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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band - Kapitel 24
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Zweiundzwanzigstes Kapitel. Eine Blume erblüht in der Gewitternacht.

Es war Nacht, als Reinhard heimwärts ging, er war nicht beim Hohlmüller gewesen, still und einsam hatte er die tiefe Bewegung niedergekämpft, aber er kam sich unsäglich einsam vor, nun auch vom Freunde verlassen. Eine tiefe Sehnsucht nach traulicher Hegung bemächtigte sich seiner, als er die Abendglocke läuten hörte.

Der Abend schien die Tageshitze nicht abzukühlen, vielmehr zu steigern, fern über den Bergen stieg eine dunkle Wolke auf.

Da kamen zwischen hoch aufgelagerten Stämmen zwei Frauen hervor. Beide grüßten.

»Ach, du bist's, Malva?«

»Ja. Das ist die Frau meines Ohms. Hedwig, warte jetzt dadrüben auf mich, ich hab' mit dem Herr Reinhard zu reden.«

Die Frau ging und Malva begann:

»Ja, ich hab' auf Euch gewartet. Ich hab' hinter mir drein den Herr Reihenmeyer arg schreien hören und dann ist er allein an mir vorbei kommen, er hat mit sich selber geredet, wie einer, der von Zank und Streit kommt; verzeih mir's Gott, wie ein Hund, der einem Fuhrwerk nachbellt und dann wieder heimbellt auf das Stroh in seiner Hütte.«

»Das ist nicht recht von dir, so zu sprechen. Er ist mein Freund.«

»Euer Freund? Der? Ich will Euch nur sagen, Ihr brauchet Euch von dem nichts gefallen zu lassen, von dem am wenigsten, er hat den Ungetreuen an Euch gespielt.«

»Er? Wie? So sprich doch deutlich. Sag mir alles offen.«

»Herr Reinhard,« fügte sie hinzu, »ich hin damals noch zu klein gewesen, ich hab' damals noch nicht recht verstanden, was vorgegangen ist; aber so viel mein' ich doch, er hat Eure Frau nicht ungern gehabt und hat gewollt, sie soll Euch in der Zeitung tot ansagen, und wie er das letzte Mal dagewesen und fort ist, hat die Frau gesagt: ›Den sehe ich nie mehr auf der Welt. Steckbrief, Verschollen,‹ hat sie dann oft vor sich gesagt. Fraget Euren Schwager, der weiß alles besser, er hat ihm auch den Marsch machen müssen.«

Reinhard schwieg, nach einer Weile begann er: »Malva, ich will dir was sagen. Ich hab' deinem Vater anbieten wollen, er soll mit euch Kindern zu mir ins Haus ziehen, ich will nicht so allein sein.«

»O das ist prächtig! O lieber Gott wie schön.«

»Malva, ich habe Gutes mit dir vorgehabt.«

»Das weiß ich.«

»Doch nicht alles. Malva, ich hab' noch warten wollen, dich brauch' ich nicht mehr prüfen, aber mich. Malva, ich habe Böses an Lorle gethan und du lauter Gutes. Ich will dir's vergelten.«

»O redet doch nicht so. Und warum weinet Ihr jetzt? Was ist denn?«

»Malva, bin ich schlecht?«

»Hat das der Brillengucker gesagt? O der!«

»Malva, wenn ich nochmals heirate . . .«

»Dann gehe ich als Magd zu Euch, wenn Ihr's wollet. Was Ihr thuet, das ist recht, und was Ihr saget, das thu' ich. Ich bin sonst nicht so. Aber Euch kann ich die Händ' unter die Füß' legen.«

»Nein, gib mir deine Hand, und sei du meine Frau.«

Er umhalste sie. Sie machte sich leise los und seine Hände fassend und küssend sagte sie: »Mir ist's, wie wenn die Selige mir eine Besorgung auftraget': ›Malva, geh, lauf, hurtig, tapfer, mach meinen Reinhard glücklich.‹«

»O Himmel!« rief Reinhard, und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und weinte.

Malva aber schaute zum Himmel auf und sprach wie betend: »Nicht wahr, du schaust jetzt vom Himmel auf uns herunter? Ja, ja, du gibst deinen Segen.«

Lange sprachen die beiden kein Wort, und auch in der weiten Natur ringsum war es wie banges Anhalten des Atems. Endlich sagte Reinhard:

»Hast du gewußt, daß es so kommen wird? Hast du nichts geahnt?«

»Ich weiß nicht, wie ich sagen soll. Wie ich die Treppe aufgescheuert habe und der Herr Reinhard so zu mir gesprochen hat, da sind meine Thränen auf die Treppe gefallen.«

»Du sollst in Freude die Treppe auf und ab gehen.«

»O lieber Herr Reinhard. Kann's denn sein?«

»Wenn wir allein sind, wie jetzt, nenne mich Woldemar und nenne mich du.«

»Das thu' ich nicht. Ich thue nichts im geheimen, was ich vor der Welt verleugnen muß.«

Reinhard stand einer festen, in sich fertigen Natur gegenüber, die bei aller Hingebung auch ihre Selbsthaltung bewahrte.

Der Himmel hatte sich verfinstert, ein Blitz zuckte durch die dunkle Wolkenwand, die ganze Landschaft stand in grellgelbem Licht, das rasch wieder in Nacht versank.

»Dort kommt ein arges Wetter herauf,« sagte Malva.

»Es ist noch weit. Bleib nur.«

Es blitzte und donnerte wiederum und die Waldbäume am Berge bogen sich im Sturmwind hin und her und rauschten gewaltig.

Ein Hund bellte und kam schnell zu den beiden.

»Das ist des Baumwirts Hund. Euer Schwager kommt,« sagte Malva und floh schnell nach dem Walde zu.

In der That kam jetzt der Schwager und Reinhard suchte sich zu fassen.

Stephan erzählte, daß der Kollaborator in großer Aufregung heimgekommen sei und nach dem Bahnhof geeilt, aber wieder zurückgekehrt sei; er wolle nun hier übernachten. Der Schwager bat nun, daß Reinhard sich von dem Ungetreuen nicht solle vom Dorf abspenstig machen lassen. »Der Herr Reihenmeyer darf dir keinen Vorwurf machen. Ich bin dein Schwager. Ich bin ihr Bruder, habe ich dir noch ein einziges ungerades Wort gesagt?«

Da Reinhard schwieg, fuhr der Schwager fort:

»Der Herr Reihenmeyer muß froh sein, wenn wir still sind,« und jetzt erzählte er ausführlich, daß der Kollaborator gekommen sei, um Reinhard gerichtlich verschollen erklären zu lassen, wobei er offen gestanden habe, daß er Lorle heiraten wolle.

Der Schwager war nicht wenig erstaunt, da Reinhard entgegnete:

»Ich nehme das dem Reihenmeyer gar nicht so übel; er hat sie noch glücklich machen wollen, er hat sie immer hochgehalten. Tot ist tot, und was leben muß, will vergnügt leben.«

»Komm schnell! Es bricht ein arges Gewitter los,« drängte der Schwager. »Schau, dort durch die Gärten rennt eine Frau! Wer das nur sein mag?«

Reinhard wußte es, aber er schwieg.

Ein mächtiger Wind hatte sich erhoben, die Waldbäume rauschten und brausten und von den Fruchtbäumen prasselte das Obst nieder.

Im scharfen Schritt sagte der Schwager nur noch: »Gott sei Lob und Dank, daß mein Korn geschnitten ist. Dem Hafer schadet's nichts.«

Donner und Blitz jagten einander und als die beiden Männer eben die Hausthüre erreichten, fiel ein schwerer Hagel nieder, von den festgerammten Tischen im Wirtsgarten prasselte und knatterte es wie rasches Rottenfeuer.

Der Kollaborator hatte sich zur Ruhe begeben, aber bald hörte man ihn in der oberen Stube hin und her wandern.

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