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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band - Kapitel 25
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Dreiundzwanzigstes Kapitel. Zerflossener Hagel.

Also neu beginnen! Wieder lieben! wieder leben! sagte sich Reinhard, als er am Morgen erwachte; der Tag begann kaum zu grauen, das ganze Thal lag in dichten Nebel gehüllt.

Er versuchte noch zu schlafen, es gelang ihm nicht.

»Hast du recht gethan? Hat der rasche Ansturm des Freundes dich nicht zu einer Uebereilung getrieben, und du Mensch, der du keine Illusion mehr zu haben glaubtest, bist wieder darin und ziehst ein anderes hinein?« wollte es in ihm fragen. »O nein,« antwortete es schnell – quoll das aus den von ihm so genannten zwei Strömungen seiner Seele? – »O nein,« antwortete es, »es hat sich nur eine vom ersten Tage an gesetzte Thatsache bestätigt und sie ist gut. Ich werde glücklich sein und auch Malva beglücken. Solang ich Künstler war und sein wollte, war ich dessen nicht fähig. was jetzt eben zum Feierabend vergönnt ist. Das macht keine Ansprüche, ist selber gesund und erhält gesund. Wie nur Malva erwacht sein mag?«

Er öffnete die Augen, das ganze Thal stand im goldenen Duft.

Der graue Nebel wird zum Feuerglanz – so beginnt dein zweites Leben.

Reinhard lag im Fenster und schaute hinaus in die Landschaft. Alles hatte sich im Gewitter aufgefrischt, die Lust war kühl und würzig, die Schwalben flogen hoch, an den Waldbergen hingen zerrissene Wolkenflocken, der Bach rauschte vom neuen Zustrome so laut, daß man ihn bis hier herauf hörte.

»Das war gestern ein schwüler Tag, der sich endlich im Hagelwetter befreite. Was warten auf den Tod! Jeden Tag fängt das Leben an!«

Reinhard war in frischer Spannkraft wie die Natur ringsum, da klopfte es, der Kollaborator trat bei ihm ein und rief:

»O Freund! Laß dich noch so nennen.«

Reinhard antwortete in heiterem Tone: »Vor allem bitte ich, nicht mehr in das Fortissimo zu verfallen. Die Bauersleute brauchen nicht zu hören, wie die vollendete Geistes- und Herzensbildung sich ausdrückt.«

Der Kollaborator zuckte in sich zusammen, dann begann er in gehaltenem Tone:

»O wie recht hast du! Die Unbildung hat immer einen verborgenen Haß auf die Bildung und freut sich, eine Ursache zur Geringschätzung zu finden.«

Reinhard sah den sofort ins Allgemeine überspringenden Freund verwundert an, und der Kollaborator nahm neu auf:

»Ich habe eine Sünde gegen dich auf dem Herzen.«

»Eine alte oder neue?« unterbrach Reinhard.

Der Kollaborator stutzte, dann fuhr er fort:

»Du warst für mich tot und solltest es auch für sie sein. Ich habe geglaubt, daß zwei Leben nicht einsam vergehen sollen. Ja, ich habe deine Frau bestimmen wollen, dich öffentlich für verschollen erklären zu lassen. Das bekenne ich und –«

»Ich weiß das.«

Der Kollaborator hielt den Kopf in beiden Händen und fuhr fort: »Ich war stolz auf meine Rechtschaffenheit, aber es soll niemand ganz aufrecht stehen, bis er in die Grube sinkt. Kannst du mir verzeihen? Ich bitte darum. Ich sehe meinen Fehl vollkommen. Du durftest nicht für sie tot sein und man durfte ihr nicht die Erinnerung an dich zerstören, und ich durfte nicht da ein Glück hoffen, wo dein Glück gescheitert war.«

Reinhard schwieg und der Kollaborator begann aufs neue: »Ich bitte dich, laß uns in Güte scheiden. Du hast es gesagt: nur wer reiner Seele, darf sich so großem Unternehmen anschließen. Laß mich reiner Seele, laß mich ohne bittern Gedanken sterben auf dem Meere, auf einer einsamen Insel oder im ewigen Eise. Es darf niemand auf der Welt sein, der ein Wehe von mir im Herzen trägt. Du vor allem nicht. Ich leide schwer. Du hast es so gut gemeint und ich kränkte dich so tief. Mitten in meiner Raserei spielte schon eine Nebenmelodie in meiner Seele, war etwas in mir selber, was ums Wort bat, aber ich ließ es nicht dreinreden, ich, der eine verweigerte dem anderen in mir das Wort! O! was ist der Mensch!«

»Ich weiß ihn auch nicht zu bezeichnen,« warf Reinhard leicht hin.

»Aber ich. Ich habe den schlimmsten Dämon der Menschenseele in mir selber kennen gelernt. Ich habe dir boshafte unverantwortliche Worte gesagt. Das ist der Dämon des Zorns, der, weil er den Gegner nicht überwunden sieht, ihn mit Giftworten verwundet. Der Zornesdämon schleudert Vorwürfe hin, von denen er weiß, daß sie nicht wahr sind; aber eben das reizt ihn, weil er auch weiß, daß solches trotzdem, oder weil es erlogen ist, den anderen reizt und verletzt. Die Theologen haben manchmal recht. Im leidenschaftlichen Menschen ist eine Besessenheit von Teufeln, die aus den Säuen in den Menschen gefahren sind.«

»Dürfte man das nicht seelische Trichinen nennen?«

»Ich danke dir,« entgegnete der Kollaborator, »daß du mich neckst. O! Ich sah dich in der Nacht immer vor mir stehen an dem Tannenbaum gleich einem Märtyrer, der die Geschosse auf sich abschnellen läßt, und meine Geschosse waren explodierende, völkerrechtswidrige. Laß mich reden. Ich bekenne meinen Fehl, ich bekenne meinen Fehl gern, ich habe schwer gesündigt an dir und an mir. Ich bitte, befreie mich. Es raubte mir den Schlaf, daß ich durch meine Heftigkeit und durch meine Abtrünnigkeit dich in neues Elend hineintreiben könnte. Was siehst du mich so starr an?«

»Dein Fehl war klein und verzeihlich. Ich hatte kein Recht mehr. Ich sollte und durfte für tot gelten. Der Kultus des Toten ist nutzlos, hast du gesagt. Das ist wahr. Hier meine Hand. Alles ist ausgelöscht.«

Der Kollaborator faßte warm die Hand des Freundes, der nun in hellem Tone fortfuhr:

»Dein Worthagel ist auch zu Wasser geworden und fließt den Bach hinab.«

Ein Lächeln zog über das Antlitz des Kollaborators, das nicht bloß dem Gedanken des Freundes galt, sondern auch der Art des Ausdrucks. Reinhard kannte die Bilderfreude des Freundes, und er setzte mit lustigem Tone hinzu: »Wir Künstler fassen die Welt der Erscheinung als Motive, ihr Gelehrten macht Gesetze daraus. Ließe sich nicht eine seelische Hagelbildung, eine Zorneskrystallisation feststellen?«

»Ich danke dir. Aber dein Scherz ist nicht bloße unfruchtbare Wortspielerei. Wir müssen es allerdings noch zu einer Physik der Affekte bringen. Die Psychophysik ist dem, was du meinst, auf der Spur. O wie schön ist's, so im Morgentau beim Heuduft neben dem Freunde zu sitzen!«

Reinhard machte den Freund glücklich, da er ihn fragte, ob die Wissenschaft Heuduft und Tau bereiten könne. Der Kollaborator erklärte des breiteren, daß die Chemie den Heugeruch als solchen nicht aufbauen könne, weil er ein Konzert von Gerüchen sei. Dann erklärte er, wie der Tau die Wissenschaft lang geneckt habe, bis man den einfachen Vorgang fand. Trotz dieser Ablenkung kam er wieder auf den gestrigen Zerfall zurück. Als er aber von Malva reden wollte, unterbrach ihn Reinhard:

»Nichts von gestern mehr, dabei bleibt's. Laß uns aber auch nicht deutschgrüblerisch von Zukunft reden. Wenn es Rosen sind, werden sie blühen, sagt ein italienisches Sprichwort. Ich heiße dich aufs neue willkommen. Du bleibst also heute noch bei mir?«

»Bis Mittag. Ich bin heute in jeder Beziehung unzufrieden mit mir. Ich muß stark sein, um die Mühen der Forschungsreise auf mich zu nehmen. Heute fühle ich mich so matt. Ich ertrage Seelenschmerzen schwer. Sonst härte ich mich ab, und ich hoffe, meine zähe Natur hält aus.«

»Du bist kräftiger als je,« betätigte Reinhard, und zum Beweise dafür machte der Kollaborator allerlei Turnübungen; er bedauerte, daß zu seiner Zeit die allgemeine Wehrpflicht noch nicht eingeführt war, er wäre durch einjährigen Dienst ein viel festerer Mann geworden. Reinhard mußte zählen, wie lang der Freund Luft einziehen und wieder ausatmen könne. Reinhard lachte nicht; er sagte vielmehr mit ernster Miene: »Schade, daß du dein Flötenspiel aufgegeben. Du wärst den Wilden als ein Wunder erschienen, wenn du auf einem Holze ihnen deine Lieblingsmelodien vorgeblasen hättest.«

»Du sagst das im Scherz, vielleicht im Spott. Aber ich sage dir: alle Religion –«

»Ich weiß, ich habe deinen Hauptspruch behalten: Nur was gesungen werden kann – ist wirklicher Inhalt der Religion.«

»Ich danke,« entgegnete der Kollaborator, er war teils geschmeichelt, teils verdrossen über das Citat des Freundes.

Die beiden Freunde standen miteinander am offenen Fenster und schauten hinaus ins Weite.

»O Freund!« rief der Kollaborator, »mir ist wie einem Genesenden. Da ist die Welt wieder! Sie ist mir tagtäglich ein Wunder. Wie wird mir erst sein, wenn ich als der erste Mensch ein unentdecktes Stück Erde sehe. Ach, verzeih, ich weiß, du sprichst nicht gern am Morgen und verzeih auch, ich bin jetzt so redselig.«

Reinhard entgegnete: »Ich habe sogar deine Redekunst bewundert. Du bist originell. Ich glaube nicht, daß Demosthenes oder Cicero solche Bilder gefunden hätten. Pfui und Wehe streiten sich um eine arme Seele. Es ließen sich Gestalten bilden, die Pfui und Wehe repräsentieren, aber die arme Seele, die wüßte ich nicht zu gestalten.«

»Ich danke dir. Sprich nur mehr, sprich viel, du hast deinen braven Baß noch, bei dem mir so warm und satt wird. Ich möchte dich immer sprechen hören, der Ton deiner Stimme thut mir so wohl.«

Reinhard empfand die Innigkeit des Freundes, die etwas Liebkosendes hatte, wie eine Mutter, die ihr langentbehrtes Kind hegt. Reinhard konnte den leise spöttischen Ton nicht festhalten. Die beiden Freunde waren lange still. Da begann der Kollaborator wieder:

»Sieh die Spinne in ihrem Gewebe hier vor dem Fenster und dort die Schwalbe, die im Zickzack fliegt. Wenn die Linien, die die Schwalbe zieht, zu Fäden würden, wäre das ein ähnliches Spinngewebe. Das eine findet im Fluge seine Nahrung, das andre in einem aus sich gesponnenen Netz.«

»Schön und sonderbar!« entgegnete Reinhard, »aber wie die Schwalben und Spinnen sich in ihrer Art nähren, so haben auch wir jetzt die naturrechtliche Pflicht, Kaffee zu trinken, den Frau Vroni in voller Rechtschaffenheit und ohne Cichorienfalschheit braut.«

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