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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band - Kapitel 28
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Sechsundzwanzigstes Kapitel. Renaissance.

»Still verborgen muß alles bleiben, bis der Freund zur See ist; das bin ich ihm und mir schuldig,« sagte sich Reinhard, als er vom Bahnhof zurückkehrte und wieder einsam war. – Wie von selber fügte sich's, daß nunmehr der Sänger in den Vordergrund trat; er war vom Plane Reinhards unterrichtet und in dienstfertiger Weise berichtete er von da und dort vorhandenem altem Hausrat und war noch Bedeutenderem vom besten Kunststil auf der Spur. Reinhard legte dem Sänger ausführlich den Plan klar, wie er die schwindenden volkstümlichen Formen festhalten wolle; denn neben der Hauseinrichtung sollte die ehemalige große Wirtsstube mit der Holzsäule in der Mitte eine um den Tisch sitzende Hochzeitsgesellschaft aufweisen; Figuren in den alten Trachten mit Musikanten auf der Erhöhung und daneben möglichst vollständigen Hausrat.

Ulrich äußerte sich beglückt, hierbei mitwirken zu können und seine hochgewölbte Sängerbrust hob sich noch höher. Er trug eine sammetbesetzte Jägerjoppe, die er nach eigenem Geschmack verschönert hatte und das Ehrenzeichen aus dem Kriege war gut sichtbar. Er erzählte gern, wie er mehrmals bei einem sogenannten Sanitätszuge gewesen und Verwundete heimgebracht habe.

Auf Weg und Steg erfuhr Reinhard, wie jedes einzelne Menschenleben neuen Inhalt bekommen in der großen Zeit. Der Mann, der so zufrieden mit einigen Gemeinplätzen lebte, war doch eine tüchtige, in sich feste Natur.

Der Sänger und Reinhard wanderten miteinander bergaus und bergein, sie wanderten die Wege, die Reinhard damals mit dem Kollaborator gezogen; diesem war jegliches Begegnis wie ein Wunder voll Bedeutsamkeit erschienen und ließ ihn überall stillhalten, dem Sänger dagegen war alles selbstverständlich und erheischte keine besondere Betrachtung.

Vor allem gewannen sie aus einem alten Schlosse einen wohlerhaltenen Kaminmantel aus der besten Renaissancezeit und er paßte wie abgemessen in die große Wirtsstube, die Reinhard bereits scherzweise sein Museum nannte. Er gab dem Baumeister neue Zeichnungen und besonders kunstreich war die zum Geländer des Söllers, denn das alte war morsch. Es kam eine neue Belebung über Reinhard, die fast als Ersatz für künstlerisches Schaffen erschien, und der Sammeleifer konnte dem vorgeschrittenen Alter gemäß sein.

Während die Stücke des Kamins abgeladen wurden, sprach Reinhard schon jetzt im Sonnenscheine von der anheimelnden Kraft des offenen Feuers und wie er da sitzen und träumen und die Welt vergessen wolle. Noch war alles Gewonnene chaotisch, aber vor dem Auge des Künstlers ordnete es sich bereits zu einem in sich vollendeten Bilde, das eine abgeschlossene Kulturperiode darstellte. Leuchter, Trinkgefäße, alte Uhrgestelle, Schränke, Bettstätten und Tische, auch gute Stücke alter Trachten fanden sich zusammen und der Sänger war ein guter Geleitsmann. »Habt ihr nichts Zerbrochenes oder Verlegtes?« fragte er mit keckem Humor in die Häuser eindringend und die Bodenräume öffnend. Unerwartetes kam zu Tage, das der Sänger zu mäßigem Preise erwarb; denn Reinhard behandelte Geldangelegenheiten noch immer mit einer vornehmen Gleichgültigkeit.

Reinhard erfreute sich immer mehr an dem frischen und wohlgeordneten Wesen des Sängers, der sich allerdings ständig in Scene zu setzen wußte und etwas Gespreiztes, Theatralisches hatte, aber die einfache Grundnatur kam dabei doch auch zu Tage. Er sprach oft davon, wie glücklich er sei: seine Frau sei zwar weit gebildeter als er – er flocht ihre vornehme Herkunft gern ein – und daß die Recensenten ihm jetzt die bewegte dramatische Darstellung nachrühmen, das verdanke er ihren Aufschlüssen; es sei eben eine besondere Gunst, daß sie beide dem Künstlerberufe angehörten und daneben verständen sie gut bürgerlich für das Alter zu sparen.

Mit den Bauersleuten als ein Zugehöriger verkehrend, hatte er dabei doch etwas Beherrschendes, daß er die Menschen fast wie Requisiten behandelte. Er hatte eine eigene Sorte Cigarren, die er popularitatis nannte, sie war so kräftig als billig, und indem er sie verschenkte, wußte er die Männer, alt und jung, vertraut und redselig zu machen. Seine Hauptagenten waren seine »Herren Kollegen«, wie er die Nachtwächter in den Dörfern nannte; aber auch die Mitglieder der Gesangvereine hatte er im Aufgebot und diejenigen, die gleich ihm den Kriegsorden hatten, waren seine Kameraden. Daneben hatte er noch eine besondere Gabe, die ihn da und dort willkommen sein ließ. Vom Kriege her hatte er manche ärztliche Erfahrungen, die er ohne Entgelt anwendete, und als die beiden einmal auf der Straße dazu kamen, wie ein Mann, der Stammholz geführt hatte, ächzend am Wege lag, während die Umstehenden nur klagten und schrieen, wußte der Sänger schnell einen Notverband anzulegen, so daß man den Verletzten heimtragen konnte.

Da und dort beim Wandern, auf einer Anhöhe auf einem Felsvorsprunge, jodelte der Sänger hell und mächtig in die Landschaft hinein, so daß die Arbeitenden auf dem Felde aufschauten und manchmal ein junger Bursch oder auch ein Mädchen mit einem frischen Jodelruf entgegnete.

Reinhard sah in dem Sänger ein Stück seiner eigenen Vergangenheit; ähnlich war er selber einst gewesen, damals, als er um Lorle freite.

Und jetzt? Etwas wie ein Schreck überfiel ihn, wenn er an Malva dachte, dann aber sagte er sich wieder: du hast ein neues Glück gefunden, wie du es nie mehr erwarten durftest.

Das sagte er sich, aber Tage vergingen, ja eine ganze Woche, ehe er mit Malva selber ein Wort tauschte. Oft durchzuckte es ihn: was wird sie denken, daß du so von ihr fern bleibst? Sie ist stark und fest, antwortete er sich – ich bin zu Liebeständeleien zu alt und habe ein zu schweres Leben hinter mir.

Auch im Hause bei dem Sänger, der ihm Lieder vorsang, war er oft, und die Frau wußte es ihm behaglich zu machen. Sie hatte leise den Wunsch geäußert, daß Reinhard sie male; als er aber erklärte, daß er nicht mehr male, stand sie ohne Empfindlichkeit davon ab. Sie hatte in Erscheinung und Wesen etwas Hohes, was mit ihrem Rollenfache zusammenstimmte, und in ihrem Gespräche zeigte sich jene vielverbreitete täuschende Unterhaltungskunst, die es versteht, gebildete Fragen zu stellen, wodurch ein Redseliger gute Unterhaltung gefunden zu haben glaubt; nur hatte sie die Eigenheit, daß sie mit ihrem mächtigen wohltönenden Organ sich gerne hoher Worte bediente. »Solch ein Morgengang im tauduftenden Hochwald ist voll Daseinswonne,« erklärte sie mit Pathos und Ulrich sah dabei glückselig auf Reinhard, der gewiß diese Erhabenheit zu bewundern vermochte.

Sie war indes voll natürlicher Güte gegen die Angehörigen ihres Mannes und gab Reinhard zu verstehen, daß sie die ehrliche Grundnatur ihres Ulrich hochschätze.

Reinhard war fast überrascht, als er an die Familie Malvas erinnert wurde, denn der Ohm Bahnwärter kam zu ihm und lud ihn zum Taufschmaus auf den morgenden Sonntag ein; sein Jüngstgeborener werde morgen getauft und Ulrich und seine Frau stehen Gevatter. Er fügte hinzu:

»Die Malva hat mir gesagt, ich darf den Herrn Reinhard einladen. Sie ist schon die ganze Woche bei uns und pflegt meine Frau wie eine Schwester.«

Reinhard mußte zusagen und es war ihm lieb, zu hören, daß Malva in diesen Tagen nicht zu Hause war.

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