gesehen haben. Ja, Malva, wenn diese Wandervögel sich ihr erstes Nest auf der anderen Seite der Erdkugel bauen, dann zieht der alte Wandervogel da auch in sein Nest mit seiner jungen Frau.«

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