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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band - Kapitel 27
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Fünfundzwanzigstes Kapitel. Scheiden und Meiden.

Der Kollaborator war so harmlos und so redselig wie vor dreißig Jahren, ja das überwundene Zerwürfnis schien seine Mitteilsamkeit noch zu steigern. Er pries die Baumpflanzungen an den Bahnhöfen als Parkanlagen für jedes Dorf. Er freute sich, daß der Fink noch sang, der in den nächsten Tagen aufhören muß; er zeigte Reinhard, daß seit gestern die Wiesen von der aufgeblühten sogenannten Habermarke gelb geworden, er freute sich der Fortschritte im Ackerbau und »erinnerst du dich noch?« hieß es, »wie ich vor dreißig Jahren wegen der Armutei beim Pfarrer war? Seitdem hat unser Bauernstand am meisten gewonnen, Grund und Boden ist im Werte gestiegen, die Eisenbahn hat viel bar Geld aufs Land geworfen, die landwirtschaftlichen Produkte haben leichteren Absatz und höheren Preis, die Freizügigkeit hat die Arbeitskraft mobilisiert.«

»Für welche von deinen Wissenschaften gehst du mit auf die Forschungsreise?« schaltete Reinhard ein.

»Von meinen Wissenschaften? Ich habe kaum eine recht inne; indes bin ich ein leidlicher Mineralog.«

Die Freunde gingen ins Dorf, der Kollaborator wies auf die gutgebauten Häuser hin, gab dem Freunde aber sofort wieder recht, daß diese weißgetünchten Wände durchaus unmalerisch seien.

Bauern mit Cigarren im Munde begegneten ihnen und Reinhard lächelte still, als der Kollaborator darlegte, welch ein gemütliches Verhältnis zwischen Raucher und Tabakspfeife verschwunden sei.

»Horch!« unterbrach er sich, »die Klavierpest ist auch hierher gedrungen. Das ist schon das dritte Klavier, darauf ich hier klimpern höre. Ist aber auch wieder gut. Wenn die Mode ins Volk geht, stirbt sie oben ab. Ja, daß ich's nicht vergesse! Bei deiner Sammlung des Volkstümlichen kann dir der Flohberger – ich selber will nichts mit ihm zu thun haben – viel nützen. Dein Plan ist sehr schön.«

Um doch auch etwas beizusteuern, erzählte Reinhard, daß er den Menschenschlag hier zu Lande bei weitem nicht mehr so schön fände wie ehedem; er setzte indes hinzu, daß es wohl daher käme, weil er selber alt geworden sei.

Der Kollaborator hatte ein Wort der Erklärung auf der Zunge, aber er unterdrückte es, er fürchtete, daß es wieder zu einer Debatte und zu unliebsamen Verhandlungen führe. Reinhard sah ihm an den Lippen an, daß er ein Wort hinabschluckte.

»Ich kann nicht mehr zum Hohlmüller, es ist mir für den Vormittag zu weit,« sagte der Kollaborator, »grüße den Ehrenfesten von mir, aber die Malva möchte ich noch aufsuchen. Ich meine, ich war gestern barsch und ungerecht gegen das Kind, welchem Lorle soviel Liebe widmete. Komm, gehen wir zu ihr.«

»Wir treffen sie jetzt schwerlich zu Hause und wir wollten ja zur Kirche,« lenkte Reinhard ab, aber er erschrak, da eben Wendelin des Weges kam.

»Wendelin! Ist die Malva daheim?« fragte der Kollaborator.

»Nein, sie ist im Feld.«

»So saget ihr einen guten Gruß von mir und sie soll mir verzeihen, daß ich gestern so . . . so unfreundlich, so grob gewesen bin.«

»Will's ausrichten,« erwiderte Wendelin und ging durch die Gartenhecken.

»Willst du nicht wie sonst den Schullehrer besuchen?«

»Nein. Ich bin mir noch nicht klar, ob die Schullehrer besser geworden sind, seitdem sie besseres Gehalt haben. Der hiesige findet jedenfalls seinen Vorteil dabei, sich zu den Schwarzen zu halten. Und kennst du das Härteste, was uns die Pfaffen angethan haben?« setzte er hinzu.

»Was nennst du so?«

»Sie haben das Volk aufsässig und widerspenstig gemacht gegen die Bildung, sie haben die alte Zutraulichkeit zwischen uns aufgelöst. Das ist das Härteste und Bitterste.« Die beiden Freunde gingen nach der Kirche, und als sie das Heiligenbild sahen, erzählte der Kollaborator, daß ein vordem heidnisch gesinnter Künstler, der nicht durchdrang, sich in die Gunst des Bischofs gesetzt habe und nun ins ganze Land die Bilder von alltäglicher Mache bringe, die ihm ein schönes Stück Geld eintragen.

Auf dem Heimwege begegnete ihnen der Wallfahrer Kaspar, der Reinhard darum ansprach, er solle ihm ein Bild malen für die neue Kapelle, die er erbaue.

»Ich male nicht mehr,« entgegnete Reinhard.

»An diesem frommen Kaspar da,« sagte der Kollaborator im Weitergehen, »habe ich ein Meisterstück der Albernheit gemacht. Ich entdeckte an seiner Bergwiese ein mächtiges Lager von Schwerspat, ich zwinge den Mann fast, einen Schurfschein zu nehmen. Und was ist das Ergebnis? Der Flohberger hat glänzenden theatralischen Kies in seinen Gartenwegen, und der Kaspar hat Geld genug zu Wallfahrten, und aus dem Urgestein werden reichliche Peterspfennige. Der Kaspar hält sich nun für etwas Höheres, weil er die Wallfahrt nach Rom und Jerusalem gemacht.«

Man kam gegen das Haus zur alten Linde und der Kollaborator sagte schon von ferne, er wolle heute nicht hineingehen, er habe seit gestern zu viel Herzbewegungen gehabt.

Sie gingen vorüber. Der Kollaborator schaute nicht auf.

Es war Zeit, daß man nach dem Bahnhof ging. Reinhard legte seine Hand in den Arm des Freundes und dieser die Hand an sich drückend, sagte: »Fühle meinen Arm. Nicht wahr, ich bin stark geworden? Du glaubst auch, daß ich die Strapazen überdauern kann?«

»Ich zweifle nicht. Und nach deiner Rückkehr kommst du zu uns.« Zu uns? Was meinst du damit? wollte der Kollaborator fragen, aber er unterdrückte auch dies. Diese kurze Spanne Zeit soll durch nichts wieder gestört werden und Reinhard hat unzweifelhaft mit dem Uns das Dorf gemeint.

Man hörte den Bahnzug von ferne rollen und dem Kollaborator war's, als habe er seine ganze Pflicht noch nicht erfüllt; er sagte daher:

»Ich habe eine letzte Bitte. Erzeige mir eine letzte Liebe.«

»Und die wäre?«

»Laß mich nur noch einmal von meiner gestrigen Waldwut sprechen. Bei all meinen bitteren Worten bewegte mich doch nur der Schmerz, daß ich dich vereinsamt und in schwerer Gefahr zurücklasse.«

»Ich bin nicht in Gefahr.«

»Aber wenn du in Gefahr kommst, so denke, es gibt Gefahren, denen zu entfliehen nicht Feigheit ist, sondern höchster Mut, die Kraft, sich selbst zu besiegen. Man rettet einen Nachtfalter, der sich verbrennen will, am sicherten, wenn man das Licht löscht. Nicht wahr, das behältst du mir zulieb?«

Reinhard bejahte und der Kollaborator sagte erleichtert:

»Sieh, lieber Bruder, es war Fanatismus, aber nicht ein solcher der Rechthaberei, sondern der Freundschaft. Freilich war es auch von jener ein Stück. Aber nie wollte ich etwas für mich und sei es nur momentane Superiorität über dich, ein stolzes Gefühl des Sieges und des Wohlthuns. Es war meine tiefe Liebe zu dir, für deine hohe Natur, für deine Würdigkeit. Nicht wahr, das weißt du, und hast mich wieder ganz lieb ohne Schatten?«

Tiefbewegt erwiderte Reinhard:

»Jetzt, da wir uns vielleicht auf ewig trennen, darf ich dir alles sagen. Ich habe deine kindliche Seele nie verkannt. Man sagt im Sprichwort: er ist gut wie ein Kind – man könnte auch sagen, er ist bös wie ein Kind, wie ein bös, das heißt zornig gemachtes, das sich häßlich benimmt, weil sein Selbstwille durchkreuzt ist.«

Mit Thränen in den Augen betrachtete der Kollaborator den Freund und rief: »Jetzt noch möchte ich wiederholen: komm mit.«

»Und ich möchte wiederholen: bleib hier bei mir.«

Lachend mit Thränen in den Augen stieg der Kollaborator ein.

Reinhard stellte sich noch auf den Wagentritt und sagte:

»Ich bin der Zuversicht, du kommst wieder. Ich möchte mir deine Redeweise erlauben und dir sagen: Du hast eine goldene Seele im eisernen Körper.«

Der Zug brauste davon und auf dem Wege lächelte der Kollaborator vor sich hin. »Eine goldene Seele im eisernen Körper,« sprachen seine Lippen noch oft. Nur manchmal fuhr es ihm wie ein Schreck durch die Glieder: »Du kommst zu uns. Ist damit nicht Malva gemeint? Wie wird das enden?«

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